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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-12-10 · Heft 50 (10.12.1915) · p. Seite 595

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 50 (10.12.1915)
Date
1915-12-10
Page
Seite 595 (sequence 7)
Language
German
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595 berühren, als die polnische Sprache als Landessprache allen Einwohnern unseres Landes eigen sein sollte und durch ihre Unkenntnis vornehmlich alle diejenigen geschädigt wären, die sie nicht beherrschten. Der Krebsschaden der russischen Volksschule in Polen war der zwangsweise Unterricht der russischen Sprache. Das war eines der Hauptmittel der Russifizierung; — die Beibehaltung der obenerwähnten Bestimmung der Schulverordnung und des § 14 schiene die Annahme zu begründen, daß statt der Russifizierung die Germanisierung an ihre Stelle träte, wodurch Bedingungen geschaffen wären, die das Bestreben der kaiserlich deutschen Regierung, „die alten Gegensätze zwischen Deutschen und Polen aus der Welt zu schaffen" sehr erschweren würden. Obiges zusammenfüssend, bitten wir Euere Exzellenz, im Sinne der angeführten Beweggründe" 1. eine oberste Unterrichtsbehörde unter Teilnahme der Polen in Warschau einzurichten, welche die Sorge über das ganze Schulwesen des Landes übernehmen würde, und Polen als Schulräte einzusetzen, die neben den kaiserlich deutschen Schulräten im Aufträge der obersten Unterrichtsbehörde die Aussicht über die Schulen zu führen Hütten, 2. den Grundsatz, daß die Volksschulen allen Einwohnern des Landes ohne Einschränkung und ohne Unterschied des Glaubens zugänglich seien, in seinem ganzen Umfange beizubehalten, 3. zwei Arten von Schulen einzurichten, die einen mit polnischer, die anderen mit deutscher Unterrichtssprache, um aus diese Weise den jüdischen Eltern die Wahl zu überlassen, ihre Kinder in die eine oder die andere Schule zu schicken, 4. zu erwägen, ob die Einführung der deutschen Sprache als Unterrichtsgegenstand in die polnischen Volksschulen nicht zu unterlassen wäre. Drutlchtum und Judentums Von Dr. med. David Rothschild, ährend unsere Brüder in Ost und West und weit hinten in der Türkei tagtäglich immer neue, immer gewaltigere Blutopser bringen, um, vereint mit allen anderen Söhnen Deutschlands, Oesterreich-Ungarns und des Osmanenreiches, Recht und Wahrheit über Vergewaltigung, Gewinnsucht und Ehrabschneidung triumphieren zu lassen, müssen wir Kämpfer hinter der Front es unsagbar bitter empfinden, wenn wir sehen, wie unsere inneren Feinde am Werke sind, um uns die Genugtuung unserer selbstlosen Hingabe an die Sache Deutschlands zu verkümmern. Bei aller Trauer um den Verlust so vieler treuer Bundesbrüder, die, von echter Begeisterung hingerissen, leuchtenden Auges den Tod für Deutschlands Ehre und Größe gefunden haben, erfaßt mich ein Gefühl wahren Stolzes bei dem Gedanken: „Ihr lieben Helden des „K. C.", ich habe mich nicht in euch geirrt!" Ich denke zurück an die schwere Judennot in Deutschland, aus der der „K. C." mit logischer Notwendigkeit, kraft der Einsicht willensstarker, ehrbegeisterter und kampfesmutiger Männer geboren werden mutzte. Wenn ich mir die Hoffnungen vergegenwärtige, die mich selbst zu einem überzeugten und zu jedem Opfer bereiten Mitgliede unseres Bundes haben werden lassen, so nröchte ich mich fast freuen, daß ich den Tag erleben durste, an dem wir durch die Tat zeigen konnten, daß es uns heiliger Ernst ist mit unserem Änspruch auf Gleichberechtigung als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens und daß wir bereit sind, die aus den Rechten folgenden Pflichten mit unserem Herzblut zu besiegeln. Darum Dank und Ehre euch teuren Bundesbrüdern, die ihr in kühler Erde schlummert! Wir kennen die Gesinnung, die euch den Mut gestählt und die Kraft erhöht, wir fühlen die einigende Macht, die euch mit bedenkenloser Selbstverständlichkeit zu Hunderten freiwillig in die ersten Reihen deutscher Kämpfer getrieben hat, um, dem Zwange unserer treudeutschen Gesinnung folgend, als deutsche Juden für Deutschlands Ehre und Größe zu siegen! Ja, ohne Ueberheblichkeit dürfen wir es heute bekennen, daß der „K.-C."-Gedanke mächtige Wurzeln geschlagen hat — allen Zweiflern und Nörglern zum Trotz seine Lebensfähigkeit hart auf die Probe gestellt in langen schweren Jahren gegen Feinde außerhalb und innerhalb des deutschen Judentums, in herrlichster Form bewiesen hat. Verführt durch die Irrlehren Stöckers und Treitschkes, hatte die deutsche akademische Jugend den jüdischen Studenten aus ihrer Gemein- *) Ans den K.-C.