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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-12-17 · Heft 51 (17.12.1915) · p. Seite 605

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 51 (17.12.1915)
Date
1915-12-17
Page
Seite 605 (sequence 5)
Language
German
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605 Folgende sehr bemerkenswerte.Auslassung finden wir in der „Kölnischen Zeitung": Die Behandlung!) c r Iud e 11 i n 3 r a n f r c i d>. Frankreich führt, wie seine Blätter jeden Tag großsprecherisch oerkünden, den Krieg „für das Recht, die Zivilisation und die Menschheit". Es müßte also vor allem im eigenen Lande sich der Unterdrückten annehmen. Das gerade Gegenteil aber ist der Fall. Die afrikanischen Tirailleure lausen Heuer wie im vorigen Winter noch in ihren Leinenhosen herum. Ob sie erfrieren, ist gleichgültig. Es ist ja doch nur Kanonenfutter. Die Juden werden ganz besonders schlecht behandelt. Gustave Hervö, der allein das Recht zu haben scheint, die Mßstände im französischen Heerwesen in seiner „Guerre Sociale" 3x1 rügen — er brachte jüngst auch die Geschichte von den Leinenhosen der Afrikaner — nimmt sich in der letzten Zeit auch der Juden im französischen Heere und in Frankreich überhaupt an. Unlängst forderte er den Präfekten von Oran in Algerien aus, doch der Familie eines mit Namen genannten französischen Bürgers israelitischen Bekenntnisses die ihr seit fünfzehn Monaten zustehende Kriegsunterstützung endlich zukommen zu lassen. Weiter erwähnte er einen Fall von drei gleichfalls mit Namen ausgeführten polnischen Juden, die als Freiwillige ins französische Heer eingetreten seien, aber jetzt als Spione im bürgerlichen Gefängnis säßen, weit sie, wie sie von Hause aus gewöhnt wären, unter sich deutsch sprächen. Herve hat auch ben ersten Ansturm auf die in Frankreich Schutz vor den russischen Pogromen suchenden russischen' Juden mit abschlagen Helsen. Die französische Negierung wollte sie ihren russischen Schergen ausliesern und, als das an dem Widerspruch der öffentlichen Meinung scheiterte, sie wenigstens ins französische Heer eiureihen. Vor Monaten ist der Versuch vereitelt worden. Jetzt haben tut Pariser Gemeinderat die Gemeinderäte Poirier de Nar§ah, Galli und Dausset den Antrag eingobracht, die Staatsangehörigen aus den verbündeten Staaten, die im militärpflichtigen Alter ständen, zum freiwilligen Diensteintritt aufzufordern. Weigerten sie sich dessen, so solle man sie ausweisen. Herve sagt darüber in der „Guerre Sociale" vorn 26. November: „Sofort begann, wie vor einigen Monaten, als eine ähnliche Maßregel wie ein Damoklesschwert über ihren Häuptern hing, ein allgemeiner Auszug der Kinder Israels zu der hohen Pforte der Präfektur, Wo arme, aus dem Häuschen gebrachte Juden jedes Alters und jedes Geschlechts eine lange Reihe bildeten, um die Auswanderungserlaubnis nach dem gastlichen Amerika zu erlangen." Hervö nimmt sich wie immer der armen Inden an und fragt die Alltragsteller im Pariser Stadthause, wofür sich denn die Inden schlagen sollten. Er sagt darüber: „Für Rußland wollen die Juden sich nicht schlagen, weil Rußland bis jetzt wenigstens das gelobte Land des Antisemitismus ist, das Land, wo die Juden auch kein einziges staatsbürgerliches Recht besitzen, das Land, wo sie noch nach mittelalterlicher Sitte ans bestimmte Landstriche wie aus ein gewaltiges Ghetto beschränkt sind, das Land der Pogrome, wo seit einem Vierteljahrhundert die Volkswirt, anfgestachelt durch eine verrottete Bureaukratie, zu Massenabschlachtnngen übergeht, deren traurige Ueberbleibsel viele der Pariser Juden bilden. Wenn Sie, Herr Galli (das ist der nationalistische Schreier und Pariser Abgeordnete) die Ihrigen hätten hinschlachten sehen in Kischinew, wenn Sie wüßten, daß Ihre Religionsverwandten (Galli ist selber jüdischen Geblüts) in Rußland keinerlei staatsbürgerliche Rechte haben, wenn Sie selbst vor Verfolgung und Pogrom hätten fliehen müssen, würden Sie dann als Freiwilliger für Rußland ins Feld ziehen und auch noch ihre Haut für Ihre Peiniger zu Markte tragen?" Aber für Frankreich,, für das „Frankreich der Menschenrechte"? Hören wir Hervs weiter: „Zehntausend russische Juden sind in den: Augenblick, wo die deutschen Heere auf Paris marschierten, im August 1914, zehntausend russische Juden sind damals als Freiwillige bei uns eingetreten, aus bloßer Liebe zu dem Frankreich der Revolution und aus Anhänglichkeit' für das republikanische Frankreich. Aber wie hat man diese zehntausend Freiwillige, von denen mehrere Tausende ixn Artois und in der Champagne ruhmreich gefallen sind, wie haben wir sie behandelt? Haben wir nicht die Eselei begangen, die russischen Juden als Ausländer samt und sonders in eine neue Fremdenlegion zu stecken, der wir als Ausbildungspersonal