Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1915)
- Date
- 1915-10-08
- Page
- Seite 492 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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4S2 Wie ich der albernen Pute ihr langes Gesicht gönnte, als sie mit dem Brot abzog. Ueberhaupt unsere deutschen Jungen! Ich möchte jedem einzelnen die Hand drücken, jedem einzeln zurusen: „Bleib' gesund, du, viel Glück, viel Glück!" Wie sie mit „Hurra" und Liedersingen aus ihren Autos und Viehwagen auf den Schienen angesaust kommen, die Arme schwenkend ans den kreidebemalten Wagen und mit Jubel weiterfahren! Sv lustig ziehen sie in Kampf und Gefahr, unsere Helden, so lustig und frohgemut. Ich darf mich nicht aufhalten. Von 12—1 Uhr finden die Anmeldungen zu den Krankenkursen bei unserem Sanitätsrat statt für die, die sich verpflichten, nach ihrer Ausbildung eventuell auch mit ins Feld zu ziehen. Noch heute sollen wir vereidigt werden. Heute abend werde ich den Meinen davon sprechen. Wozu es vorher sagen und unnötige Weiterungen machen? Mein Entschluß ist ja doch gefaßt. Margotle allein habe ich es gesagt, lind sie war einverstanden. Den eventuellen Feldzug habe ich zu ihr noch nicht erwähnt. Wenn es so weit sein wird, wird sie es, wenn auch unter Tränen, auch billigen. Die Backfische sind ja auch ganz getragen von vaterländischen Gefühlen. Morgen hat Irma Hausdorff Geburstag. Sie ladet die ganze Klasse ein. Speisekarte: Wasser und trockne Senuneln. Mama Hausdorff hat für jeden Gast 75 Pfennig bewilligt. Das Geld wird aber zu Liebesgaben für unsere Soldaten verwendet. Gebotene Zerstreuungen zur Gesellschaft: die mitgebrachten Kriegsstrümpfe. Ach ja, alle, alle wollen helfen. Daheim finde ich zwei Briefe vor. Der eine von Vetter Egon, dem sie das Mllitärjahr damals verhunzt haben, die Herren Vorgesetzten. Er sagt uns Adieu. Morgen zieht er ins Feld. Er schreibt voller Glut und Begeisterung. Die kleinen Schikanen von damals haben ihm das große Gefühl nicht töten können. „Gestern abend noch Abschiedskommers gehabt im K.E. Einstimmiger Beschluß: Sämtliche Ungediente und Minderjährige melden sich als Kriegsfreiwillige." Ich jauchze auf. Das Herz will es mir abpressen vor Jubel. Sämtliche Mitglieder. — Ach, Egon, wie ist das schön! Ach, Vetter, wie bin ich stolz auf dich, auf euch alle! Nun sollen sie noch einmal etwas sagen auf jüdische Verbindungen, die Hetzer, die Verl — aber, nein, wer hetzt und verleumdet denn! Das ist ja alles vorbei; es war einmal, vergessen und verziehen ist das jetzt. All das schreibe ich dem Vetter, indem ich ihn beglückwünsche und ihm ein wunderschönes Paket verspreche, so ein recht wohlschmeckend, schwesterlich reichliches. Mein Blick fällt aus das zweite, eine Ansichtskarte. Mein Herz stockt — sie ist — von Josua. Josua, du Mann meiner Liebe, und du stehst jetzt nicht bei mir und kannst nicht bei mir stehen. In mir ist es wunderbar klar geworden. Ich sehe ein, wie du recht hattest. Nicht der lange Rock ist es, der uns trennt — du hast gesagt: Zwei Welten stehen sich gegenüber. Ich liebe dich, Josua, liebe dich heute wie immer, wie ich dich auch in Zukunft lieben werde bis zu meinem letzten Atemzug. Aber ich segne das Schicksal, daß es mich sestbleiben, daß es mich nicht meine Ueberzeugung vergessen und verleugnen ließ in meinen heißen Wünschen. Wenn ich nun dir zuliebe, in meiner großen Sehnsucht nach dir, gesagt hätte: „Ja, ich fühle wie du. Dort das Unbekannte ist mein Vaterland, hier bin ich in der Fremde?" Jetzt müßte ich dir ausreißen, Josua. Was ist es, ob uns die Andersgläubigen gut behandelten oder nicht? Ist mein Gefühl käuflich? Kann man es mir abkaufen für soundso viel Guttaten, ja auch nur für die