Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1915)
- Date
- 1915-01-29
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
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der Stimme der Gerechtigkeit lauschen und dabei seinen eigenen Vorteil bedenken, so könnte es Millionen entrechteter und geknechteter Wesen zu sreien und nützlichen Bürgern erziehen. Aber dann müßte Rußland eben aufhören — Rußland zu sein. * Der „München-Augsburger Abendzeitung" entnehmen wir folgende Notiz: Die „Times" behandeln in einem ausführlichen Artikel die Teilnahme der englischen Juden am europäischen Kriege. Nach den Worten des genannten Blattes sollen die englischen Juden außerordentlich stolz darauf sein, daß die Zahl derer so groß ist, die sich sofort nach dem ersten Werberuf in den Dienst des neuen Vaterlandes gestellt haben. Vor der Kriegserklärung dienten 500 Inden in der britischen Armee, jetzt aber sind es 5000, darunter 450 Offiziere, in Armee und Marine. Entsprechend der Gesamtzahl der in England lebenden Juden waren aber nur 3200 Freiwillige zu erwarten. Die Inden dienen auch in der Kolonialarmee: im kanadischen Korps sind 200, darunter viele russische und rumänische Emigranten. Auch in den Kontingenten aus Australien, Nen-Gninea dienen viele Juden. Besonders groß soll die Zahl der Inden in den südafrikanischen Regimentern sein. Von den jüdischen Freiwilligen im englischen Heere entfällt die Hälfte auf solche Familien, die die englische Naturalisation erworben haben. In den Berichten des Generals French lverden des öfteren jüdische Offiziere lobend erwähnt, vor allem nmrde der Name des besten englischen Fliegeroffiziers, Maricks, wiederholt genannt, der einer in England naturalisierten jüdischen Familie angehört. Der oberste Rabbiner Englands, Mr. Adler, wird sich in der nächsten Zeit zu den Truppen tit Nordfrankreich begeben, und mit Genugtuung konstatieren die „Times" die Tatsache, daß zum erstenmal ein jüdischer Geistlicher unter englischen Truppen auf dem Schlachtselde weilen wird. Die Juden i n d e r T ü r k e i. Aus Konstantinopel wird geschrieben: Die Behandlung der Israeliten in der Türkei mußte seit dem Ausbruch des Kampfes der Türken gegen den Dreiverband Gegenstand erhöhter Aufmerksamkeit in diplomatischen Kreisen lverden. Beholfen lverden. Im .allgemeinen muß allerkannt, lverden, daß die Türkei sich gegen die Angehörigen der ihr feindlichen Ni ächte humaner verhält als etwa Rußland, Frankreich und England gegen die in ihrer Gewalt befindlichell Deutschen. Der alte Ruhm der türkischen Toleranz gegen Andersgläubige hat auch in diesem Kriege noch uicht aelitteu. * Die „Deutsche Montagszeitung" veröffentlicht nachstehenden Artikel eines Universitätsprofessors, der „seine jüdische Rasse und Religion" betont lvissen will: Das König r e i ch I li d a. „Dü Zeitung „Globe" beschäftigt sich in einem längeren Artikel mit der Zukunft Aegyptens. Das Blatt gibt offen zu, daß die Erklärung des Protektorats über Aegypten nur als provisorisch bezeichnet lverden könne, und daß eine definitive Einverleibung früher oder später vor genommen lverden müsse. Es entsteht jedoch daun für England die Frage, wie das ueuerworbene Land vor sicherlich sortlvährend erfolgenden türkischen Einfällen aus Syrien her zu schützen sei. Eine Ausdehnung des Protektorats über Palästina beziehungsweise -eine Einverleibung auch dieses Territoriums in das britische Reich erscheint dem „Globe" ans verschiedenen Gründen nicht als opportun. Es muß also ein neutraler Pufferstaat zwischen Aegypten und die Türkei gelegt lverden, und der „Globe" kommt allen Ernstes zur Schlußfolgeruue, dein Ideal der