Gefreite und Unteroffiziere unserer alten Fremdenlegion gegeben haben, was bedeutet: tapfere Kerle, die zwar ein bißchen ungehobelt, dafür aber um so abgefeimter, und die dazu noch oft wütende Antisemiten waren, gewöhnt, den Dickschädeln der Legion im Frieden mit einer Disziplin zu begegnen, wie sie bei den afrikanischen Strasbataillonen üblich ist. Haben Sie, Herr Galli, denn keine Ahnung davon, mit welchen Qualen die unseligen jüdischen Freiwilligen ihre Selbstverleugnung bezahlt haben? Und trotzdem wundern Sie sich, daß die frisch aus Rußland hierhin geflüchteten Juden den Eintritt auch ins französische Heer ablehnend" * Um mit einem friedlichen Berichte zu schließen, sei folgende Schilderung wiedergegeben, die aus den „Jüdischen Nachrichten" in so manche deutsche Zeitung übergegangen ist. Sie handelt von dem „Jiddischen Theater im Gefangenenlager" und lautet folgendermaßen: Immer wieder erleben wir es: nichts ist so wunderbar, daß es in der wunderbaren Geschichte des jüdischen Volkes nicht vorkäme. Während auf der blutigen Bühne des Welttheaters die Tragödie der polnischen und russischen Juden von Akt zu Akt fortschreitet, spielen ans einer kleinen, ans rvheux Holz gezimmerten Bühne innerhalb der Trahtzäune eines deutschen Gefangenenlagers jüdische Schauspieler und Dilettanten ihren gefangenen Brüdern Theater vor, singen ihnen von alten jüdischen Helden und neuen Duldern und erheitern mit Scherz und Spott über das jüdische Leben ihre Herzen. Das Theater wurde aus einer früher als Notlazarett verwendeten Baracke hergestellt. Einige französische Gefangene, Artisten und Musiker, taten sich zusammen, beschafften Instrumente und bildeten ein Orchester. Aus dem Ertrag der ersten Konzerte kamen die Mittel, die Bühne technisch zu vervollkommnen; ein versenktes Orchester, Kulissen, Hintergründe wurden hergestellt, und bald fand die erste französische Theateraufsührung statt. Der volle Erfolg dieses Theaters ließ einen jüdischen Schauspieler, der seit Neonaten als gefangener russischer Soldat im Lager ist, nicht schlafen. Sein Name ist Faibischeff, er hat schon in vielen Städten gespielt und stand seit zwölf Jahren im Beruf. Bon einer deutschen Kugel am Leib verwundet, lag er über drei Monate in einem deutschen Lazarett und kam dann als Gefangener in das Lager. Dieser Mann also wollte durchaus ein jiddisches Theater im Lager schaffen. Man muß die Verhältnisse in einem Gefangenenlager kennen, um zu ermessen, was das heißt. Er hatte nichts als seine zehn leeren Finger. Außer einem Flötenspieler, den man allenfalls noch zum Fach zählen könnte, war unter den jüdischen Gefangenen sonst keiner, der je etwas von Theaterspielen verstanden hätte. Jedoch, nachdeni die Erlaubnis der Kommandantur erteilt und ein Vertrag mit dem französischen Theater abgeschlossen war, auf Grund dessen das Theater jeden Sonnabend abend gegen eine bestimmte Entschädigung den Inden zur Verfügung steht und das französische Orchester die musikalische Ausführung übernimmt, gingen alle Vorbereitungen in kurzer Zeit vonstatten. Bald fanden sich genügende Solisten, selbst für Damenrollen, und ein ans zehn Mitgliedern bestehender Chor zusammen. Faibischeff schrieb für sie alle aus dem Kopfe die Rollen und die Partituren ans, leitete täglich die Proben und instruierte auch das Orchester. Er zimmert aber auch den „Thron" für den Kaiser Chiskiah, benagelt ihn mit Stoff und bemalt ihn mit dein Mogen- Dowid, malt Hintergründe und Kulissen, besorgt in einem Kostümverleihgeschäft der Stadt die erforderlichen Kostüme für alle Solisten und Statisten, schreibt an einer als Nachttisch hergerichteten Kiste mit kalligraphischer Schrift die Theaterzettel nebst Erläuterungen in jiddischer, hebräischer, deutscher und russischer Sprache und bringt nach kaum sechs Wochen die erste Vorstellung zustande. Goldfadens historisches Drama „Bar Kochba" wurde gespielt, und es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß es ungeheuren Erfolg hatte. Das Theater faßt etwa 600 Personen, wovon freilich über 100 Plätze als Freiplätze für die deutschen Unteroffiziere des Lagers, die Aerzte und einige Offiziere reserviert waren. Immerhin brachten die verkauften Billette (die Preise waren von 80 Pfennig abwärts bis 10 Pfennig festgesetzt) einen erheblichen Ueberschnß, so daß außer den notwendigen Abschreibungen für die Kosten der späteren Aufführungen noch 60 Mart dem Uuterstützungsfonds für unbemittelte jüdische Gefangene überwiesen werden konnten. Außer dem Bar Kochba und dem auf denselben altjüdischen Ton gestimmten „Churban Jeruschalajim" („Zerstörung Jerusalems") wurden noch leichte „Komödien" gespielt, in denen Szenen aus dem kleinbürgerlichen jüdischen Leben mit charakteristischer Darstellung der

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