Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1915)
- Date
- 1915-04-09
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 im Felde vor vier Monoton zum Unteroffizier unb nunmehr 311m Lent- 11 i’.nt befördert loorden. e/S> Berlin, 4. April. Dos I ü d i s che Di ä d che n st ist, lothringer Straße 16, hat nach dem eben allsgegebenen Bericht das 2 5. Jahr seines Bestehens vollendet. Die von dem Vorsitzenden Professor Dr. S trelitz und dem Ehrenmitglied Frau Julie Neum a n n mitbearündete Anstalt hat von unscheinbarem Beginn sich zu segensreicher Wirksamkeit entwickelt. Sie hat über 200 unbemittelten Mädchen unentgeltlich Unterhalt und hanswirtschaftliche Ausbitdllllg gewährt. Von diesen sind 144 dem Dienstbotenberuf zngeführt und 2 7 für zwei- und mehrjährigen treuen Dienst bei derselben Herrschaft dnrch eine Prämie von je 40 Mark ausgezeichnet lvorden. >V. Posen, un März. Aus dem Feldpostbrief des Gefreiten Mar Hirsch von der ■>. Kompagnie des 40. Jn-fanterieregimenks ans Bolimolv (Rußland) an feine Mutter: Habe sieben ^eferthora iGesetzrollcn). die hier im Tempel aufbewahrt, vor dem Verbranntwerden gerettet. In der Synagoge waren russische Gefangene, darunter ein Jude nntergebracht. Dieser bemerkte, wie seine Mitgefangenen beim Feueranmachen im Ofen neben anderen Gegenständen auch eine Seserthora mitbenutzen wollten. Zufällig ging ein Zivilist am Tempel vorüber, und der jüdische russische Gefangene sagte ihm, das; er die Sfvrim an sich nehmen mochte. Der Posten, der die Gefangenen zu beaufsichtigen hatte, wollte es nicht zulassen, und so kam der Zivilist zu mir und bat, ich möchte ihm beim Netten der Thora behilflich fein. Ohne weiteres ging ich zum wachthabenden Offizier, machte ihm die Meldung, und dieser zeigte sich sofort bereit, mir behilflich zu sein, und lobte mich obendrein, daß ich so eifrig für die Nettnug der heiligen Gegenstände eingetreten bin. Er schickte einen Mann mit, der den Befehl erhielt, bei der Bergung der Shnagogengegenstände behilflich zu fein. Es kamen mehrere Juden zusammen, und gemeinsam trugen wir alles Nettbare ans dem Tempel, um es in Sicherheit zu bringen. So wurden die heiligen Utensilien vor der Wut der russischen Soldateska gerettet. Mir wurde von allen herzlich gedankt, und mit Segenswünschen verließ die Menge den Ort der bestialischen Verwüstung. VS Breslau, 2. April. Dem soeben erschienenen 72. Jahresbericht der Gemeinde-Neligionsunterriehtsanstalt, erstattet vom Nabbiner Professor Dr. Guttmann, entnehmen nur folgende Angaben: Im abgelausenen Schuljahr unterrichteten an der Neligions- '.mterrichtsanstalt II neben dem Direktor die Herren Dr. Sali Levi, Schönfeld, Moops und Dr. Julius Guttmann. Das neue Schuljahr begann mit 179 Zöglingen, neu hinzugetreten sind im Laufe des Jahres 68, so das; tut ganzen am Unterricht teilnahmcn: 247. und zwar 157 Knaben und 90 Mädchen. Außerdem nahmen an dem hebräischen Kursus teil 2l Mädchen und <; Knaben. Am 1. Februar 1915 betrug die Zahl der Schüler und Schülerinnen an der Neligionsunterrichtsanstalt II 2 50, und zwar 1.44 Knaben, 89 Mädchen und 26 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am hebräischen Kursus. Die der abnehmenden Schülerzahl wegen begonnener Zusammenziehung der halbjährigen Kurse in ganzjährige wurde in diesem Schuljahr zu Ende geführt. Im Sommerhalbjahr hatte die Schule noch folgende Halbjahrsknrse: K III b und KIMa; auch diese wurden im Winterhalbjahr beseitigt, so daß nur noch eine K III bestand. Für die zu Oktober eingetretenen Schüler und Schülerinnen wnrde der Ansängerkursns für Knaben und Mädchen, iit welchem die Anfänger im Winterhalbjahr in drei Wvchenstunden Hebräisch den Lehrstoff der Klassen K V bzw. K IV durchuehmeu, auch in dieiem Jahre wieder mit gutem Erfolg durchgeiührt. Am 7. Mürz d. I. ist Herr Dr. Levi als Feldprediger zur IX. Armee gegangen. Wir begleiten ihn -- heißt es im Bericht - mit unseren besten Wünschen für sein Wohlergehen in seine patriotische Tätigkeit und hoffen, daß sie mit Gottes Hilfe durch einen ehrenvollen Frieden einen baldigen Abschluß finden werde. Fl'tr s'.'