Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1915)
- Date
- 1915-03-05
- Page
- Seite 120 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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fr -120 und wichtigste vaterländische Pflicht, heute verschärft, zur Anwendung bringen müssen. Von dem größeren o d e r g e r i n g e r e n V.e r b r a u ch unserer Vorräte hängt in. diesem Kriege die Widerstandsfähigkeit Deutschlands ab. Jeder Haushalt und jeder einzelne, jede Wohlfahrtsanstalt und jeder Betrieb hat die Pflicht, durch Sparsamkeit den Aushungerungsplan unserer Feinde zu vereiteln. Die Weizen Vorräte unseres Landes sind für Verwundete und Kranke a u f z u s p a r e n. Der G e - nuß von Kuchen bedeutet eine Ve r letzu ng der vaterländischen Pflicht. Mäßigkeit und Einschränkung in jeder Form, selbst am Sabbat und den Feiertagen sind geboten. Jüdische Frauen! Beweist eure Einsicht und Tüchtigkeit dadurch, daß ihr die vorhandenen Vorräte (Gemüse, Kartoffeln, Obst, Zucker, Fisch) bevorzugt, dagegen Fleisch und Fett spart und doch eine schmackhafte Kost bereitet! Einfache, richtig zusammengesetzte Kost ist euch und euren Kindern erfahrungsgemäß Zuträglich mit) auch kräftigend. Spart an Kohlen, benutzt Kochkiste und Kochbeutel! Belehret euch durch Flugschriften und Kriegskochbücher, die darin enthaltenen Nezcpte lassen sich sehr gut, der 'rituellen Küche entsprechend, übertragen. Lehret die Kinder, Achtung vor dem Brot zu haben, lehret sie, sparsam und genügsam sein, lehret sie, den Ernst der.Zeit verstehen, damit auch sie ihre Pflicht dem Vaterlande gegenüber erfüllen! * Berlin W 15, im Februar 1915. I ü dische Turners ch a s t. Bleibtreustraße 25. Lieber Turnbruder! Wir geben Ihnen heute eine allgemein gehaltene U e b e r - sicht über die Lage der Jüdischen Turnerschast und behalten uns vor. Ihnen demnächst einen spezialisierten Bericht zu geben. Der Krieg nnißte naturgemäß eine starke Erschütterung unseres Verbandes mit sich bringen. Einmal wegen des interterritorialen Charakters ulherer Organisation und dann wegen der Waffensähigkeit unserer Mitglieder. Der Zentralnusschuß ging in letzter Hinsicht mit gutem Beispiel voran. Ter Verbandsturnrvart Erich Burin (bereits mit dem Eisernen Kreuz dekoriert) und Herr Bialter traten sofort als Reservisten, Herr Dr. Münz als Arzt in die deutsche Armee. Unser Vorsitzender/Herr Dr. Straus, mußte in wichtigen jüdischen Dingen auf unbestimmte Zeit verreisen. So ist der Unterzeichnete die letzte Säule, die von verschwundener Pracht zeugt. Aber auch diese ist — wie bekannt — schon geborsten und sieht ihrer Einberufung entgegen. Unter diesen Pcrsoualverhältnissen konnte die Arbeitsmöglichkeit des Ausschusses naturgemäß nur eine beschränkte sein. Da die Vereine im ersten Kriegsschreck zunächst alle ihre Zahlungen einstellten (soweit sie gewohnt waren, im Frieden solche zu leisten), mußte sich unsere Arbeit auch ans finanziellen Gründen stark reduzieren. Wir mußten sofort davon absehen, unsere .„Monatshefte" weiter erscheinen zu lassen, da wir auch nicht im entferntesten daran denken können, dieselben zu finanzieren. Und „Kredit" ist jetzt ein verpöntes Fremdwort! Das Nichterscheinen der Zeitung trifft unsere Organisation außerordentlich schwer, da sie stets ein wesentliches Mittel war, unseren Zusammenhalt zu betonen. Als die Zeitung erschien, lvurden die Klagen über sie llicht still. Jetzt, wo sie schweigt, schreiben uns — zu unserer großen Freude — fast täglich Vereine und einzelne Turnbrüder sowohl aus der Heiniat wie aus dem Felde, wie sehr sie sich nach „unserer" Turnzeitung sehnen. Diese Sehnsucht ist uns der beste Beweis, wie sehr sich unsere Mitglieder der Turnerschaft verwachsen fühlen und wie sehr die Aussprache in unserem Organ dein Bedürfnis jedes einzelnen entspricht. Trotzdeui müssen wir leider von der Herausgabe der Zeitung vorläufig absehen und uns mit längeren Berichten zufrieden geben. Das Aufhören der Zeitung brachte die Gefahr, das Gefüge unsererOrganisation zu lockern. Wir bemühten uns deshalb, durch häufige Rundschreiben den Zusammenhang mit den erreichbaren Vereinen aufrecht zu erhalten. Wir gaben unseren Vereinsvorständen die unbedingte Parole „durchz u h a l t c n", wie schwer sich auch die Verhältnisse gestalten mögen. Wir glauben, den Vereinen in dieser Hinsicht mit gutem Beispiel vorangcgangen zu sein. Als ein weiteres Mittel zur Ausrechterhaltung unserer Oiganisation diente uns der „L i e b e s g a b e n d i e n