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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-09-03 · Heft 36 (3.9.1915) · p. Seite 423

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 36 (3.9.1915)
Date
1915-09-03
Page
Seite 423 (sequence 3)
Language
German
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423;ur Verwirklichung ihrer Absichten bezüglich der Dardanellen sehen, st es zweifellos, daß unsere nationale Aufgabe neben einem starken Deutschland .und Oesterreich-Ungarn eine in ihrem Gebiet gefestigte Türkei erfordert." Soimescu meint schließlich, daß auch die Jntersfen B u l g a r i e n s und Griechenlands sich in dieser Frage int denen Rumäniens treffen. Es fei die gemeinsame Ausgabe dieser /ander, sich der Verwirklichung des Testamentes Peter des Großen ntgegenzufetzen. Der Fall Brest-Litowsks hat besonders in England starken nndvuck gemacht. Die gesamte englische Presse, wird aus 'lmsterdam gemeldet, fragt einstimmig besorgt, was jetzt weiter oird. Gehen die Deutschen nach Moskau, nach Petersburg, rach Südrußland oder nach Westen? Kein Blatt wagt zu prophezeien. Alles in allem wirkt der Gesamteindruck der kachricht des Falles von Brest-Litowsk niederschmetternd. Das lb'liche „Wir werden trotzdem siegen" und „Dieser deutsche Sieg hat das beabsichtigte Ziel nicht erreicht" bleiben diesmal gänzlich aus. Bemerkenswert ist auch folgende Drahtmeldung der Tageseitungen über die -Stimmung in Dänemark: Georg Brandes sagt in einem längeren Artikel der norwegischen Zeitschrift „Ugens Revy": „Starke Gründe verhindern, daß die Stimauug in Dänemark deutschfreundlich ist. Dennoch ist die Bewunderung ür Deutschlands Tüchtigkeit außerordentlich groß. Wenn die Stimmung der Intellektuellen durchaus nicht mehr zu den Alliierten cigt als zu Deutschland, so beruht das darauf, daß die Alliierten in einer Weise als Einheit zu bezeichnen sind, wie sehr auch die sie rennenden inneren Gegensätze fortgelogen werden. Für einen Mönchen, der gelebt, gelernt und gereist ist, der die Verhältnisse Europas ennt, ist es Positiv unmöglich gleichzeitig mit England, Frankreich nd Rußland zu sympathisieren. Denn gerade der Grund seiner chmpathie für England oder Frankreich macht ihm eine Sympathie ür Rußland unmöglich und umgekehrt. Natürlich wünschen viele onservative und reaktjonäre Gemüter in der Welt, die die Volksreiheit verabscheuen und für Despotismus schwärmen, nicht einem ausektärten, sondern dem lichtscheuen Despotismus Rußlands den Sieg. Ebenso natürlich fühlen sich auch die vielen Anhänger konstitutioneller Freiheiten mit einer humanen Regierung und Volksaufklärung zu ngland und Frankreich gezogen. Nur vom Nationalhaß versendete Fanatiker könnten sowohl mit dem Osten wie mit dem Westen vmpathisieren. Im Osten findet sich viel reichlicher, was sie an Deutschland verabscheuen, und in Deutschland auf vielen Gebieten erade das, worauf sie bei den Westmächten Wert legen." Wie die Stimmung -in Rußland selbst ist, bekundet am mrsten der Petersburger „Denj": „Was schreit ihr da immer von deutscher Knechtung? Wird nicht er Deutsche Rußland fressen, so wird es sowieso der Engländer oder vapaner tun. Könnt ihr den Deutschen etwa so entwaffnen, daß er eine beharrliche Energie, seine Bildung und industrielle Erfahrung erlöre? Anstatt der Utopie einer Entwaffnung des Deutschen nachajagen, wäre es viel einfacher, sich selber mit seinen guten Eigenhaften zu bewaffnen. Was nützt uns die Klage über den Verlust nserer Festungen, wenn wir nicht verstehen wollen, daß wir in nserem innersten Innern an einer Blutvergiftung, einer Gangräne iden?" Ja, daran leidet Rußland von jeher, und das zeigt sich ganz esonders in der traurigen Lage der Aermsten seiner Armen: er Juden. Man hat sie von Haus und Hof vertrieben, sie, on denen man wußte, daß jahrelange Verfolgungen die Eimatliebe nicht auslöschen konnten. Hört es sich nicht wie ine Satire an, wenn man liest, daß das Ministerium des ümern erwäge, ob es angängig sei, den in die Residenzen vergebenen Juden das Ausenkhaltsrecht zu geben? Oder, ein Manifest des Zaren wird den Juden volle Freiügigkeit gewähren? Was von derartigen Gerüchten zu halten ü, belehrt uns folgende Mitteilung der „Norddeutschen Allemeinen Zeitung" vom 27. August: Die „Times" melden