Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1915)
- Date
- 1915-01-08
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Stock hinulltergesaust." - „So wird -es auch Warschau ergehen." — „O nein. Mir sagte Salomon Thal-er, daß der Gouverneur den Deutschen gedroht hat, er werde alle Geiseln erschießen lassen, wenn auf Warschau auch nur eine einzige Bombe geworfen wird." Dann mit gedämpfter Stimme: „Daß sie immer nur von den Deutschen schlecht reden! Und was tritt sie selbst? Wo diese Hunde von Kosaken hinkommen, ist es schlimmer wie nach einem Feuer. In Woloczhska sind alle Häuser zerstört ltnd ausgeplündert, alle Schränke gewaltsam geöffnet, alle Häuser niedergebrannt worden. Und dabei ist das ein russischer Ort. Mit den Juden sängt es an, dann verlieren sie den Kopf und machen sich an die Polen und an die Russen. Haben sie nicht sogar die Wohnung eines Popen geplündert?" — „Alle Borwände sind gut, wenn es gilt, die Kinder Israel ein bißchen niederznineßeln!" Da fällt mir ein Kosakenhetman ein, den ich vor einigen Tagen in der Nähe von Warschau in einem Eisenbahnzuge traf. Er hatte ein Rennenkampfgesicht und die Haut seines Halses war rissig und runzlig wie ein alter Stiefel. Wenn er sprach, hopste er fortwährend auf der Bank hin und her, wie wenn er auf dem Pferde säße, und er war beweglich wie eine Ballerina. Als er bei vertraulichen Mitteilungen an gelangt war. schilderte er mir mit dichterischer Phantasie den großen Russenmarsch nach Königsberg vor der großen Niederlage: „Was für ein Ritt, was für ein romantischer Ritt! Ich habe etwas Aehnlich.es weder im türkischen noch im japanischen Kriege erlebt. In den Häusern waren die Keller voll Rheinwein und Champagner. Und als wir wieder umkehren mußten, nahm jeder als Beute mit sich, was er nur. konnte. Ich füllte mir die Taschen mit Uhren, nur zur Erinnerung natürlich...." Tie Kanone verliert die Geduld und wird heiser. Offene Omnibusse fahren vorüber: drin sitzen schweigend, den Kops auf die Brust geneigt, Verwundete. Auch aus Schlachtertvagen kommen sie, und viele kommen hinkend zu Fuß; sie sehen apathisch aus und haben lange Bärte. Wenn die Nacht herniedersteigt, liegt die in Finsternis begrabene Stadt wie ein großes Geheimnis da. Wer ans die Straße muß, schleicht gesenkten Hauptes an den Häusern hin. In der Stille der Nacht scheinen die unermüdlichen Kanonen an Energie zu gewinnen und näherzukommen. Sie sind hartnäckig. Werden sie denn nie Schlaf finden? ... Von Msh mM ffern. -- Die iS) r o ß löge f ü r Deut s ch Land VIII 11. £. B. B. hat der ottomanischen Botschaft in Berlin zugunsten des Noten Halbmondes TOGO Fr au es übersandt. Ferner hat die Lessing-Loge ll. C. B. B. in Breslau durch die Großloge 200 Mark Tür denselben Zweck übermitteln lassen. Zum Besten d e r K r i e g s s p e i s e a n st a l t der Tvhnbee - Halle findet am Sonntag, 10. Januar, mittags 12 Uhr im Gotteshaus der I ü d i s ch e n R e f v r nt g c m einde, Johannisstraße 16, ein Wohltätigkeitskonzert statt. In Anbetracht des guten Zweckes haben ihre freundliche Mitwirkung znaesaft: Erna Denera, Irene T r i e s ch , Gina G o e tz - £ e v h , Coro elis B r o n s g e e st , Karl S t a b e r n a ck, Felir R o b e r t Nc e u d e l s s o h u und der Chor der Jüdischen Reformaemeinde unter Leitung von Kapellmeister Eduard L e v y. Billetts bei Bote u. Bock, Wertheim und int Bureau der Jüdischen Reformgemeinde, Johannisstraße 16. - Das Sti - pend i n m der Adolf- G i n s b e r g -Stift u n g an der Königlichen Akademischen Hochschule für die bildenden Künste ist für 1015 durch Beschluß des Kuratoriums in Höhe von 2000 Mark an den Studierenden, Maler Kurt Haase ans Jastrow, verliehen worden. Wie der Verein Freunde der T a u b st u m m e n . Jedide olminti - im Inseratenteil dieser Nummer anzeigt, können tanbstnmmi'! jüdische Kinder aus dem ganzen Deutscheil Reiche zum April d. I. in der Taubstummenanstalt zu Berlin- Weißensee aufgenonnnen werden, gegebenenfalls in Freistellen. — Der Leiter des E a s p e r L a ch m a n n s ch e n P r o v i n z i a l - w a i s e n h a u s e s in Graudenz, Herr M a x B l n m e n f e l d. ist in Anerkennung seiner großen Verdienste um das Waisenhaus und der zehnjährigen Tätigkeit an demselben von der Verwaltungsbehörde dieser Anstalt zum „Waisenhausdirektor" ernannt worden. — Aus Löbau in Westpr. wird uns geschrieben: Unser Heer mußte zeitweise die russischen Grenzbezirke aus strategischen Gründen räumen. Große Teile der polnisch-russischen Juden verließen darauf fluchtartig aus Furcht vor den anrückenden Kosaken ihre Heimat und zogen nach