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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-05-14 · Heft 20 (14.5.1915) · p. Seite 240

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 20 (14.5.1915)
Date
1915-05-14
Page
Seite 240 (sequence 12)
Language
German
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24Ö Und ich stand mehr als fünfmal auf und ging fort. Ach ... dort . . Sie berührte mit beiden Händen die eingefallenen Backen und schwankte nur so. „Das mar mehr als das Gejammer der Ettern. Ich konnte nicht . . Sie schwieg eine Weile, in einem schweren, tiefen Stöhnen rasch atmend. Jäh richtete sie das Haupt in die Höhe. „Und Sie? Wie hätten Sie getan?" Sie heftete auf mich die unruhigen, funkelnden Augen. Ueber ihr abgemergeltes Gesicht rannen Tränen in dicken, einzelnen Tropfen. Ich senkte den Blick. „Ich? . . . Kind, ich weiß cs nicht." Lrlekrüchtr. In der „Neuen Deutschen Rundschau" veröffentlicht Albert Leitzmann Mitteilungen ans Wilhelm v. Humboldts Reisetagebüchern, 1788/89. Darin heißt es unter anderem: „Humboldt kam am 24. September in Frankfurt a. M. an . . . Mit einem jungen Schwaben, Ludwig Friedrich Göritz, Hauslehrer in der Familie Torville, der ja auch Goethes Lilli an gehörte,^ der wenige Jahre darauf Schiller in Jenanahetreten, durste und uns nicht uninteressante Erinnerungen aus dieser Zeit hinterlassen hat, den Humboldt als einen „recht vernünftigen und guten Mann" bezeichnet, kam dieser in einem, orientierenden Gespräch über die politischen und kommerziellen Zustände der Stadt sehr bald auf eine Frage, die für Frankfurt von größter Bedeutung war: nnf die Judenfrage. Die Ansichten seines Gewährsmannes fand er sehr sonderbar. „Es war die Rede davon, daß ihnen verboten ist, die öffentlichen Spaziergänge Zll besuchen. Er entschuldigte -es mit zwei Gründen, die, wie ich wohl irr der Folge merkte, die Frankfurter zur Beschönigung ihrer Intoleranz erfunden haben. Der Spaziergang nämlich sei zu klein und die Juden in Frankfurt so zahlreich, daß sie bald die Christen davon verdrängen würden. Auch rauchten die frankfurtischen Juden beständig Tabak, welches die spazierenden Christennasen beleidigen würde. In der Tat, ein Magistrat, der befürchtet, daß 00 000 Juden 0000 Christen verdrängen, und der, um 31t hindern, daß man beim Spazierengehen nicht Tabak rauche, das Spazierengehen überhaupt verbietet, verdient wahrlich wohlfürsichtig zu heißen, wie ich ihn auf einem dem Rat dediz-ierten und mit allen Wappen der Staatsherren gezierten Kalender genannt fand. Schämen solle sich aber doch jeder Frankfurter, solche Gründe 31t wiederholen, und nicht sich und seine Mitbürger durch Beschönigung seiner Intoleranz einschlüferu." Diese eigenartigen Verhältnisse haben in Frankfurt noch zwei Dezennien hindurch in ähnlicher Weise fortbestanden, da erst im Gefolge der napoleonischen Reformen in einigen Staaten des westlichen Deutschlands das Ende des ersten und der Beginn des zweiten Dezenniums des neunzehnten Jahrhunderts den Juden die bürgerliche Emanzipation gebracht hat. Wir besitzen Schilderungen des jungen Geographen Karl Ritter, der als Erzieher des späteren Professors und Ministers Moritz August v. Bethmann Hollweg, dessen Enkel heute die Geschicke unseres Vaterlandes als Reichskanzler leitet, lange Jahre in Frankfurt gelebt hat, aus dem Jahre 1807, die von der gleichen Kalamität des Frankfurter Straßenlebens erzählen. Dalberg als Großherzog von Frankfurt von Napoleons Gnaden hat hier die Bahn gebrochen und alles getan, mn die erhitzten Gemüter der Frankfurter zu beruhigen und die feindlichen Brüder, die noch so sehr unreif zu wirklicher bürgerlicher Brüderschaft sich erwiesen, zu versöhnen. „Ten Juden war bisher verboten", berichtet Ritter, „in den Christenpromenaden sich sehen zw lassen. Jetzt versuchten sie es, darin spazieren zu gehen. Christenbürger prügelten sie darin durch und warfen sie hinaus. Die Juden brachten die Klage vor den Fürsten und dieser erlaubte sogleich ihrer Religionspartei, was ihnen vorher so schändlich versagt war. Aber bald fanden die christlichen Richter, daß die Juden kein Recht an diesen Promenaden hätten, weil sie einst vor Jahrhunderten nichts zu ihrer Anlage hätten beitragen wollen. Der Fürst wollte also kein Recht verletzen und nahm die Erlaubnis zurück, ließ aber nun einen Teil dieser fe ,rH engen und steifen Promenaden in eine englische Anlage verwände 