Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1915)
- Date
- 1915-09-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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79. Jahrgang Nr. 36 Berlin, 3. September 1915 eitung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements-pre^s; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3E - Postscheckkonto Z2<k, Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Phiiippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rais Professor Vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-<*9, zu richten. Verlag von Rudolf Moste, Berlin. Wirkungen des Krieges. Von M. Lewinski. — Die Woche. — Neue Erwerbsmöglichkeiten für jüdische Mädchen. Von Fanny Cohn. — Chaim Nathan Dernbiher. Von D. S. — Russische Justiz. Von Dr. Marcus Landau. — Kriegsliteratur. Von Ludwig Geiger. — Die „Wohltaten" des Hauses. Romanow. Von Leo Scheinhaus. — Feuilleton: Der lange Nock. Roman von Anna Goldschmidt. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Rybnik, Breslau, Hamburg, Wilhelmshaven-Rüstringen, München, Frankfurt a. M., Wiesbaden, Bad Mergentheim, Marienbad.— Von Nah und Fern. Srelilche Wirkungen des Krieges. Von M. L e w i n s k i. er Krieg ist ein ungeheurer Nervenspanner. Seine Erschütterung teilt sich jedem mit, dem Empfindsamsten und dem Schlaffsten, dem seinem Wesen gedanklich Nahestehenden und dem ihm Fernsten. Große Kulturveränderungen beruhen auf Umwertungen von Werten. Nichts ist so geeignet, hierzu anzuregen, als der Krieg, der große Krieg. Der Krieg, des Jahres 1870 scheint wesentlich in Nietzsche den Gedanken von der Aufwärtsbewegung zum Uebermenschentüm erregt zu haben. Jene ungeheure Energiespannung der jüdischen Propheten, die sie die Welt neu konstruieren und ihre Bewegung neu deuten hieß, ist nicht denkbar ohne den Einfluß der ungeheuren Weltkriege, in deren Wirkungssphäre sie sich hineingestellt fühlten. Auch heute spürt jeder die innervierende Kraft dieses Krieges. So bildete sich in den Köpfen vielfach die Vorstellung, als müßte einfach jede geistige Bestrebung durch den Krieg gefördert und verstärkt werden. Man sprach von der Hochstimmung der Zeit; der Theologe sah notwendig die Kirchen sich füllen, der Literat und Künstler den geistigen Gehalt der künstlerischen Schöpfungen sich erhöhen, der Patriot die geistige Eigenart des Volkes verstärkt. Bei ruhiger Nachprüfung der Stimmung meldeten sich dann Zweifel. Die Zweifler fragten: Führt der große Krieg nicht vielleicht nur zur Vereinseitigung? Ist es nicht allein der Selbsterhaltungstrieb und damit der Wille zum Dreinschlagen und Ausrotten, der durch den Krieg gestärkt wird? Wird nicht das Geistige während der Kriegszeit unterdrückt, um später im günstigsten Falle in alter Art fvrtzubestehen? Kurz, hat die geistige Kultur ein positives Interesse am Krieg? Als Antwort kann man unserem großen Jesaja entnehmen, daß der Weltkrieg allerdings in recht verschiedener Weise geistig einwirken kann: Bei dem einen — Assyrien — stärkt er nur den Willen, alle Völker wie verlassene Vogeleier einzusammeln, auszurotten und möglichst viel zu vernichten, Greise und Kinder nicht zu schonen; bei dem anderen — den Propheten Israels — wirkt er erschütternd auf das Gemüt und läßt ihn auf das Werk Gottes harren, auf den Plan, der sich offenbart und verwirklicht. Die Religion Israels ist aus einer Umwertung der Werte hervorgegangen, ebenso wie die religiöse Willensphilosophie Nietzsches. Ihr Wesen ist Prophetie. Als der Weltkrieg über die Begründer der Religion Israels hereinbrach, übte er auf sic die Wirkung, daß sich ihnen der Schleier, hinter dem die Wege Gottes dunkel verborgen sind, lüftete und Gottes Werk und Forderung sich ihnen offenbarte. Der Krieg erscheint heute jedem beteiligten Volke als ein Mittel im Kampfe ums Dasein. Das Volk zieht in den Krieg, weil es sich in feiner Existenz bedroht fühlt; sei es, daß cs angegriffen wird oder aus der Gestaltung der Dinge einen späteren Angriff befürchtet, sei es, daß es sich neue Existenzmittel verschaffen zu müssen glaubt. Deshalb wirkt der Krieg in erster Linie ähnlich aus die Seelen wie der Kampf der Einzelmenschen ums Dasein. Der Kämpfer wird sich seiner Individualität und des Wertes derselben bewußt und sucht sie zu erhalten. Das Mittel hierzu im Daseinskämpfe der einzelnen ist der Egoismus. Unter der Einwirkung des Egoismus schließt man sich vor der Eigenart und dem Bedürfnis des anderen Menschen möglichst ab, wodurch man das Ziel der eigenen Erhaltung im Auge behält und die Verfolgung desselben stärkt. Man sieht von der anderen Welt möglichst nur das, was man als Opfer und Mittel für sich benutzen kann. Dadurch verflüchtigt man die andere Welt zum vergänglichen Werkzeug und beraubt sie des eigenen sie zur Dauer bestimmenden Wertes. Man verengt und versteift sich aus sich selbst, um uur jeden Preis durchzukommen. Man beunruhigt sich nicht darüber, daß die ganze Welt in dieser Auffassung den eigenen Wert verliert, wenn sie nur als Mittel zur Selbsterhaltung des Kämpfers noch vorübergehenden Wert behält. Zur Selbstdurchsetzung gehört auch der Krieg. Wie im Einzelkampf der Egoismus, so dient im Völkerkampse der Patriotismus. Aber der große, der gefährliche Krieg zwingt doch die Kämpfer zu einer, wesentlich tieferen Selbstbetrachtung, als sie vom Egoismus geübt wird. Wohl neigt der Patriotismus zum Chauvinismus. Dieser ist dem Egoismus verwandt, weil er unter dem Drucke der Kampfempfindung steht und deshalb den Blick auf das einzelne eigene Volkstum einzuengen trachtet. Sobald ihn nicht der Gedanke der Volksgefahr beherrscht, wird der Chauvinist leicht des idealen Willensantriebs entbehren und in Egoismus verfallen. Der Ausgangspunkt des Patriotismus ist aber der Volksgedanke. Hierdurch entsteht in den Seelen eine Ahnung des Unterschiedes, der zwischen der Bedeutung der Einzclexistenz und der der Volksexistenz besteht. Ueber den Tod der Einzelexistenz hinaus kann doch die Eigenart des Individuums durch Abkömmlinge, Verwandtschaft, Lehre in den wesentlichen Zügen Fortbestehen. Das Volkstum dagegen, um dessen Existenz es sich im großen Kriege handelt, ist die allgemeine Sippenart, der Charaktertypus selbst. Lösen diese sich auf, so verschwindet die ganze Wesens- und Lebensart des Volksgliedes völlig aus dem Sein. Durch dieses Bewußtsein wird sich das