Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1915)
- Date
- 1915-12-17
- Page
- Seite 609 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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m seiner hervorragenden Befähigung zum Lehrberuf für besonders' geeignet hielt. Landsberg nahm den Ruf nach Darmstadt, der ihm die Erfüllung seiner innersten Wünsche brachte, im Alter von erst 33 Jahren mit Freuden an und wirkte hier in austerordentlich fruchtbarer und segensreicher Weise als Forscher und Lehrer bis zum Ausscheiden aus seinem Amte im Jahre 1908. Seine Schüler schätzten an ihm den klaren, verständlichen Vortrag und seine Fähigkeit, auch den spröden Stoff der Statik anschaulich und leicht faßbar vorzutragen. Ebenso war sein Vortrag über Brückenbau klar und überzeugend. Diese Gabe Landsbergs war für seine Schüler besonders bei einem Gebiete der technischen Wissenschaften wertvoll, auf das der Ausspruch Goethes anwendbar ist: „Ebenso ist es mit dem Berechnen. Es ist viel Wahres, was sich nicht berechnen läßt, sowie sehr vieles, was sich nicht bis zum entschiedenen Experiment bringen läßt." Außer den erwähnten Vorlesungen las Landsberg noch über Eisenkonstruktionen des Hochbaues, ein Gebiet, das schon frühzeitig sein besonderes Interesse geweckt hatte und das im Laufe der Jahre durch ihn sowohl wissenschaftlich wie Praktisch besonders gefördert wurde. Während seiner 28jährigen Lehrtätigkeit an der Technischen Hochschule in Darmstadt hat Landsberg sich in weitgehendem Maße auch wissenschaftlich betätigt. Von grundlegenden Werken seien erwähnt: „Die Glas- und Wellblechdeckung eiserner Dächer" (1887); „Die eisernen Stemmtore der Schiffschleusen" (1894); „Das Vecsahrcu der Einflußlinien" (als Handschrift gedruckt 1901, in Buchform 1912). Sehr fruchtbar war Landsbergs Mitarbeit an dem „Handbuch der Jngenieurwifsenschaften". Nach dem Ausscheiden von Th. Schäffer und Ed. Sonne wirkte er als Herausgeber des zweiten Teils „Der Brückenbau". Seiner Feder entstammen mehrere der besten Abschnitte dieses Teiles. Auch beim „Handbuch der Architektur" war Landsberg ein geschätzter Mitarbeiter. Der Band „Die Statik der Hochbankonstruktionen" und ebenso ein wichtiger Teil des zweiten Bandes „Dachkonstruktionen" wurde von ihm in mustergültiger Weise verfaßt. Aus seiner Feder stammt ferner eine große Anzahl zum Teil grundlegender Einzelarbeiten, die in verschiedenen Fachblättern zur Veröffentlichung gelangten. Besonders zahlreich finden sich diese Arbeiten im „Zentralblatt der Bauverwaltung", dessen treuer Mitarbeiter Landsberg viele Jahre lang bis zu seinem Tode war. Das hohe Ansehen, welches Landsberg in weiten Kreisen genoß, kam wiederholt dadurch zum Ausdruck, daß er bei wichtigen Brückenwettbewerben das Amt eines Preisrichters ausübte. Hierbei wurden bei ihm besonders sein klares Urteil und seine Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit bei der Prüfung der Entwürfe hoch geschätzt. Seine Veröffentlichungen über eine größere Anzahl hervorragender Wettbewerbe im „Zentralblatt der Bauverwaltung" zeigen, daß Landsberg trotz seiner vielseitigen wissenschaftlichen Tätigkeit stets die Fühlung mit der Praxis und ihren Anforderungen aufrecht erhielt und dadurch seine Lehrtätigkeit besonders fruchtbringend und anregend gestalten konnte. Auch an der Entwicklung seines Faches in fremden Ländern nahm er lebhaft Anteil und führte daher im Jahre 1893 zur Zeit der Weltausstellung in Chicago bei einer sich bietenden Gelegenheit eine größere Studienreise im Aufträge der Geheimer Äaurat Prof. Dr.