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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-10-29 · Heft 44 (29.10.1915) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 44 (29.10.1915)
Date
1915-10-29
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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- 4 Grsterrrich-Angsrn. Z. Wien, 22 £ftobei. Unter der Ueberschrift „Der Jude als F r i ede n s v er m i t t le r z w i s ch e n P r o t e st n n t und Katholik" veröffentlicht die „Oesterreichische Wochenschrift" folgenden Brief des Lehrers Unikower-Namslau, zurzeit Eilenburg, vom 22. September 1915: „Es war um die Osterzeit. Ich hatte den ehrenarntlichen Auftrag vom Kreisausschuß, Soldatenadressen im Orte 31t sammeln, weil die Kreisangehörigen im Felde von diesirm Liebesgaben erhalten sollten. Da komme ich in das Haus einer Kriegerfrau, die in einer armseligen Stube mit zwei Kindern wohnt, ein halbes und eineinhalb Jahre alt. Sie spricht nur Französisch, denn sie ist Belgierin; ihr Mann aber kämpfte gegen Belgien. Er ist in unserem Ort geboren, also Deutscher. Bei Ausbruch des Krieges war er zufällig nicht in Belgien. Ihr gelang es, mit den Kindern dem Hasse der Belgier zu entwischen und über Holland nach Deutschland zu kommen. In unserem Orte wohnen des Mannes Eltern. Aber diese.sind evangelisch, während die Schwiegertochter und ihre Kinder katholisch sind. Das ärgert die Eltern; sie hätten viel lieber eine evangelische Schwiegertochter gehabt. Und die Frömmigkeit der Eltern ist gar eigener Art. Wohl halten sie es mit ihrer Frömmigkeit vereinbar, der Schwiegertochter dieser znstehende öffentliche Unterstützungen zu unterschlagen, aber sie sind so „fromm", daß sie es für unrecht halten, daß ihr Sohn eine Andersgläubige genommen. Und aus „Frömmigkeit" verleumdeten sie die Schwie-gertochter bei dem im Felde stehenden M-anne: sie Verkehre mit fremden Männern und mißhandle ihre kleinen Kinder. Und wer sind die Ehebrecher? Der Beamte, der der Kriegerfrau, die von 31 Mark monatlich mit ihren Kindern sich ernähren und Wohnungsmiete zahlen muß, eine städtische Unterstützung bringt; denn, so argumentierten sie: für nichts wird er doch nichts Gutes an der Frau tun. —- Und vor allem kommt für den Verkehr. der „Jude-Pastor" in Betracht, der doch auch nicht umsonst was für sie tun wird. — Sogar eine Schwester des Mannes, die sich ob ihrer „Bildung" etwas zugute tut, ernrahnte ihn in Briefen, sich von der Frau scheiden zu lassen und von den Kindern eines zu behalten, um so „ehrlich" zu teilen. Der Mann ging, ohne feine Frau zu hören, auf die Verleumdungen ein. Er teilte ihr mit, daß er sich von ihr trennen lassen wolle, Auch ich, der „Verführer seiner Frau", erhielt einen groben Brief. Die Frau war verzweifelt. Sie bat mich um Rat. Da schrieb ich dein merklvürdigen Soldaten einen Brief, höflich, aber nachdrücklich. Ich ermahnte ihn, seiner Frau und seinen Kindern ein fürsorglicher Gatte und Bater zu sein, klärte ihn über das Verhalten seiner Eltern auf, und — noch nicht ganz acht Tage nach Absendung des Briefes erschien vor mir der evangelische Soldat mit seiner katholischen Frau am Arme, selbst den Kinderwagen schiebend. Dankbar drückte er mir die Hand, entschuldigt sich ein über das andere Mal und beschwört mich, doch seine Eltern wegen Verleumdung anzuzeigen. — Der Leser möge sich selbst sagen, ob ich diese „Rache" geübt habe. Die katholische Frau hat also ihren evangelischen Mann wieder; und was die Konfession der Kinder betrifft, so will man diese selber darüber hören, sobald sie urteilsfähig sind. Leider gelang es mir nicht, vor meiner Einberufung auch die verstockten Eltern zu „bekehren." Von Mah und Lern. — Aus Anlaß der F ü n f h u n d e r t j a h r fe i e r des Hohenz v l l e r n h a u s e s fanden am vorigen Sabbat in allen Gemeindesynogogen Berlins sowie am Sonntag im Gotteshaus der Jüdischen Reformgemeinde Festgottesdienste mit Predigten statt. — Der Geheime Regierungsrat Professor Tr. Hermann Cohen beging am 27. d. M. das fünfzigjährige Doktorjubiläum. — Geheimer Sanitätsrat Dr. Ludwig Plotke beging am 20. d. M. seinen sechzigsten Geburtstag. Geheimrat Plotke begann seine ärztliche Tätigkeit in Berlin im Jahre 1880 als Assistenzarzt im städtischen Barackenlazarett Moabit. Seit Beginn des Krieges steht er als Stabsarzt im 4. Garderegiment. — M a r t i n B e n d i x wurde am 22. d. M. vormittags auf dem jüdischen Friedhofe in Weißensee zu Grabe getragen. Zahlreiche Artisten und Schauspieler und Verehrer waren herbeigeeilt, um dein Manne, der jahrelang durch seine Kunst Heiterkeit und Frohsinn erweckte, die letzte Ehre zu erweisen. Die Feier wurde mit Gesang eröffnet, worauf Direktor Meysel von den Stettiner Sängern dem Toten einen warmherzigen Nachruf widmete. Nach Schluß des Traueraktes stellte sich die Kapelle