Gerechtigkeit? Die, die uns weh getan haben, sind nicht das Vaterland. Das Vaterland ist der Boden, auf dem wir leben. die Beleidiger so gut wie wir, und ob es mir da gut oder schlecht geht, das ändert nichts. Die Vaterlandsliebe ist etwas, was man vergessen kann im sicheren, unbedrohten Besitz wie die Liebe zu einem Nahestehenden. Aber wenn dem Geliebten Gefahr droht — ach, Josua, nicht um mein, noch nicht einmal um dein Glück könnte ich meinen: Vaterland untreu werden. Eine Stunde später. Halt, bin ich denn blind? Bin ich denn ganz verwirrt heute, baß es mir passieren kann, daß ich etwas übersehe, was von Josua kommt? Ich sah nur den Namen, der unter der Abbildung der langweiligen Durchgangsstation auf Josuas Reist neben dem vorgedruckten Gruß stand. Die flüchtig hingeworfenen Worte — man sieht, der Zug hat dabei heftig geruckelt — auf der Adressenseite habe ich übersehen. Und nun gibt es mir so zu denken trotz der Weltereignisse ringsum „Um 5 Uhr morgen Denkmal. Aber ja pünktlich!!! Esther muß zuerst mein Glück erfahren. Mündlich, persönlich. Schreiben tue ich es nicht. Aber bitte, bitte pünktlich sein! Josua." Was heißt denn das? Sieht er auch, wie der Gesinnungsgenosse Barth das neue Reich schon erstanden? Ich schiebe die Karte von mir. Josua, für das „Glück" würde ich jetzt wenig Verständnis haben. Besser vielleicht, ich ging nicht an dev Treffpunkt. Es könnte sein, daß wir die Rollen wechselten daß heute ich der Ueberempfindliche, in der Heiligkeit seiner Gefühle allzu leicht Verletzbare wäre. Und das möchte ich dir ersparen, dir und mir. Die Stelle in Jaffa? Aber nein, so überschwenglich könnte er sich doch über etwas, was er schon so lange erwartet, nicht freuen? Ich will doch hingehen. Er schreibt so dringlich, so erregt. Auch das noch für ihn! Vielleicht werde ich mich ins Gesicht geschlagen fühlen, aber ich will mich dem aussetzen, um meiner großen, großen Liebe willen. (Schluß folgt.) Litrrsrilche Mitteilungen. — A lfons Paquet. In Palästina. Erstes bis drittes Tausend. Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena, 1915. Ein sehr lebendiger Bericht über einen kurzen Aufenthalt in Palästina. Nach einem Satze des Vorwortes, der etwas marktschreierisch auf dem Titel abgedruckt ist: „Zu den Folgen des blutigen Streites, den wir plötzlich um unseres deutschen Daseins nullen führe:, ulüssen, gehört für uns, in denen das Herz Europas schlügt, die Herstellung eines innigen Verhältnisses zum Morgenland. Es ist eine Wiederherstellung: der Traurn der Staufer in einem jugendlich verwandelten Geschlecht", erwartet man eigentlich etwas ganz anderes, nämlich eine hochpolitische Darstellung der Bedeutung des Morgenlandes. Eine solche bietet aber unser Buch absolut nicht. Es sind vielmehr Reiseschilderungen, voll von persönlichen, manchmal rech! wenig interessanten Erlebnissen, mit novellistisch legendenartigen Beigaben. Aber das Buch ist frisch und unterhaltend geschrieben, so dasder Leser auf seine Kosten kommt. Was uns am meisten interessiert, ist der Abschnitt Zion. Dieser gibt eine Darstellung der jüdische: Kolonien in Palästina und enthält eine wenn auch nicht geradezu be geisterte, so doch immerhin sympathische Schilderung des Zionismus Wir wollen über die Zustimmung, die der Verfasser den Bestrebungen dieser Partei zollt, nicht streiten; hier genüge die Bemerkung, daß er — übrigens ein Christ — seinen Gegenstand kennt und ihm günstig gegenübersteht. L. G. Mgchtrag?u Ar. 4ll (S. 473 1. Sp. Z. 15 v. u.) Ion Lehmann war Oberleutnant der Landwehr. Während seiner letzten Erkrankung wurde er zu einer Uebung eingezogen, und zwar unter der Beförderung zun: Rittmeister, konnte aber seines Leidens wegen nicht mehr an der Hebung teilnehmen.