-Jng. Theodor Landsberg. Regierung nach Amerika aus. Dieser Reise verdankte er manche Anregung, die er in seinen Vorlesungen und bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten verwertete. Landsberg hat jederzeit auch in regster Weise an der Entwicklung und Verwaltung der Darmstädter Technischen Hochschule teilgenommen, mit der er aufs innigste verwachsen war. Viele Jahre genoß er als Abteilungsvorstand der Jngenieurabteilung das besondere Vertrauen seiner engeren Fachgenossen. Im Jahre 1899 bis 1901 war er Rektor der Hochschule und zum großen Teil ist es in dieser Zeit durch seinen Einfluß erreicht worden, daß den wachsenden Anforderungen des Unterrichtsbetriebes und der Besucherzahl entsprechend Neubauten mit ausgedehnten Laboratorien errichtet wurden. Die segensreiche Einrichtung der studentischen Krankenkasse ist durch ihn ins Leben gerufen worden. Vielfach wurde Landsberg von nasführenden Architekten und Ingenieuren als Berater herangezogen. Dadurch erhielt er und gab er selbst fruchtbare Anregungen in konstruktiver und baulicher Hinsicht. Besonders erwähnenswert ist seine Mitarbeit bei den schwierigen Ausführungen zur Erhaltung der deutschen Dome in Worms und Straßburg und bei der konstruktiven Durchbildung neuerer Kirchenbauten, zum Beispiel der Matthäuskirche in Frankfurt a. M. und der Pariluskirche in Darmstadt. Bei allen diesen Arbeiten wurden Landsbergs Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit und seine Fähigkeit, durch neue Gedanken Fortschritte zu erzielen, besonders hochgeschätzt. Auch durch die Gerichte rind drirch Private wurde er vielfach zur Erstattung von Gutachten herangezogen. Im Jahre 1900 beabsichtigte die Technische Hochschule in Berlin, ihn als Professor dorthin zu ziehen. Er lehnte jedoch einen Ruf mit Rücksicht auf seine engen Beziehungen zu der ihm lieb gewordenen Hochschule in Darmstadt ab. Seine Lehrtätigkeit wurde seitens der Großherzoglich Hessischen Regierung durch eine Reihe von Ordensauszeichuungen anerkannt. Ein schweres inneres Leiden, das ihm eine anstrengende Tätigkeit verbot, veranlaßte den gewissenhaften Lehrer und Beamten, da er nicht glaubte, seinen Beruf in vollem Maße erfüllen zu können, seine Versetzung in den Ruhestand zu beantragen. Diese wurde ihm unter hoher Anerkennung seiner Verdienste zum 1. April 1908 gewährt. Die Technische Hochschule verlieh ihm bei dieser Gelegenheit die höchste Ehrung, welche sie zu vergeben hat, und erteilte ihm aus einstimmigen Antrag der Jngenieurabteilung „in Anerkennung seiner hervorragenden wissenschaftlichen und schriftstellerischen Leistungen auf dem Gebiete der Statik und des Eisenbaues sowie in besonderer Wertschätzung seiner langjährigen, erfolgreichen Lehrtätigkeit" die Würde eines „Doktor-Ingenieurs ehrenhalber". In Darmstadt war Landsberg auch einige Jahre im Vorstand der jüdischen Gemeinde tätig. Schon damals hatte er das heute allgemein verbreitete Bedürfnis vorzusühren, was die moderne Technik unserer Zeit bedeutet und was die technischen Hochschulen lehren. Zu dem Zweck richtete er in Darmstadt populär-wissenschaftliche Vortragszyklen ein, die sich Jahre hindurch eines regen Zuspruchs von seiten des Hofes und der Bevölkerung der hessischen Hauptstadt erfreuten. In lebhaftem schriftlichen und mündlichen Ideenaustausch mit den maßgebenden Männern zeigte sich sein reges Interesse für Politik und Kunst der Zeit.