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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-02-19 · Heft 8 (19.2.1915) · p. Seite 91

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 8 (19.2.1915)
Date
1915-02-19
Page
Seite 91 (sequence 7)
Language
German
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Öl kleine Kinder ziehen zu Fuß tagelang, obgleich das Ziel ihrer Wan-! derung, die einzige Stadt, die sie beherbergen kann, Warschau, mit! der Eisenbahn in einigen Stunden zu erreichen wäre. Unsägliches j Elend, unmenschliche Qualen und Entbehrungen begleiten sie! auf ihrer Wanderung. Nicht selten sind unterwegs Todesfälle! von Kindern und vorzeitige Entbindungen. Man schreitet in Nacht > und Sturm, und die Panik, die sich der Ausgewiesenen bemächtigt,! ist so groß, daß Mütter ihre Säuglinge verlieren. Wenn sie zu ihrem Schrecken dessen gewahr werden, finden sie das Kissen, worauf sie das Kind trugen, leer: das Kind ist in der Dunkelheit unbemerkt entglitten. In einem Petersburger Blatt („Nowy Woskhod", Nr. 43—50) wird nach den Worten eines Flüchtlings die Ausweisung der Juden aus Grodzisk wie folgt geschildert: Gegen 2 Uhr nachmittags war die ganze Landstraße, die nach Warschau führt, von der jüdischen Bevölkerung Grodzisks dicht besetzt. Es waren ungefähr 1500 Familien, darunter etwa 300 der im Felde stehenden Soldaten. Alt und jung, Frauen und Kinder, Schwangere und Wöchnerinnen, Kranke und Krüppel, alle schleppten sich angstvoll und mühsam dahin. Gegen 5 bis 6 Uhr abends erreichten sie die Ansiedelung Blone, 12 Werst von Grodzisk; man ließ sie aber in Blone nicht hinein; auch ließ man sie nicht die Landstraße passieren, die durch Blone führt, man zwang sie vielmehr, die Allste dl ung vorbei über eine überschwemmte Wiese weiter zu gehen. Auf den naheliegenden Feldern pflückten sie Sonnenblumenhallne, die Männer zogen ihre Kaftane aus, belegten damit die überschwemmten Stellen und trugen dann aus den Händen die Kinder und Frauen nach der Landstraße hinüber. Dort stießen sie auf Militärpatrouillen, die von ihnen Passagierscheine forderten. . . . Inzwischen wurde es finster. Es war eine feuchte, stürmische und kalte Nacht. Der schlammige Weg erschwerte jeden Schritt vorwärts, lind fortwährend tauchten Soldakenpatrouillen auf, die die Unglücklichen grausam mißhandelten, ihre Kleider durchsuchten und sie ausplünderten. Eine Frau wurde unterwegs von einem Kinde entbunden, eine andere erlitt eine Fehlgeburt, die dritte starb auf der Landstraße. Dieses Bild darf als typisches gelten. Die Ausweisungen der Juden aus andern Ortschaften fügen ihm nur noch einige grauenvolle Einzelheiten hinzu. So wird über die Ausweisung der Juden aus NU)schinetz, Gouvernement Lomscha, dem erwähnten Blatte folgendes mitgeteilt: Etwa 300 jüdische Familien mit Frauen und Kindern - die gesamte jüdische Bevölkerung von Mhschinetz — zogen zu Fuß nach dem Dorse Zinrit; aus ihren Synagogen nahmen sie aus den Weg die Thorarollen mtt. Sie ließen sich auf dem feuchten Erdboden llieder ilnd entsandten Fürsprecher zum Militärkommandanten ins Dorf Kojasidlo. Sie baten um die Erlaubnis, nach ihrem Wohnsitz glrückkehren zu dürfen, es wurde ihnen aber kein Gehör geschenkt. Diese grauenvolle Nacht unter freiem Himmel werden sie wohl alte! nie vergessell. Unter Absingen von Psalmen lagen sie im Felde und! erwarteten ungeduldig den Anbruch des Tages, um weiter zu wandern. Die von den Allsgewiesenen zurückgelassenen Habseligkeiten wer- * den sofort von den Soldaten und Hooligans fortgeschleppt; Läden sowie Privatwohnungen werden vollständig ausgeplündert. Das ist ein ungefähres Bild von den Schrecken, die die Ausgewieseuerl auszustehen haben. Nach den sehr unvollkommenen Angaben, die die russische Militärzensur durchsickern läßt, wurden die Juden bisher aus folgenden Ortschaften ausgewiesen: aus Grodzisk, Skernewice, Sochaczew, Lowlcz, Gora Kalwarija, Nowo Alexandria, Kozenic, Jwangorod. . Heber 100 000 jüdische, unfreiwillige Flüchtlinge sammelten sich in Warschau an. Damit nicht genug werden die Juden unter den nichtigsten Vorhänden vor Feldgerichte gestellt, die sie zum Tode durch den Strang oder zur Zwangsarbeit und Verbannung verurteilen. Und wenn selbst die „Feldjustiz" irgendwelche Beweise für ihre Schuld nicht Austreiben kann, werden die