Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1915)
- Date
- 1915-09-03
- Page
- Seite 422 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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422 Individuum über sich selbst klarer. Es tut sich ihm notwendig die Frage auf, ob denn seine ganze Betätigungs a r t wertlos sei oder nicht — selbst um den Preis der individuellen Vernichtung — verteidigt werden solle. Dadurch reinigt sich die Selbstbetrachtung von der Dumpfheit der absolut-individualistischen Enge. Während sie im Egoismus rein abwehrend jede Vergleichung mit anderen Lebensinhalten ausschließt und dadurch ein analytisches Bewußtsein auch des eigenen Lebensinhalts verhindert, breitet sich dem Patrioten die eigene Wesensart klarer aus, indem sich die notwendige völkische, sippentypische Voraussetzung derselben von der individualistischen Zufälligkeit als wertvollerer Gegenstand der Verteidigung unterscheidet. Ein Fingerzeig im völkischen Bewußtsein, eine Heller beleuchtete Straße führt auf die Vergleichung der Lebensinhalte mit Rücksicht auf den Wertfaktor hin, hierdurch aus den Wertmaßstab selbst, aus die Erkenntnis dessen, was auch dem eigenen.Leben den Wert verleiht. Ter Patriotismus, das völkische Verteidigungsgefühl, bietet somit eine Anregung zur Befreiung von der lebenvernichtenden Enge des Egoismus, und hierin besteht sein höherer ethischer Wert. Der Patriotismus ist aber ein Kampfgefühl. Er weigert sich, die analytische Aufhellung des Wertbewußtseins zu weit zu treiben. Er fürchtet, durch die vollendete Erkenntnis dessen, was uns unser Sein wichtig macht, von dem Ziel der völkischen Selbsterhaltung abzulenken. Deshalb ist er in den Egoismus zurückzuschlagen bestrebt. Der patriotische Mensch gleicht dem glühend gemachten Eisen. Aus dem kalten und harten Zustand aufgeglüht will er in ihn oder einen möglichst ähnlichen Zustand wieder zurückfallen, um nicht — kosmopolitisch — feuerflüssig zu werden und die Widerstandskraft zu verlieren. Dies ist die Seelenstimmung des Patriotismus, die in der Kriegszeit vorherrscht. Und welche Einwirkungen sind von dieser Seelenstimmung für die Zeit nach dem Kriege zu erwarten? Ich habe bereits an anderer Stelle darauf hingewiesen, daß die kriegerische Stimmung eine Gefahr für die moralische Entwicklung in sich birgt. Sie führt leicht in der Folgezeit dazu, die selbstbewußte Abschließung des einzelnen zu verstärken; ihn dadurch zur Rücksichtslosigkeit zu verleiten, daß er die Gewalt nicht als eine vielleicht einmal im Völkerleben unvermeidliche Notwendigkeit erkennt, sondern als das normale Mittel zur Gestaltung der menschlichen Verhältnisse ansieht. Anderseits ist der einzelne durch die Kriegsstimmung wissender, sein Bewußtsein breiter geworden. Die dumme und dumpfe Enge des Egoismus ist geweitet. Der Mensch hat es einmal gemerkt, daß es mehr als die eigene Existenz im Gebiete der Werte gibt, wenn er es auch vielleicht für gut hält, dieses Wissen zu bekämpfen und sich des allein für den Durchsetzungskampf dienlichen Mittels der Isolierung zu bedienen. Dieses Wissen macht ihm immerhin ethisches Ziel und ethisches Wollen verständlicher. Während der Egoismus früher die Natur der Selbstverständlichkeit hatte, ist die geistige Sicherheit dieses Zustandes jetzt erschüttert. Auf das Heraufkommen dieser Stimmung achtet der Ethiker im Krieg. Ferner hofft er, daß der Krieg reinigend aus die geistig-sittliche Atmosphäre wirken werde. Man hat auch schon vor Beginn des Krieges gewußt, daß die Menschen im allgemeinen nicht zur gegenseitigen Erhaltung und Ergänzung geneigt und Gewaltlösungen von Jnteressenkonflikten deshalb nicht ausgeschlossen seien. Sicher kann diese Neigung zur Gewalttat durch den Krieg für die Zukunft noch erhöht werden. Es besteht