11B und gab mm jedermann freien Zutritt. Die Juden machten dara i\m Seiner Hoheit ein kostbares Geschenk, eine silberne Urne mit GuhB gefüllt, nach alter asiatischer Vätersitte. Man glaubt kaum, uns erst wenig mehr als hundert Jahre von diesen Zustand „B trennen. Humboldt hat damals der Frankfurter Judengasse nichB einen besonderen Besuch abgestattet. Ueber Darmstadt war Hwi-B boldt am 7. Oktober nach Mainz gereist, wo er bis zum 10. oL'iB 11. blieb, und es war ein ganz besonderer Magnet, der ihn l) 'il so lange festhielt: das gastliche Haus Georg und Therese Förste w Von dort bemerkt er unter anderem: „Therese las uns vor. QleB: liest nicht schlecht, aber auch nicht sehr gut, bei weitem nicht Hel: Brendel (Dorothea Mendelssohn) .und Jette (Henriette Herz). I: Breslau. Regina Reißer. B Literarische Mitteilungen. I — Movements in Judaism. Z i 0 n i s m. By Richard I. H. Gr I* B heil, Philadelphia. The Jewish Publication Society of Amei aB 1914. B In englischer Sprache ist aus der Feder Gottheils ein Buch r-B schienen, das den Versuch macht, vom zionistischen Standpunkte a:sB eine zusammenhängende, kurze Darstellung der Ideen und der (• B schichte des Zionismus zu geben. Der Versuch ist leider mihluno i, B und das ist um so mehr zu bedauern, als man in Gottheit w n ■ Zionisten findet, der sich durch eine äußerst vornehme Gesinnung w > B zeichnet, der sich bemüht, den Gegnern des Zionismus gerecht »fl werden und der in den Grundfragen selber eine durchaus gemäßi. B Stellung einnimmt. Er gehört weder zu den radikalen Nationalist 11B noch zu den orthodoxen Heißspornen, und man könnte seinen Zion:B mus fast kennzeichnen als eine Folge seiner Einsicht, daß es t mi H anderes Mittel gebe, um die Einheit des Judentums zu erhalt n.fl In der Geschichte des Zionismus wird man naturgemäß relign \\ fl philosophische, volkswirtschast liche und politisch-historische E-lfl stehlmgsursachen und Entwicklungsfaktoren zu beachten und zu uni t | suchen haben. Gottheit hat versuchen wollen, die Bewegung als üB Ganzes zu schildern, und hätte demgemäß auch alle diese Entwickln u - B triebe berücksichtigen sollen, vielleicht hat er es auch gewollt. A •: B nur das wirtschaftliche Moment ist einigermaßen zu seinem Recht iu| kommen. Des religiösen geschieht mit Ausnahme einer Schilder. B misrachistischer Bestrebungen überhaupt keine Erwägung, lind 1 n B religiöse Fragen von tiefster Bedeutung für die Entstehung und E B Wicklung, vor allem aber bei der Ausbreitung des Zionistischen ' >B dankens eine unendliche Rolle spielen-, tut der Verfasser mit eiiiir nfl ganz belanglosen Sätzchen ab. Auf die philosophische Vertiefung . fl nationalen Gedankens logt er gewiß mehr Wert, aber in wie ß-l-B samer Weise das geschieht, geht aus dom Umstande hervor, daß > l B Name Nathan Birnbaum ein einziges Mal im Buche erwähnt w B und auch nur, weil er — die Kadimah in Wien gegründet hat! D 'B kleine Tatsache charakterisiert klarer als jede lange Kritik die ga;B Arbeit. Vom historischen Standpunkte vollends macht das 3M)B geradezu einen befremdenden Eindruck. In -einer Besprechung Stellung von Grätz und anderen modernen Historikern gibt Gottt■ glatt zu, daß der Fehler jener großen Geschichtsschreiber in der '}vtB bestehe, wie sie bas Judentum aus dem lebendigen Organismus; i'B Weltgeschichte herausreißen und es nun als Ding für sich betracht B Genau dasselbe tut aber Gottheit selber. Der Zionismus ersteht t B Leser seines Buches als eine Pflanze, deren Wurzeln nicht aus B allgemeinen Muttererde ihre Kraft ziehen, die andere Lust atmet imB von einem anderen Lichte beschienen wird, als alle anderen Wesen auf B weiten Welt. Gottheil hat es sertiggebracht, eine Geschichte i ■’* B Zionismus zu schreiben, ohne die Einwirkung der politisch 'B national-ökonomischen, religiösen und geistigen a l l g e m e i 11 11fl Weltlage zu untersuchen und zu 'berücksichtigen, und man kann ' B demgemäß vorstellen, wie unbefriedigend sein Buch wirkt. Gebe B ist es als eine Orientierung über den Zionismus vom zionistischeB Standpunkte aus, aber wer eine solche wünscht, dem ist immer m B weit mehr zu empfehlen, daß er die Lichtheimsche Broschüre, die tr- B ihres agitatorischen Hauptzwecks von jedem Gesichtspunkte aus Go B Heils Buch übertrifft, und zur Vertiefung in Einzelfragen das 3B nistische A-B-C-Buch zur Hand nimmt. Goldmann, Oppeln. fl

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