Westpreußen und Posen. So haben wir denn in Deutsch-Ehlau, Löbau, Lautenburg, Strasburg usw. diese polnisch-jüdischen Familien als Flüchtlinge bei uns vorübergehend ausgenommen, zumal diese Flüchtlinge durch amtliche Bescheinigungen unserer Heeresleitung genügend legitimiert waren. Wir wissen wohl, daß in Friedenszeiten diesen polnischen Juden in Westpreuheu der Aufenthalt Polizeilich nicht immer gestattet wurde. Jetzt wurde infolge Maßnahmen nuferer Heeresleitung ihnen für den zeitweifen Aufenthalt bei uns kein Hindernis in den Weg gelegt. Im November und Dezember sind unsere Truppen wieder siegreich gen Warschau gezogen, und so wagten es auch diese polnisch-jüdischen Flüchtlinge, ihre Heimat wieder aufzusucheu, im Vertrauen auf den Schutz unserer Truppen. — In Görlitz ist am- 28. vorigen Monats Kommerzienrat E. Alexander - K a tz, eine in Schlesien weithin bekannte Persönlichkeit, hu Alter von 82 Jahren verstorben. Er war der Seniorchef der bekannten Firma Albert Atexander-Katz, die im Getreidehandeb Niederfchlesiens eiire führende Rolle spielt. Der Handelskammer gehörte der Verstorbene fdt 1884 als Mitglied an. Aus Anlaß des fünfzigjährigen Geschästsjubiläums stiftete er 50 000 Mark für die Handelslehranstalt. Seit vielen Dezennien stand er an der Spitze der Syuagogengemeinde und wirkte segensreich. Auch der Stadtverordnetell-; Versammlung gehörte er lange Jahre als Mitglied an.! 1904 wurde dem imi das Allgemeinwohl hochverdienten Manne der Kommerzienratstitel verliehen. — Als Opfer des Krieges ist Frau Sara Manasse geb. Josephsohn aus Soldau (Ostpreußen) im israelitischelr Krankenhause zu Posen nach 20tügiger Krankheit im blühenden, schafsensfroheu Alter von -18 Jahren von schweren Leiden durch den Tod erlöst worden. — Im Verlage von M. Gtogau jr. in Hamburg wird di-e Herausgabe einer „Jüdischen Ehrentafel" vorbereitet, in der sämtliche Teilnehmer mit Kriege, die sich das Eiserne Kreuz oder andere Auszeichnungerl erworben haben, mit genaueren Einzelheiten aufgeführt werden sollen. Um diese Ehrentafel der jüdischen Ritter des Eisernen Kreuzes durch Vollständigkeit und Zuverlässigkeit wertvoll machen zu können, bittet der obige Verlag alle in Betracht kommenden Familien undJllteressentell, Fragebogen einfordern zu wollen, die ausgefüllt zurückzusenden wären. — Der König von Bayern verlieh dem königl. Professor Dr. Leo Türkheim an der Oberrealschule in Nürnberg den Titel Studienrat und dem königl. Reallehrer Dr. Norbert Leb er mann, auch -an der Oberrealschule, den Titel eines königlichen Professors. .— Der | Erlanger Physiologe, Geheim rat Professor Dr. Isidor R o s e n t h a l ist am 2. d. M. int Alter von 78 Jahren infolge von Herzschwäche gestorben. — Die jüdische Gemeinde in Linz am Rhein hat durch den > plötzlichen Heimgang! ihres Vorstehers, des Fabrikanten Daniel i W a l l ach , eitlen schmerzlichen Verlust erlitten. Er hat sich stets mit; Unermüdlichkeit und Opfersinn der Gemeindeinteressen angenommett.! . Alts Budapest wird uns geschrieben: Eugen Ko re ui,! Leutnant des 20. Jnf-anterieregiments, fand vor Pili ca den Heldentod fürs Vaterland. Aus feiner Familie stammend, waren ihm die jüdischen Traditionen stets heilig. Selbst im Lager leben blieb er mit Leib und Seele dem Gesetze treu. Er lebte wie ein Jude! und starb wie ein Held, während er seine Abteilung siegreich zu:n Sturm führte. An seinem Grabe sprach ein jüdischer Unteroffizier das Kaddisch. — Die „Times" sagen über die Teilnahme der Juden b e i m e n g l i s che n H e e r e, daß, während früher etwa 500 Juden beim Heere Dienst genommen hätten, ihre Anzahl augenblicklich 5000 betrage und stets zunehme. Ungefähr 450 hätten den Rang eines Offiziers bei dem Heere oder der Marille. Anfänglich hatte man die Absicht, jüdische Bataillone zu bilden, aber diese Idee wurde rasch wieder ausgegebeu. Unter den kanadischen Regimentern befinden sich 200 Juden, vor allen Dingell solche aus Rußland und Armenien, die nach Kanada ausgewandert sind. Tie Söhne der vornehmsten englischen jüdischen Familien, so die der Rothschilds, seien als Freiwillige im Heere. — Jerusalemer Blätter berichten in ausführlicher Weise über eilt nmselmanisch-israelitisches Berbrüderungssest in Konstantinopel, all dem Vertreter der all-gesehensten arabischen Familien sowie hervorragende! israelitische Literaten und Gelehrte teilnahm-en. Es wurden auch Ansprachen in hebräischer Sprache gehalten. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow. Floraftraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Fahrnländer, Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin.