Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1915)
- Date
- 1915-08-13
- Page
- Seite 396 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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396 Aber ihr seid zu unkritisch untereinander, ihr verfallt in den gegenteiligen Fehler, unter dem ich zu Hause leide. Dort ist alles beschämend, hassenswert, tief, tief zu verbergen, wenn es nur an unsere Abstammung erinnert. Ihr seht alles mit den Augen der Liebe an, werdet urteilslos und elterlich wohlwollend und verblendet, wenn es nur „jüdisch" ist. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mittrilungm. — „I ü d i s ch - g e s ch i ch t l i ch e s £ u a r t e 11 f p i e l." Bearbeitet van Tr. Jsaac Bamberger, Nürnberg. Verlag „Jüdischer Kinderfu'iinb". Preis 1 Mark. Ter Unterricht soll kein Spiel sein, aber ein Spiel kann unterrichtend sein. (5s liegt gar kein Grund vor, das häusliche Spiel nicht in den Dienst des Unterrichts Zn stellen. Ganz besonders wird es zu begrüßen sein, lvenn die Einübung von Namen, von Büchertiteln usw. spie l e n d leicht gemacht wird, da dabei nichts weiter als ein F-esthalten im Gedächtnis beabsichtigt ist. Die Benutzung des häuslichen Spiels für den Unterricht ist aus den Gebieten der Literatur, der Geographie, der Geschichte usw. in den sogenannten „Quartettspielen" längst bekannt, und die Beliebtheit dieser Spiele rechtfertigt es, lvenn dieselben auch in den Dienst des jüdischen Religionsunterrichts gestellt zu werden der Versuch gemacht wird. Das Gelingen dieses Versuchs ist um so mehr zu wünschen, als die Schulzeit für die Fächer des jüdischen Religionsunterrichts außerordentlich beschränkt ist. Unser Religionsunterricht würde es sehr dankbar begrüßen, wenn das Leben, durch Spiele, der Schule zu Hilfe käme. Dem „Jüdisch-geschichtlichen Quartettspiel" des Herrn Dr. I. Bamberger ist daher von ganzem Herzen die weiteste Verbreitung zu wünschen. Dr. I. G o l d s ch m i d t, Qffenbach a. M. # — S ch i r e Ja at o w, gemischte und Mannerchöre, Soli und Rezitative für den israelitischen Gottesdienst mit und ohne Begleitung der Qrgel, komponiert von Alred Rose, Chordirigeut au der Synagoge in Hannover. Wohl selten erscheint aus dem Gebiete des Synagogengesanges ein Werk um* das vorliegende, gleichbedeutend an Umfang und wertvollem Inhalt. Der Komponist bietet darin die Schöpfungen seiner Bluse während -seiner 31jährigen Tätigkeit als Dirigent des Synagogenchors der Genwinde Hannover. Und gerade die Wirksamkeit au dieser Gemeinde mit ihren reichen gottesdienstlichen Traditionen hat seinen Kompositionen den Stempel ausgedrückt, wird doch auch der Künstler wie jeder Mensch in seinem Schassen und Wirken von seiner Umgebung bestimmt und beeinflußt. Wie Sulzer und Lewaudowsky nicht so Großes auf dem Gebiete der Synagogenmusik hätten leisten können, wären sie nicht an Gemeinden tätig gewesen, die, ihrem Wirken und Schaffen feines Verständnis entgegenbringend, in ihren mustergültigen Chören auch das Instrument geliefert hätten, um ihre künstlerische Ideen zu verwirklichen und immer neue Anregung und Förderung zu empfangen, so lassen auch die vorliegenden Schöpfungen des hannoverschen Chordirigenten in ihrer ganzen Art die befruchtende Förderung seines Wirkungskreises erkennen. Rose begann ja seine Wirksamkeit in Hannover zu einer Zeit, als ein Heros unter den deutschen Kantoren: Oberkantor Berggrün, dort seines Amtes waltete, und seine wunderbare Art des Vorbetens und seine künstlerisch durchgeistigte Gestaltung des Porbeterdienstes bilden den Geist, der überall das Werk Roses durchweht. Bei allen Kompositioneu, die uns in dem Schire Jaakow geboten werden, ist die traditionelle Stellung des Kantors als Hauptfaktor des jüdischen Gottesdienstes gewahrt; er tritt nicht, wie man das leider in den mehr oder minder reformierten Gottesdiensten findet, hinter dem Chor oder vielleicht sogar hinter dem Solisten des Chors zurück. So wird dieses Werk schon aus diesem Gruude von jedem Verehrer der traditionell jüdischen Art unseres Kultus mit Freuden begrüßt werden. Dazu kommt sein innerer musikalischer Wert. Der Kompouist ist in der Musikerwelt schon seit langem einesteils durch seine Klavierwerke Pädagogischer Art, andernteils durch sein Oratorien usw. aus das beste bekannt und geschätzt, und so braucht wohl kaum hervorgehoben zu werden, daß auch dieses Opus von reichern musikalischen Können zeugt. Alle Kuustformeu, wie Fuge, Kanorr usw., sind in kunstgerechter Weise veruwndet, die Harmonie ansprechend