der Stettiner Sänger an die Spitze des Zuges und geleitete ihn unter Trauerweisen zur Gruft. — Aus Posen wird uns geschrieben: Unter Vorsitz des Kaufmanns und Stadtverordneten Herrn Simon A s ch fanden die Handelskammerersatzwahlen statt. Tie Wahlen gingen im Zeichen des Burgfriedens vor sich. Gewählt wurden: für eine Amtsdauer bis Ende des Jahres 1920 die Herren Geheimer Kommerzientrat Michael Herz in Firma Samuel Herz, Kommerzienrat Naphtalr Hamburger, Direktor der Ostbank für Handel und Industrie, Dr. Franz Kantorowicz, Direktor der Hartwig Kantorowiczschen Aktiengesellschaft, Fabrikbesitzer Siegfried Lesser, in Firma Gebrüder Lesser; für eine Amtsdauer bis Ende des Jahres 1918 die Herren Leo B e r l a k, in Firma .Hermann Berlak, Nathan Tuch, in Firma Brill u. Tuch, und für eine Amtsdauer bis Ende des Jahres 1916 die Herren I. P r i w i n und Sally Hamburger, in Firma Zacharias Hamburger Söhne. — Ferner wird aus Posen gemeldet: Ingenieur Lurie wurde von den deutschen Behörden zum Bürgermeister von Pinsk ernannt. — Landtagsabgeordneter Geheimer Kommerzienrat A r 0 n s 0 n - Bromberg feierte aiu 19. d. M. das 25 jährige Jubiläum als unbesoldeter Stadtrat Brombergs. —' Kommerzienrat Lesser B a e r w a l d in Rakel kann auf eine 70jährige kaufmännische Tätigkeit zurückblicken. Aus diesem Anlaß hat die Bromberger Handelskammer, deren lanjähriges Mitglied Herr Baerwald ist, ein herzliches Glückwunschschreiben übermittelt. — Zum Leutnant wurde der Bizefeldwebe-l urid Offizierstellvertreter Erich N a t h a u - Elberfeld befördert. — In Kopenhagen erscheint seit dern 5. Oktober zweimal wöchentlich eine neue jüdische Zeitung unter dem Namen „Jüdische Volksstimme". Ferner hat das eine Zeitlang eingestellte, im 5. Jahrgang stehende „Jidische Wochenblatt" in Kopenhagen wieder zu erscheinen begonnen. — Wie die „N. F. P." und das „Prager Tagblatt" mitteilen, hat der am 23. Juni d. I. zum Rektor der deutschen Universität in Prag gewählte ordentliche Professor des Handels-, Wechsel-und Bergrechtes Otto F r a n k l, 'der allen bestimmten, auch vorzeitig in der Presse geäußerten Erwartungen zum Trotz die auf ihn gefallene Wahl angenommen hatte, jetzt r e s i g n i e r t. Aus Wien wird geschrieben: Auf die Beglückwünschung seitens eines Wiener Juden namens Philipp an den neuernannten deutschen Gouverneur v. Etzendorf, die u. a. auch der Hoffnung Ausdruck verlieh, daß unter deutscher Verwaltung auch den Juden ein besseres Los beschieden sein wird, antwortete derselbe — der „Oesterr. Wochenschrift" zufolge — mit folgendem Schreiben: Warschau, 1. September 1915. Sehr geehrter Herr Philipp! Ich danke Ihnen verbindlichst für Ihren freundlichen Glückwunsch und kann Ihnen die Versicherung geben, daß Ihre Erwartungen nicht: getäuscht werden. Hochachtungsvoll ergebenst Ulrich v. Etzendorf, General der Infanterie und Gouverneur von Warschau. — Im Garnisousspital 16 und 17 zu Budapest wurde an den vergangenen hohen Feiertagen der Gottesdienst für die Soldaten in einem hierzu adoptierten Raum abgehalten. Feldprediger David v. Freudiger sorgte für die Erbauung der Krieger, denen er die nötigen Ritualien verschaffte. 1250 Soldaten kamen durch seine Vermittlung zu ritueller Verköstigung. Die Einnahme n der Pariser jüdischen Gemeinde haben sich durch den Krieg so sehr verringert, daß sie eine Anleihe ausnehmen muß. Im Vergleich mit dem Jahre 1913 hat die Gemeinde über 185 000 Francs Einnahmen eingebüßt. — Baron Edmund R 0 t h sch i l d hat für das Rote Kreuz schon mindestens eine Million Francs gespendet. — Aus London wird berichtet, daß der frühere Finanzsekretär Edwin Montagu sich mit der Tochter eines englischen Lords, die zum Judentum übergetreten ist, verheiratet hat und jüdisch getraut wurde. Sein Vater, Lord Swahthling, ein streng religiöser Jude, hat in seinem Testament verboten, daß seine Söhne sich mit Christinnen verehelichen. — Der in Jaffa auch während der ganzen Kriegszeit erscheinenden hebräischen Wochenschrift „Hapoel H a z a i r " wird aus Jerusalem berichtet, daß der Kommandant der vierten türkischen Arntee, Djemal Pascha, den Zugang zur Klagemauer abzusperren befahl, um das Besuchen dieses Ortes seitens der Juden zu verhindern. Diese Verfügung wird mit sanitären Rücksichten begründet. — Anläßlich des Sukkothfestes fanden in New Jork unter Leitung der „Jung-Zudäa-Organisation" 17 Kinderversammlungen statt, an denen rund 35 000 Kinder teilnahmen. Die Veranstaltungen waren in Theatern. Es wurden musikalisch-deklamatorische Darbietungen geboten. Jedes Kind erhielt als Erinnerung das bekannte Sukkoth-Bild von Prlichowsk'i. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastratze 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: MaxIunge, Berlin-Friedenau. Druck und Verlag von Rudolf Mosse.

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