st". Wir hielten es für unsere selbstverständliche turnbrüderliche Pflicht, für unser! kämpfenden und verwundeten Freunde nach Kräften zu sorgen. Das ent spricht der Auffassung von Turnbrüderlichkeit, die glücklicherweise bei uns die herrschende ist. Wir schufen uns durch öffentliche und private Pro paganda zunächst die nötigen materiellen Unterlagen an Geld, Wolle Liebesgaben aller Art. Brauchen wir Ihnen hierüber erst zu berichten' Wir verschicken fast alle vierzehn Tage ungefähr dreihundert Sendunger und hoffen, daß Sie bisher stets Ihren Anteil erhalten haben. Zahl lose Feldbriese beweisen uns täglich, wie sehr sich unsere Freunde mi den Gaben freuen und bieten uns den schönsten Tank für unsere — nich geringe — Mühe. Ter Liebesgaben dienst und die Kontrolle der Verein sind momentan unsere wichtigsten Arbeitsgebiete. Aus Mangel an Gell und Menschen müssen wir vorläufig auf andere Pläne verzichten. — So viel über die Tätigkeit unserer Zentrale!. Wie sieht es mit den ein zelnen Kreisen aus? Aus leicht erklärlichen Gründen haben wir vor unseren t ü r k i s ch e n , p a l ä st i n e n s i s ch e n, g a l i z i s ch e n uni den Balkanvere i n e n seit Kriegsbeginn nichts mehr gehört uni können auch vorläufig nicht mit ihnen rechnen. Mit besonderer Wchmu gedenken wir unserer treuen Freunde in Galizien. Was mag aus ihner geworden sein? Was werden die russischen Horden von unseren liebei Turnbrüdern und Turnschivestern verschont haben? Mit banger Sorgsehen wir ihrer Zukunft entgegen. So sind Oesterrei ch und Deutschland die einzigen Länder, di> uns Arbeitsnwglichkeiten gewähren. Vom - wcstö st erreichis ch e i Krei sv orstand ist nur' der wackere Bor sitzende, Herr Kien, auf den Posten geblieben. Er versucht, so gut es eben gehen will, die dortiger Vereine Zusammenzuhalten. Die größeren Vereine (Wien, Prag, Brüui und einige andere) hatten durch. Naturgemäß liegen die Dinge in Oester reich noch schwieriger als bei uns. Um so dankbarer sind wir dei Freunden für ihr Aushalten in dieser schweren Zeit. Neben unserer eigentlichen Aufgaben widmen sich Misere Vereine der allgemeinen Kriegs für sorge und speziell den aus Galizien geflüchteten Stannuesgerwssen Wir hoffen, Ihnen bald Genaueres berichteten zu können. Der deutsche K r e i s v o r st a n d steht ganz unter Waffen, bis an Fräulein Lene Cohn, die auch wohl vorläufig nicht eingezogen wird. & hat der Unterzeichnete die Funktionen des Kreisvorstandes mit erledig) In Deutschland liegen die Verhältnisse bedeutend günstiger, als Sie woh anzunehmen geneigt sind. Es steht zwar eine ganz erhebliche Zab unserer besten Turner unter den Fahnen. Aber die zu Hanse Gebliebener fühlen die starke moralische Pflicht, jetzt mit doppelter Energie zu wirken, und so wird der Mangel an Arbeitskräften durch erhöhten Arbeitswille! ersetzt. Unsere größeren Vereine (Berlin, Hamburg, Frankfurt a. Ni. setzen ihre Tätigkeit fast ungestört in allen Abteilungen fort. Aber selb) kleinere Vereine (wie Stettin, Köln, Halberstadt, Nürnberg, Kattowsi München) halten zu unserer Freude ihre Tätigkeit aufrecht, und wir sin unseren Leuten auf diesen schwierigen Posten zu besonderem Dank ver pflichtet. „Durchhalten" ist die Parole des Tages und sie gilt auch für di Jüdische Turnerschaft. Jeder einzelne von uns wird, solange er ai seinem Posten steht, seine besten Kräfte unseren Idealen weihen, un' wenn unsere Soldaten heimkehren, werden wir vereint mit doppelte Kraft und doppelter Freude uns unserer gemeinsamen Arbeit widme) um aufzubauen, wo der Krieg zerstörte. In dieser Hoffnung begrüße mir Sie aufs herzlichste. A u s s ch u ß der I ü d i s ch e u T u r n e r s ch a f t. Henry Unna. * Cincinnati, 3. Februar 1915. Herr Redakteur! Zu der Notiz in Nr. 2, S. 16, Ihres gesch. Blattes möchte i.i bemerken, daß Moses Alexander nicht nur im Staate Idaho, soi dern überhaupt in den Vereinigten Staaten der erste Jude ist, de. das Amt eines Gouverneurs bekleidet. Die einzige etwaige Aufnahme wäre Franklin I. Moses, der 1870 Gouverneur von Süd Karolina war und nach unrühmlicher Führung vom Amte en sernt wurde. Er war der Sohn eines jüdischen Vaters, des Obe) richters Montgomery Moses, und einer christlichen Mutter uu' wurde als Christ erzogen. Er starb im Elend am 11. Dezembe 1906. Moses Alexander ist am 13. November 1853 in Obrigheü geboren, ließ sich 1891 in Boise nieder, war Zweimal, 1897 «n1 1906, Bürgermeister der Stadt und nimmt an jüdischen Angelegenheiten aktiven Anteil. Gotthard Deutsch. t