-Blättern September/Oktober 1915 abgedruckt. schast ausgeschlossen. Nicht der Mensch, nicht die Persönlichkeit, nicht der Charakter, nicht der Wille, nicht die Kraft, nicht die Fähigkeit sollten fürder entscheiden über die Zugehörigkeit zum Freundschaftsbunde deutscher Studenten, sondern Vorurteil, Haß, Verkleinerungssucht, Neid, Mißgunst, kecke Herausforderung, überheblicher Dünkel schufen eine Mauer zwischen Jud und Christ. Vergessen wir die Stunden trauten Sichkennenlernens, in denen die akademische Jugend 40 Jahre lang in dem ihr eigenen Idealismus jeden charaktervollen Mann, ohne die Frage nach der Religion, zu sich eingeladen hatte. Von den Pflegestätten deutscher Tugenden des Akutes, der Treue und der Anhänglichkeit an Kaiser und Reich, die die akademischen Verbindungen bildeten, wurden die deutschen Akademiker jüdischen Glaubens rücksichtslos, beleidigend und ohne Unterschied um ihrer Treue willen gegenüber Eltern und Voreltern ausgeschlossen. Zunächst schämten sich noch einzelne Verbünde offen, das Endziel der Aechtung aller deutschen Akademiker jüdischen Glaubens auszusprechen. Man nahur noch hie und da einen Renommierjnden auf, bald konnte auch dieser nur unter der Bedingung Zutritt erhalten, daß er die Taufe nahm. Und wie wir im bürgerlichen Leben auch sonst die bedrückende Beobachtung machen müssen, daß haltlose Menschen, deren Charakter nicht fester ist als ihr Glaube, unbedenklich und ohne Hemmung Eltern und Voreltern verleugnen, um sich Vorteile zu erschleichen, an deren Erringung das Sichbekennen zum Judentum hinderlich ist, so fehlte es auch in der jüdischen akademischen Jugend nicht an ehrlosen Schwächlingen, die durch ihr Konvertitentum die jüdische Gemeinschaft zu entehren und damit unseren Feinden neue Waffen in die Haud zu drücken versuchten. Ich will nicht die Geschichte des „K. C." vortragen, um zu zeigen, wie tapser und wie erfolgreich die Gründer unseres Bundes zuerst den Kleinmut innerhalb der deutsch-jüdischen akademischen Jugend vernichteten, wie sie die Verzagenden ausrichteten, lvie sie in harter, zäher Selbsterziehung die Schwankenden festmachteu und die Unwissenden aufklärten, um ihnen den Weg zu zeigen, den einzigen, zulässigen Weg: Festhalten am Ueberkommenen, Aneinanderschließeu der Ueberzeugten Und durch-Tun und Lassen beweisen, daß keine Tugend, weder Vaterlandsliebe noch Kaisertreue, weder Mut noch Kraft, noch Sittlichkeit, noch Aufopferungsfähigkeit im deutschen Studententum christlichen Glaubens wohnt, die nicht zu gleicher Zeit im deutschen Juden festwurzelt und zu höchster Vollendung gebracht werden kann. In gewissem Sinne haben wir deshalb auch allen Grund, unseren antisemitischen Gegnern dankbar zu sein, daß sie uns zur Selbstbesinnung ge-' nötigt haben. Nur so konnten wir allem würdelosen Strebertum in unseren Reihen mit Erfolg entgegentreten. Allzu verführerisch war es allezeit für wirtschaftlich und geistig hochgekommene Juden, die letzten Henunungen, die sie bei der Erlangung des staatsrechtlichen Vollbürgertums und der gesellschaftlichen Höherschraubung störten, durch die Taufe zu umgehen. Gewiß können wir uns darüber beklagen, daß im allgemeinen die Zwecktaufe noch nicht als das geächtet und gewertet wird, was sie ist — ein nackter Betrug! — Wohl mehren sich die Stimmen im feindlichen Lager, die mit uns den überzeugungstreuen Juden über den überzeugungslosen Täufling stellen. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß eine breite Schicht in dieser Frage anders denkt und geneigt ist, über das gesellschaftliche oder wirtschaftliche Ziel, das sich der Taufjude steckt, den Schleichweg zu vergessen, auf dein er es erreicht. Auch ist zu bedenken, daß die sogenannte mildere Form dieses Selbstbetruges, das Taufen der Kinder, nicht weniger makelsrei erscheint, wenn, lvie es ganz gewöhnlich der Fall ist, die Eltern weit entfernt sind, in diesem Schritt, den christlichen Glauben über die jüdischmesstanische Idee stellen zu wollen. Meist wissen ja die Ueberlüufer recht wenig vom Judentum. Das wird zu Unrecht von einigen Seiten zur Entschuldigung angeführt. Bestände die Taufe nur in dem Religionswechsel, so hieße es, eine Unbekannte durch eine andere Unbekannte ersetzen. Die treibende Kraft ist jedoch in 99 von 100 Fällen nicht religiöser, sondern gesellschaftlicher Natur. Ohne das Bestehen des Antisemitismus wäre der Schritt eine Lächerlichkeit, durch sein Bestehen wird er zum Verrat. Unkenntnis und mangelndes Vorbild, modernseinwollende Erziehung mit dürftig ästhetisch^-ethisch tuender Verbrämung bereiten den Boden für den Abfall vor. Und doch sollte jeder Jude wissen, daß alles, was er an großen Eigenschaften in sich trägt, an Stärke der Seele, des Geistes und des Herzens^ er einzig und allein dem veredelnden Einfluß verdankt, den das unentwegte Festhalten an. der Liebe zum Elternhaus hervorbringen muß. Das

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