.ine Vertretung sind die erforderlichen Anordnungen getroffen ivorden. Das neue Schuljahr beginnt am Dienstag, den 15. April. M. Hamburg, 29. Mürz. O b e r k a n t 0 r N. I. S ü ß k i n d , der Altmeister der jüdischen Kantoren Deutschlands', ist nach längerer Krankheit ans dem Leben geschieden. Der Berstorbene, der fast fünfzig Jahre in seinem Amte tätig war und ununterbrochen mehr als dreißig Jahre in den Hamburger Gemeindesynagogen sein Amt ausübte, zahlte zu den populärsten Männern unserer Gemeinde. Süßkind war im Besitz einer herrlichen Tenorstimme, die er bis ins späte Alter behielt. Sein Ruf als berühmter Chasan ging weit über Ham bürg hinaus, und gehört er unbestritten zu den bedeutendsten Kau toren des 19. Jahrhunderts. In feiner Jugendzeit ging ihm vielfacl ans Künstlerkreisen die Aufforderung zu, sich doch der Bühne zr widmen, damit die außergewöhnlich hohe Stimme -auch weiteret Kreisen zugänglich gemacht werde, aber Süßkind leistete allen Ver lockunaen Widerstand, er wollte seinem Berns treu bleiben, und tun zur Ehre Gottes sollte seine Stimme erklingen. Als der bekannt! Polliui noch Direktor nuferer Opernbühne war, da sah inan am Ver söhnnngstage und anderen Festtagen den Direktor und feine erste, Künstler häufig als Besucher der Shnagoge am Kohlhöfen, um den herrlichen Gesang Süßkinds zu lauschen. Mit dem unvergeßliche! Sontheim und anderen Sängern war der Verblichene befreundet, fi bewunderten alle seine unvergleichlichen Stimmittel; aus berufenen Munde hörte ich den Ausspruch: Mit Süßkind als Eleazar in de- „Jüdin" würden sich Millionen verdienen lassen. Auch als Komponistrat Süßkind verschiedentlich hervor, seine Kednfcha für die Feiertag und andere Syuagogengesänge werden in vielen Gotteshäusern, selb! in Amerika, noch heute gesungen. Als er vor mehreren Jahren au Wunsch seiner Söhne in den verdienten Ruhestand trat, wurde ei ganz besonders durch ein Anerkeumlugsschreibeu des Hamburgs Senats geehrt. Die Bestattung gestaltete sich zu einer gau bedeutenden Trauerkundgebung. Außer den Rabbinern Harn burgs und der Nachbarstädte hatten sich Mitglieder de- Gemeindevorstandes, des Repräseutantenkollegiums und Ab geordnete vieler anderer Institutionen eingefunden. De Vorsitzende des Kautoreuverbaudes, Herr M. H e n l e, und viel' andere Anitsgenosseu waren erschienen. Der Vorstand des Synagogen Verbandes und die Beamten waren vollzählig anwesend. Die Iah der Leidtragenden war so groß, daß nur ein geringer Teil in de'. Näumen des Tranerhauses Platz finden konnte. Die Gedenkrede hie!' Herr Oberrabbiner Dr. Spitzer, der einleitend betonte, daß e nach dem Gebot eigentlich nicht zulässig sei, im Monat Nissan Trauer reden zu halten, aber bei einem Manne, der fast ein Menschenalte mit seltener Pflichttreue.nicht nur als Beamter, sondern als Schliaa Zibur, als Sendbote der Gemeinde, tätig war, da sei es wohl ge stattet, eine Ausnahme zu machen. Anknüpsend an einen Bibelvergab der Geistliche dann dem Schmerz und der Trauer Ausdruck übe den schweren Verlust, den die Hamburger Gemeinde erlitten. Di herrliche Stimme, die mehr als vier Jahrzehnte in unseren! Syna gogeu zur Ehre Gottes ertönte, ist jetzt verstummt. Der Redner gadaun ein getreues Lebensbild des Entschlafenen, der sich nicht itu. durch seinen herrlichen Gesang die Gunst der Gemeinde erwarb, nein der auch durch seine Frömmigkeit und seine Eharaktereiaenschafte! die Wertschätzung aller Kreise fand. Sein Wirken wie! in der Hamburger Gemeinde nie vergessen itnd sein An denken stets in hohen Ehren gehalten werden. Mit Trostes Worten an die Hinterbliebenen schlvs; der Oberrabbiner seinen Nack ruf. Der imposante, fast unübersehbare Leichenzug, dem sich vie! -Hunderte von Fußgängern anschlossen, bewegte sich über den Bort Platz, bei der Gemeindeshuagoge vorbei, nach dem Ohlsdorfer Frier Hof, woselbst nach einer Trauerfeier in der Friedhosskapelle die Be setzung stattfand. — Leipzig, 2. April. Vom Schöffengericht in Leipzig wnrde de bekannte Antisemit Theodor Fritsch, der Herausgeber des in zwischen verbotenen „Hammer", wegen Beleidigung mehrere jüdischer junger Damen ans Mülhausen im Elsaß und Freibnrg ii Vreisaau zu 1 2 0 0 M a r k G e I dstrafe verurteilt. Er hatte ai: 15. Dezember vorigen Jahres im „Hammer" einen Artikel unter de Ueberschrift „Hebräische Franzosensreundinnen" veröffentlicht, in den er behauptete, daß bei der Ankunft französischer Gefangener in Mü! hausen jüdische Mädchen mit feindlichen Offizieren ans der Straü getanzt hätten, wobei der Sekt in Strömen geflossen sei. In Freibur' hätten sich ähnliche skandalöse Szenen bei der Ankunft von französische Gefangenen abgespielt. Der Angeklagte konnte einen Beweis für d: Wahrheit seiner Behauptungen nicht erbringen. Unter Berücksichtiguu des Umstandes, daß er dadurch den Burgfrieden gebrochen habe, uu daß er schon öfter wegen Schmähung der jüdischen Religion vor bestraft ist, wurde der Angeklagte zu der erwähnten hohen Geld strafe verurteilt.