Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1915)
- Date
- 1915-12-17
- Page
- Seite 610 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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610 Eine ganz besondere Freude bereitete dem verdienstvollen Forscher die im Jahre 100« erfolgte Ernennung zum außerordentlichen Mitglied der Akademie des Bauwesens. Noch sieben Jahre war es ihm nach seinem Ausscheiden aus dem Lehrberufe vergönnt, bei voller geistiger Rüstigkeit im Ruhestände zu leben. Doch auch in dieser Zeit arbeitete Landsberg rastlos weiter lind war vielfältig schriftstellerisch tätig. In seiner wissenschaftlichen Forschertätigkeit fand er hohe Befriedigung. „Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren." Als er nach 28 jähriger Abwesenheit nach Berlin zurückkehrte, lebten die alten Jugendbeziehungen wieder auf. Julius Jacobh, unter dem der junge Regierungsbaumeister einst seine Tätigkeit für die jüdische Gemeinde Berlins begonnen hatte, war noch immer erster Vorsteher. Er zog den alten Bekannten wieder zur Arbeit heran; Landsberg wurde selbstvertretendes Mitglied des Gemeindevorstandes und Vorsitzender der Baukommission. Auf seine Anregung berief die jüdische Gemeinde einen Kunstrat von hervorragenden Architekten. In dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, dem Ausschuß des Verbands deutscher Juden, den Logen usw. war er tätig. Als seine Kraft erlahmte, war seine Lebensarbeit noch nicht erschöpft. Begonnene große wissenschaftliche und konstruktive Aufgaben mußte er schweren Herzens anderen zur Fertigstellung überweisen; Pläne und Entwürfe aufgeben. Es umr ihm nicht vergönnt, seine letzten Wünsche zu erfüllen, die Grabstätte seiner Eltern in der alten Heimatstadt noch einmal zu besuchen tmb den Frieden auf Erden zu erleben. Alle, die Landsberg als Menschen näher kennen lernten, schätzten in ihm den lauteren und zuverlässigen Charakter, die heitere und freundliche Sinnesart sowie sein stets hilfbereites Wesen. So trat seine Persönlichkeit jedem harmonisch abgestimmt gegenüber. Dazu kam seine natürliche Liebenswürdigkeit, sein Wohlwollen, seine stete Hilfsbereitschaft und seine Liebe zu den Menschen, zum Leben und seine Dankbarkeit, so daß er an seinem letzten Geburtstag freudig sagte: „Ich bin am Sonntag geboren, ich habe stets Glück gehabt, ich glaube, ich bin wirklich ein Sonntagskind." Der Lettler für einen anderen. Bon Peter Ujvüri. Einzig berechtigte llebersehung aus dein Magyarischen. Bon Tr. A d o l p h K o h u t. abbi Wolf saß neben seinem Buche, aber er las nicht darin. Hinter seiner breiten Stirn schwirrten die Gedanken. Die Resele Kalisch war in eine eigentümliche Krankheit verfallen, wie ihm die Mutter unter großem Wehklagen mitgeteilt hatte. Das geschah so, Rabbi, jammerte die alte Jentel, daß ein gewisser Niemand, der Jekel TrvPP, in Erfahrung gebracht, daß nteine Resele arm sei, und da hat er mir gesagt, daß er sie nicht haben wolle. Ich sagte ihm, du Niemand, hast du denn vorher nicht gewußt, daß sie arm ist? Darauf erwiderte er mir: „Vorher habe ich es nicht gewußt." Aber er lügt, denn er hat es gewußt. Woher sollte er es nicht gewußt haben, wo es jeder weiß, und dann ich habe ihm nichts Vorgelegen und der Schadchen hat ihm nie etwas vorgelogen. Wir haben ihiu ntir gesagt, daß die Resele blutarm sei und was ist das blutarm? Warum sollte sie