und charakteristisch, ohne gekünstelt zu sein. So zeigen auch alle Melodien gefällige und ansprechende Weisen. Als lobenswert muß hervorgehoben werden, wie Kantorsolo und Chor ein ununterbrochenes Ganzes bilden, so daß z. B. das ganze L'cho daudi, dessen zahlreiche Strophen in lebhafter Abwechselung von Kantvrsolo, Männerquartett und gemischtem Chor wie aus einem Guß erscheinen, ein fortlaufendes musikalisches Ganze ist. Bei der Fülle des vorliegenden Materials — es sind 105 Nummern von teilweise bedeutendem Umfange — ist es natürlich ausgeschlossen, die einzelnen Kompositionen einer eingehenden Besprechung zu unterziehen,so daß nur einiges aus dein vielen Gelungenen besonders hervcrgehoben werden kann. Es sind all die Texte, die bisher noch immer die Komponisten zur Vertonung ganz besonders reizten, auch mehrfach in Musik gesetzt worden, so Psalm 92 mit Psalm 93 viermal, L'cho daudi dreimal, ebenso das En kelauhenn und Aus- und Einheben. Dem Kantor im besonderen bietet die mehrmalige Vertonung des Kiddusch und der K'duscho willkommene Abwechslung. Die Verehrer der alten Mschoreriin-Art möchte ich da besonders auf den Wschomru in F-Moll Hinweisen, dessen Eigenart wohl manchem Zusagen dürfte. Die Behandlung der Kantorsvli zeigt, daß die Kantoren Hannovers über glänzende Stimmittel und Gesangstechnik verfügen und dadurch den Komponisten veranlaßt haben, die Vorbeterpartien nicht leicht zu gestalten. Daß der Komponist auch die Kantocrezitative des üblichen „Eugens" neu komponiert hat, vermag ich im Interesse einer Vereinheitlichung unseres Gottesdienstes wenigstens in Beziehung auf das Chasonus nicht gutzuheißen. Es mag ja dem Komponisten vorgeschwebt haben, ein in jeder Beziehung vollständiges Werk für den jüdischen Gottesdienst zu schaffen, aber trotz alledem ist nicht zu wünschen, daß die Verschiedenartigkeit des musikalischen Teils unseres Gottesdienstes noch erhöht werde. — Von der Reichhaltigkeit des Schire Jaakow möge auch die Tatsache zeugen, daß der Channkagottesdienst mit sechs größeren Kompositionen bedacht ist: ebenso bietet das Werk Grab- und Trauungsgesänge sowie eine wirkungsvolle Vertonung des Psalm 21 (Königspsalm). — So sind Reichhaltigkeit und musikalischer Gehalt des vorliegenden Werkes derart, daß jeder Groß- und Mittelgemeinde seine A n s ch a s f u n g auf das wärmste und angelegentlichste empfohlen werden kann. F a b i s ch, Göttingen. * — Neufeld, S., D i e halleschen Juden im Mittelalte r. Berlin 1915, Selbstverlag. 102 S. 8«. Der ausführliche Literaturnachweis an der Spitze der Schrift gibt euren Begriff von dem Sammelsleiße des Autors. — Verfasser beginnt seine Schrift mit einer topochronologischen Grundlegung. Das Vorhandensein von Juden in Halle vor Ablauf des ersten Jahrzehnts scheint durch Büschs Bericht über die Leichensteine, in Zusammenhalt mit der Erwähnung gleichzeitiger Juden in benachbarten Gemeinden, zur Evidenz erhoben. Angebliche Leiden zur Zeit der beiden ersten Kreuzzüge sind nicht nachweisbar. lieber die Lage der ältesten Judensiedelung (vor 1458) werden genaue Nachweisungen gegeben. Das folgende Kapitel zeigt die Juden unter unmittelbarer Herrschaft der Erzbischöfe, bis 1314 Burchard III. das Judendorf an das Kloster Neuwerk verschenkte. Die Frage der Mitleidenschaft am dritten Kreuzzuge wird gründlich untersucht: „Im Schutze des Klosters Neuwert und des Rates der Stadt leiden sie unter der allgemeinen Judennot der Pestjahre 1348—1349 und unter einer besonderen Verfolgung 1382. Das Judendorf ist seit Mitte 1352 au den Rat zu Halle verkauft. Die Juden gehörten dagegen weiter dem Erzbischof." Es folgt die Periode der kaiserlichen Schatzungen bis zur ersten Austreibung. 1434 wurden die Juden nach einem Volksaufstande aus Halle vertrieben, Erzbischof Günther II. bewirkte aber schon 1436 ihre Rückkehr. Doch, als Capistranus, der Schrecken aller Juden, auch in Sachsen hetzte, mußten die Juden 1458 Halle verlassen, haben sich aber noch in demselben Jahre, wie hier zum erstenmal urkundlich erwiesen wird, wiederum in Halle niedergelassen. 1493 wurden sie dann gänzlich aus dem Erzstift Magdeburg verbannt. In den drei Schlußkapiteln werden die wirtschaftliche Lage, die Rechtsverhältnisse und das Gemeindeleben besprochen. Für die Rechtslage bildeten die halleschen Schöffenbücher die Quelle, lieber die Geschichte des Rabbinats sind nur spärliche Nachrichten vorhanden. — Die gründliche Erstlingsarbeit des Verfassers läßt weitere Proben ernster Forschung erhoffen. Posen. . V Dr. Joseph Feilchenfeld.