Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1915)
- Date
- 1915-10-08
- Page
- Seite 491 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229219--71680-3284034- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
491 Rückwege werde ich Margotle abholen von der Klavierstunde. Das ist ihr immer ein Fest. Und ich muß sie doch ein wenig veruhigen über die Russen. Wie konnte Mama das Kind so utfcegeit! In der Haustür steht Erna mit Lotte Walther und ,och anderen christlichen Freundinnen. Sie hat sich ein ganz wies Naschen angeweint und erzählt — es klingt schon wie uiswendiggelernt, so oft hat sie es gesagt — daß „die Offiziere a gerade am gefährdetsten sind". Nächste Woche muß ihr Friedrich ausrücken. Als ich auf die Straße trete, hole ich wie befreit Atem. In ver Stadt wimmelt es von Menschen. Natürlich, keiner hält es u Hause aus. Seine eigene Wohnung, sein eigenes Schicksal rscheint jedem zu klein. Unter freiem Himmel, mit anderen Gleichgetroffenen, Gleichgestimmten muß er die große Stunde rleben. Ein Paar kleine Buben singen „Deutschland, Deutschand über alles!". Und ganz Plötzlich aus offener Straße timmen soundso viele mit ein. Was hat man sich sonst bei U’ni Lied gedacht? Abgedroschen klang es einem durch den überhäuften Schulgebrauch, zum Ueberdruß, wenn es bei einer endlosen Sedanrede, bei der man sich stocksteif gesessen hatte oor Langeweile, in die Ohren klang. Und jetzt? „Deutschland, Deutschland über alles!" Die Tränen steigen mir auf. Kein inhaltsreicheres, kein rührenderes, kein heiligeres Lied gibt es ans der Welt. Josua, Josua, wo bist du jetzt? Vielleicht ist es ganz gut, vaß du gerade verreist bist, daß ich die größte Stunde meines Lebens allein verbringe. Ich könnte jetzt nicht hören, wenn du unser Land, unser liebes, liebes Heimatland die Fremde chimpftest. „Nun, gnädiges Fräulein, so gerührt?" Wie von einer lliper gestochen, fahre ich herum: Dr. Barth. Aber er sieht nichts von meinem Entsetzen, die Zionisten sehen nie die Empfindungen anderer, er spricht gleich auf mich los. Er merkt nicht mal, daß ich ihm gar nicht antworte, daß ich das Gevimmel um uns benutze, um ohne Abschiedsgruß von ihm zu verschwinden. Der Hansnarr hat gesagt: „Was meinen Sie,!vie gut die Geschichte für den Zionismus ist! Nach dem Krieg wird natürlich der Antisemitismus erst recht aufleben." Ist es wert, darüber nachzudenken, womit der Hansnarr ß'ine schnöde Ansicht begründet? Und warum der Antisemitismus „erst recht aufleben" soll? Nein, du Hansnarr, der geht unter wie alles Böse und Dumme und Einseitige, das eine Schmach war für unser verblendetes Volk. Wir sind alle Deutsche, hörst du? Nichts sonst. Die Dummen, die das nicht von selbst einsehen nach dem Kriege, die werden von uns allen, nie die Not des Vaterlandes sehend und wissend gemacht hat, velehrt. Aber was ist das alles? Spätere Sorgen! Unser llaterland ist in Gefahr! Nichts, nichts anderes ist jetzt noch wichtig. Fritz Schlesinger, der Siebzehnjährige, der voriges Jahr von den Aerzten aufgegeben war, rennt auf mich zu. „Fräulein lanun, ich melde mich freiwillig." Jauchzend klingt die junge Dtimme, die noch zwischen hohen und tiefen Tönen schwankt. „Aber, Fritz, Sie sind der Eltern einziger. Was sagt die Butter?" „Die weint natürlich," sagt er mit leisem Lachen und dann gutmütig, ein wenig überlegen: „Die Mütter werden wohl alle meinen." Irgendwo wird Hurra geschrien, da schwenkt der ginge die Mütze, und mit begeistertem Hurra rennt er davon. „Die Mütter werden wohl alle weinen." O ja, Bub, das st die andere Seite des Krieges. Du weißt nicht, was du damit gesagt, welch unsäglich trauriges Kapitel du damit aufgechlagen hast. „Die Mütter werden wohl alle weinen." Eine bekannte, etwas schnarrende Stimme höre ich neben mir in dem vielstimmigen „Hurra". Herr Mühlenbesitzer Salomon. Wieder will ich heimtückisch in der Menge verschwinden, aber er hat mich leider erwischt. „Eine große Zeit, mein gnädiges Fräulein. Spätere Geschlechter werden uns beneiden, daß wir sie erleben durften." Ich bin nicht aufgelegt, Phrasen zu dreschen. „Wann müssen Sie sich stellen?" frage ich kurz. Er klappt mit der dicken Ringhand ans seine rundliche Brust und macht so ein schmerzvolles Gesicht, als fühle er da einen Stich. „Leider, leider," sagt er, „mein Herz ist nicht in Ordnung." „Sind Sie für dienstunfähig erklärt?" Er überhört die Frage. „Eventuell müßte ich auch reklanücren," fährt er fort. „Wer soll das Geschäft schließlich versorgen, wenn ich im Felde bin?" „Ich weiß nicht, ob das Vaterland sich darüber den Kopf zerbrechen wird," sage ich kurz. „Es werden mehr Leute in dieser Zeit ihre Geschäfte nicht versorgen können." „Bitte sehr!" eifert er ernst. „Bichl ist eine Bedürfnisfrage. Mehl braucht das Heer. Wenn also unsere Mühle stillsteht —" Es ist keine Menschenmauer gerade hinter mir, durch die ich schlüpfen kann. Ich geniere mich auch gar nicht, dem Drückeberger zu zeigen, wie wenig mir an seiner Gesellschaft liegt — ich drehe ihm den Rücken und gehe, aber er ist mit dem Ausgang noch nicht zufrieden. Mit den kleinen Stoppelschritten hat er mich gleich wieder eingeholt. „Selbstverständlich ging ich ja tausendmal lieber mit," sagte er hastig. „Wer möchte in dieser Zeit zu Hause sein? Für sein Vaterland Gut und Blut hinzugeben —" „Ja, ja, ich weiß, ich weiß, Herr Salomon," ich winke müde mit der Hand ab, „ich kenne ja Ihre schönen Ansichten hierüber aus der Versammlung vom Zentralverein neulich." Ich reiche ihm zum Abschied die Fingerspitzen, und er sieht nach sehr verdutzt, sehr zweifelnd an. Er scheint nicht recht zu wissen, wie er meine Antwort auffassen soll. Den 3. August 1914. Franziska heult in der Küche um ihre zwei Brüder und vielleicht um noch jemand, den sie nicht nennen mag, die morgen ins Feld gehen. Es berührt mich sonderbar, wenn Erna auch ihr unter Tränen erzählt, daß „die Offiziere doch gerade am gefährdetsten sind". Solche Genugtuung ist ihr die Betrachtung dieser uns Juden so ungewohnten Gefährdung. Mit Mama konnte ich noch nicht über die notwendig gewordene Sparsamkeit reden, obgleich sie jetzt wieder ganz munter ist. So munter, wie sonst nie. Das müßte Mama daheim zugemutet werden, was sie jetzt unter Vorsitz und Befehl der Frau General Kosewetter am Bahnhofe leistet, wie sie Eimer voll Kaffee schleppt, Riesenbrote zerschneidet und — das ist nun das, was ich am wenigstens begreife — sich von der Frau General kommandieren läßt. Wie mit ihren Mägden springt die mit den Damen um, die die durchziehenden Truppen versorgen. Ich sah es, als ich ein Paket Liebesgaben hinbrachte. Mama war außer sich, hatte slammendrvte Backen. Es hat sich am Bahnhof ein Tisch etabliert, an dem nur Offiziere gespeist werden sollen. An dein Tisch bedienen die vornehmsten Damen und — Mama ist nicht zwischen ihnen. Ist nicht zwischen ihnen, trotzdem sie die Schwiegermutter vom Amtsrichter Ebert ist und sich dicht neben Frau Geheimrat Knoll hielt. Nie widerten mich diese Eitelkeiten mehr an, als in diesen großen Tagen. Gott sei Dank, es gibt noch inanchmal gesunde Abfuhren. Eine Dame hielt einem jungen Leutnant eine zierliche Schnitte ins Eoupo und flötete dabei: „Hier ist noch ein dünnes Schnittchen, eins für die Herren Offiziere." Und der liebe wackere Kerl antwortete: „Wir essen dasselbe, was die Mannschaften essen."