nicht blutarm sein können? Das ist doch keine Schande. Und ein anständiges Judenmächen kann, glaube ich, blutarm sein. Aber dieser Räuber hat gesagt, daß er sie dann Nicht haben wolle, da das' Leben ohnehin schwer sei, und meine arme Resele ist seitdem bettlägerig. Ich habe den Doktor gerufen, und was meinen Sie, hat der gesagt und gemacht? Nichts hat er gemacht. Ich bat ihn: „Gnädiger Herr Doktor, ich sehe es Ihnen an, auch Ihnen tut mein Resele leid. Helfen Sie ihr, gnädiger Herr Doktor." Aber das ist ein großer Antisemit, und er hat nichts getan. Ich dachte, er würde eine Medizin verschreiben, erber nein, er hat ihr Luft verschrieben. Aber woher soll ich Luft nehmen? Rabbi Wolf zerbrach sich jetzt das Gehirn, woher er Luft nehmen solle. Wenn eine Braut Geld haben wollte, das konnte er verschaffen. Er ging zu den Leuten und sagte nur: „Hachnaszesz Kalle"'), und sie gaben. Jeder gab. Aber in seiner Praxis war kein Fall, daß eine Braut Luft und nicht Geld haben mußte. .Was soll er nur beginnen? Er saß und saß und grübelte nach, und seine Stirne furchte sich mehr und mehr. Die Frau des Rabbi drang geräuschlos ins Zimmer, ging an die Kommode heran und nahm daraus allerlei kleine Sächelchen. Nicht mehr ganze Kleidchen, Hemdchen und Schuhchen. Ab und zu seufzte sie und blickte auf ihren Mann. Sie dachte sich: Bei diesem Anblick wird er etwas empfinden. Dann kann ich mich mit ihiu weiter unterhalten. Sie wollte ihm sagen, daß er etwas unternehmen solle, denn das körchite so nicht weiter gehen. Wenn er für andere zu betteln verstehe, dann solle er auch etwas für sich tun. Bom guten Namen allein kann man nicht leben. Das SziPPek") sei so wenig, daß es nicht hin und her lange. Warum verlange er von der Gemeinde keine höhere Besoldung? Wiederholt hatte sie es ihrem Manne gesagt, der aber wollte nichts davon hören. Zettel, was füllt dir ein! fuhr er sie bei solchen Anlässen an. Ein Raw darf doch keine Gehaltserhöhung verlangen. Als man mich wählte, sagte man mir, daß das Betteln zum SziPPek gehöre. Ich kann so viel zusammenschnorren, als ich will. Aber du bettelst doch nicht für dich selbst! Natürlich nicht für mich. Für mich kann ich nicht einmal ein Darlehn verlangen. Gott behüte mich davor, daß ich für mich etlvas erbitte. Aber für Fremde, das ist etwas anderes. Das ist eine Mizwe. Ja die größte überhaupt. Daher flehe ich für die Armen und Unglücklichen, und ich bekomme genug für sie. Von diesem Gedankengang ging er nicht ab. Hauptsächlich blieb er bei seiner Ansicht, daß seine Gläubigen ihm genug spendeten, wenn er auch das Geld nicht für sich, sondern für seine Notleidenden zusammenscharre. Aber Abmachung bleibt Abmachung, und bei seiner Anstellung wurde festgesetzt, daß das Betteln zum SziPPek gehöre. Rabbi, sagte ihm damals der Gemeindevorsteher, wenn Sie uns nicht immer mit Betteleien quälen, dann wollen wir Ihr Gehalt verdoppeln. Doch wir wissen, daß Sie immer für die Armen sammeln. Daher betteln Sie getrost weiter, doll wird dann Ihr Honorar nur die Hälfte betragen. Denn wir sind arme Leute, und wir haben an einer Last genug. Das lvar deutlich gesprochen, und Rabbi Wolf wählte di kleinere Besoldung, denn was solle er mit einer größeren an fangen? Davon konnten weder er noch die zahlreichen armer Teufel leben. All dies ging Frau Jettel im Kopfe herum und sie seufzt: *) Zur Brautausstattung. 2) Rabbi natsgehalt.