Zionisten zu folgen, und ein neues Königreich Inda mit der Hauptstadt Jerusalem zu gründen." G. Sender kehrer an der jüdischen Lehrerbildungsanstalt in Berlin, Inhaber des Eisernen Kreuzes \. und 2. Klasse, wurde zum Offizier ernannt. sonders der amerikanische Botschafter Herr Morgenthau hat sich die Sache seiner Glaubensgenoffen angelegen sein -lassen und fand dabei die Unterstützung seines deutschen Kollegen, Baron Wangen« heim. Beide erreichten, daß die russischen Juden olyne Erfüllung der wnst vorgeschriebenen Förmlichkeiten gegen eine Entrichtung von lO Francs pro Kopf sogleich otto-manische Staatsangehörige lverden konnten. Dafür war eine Frist bestimmt, die von den Israeliten in einer Reihe von Fällen nicht eingehalten wurde. Dies führte dazu, daß einzelne Juden ausgewiesen und nach Aegypten gebracht wurden. D-em Eingreifen Morgenthaus und Wangenheims gelang es aber, eine Verlängerung der Frist dnrchznsetzen. Zlvangsmaßregetn znm ilebertritt der Israeliten in die türkische Staatsangehörigkeit sind weiter nicht angewandt worden. Die nicht übertretenden russischen Juden haben allerdings keine Bürgschaft, daß sie im türkischen Reich säuernd bleiben können. Es ist dien Umständen nach nicht möglich, 'ür russische Israeliten eine bessere Behandlung zu erlangen als 'ür die russischen Christen, die ausgewiesen worden sind. Oertlichen Belästigungen von Juden, besonders in türkischen Provinzialstädten, kann durch die Konsuln Deutschlands' und der Vereinigter: Staaken und durch die Botschafter beider Mächte «irr Konstant!nopel abge¬ Eine Meldung, die Reuter in die Welt geschickt hat, und die mnnentlieh irr fast alle russischen und polnischen Zeitungen nbergrgangen ist. Merkt man was? Merkt mau, worauf diese neue englische „Feinheit" hinzielt? England verspricht wieder einmal, mit seiner Politik des Nützlichen die Betriebsamkeit des Philanthropen zu binden. Es spekuliert. Es beabsichtigt eine ..Captatio Brnevoirnimo“ der jüdischen Bevölkerung aller Länder, namentlich der Polens und der mit England im Kriege befindlichen Staaten. Die Gefährlichkeit d-es jüdischen Ferments hat sich in Polen erwiesen, lvo die Juden fast ausnahmslos offen oder heimlich mit den Feinden des Zarentums gingen. Kein Wunder da dieses Zarentnrn o;e Juden Rußlands und Polens im Frieden mit einem Griff, der kaum uoch Raum zum Atmen ließ, umklammert hielt. Die überklugen Politiker mi der Themse möchten dies Ferment auch einmal im umgekehrter: Sinne wirken lassen. Kein übler Gedanke: plötzlich im geheimsten Herzen aller internationalen Judeuschaft Begeisterung für Albious Hochherzigkeit keimen zu lassen. Die Juden in Polen sind augenblicklich mitentscheidender Faktor für den Ansgang des Kampfes. Die Inder: Lesterreichs sind ein enormer Bruchteil der Gesinrrtbevölternrrg der Monarchie, also namentlich infolge ihres geistigen Ueberaervichts stark mitbestirnmend für die Haltungdieser Bevölkerung. Und gar die Juden Deutschlands! Sie sitzen zum überrviegeuderr Teile au den Schalthebeln des deutschen Wirtschaftsapparates, von dessen rveiterem prompten Funktionieren oder Nichtsnnttiorneren das Schicksal des Krieges schließlich abhängen wird. Wär's nicht ein echt englischer Erfolg, im Laufe dieses Krieges durch -eine judenfr-eundli-che Großtat sich allenthalben ans der Welt Serrrs Sarnen irr -aller Stille geneigt zu machen, so daß er, mit seinen geheimsten Gedanken, nicht mehr die Niederlage, sondern den Sieg Englands rmd seiner Bundesgenossen rvünscht-e! Wäre das nicht schon ein halber Sieg? Der Versuchsballon, der: England ausgeschickt hat, mag es lehren, daß das Exempel falsch ist. So naiv, an irgendeine wie immer