aber anderseits die Möglichkeit, daß die Konflikte, die zum Kriege geführt haben, schließlich ausgeglichen werden und dadurch die allein mögliche Grundlage eines dauernden Friedens geschaffen wird. Hieraus kann sich die Belehrung ergeben, wie auch dieser große Jnteressenkonflikt lösbar war, und dadurch der allgemeine Wille der Menschen zur Erhaltung und zum Aufbau gefördert werden. Der laue Friede vertagte nur die überall vorhandenen Konflikte. Die Beendigung des Krieges kann dagegen einen Fortschritt in der Erkenntnis der Lösungsmöglichkeiten bringen. Dies ist „der Plan Gottes", auf dessen Verwirklichung der Ethiker in der Kriegszeit harrt. Er hofft, daß durch das Ergebnis des Krieges das Verständnis für die Möglichkeit der Aussöhnung der Interessengegensätze wachsen und dieses Verständnis zur Erhöhung des gesamten ethischen Zustandes der Menschheit führen werde. Der Ethiker als solcher ist durch den Krieg sehr vielfach berührt. Er hat dahin zu wirken, daß die Nachwirkung des Krieges nicht hochmütige Kraftmenschen hervorbringe, sondern die ethisch-wertvollen Anregungen der patriotischen Stimmung erhalten bleiben. Zu diesem Zwecke muß er auch dem Kriege selbst für die Zukunft entgegenwirken, damit die Gewalt als ein Notbehelf ethischer Mangelhaftigkeit menschlicher Verhältnisse erkannt, nicht aber als natürliche Verhaltungsweise der Menschen aufgefaßt werde und dadurch die Grundlagen der Moral untergraben werden. Er hat für die Aufklärung des ethischen Wollenziels zu sorgen und den Krieg und sein Ergebnis innerhalb der ethischen Bestrebungen zu verwerten. So kann ihm die seelische Nachwirkung des Krieges vielleicht dazu dienen, die der Moral feindlichen Kräfte zu bekämpfen und der Moral zu einer selbständigeren, nicht vom Egoismus in den Schatten gedrängten Wirksamkeit zu verhelfen. Mr Woche. Berlin, 31. August. un ist auch «das stärkste Bollwerk des Zaren, Brest-Lttowsk, vom Schicksal erreicht. Wohl noch niemals haben in so rascher Reihenfolge vernichtende Schläge das russische Riesenreich getroffen, wie es durch den ununterbrochenen viermonatigen Siegeszug der Zentralmächte geschehen ist. Alle Trostgründe, mit denen die Entente sich Wer die Niederlagen Rußlands hinwegzusetzen versuchte, erscheinen haltlos gegenüber der furchtbaren Sprache der Ereignisse. Die Phrase des Beispiels von 1812 erscheint wohl jetzt jedem leeres Gerede. Vor hundert Jahren zogen sich die Russen widerstandslos zurück, während sie jetzt mit äußerster Kraftanstrengung versuchen, den Vormarsch der Gegner zu verhindern. Von einer russischen Festung nach der anderen wird das Georgbanner herabgeholt; unerbittlich vollzieht sich das Schicksal, welches die eroberungssüchtige rücksichtslose Politik Rußlands über das eigene Land heraufbeschworen hat. Mit Jubel wurde die neue Freudenbotschaft bei uns und unseren Verbündeten ausgenommen, und fast tätlich treffen vom östlichen Kriegsschauplatz neue Siegesmeldungen ein, die jedes Deutschen Herz mit Stolz und Freude erfüllen. Die Festung Oltta, die Stadt Narew sind von unseren Truppen besetzt, Riga stark bedroht, Lipsk vor Grodno erstürmt, der Fall Wilnas ist, wie selbst die Pariser Presse schweren Herzens zugibt, täglich zu erwarten, und schon sind Gerüchte verbreitet, daß bereits Vorkehrungen zur Räumung Petersburgs getroffen werden. Ferner wird gemeldet, daß Ostgalizien vom Feinde bald ganz befreit ist, und daß seit dem Durchbruch bei Gorlice 1 100 000 Russen gefangen, mindestens 300 000 tot oder verwundet sind. Erfreulich ist auch nachfolgende Meldung aus Bukarest vom 28. d. M.: Oberst S o i m e s c u veröffentlicht „Universul" eine Darstellung über die von Rumänien e i n zu n e h me nd e H al t u n g, in der es heißt: „Da die Russen in Rumänien nichts anderes als die Schwelle