aus Petersburg: Der Bericht, daß die Nehrung beschloß, die j ü d i s ch e n Ansiedlungsrayons aufuheben, ist verfrüht. Da aber große Massen von Juden aus Galizien und Polen zwangsweise nach den inneren Provinzen geschasst werden, war die Aufhebung der Vorschriften über die Niederlassung in diesem Falle notwendig. Einige einflußreiche Mitglieder des Ministerrats äußerten die Ueberzeugung, daß sie die weitere Beibehaltung der einschränkenden Vorschriften für unnötig halten, zumal da durch sie die aus den Ansiedlungsrayons nach dem inneren Provinzen. verlegten Munitionsfabriken stark gehindert würden. So dürfte es sich auch in Wirklichkeit verhalten. Rußland und seine Versprechungen kennen nicht nur die Juden, sondern auch die Polen, Balten und Finnen zur Genüge.. Wie Rußland seinen eigenen Landeskindern gegenüber verfährt, erhellt aus folgendem Berichte des Großen Hauptquartiers: „Mit einer Roheit, die unsere Truppen und unser Volk mit tiefem Abscheu erfüllen muß, haben die Russen zur M a s k i e r u n g ihrer Stellungen Tausende von Einw o h n e r n, i h r e e i g e n e n Landsleute, darunter viele Frauen und Kinder, unseren Angriffen entg e g e n g e t r i e b e n. Ungewollt hat unser Feuer unter ihnen einige Opfer gefordert." Fürwahr, nicht Menschlichkeit, Wahrheit und Recht, sondern Barbarismus, Lug und Willkürherrschaft führen im Reiche des Zaren das Zepter über die bedauernswerten Völkerschaften, die nur erst dann erleichtert aufatmen werden, wenn Deutschland, das für Kultur und Fortschritt kämpft, die russische Macht völlig niederringen wird. Aus den Ruinen des zertrümmerten Riesenreiches wird dann neues Leben erblühen. # Im Reichstag kam es am 24. und 25. August bei der Debatte über die Resolutionen und Anträge zu den Fragen der Volksernährung zil lebhaften Auseinandersetzungen zwischen dem Zentrumsabgeordneten Dr. Pfleger, dem Unterstaatssekretär Michaelis und dem Minister Delbrück, wobei auch der Juden gedacht wurde. Veranlassung hierzu gab der Abgeordnete Dr. Pfleger, der unter verschiedenen gegen die Kriegsgetreidegesellschaft erhobenen Vorwürfen sich zu folgender Bemerkung verflieg: „Von den als unabkömmlich reklamierten Beamten der Kriegsgetreidegesellschaft — die vielfach viel weniger Gehalt bezogen als in ihrer früheren Stellung oder Einkommen in ihrem Geschäft — erwiesen sich 80 v. H. als felddiensttauglich; sie hatten diese Stellungen benutzt, um sich dem Heeresdienste zu entziehen. (Lebhaftes Hört! hört!) lieber die Konfession dieser Leute will ich im Interesse des Burgfriedens nicht - sprechen." Darauf ergriff Unterstaatssekretär Michaelis das Wort zu einer kräftigen Abwehrrede, aus der wir hier folgende besonders markante Stellen wiedergeben: Der Abgeordnete Pfleger hat gestern so schwere Angriffe gegen die Leitung der Reichsgetreidestelle erhoben, daß ich die erste Gelegenheit, die sich mir bietet, benutze, um dagegen Stellung zu nehmen. Das Stenogramm der Rede Dr. Pflegers konnte ich leider nicht bekounnen; nach Mitteilungen der Kommissare und nach den Zeitungsberichten hat Abgeordneter Dr. Pfleger gesagt, daß die Reichsgetreidestelle die Presse für Aufnahme von Artikeln bezahle. Er soll auch die Frage gestreift haben, daß bei der Auswahl der Persönlichkeiten für die Reichsgetreidestelle außerordentlich viele I u d e n verwendet worden feiern Schließlich aber hat er gesagt: „Das Aergste, was hier erlebt wird, ist, daß diese Organisation gewissermaßen als eine Art Versicherung gegen die Schützengrabengefahr benutzt wird; man hat alle möglichen Leute angestellt, und als man später die Beamten dieser Gesellschaft untersuchte, stellte sich heraus, daß rund 80 Prozellt der als unabkölnmlich Bezeichneten felddienstfähig waren. Es ist nicht zu verstehen, warum man die Gesellschaft nicht auf diese Mißstüiide aufmerksam gemacht hat." Ich habe Zunächst bedauert, daß der Herr Abgeordnete diese Borwürfe nicht in der Kommission zur Sprache gebracht hat. (Lebhafte Zurufe im Zentrum: Hat er! Ist geschehen!) Wenn das in der Kommission erörtert wurde, dann ist es nicht zu meiner Kenntnis gekomrnen, dann bitte ich um Entschuldigung. (Erneute lebhafte Zurufe im Zentrum. Der Vorsitzende der Budgetkommisfion Abgeordneter Spahn

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