Juden dennoch -einer entehrenden Körperstrafe unterworfen und für die Dauer des Krieges aus ihrem Wohnsitz verjagt. Von dem wilden Toben der Kosaken wollen wir schon gar nicht i reden. Einen Juden niederzumachen oder mindestens zu berauben, i :st ein gewöhnlicher Sport der Kosaken geworden, die selbstredend dafür unbestraft bleiben. - Um all diese Scheußlichkeiten zll rechtfertigen, verbreitet die Negierung die Verleumdung, daß die Juden den deutscheil Truppen Dienste leisten; eine Verleumdung, ersonnen von denselben Dunkelmännern, die den Bellis-RitualmordP-rozeß inszeniert haben und bisher noch das Negierungsruder führen. Wahrlich, maßlos ist die Unverfrorenheit der russischen Regierung! Ueber eine Viertelmillion Juden ist unter die Soldaten gesteckt, vielen von ihnen sind Tapserkeitsmedaillen, Orden und Auszeichnungen im Felde verliehen worden. Mit einer Ueberschwänglichkeit sondergleichen lobte die Regierungspresse den Patriotismus der Inden, ihre zahlreichen patriotischen Kundgebungen, ihre Sammlungen für verwundete Krieger und deren Hinterbliebene, den freiwilligen Dienst vieler junger Juden usw. usw. Der Zar selbst hat in einer Reihe von Städteil jüdische Deputationen einpfangen ulld bat jedesmal, den Juden seinen Dank für ihre „Liebe und Treue" zu übermitteln. Und dies alles hindert dieselbe Negierung aber keineswegs, zur gleichen Zeit durch ihre Zeitungsreptilien und durch die oben geschilderte Handlungsweise der Militärbehörden die russische Bevölkerung glauben zu machen, daß die Juden gemeine Landesverräter seien. Ist noch irgendwo in der Welt ein derartiges ruchloses Spiel mit der Ehre, dem Leben und dem Hab und Gut von Millionen friedlicher Bürger denkbar? Der Zweck dieser Politik ist klar: Die Fabel vom Landesverrat der Juden, in Umlauf gesetzt während des Krieges, in einen: Moment äußerster Erregung, soll das vollbringen, was die Legende vom jüdischen Ritualmord nicht in genügendem Maße vermocht hat, nämlich einen Haß gegen die Juden erwecken, eine Rachsucht in den breitesten Schichten der russischen Bevölkerung aufstacheln. Auch soll diese Fabel der Regierung im Notfälle dazu dienen, den Groll der Bevölkerung gegen den Zarismus auf die Juden abzuleiten. Bürger aller K u l t u r l ft n d e r! Möge die lebhafte Entrüstung, die diese Tragödie eines Millionenvolkes, das von der verwerflichsten polizeilichen Autokratie des eigenen Landes so grausam verfolgt wird, überall Hervorrusen muß, den Zarisnms drohend daran erinnern, daß auch jetzt, wenn der ungeheuerliche Krieg die Stimme des Rechts so oft verstummen läßt, seine Greueltaten vom öffentlichen Gewissen der zivilisierten Welt an den Schandpfahl festgenagelt werden. A u s l a n d s k o m i t e e des A l l g e m c i n e n I ü d i s ch eit A r beit e r b u n d e s i n Litauen, Pol e n u n d R u ß l a n d („B u n d"). Die Antisemiten und der Krieg. Von Lehrer A. Rothschild, Achim-Bremen. m antisemitischen Lager wird es wieder rege. Die an- \ sangliche Begeisterung für die bedingungslose Verbrüderungsidee ist plötzlich wieder ins Schwanken geraten; an deren Stelle ist wieder der grundlose Haß gegen die kulturfördernden Juden getreten . . . Jetzt schon, wo nach der Weisung unseres obersten Kriegsherrn jedes Parteigezänk verstummen sollte, wissen jene Herren ihre Zeit nicht anders totzuschlagen, als Heßartikel gegen die Inden zu schreiben, um einen Mißklang in die schöne Harmonie zu bringen. Haben denn jene Herren gar kein Verständnis für unsere große Zeit. Wie unsere Militärbehörde über das Treiben jener Volksvergifter denkt, hat sie ja in diesen Tagen bewiesen dadurch, daß sie für die Dauer des Krieges das Erscheinen der «Staatsbürgerzeitung"' verboten hat. Es ist ringlaublich, aber wahr, daß es einige Vertreter des antisemitischen Lagers in stannenstverter Weise mit Antisemitenlogik fertiggebracht haben, uns die Schuld des Krieges 1914 in die Schuhe zrr schieben. Und kein anderer war dieses — als Will). Schwaner, der -Herausgeber des «Volkserzieher", der auf der Stirn die schönen Worte stehen hat: „Der Selbsterzicher zu Weisheit, Schönheit und Stärke, der Bücherfreund für Kunst, Religion und Wissenschaft." Schwaner ist der Ueberzeugnng, daß die Juden den Krieg verschuldet haben. Wird er »ns — als die Urheber — auch

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