Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1914)
- Date
- 1914-12-04
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229173--70924-3283297- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Offenbach werden von der dort mit ziemlicher Schärfe durchgeführten Maßregel viele Hunderte Familien betroffen. Im ganzen dürften sich in den nächsten Tagen Hunderte von Internierten, zum weitaus größten Teile Juden, in dem K onzentrationslager in Gießen znsammenfinden, und es sind zurzeit Verhandlungen im Gange, ihre rituelle Verpflegung zu ermöglichen-. Gesterreich-Angam. K. Wien, den 27. November. Am 16. dieses Monats wurde unter überaus seltenen Ehren und ungewöhnlich zahlreicher Beteiligung der höchsten Kreise Herr Alois N e u m a n n, Mitglied des Herrenhauses und Präsident der Handelskammer in Reichenberg, 31t Grabe getragen. Die gesamte Presse der diesseitigen Reichshälfte widmete dem Dahingeschiedenen, der eine führende Persönlichkeit auf dem Gebiete der Industrie und des Handels war, spaltenlange Artikel, in denen sie das segensreiche Wirken des in allen Kreisen hochgeschätzten Präsidenten der Neichenberger Handelskammer Alois Neumann in beredten Worten schilderte. Präsident Neumann war der österreichische Ballin: er hätte es vermöge seiner überaus seltenen Tüchtigkeit, seines politischen Scharfblickes und der Beliebtheit, deren er sich in politischen Kreisen erfreute, sehr weit gebracht, wenn ihm seine Konfession nicht im Wege gestanden hätte. Alois Neumann, der ein Alter von nur 62 Jahren erreichte und plötzlich aus dein Leben schied, war ein guter und überzeugungstreuer Jude, dem es trotz mancherlei Verlockungen und Versuchungen seitens hoher und höchster Kreise nicht einfiel, dem angestammten Väterglauben untreu zu werden. Es ist nicht hier der Ort, die Bedeutung dieser großen Persönlichkeit voll und ganz zu würdigen. Und so mögen nur einige Satze aus dem Nekrolog des „Prager Tagblatt" hier wiedergegeben werden: „Der unerwartete Tod des Präsidenten Neumann bedeutet einen schweren Schlag für die österreichische Volkswirtschaft. Keiner wie er besaß die Gabe, den Wiederaufbau der Reichswirtschaft zu leiten, der durch die Kriegsschäden notwendig gemacht werden wird. Männer von seiner Art sind selten in unserem Lande, und es ist eigentlich niemand da, der ihn voll ersetzen könnte. Durch seine Persönlichkeit ist der Neichenberger Kammer eine Bedeutung verlichen worden, die der ganzen 'deutschböhmischen Industrie und Volkswirtschaft zugute gekommen ist." Durch den Heimgang dieses hervorragenden Mannes, der ein wahrhaft gutes und edles Herz besaß, und den seltene Charaktereigenschaften zierten, hat auch das österreichische Judentum einen großen Verlust erlitten. Denn auch von diesem Verstorbenen konnte man mit berechtigtem Stolze sagen: Er war unser! Von jRaij und ssern. - P r 0 fess 0 r D r. Felix Lieber m a n n m- Berlin hat dem Kriegsnnterstützungsfonds des Berliner Magistrats den Betrag von 60 000 Mark überwiesen. — Mit dein Einsetzen der kalten Witterung hat sich das Bedürfnis herausgestellt, für unsere leichtverwundeten „Feldgranen", die bereits ausgehen können, einen geeigneten Aufenthalt zu schaffen. Damit die Soldaten nicht auf stundenlanges, planloses Verweilen auf den Straßen angewiesen sind, soll ihnen ein behagliches Heim für den Nachmittag bereitet werden. In großen, lustigen Räumen, die von Professor D r. L u d w i g S t e i n in seinem Hause Kurfürstenstraße 88, parterre, zur Verfügung gestellt wurden, werden von: 7. Dezember ab täglich niehr als 300 Soldaten freie Bewirtung (Kakao, Tee, Kaffee, belegte Brote und Zigarren), geeignete Lektüre und Gelegenheit zur Unterhaltung finden. --- Durch die Abberufung zahlreicher Kolonisten zur Fahne ist in der jüdischen Arbeiterkolonie in Weißensee eine große Anzahl von Plätzen frei geworden. Den in größter Not befindlichen Glaubensgenossen, soweit sie ledig und arbeitswillig sind, bietet sich dort eine Unterkunft, wo sie sich je nach Fleiß und Geschicklichkeit einen anständigen Arbeitsverdienst (burd) Herstellung von Geschoßkörben) verschaffen können. Meldungen sind persönlich an die Jüdische Arbeiterkolonie zu Weißensee, Wörthskraße 20, Telephon Amt Weißensee 392, zu richten. Es wird dringend gebeten, ebendahin auch gebrauchte warme Kleidungsstücke zu schicken, deren viele der Kolonisten in hohem Grade bedürftig sind. Abholung erfolgt auf telephonischen Anruf. Aus Posen wird uns geschrieben: Die Prinzessin August Wilhelm, die mit ihrer Schwiegermutter, unserer Kaiserin, fast eine Woche lang hier weilte, besuchte unter anderem auch die Nähstube des Nationalen Frauendienstes. Hier wurden durch die Vorsitzende, Frau Oberst Heinrichs, die Vorstandsdamen, unter diesen auch Frau Auerbach, vorgestellt. Frau Auerbach, welche diese Nähstube ins Leben gerufen hat und sie leitet, führte die Prinzessin durch die Räumlichkeiten und gab die nötigen Erklärungen. In den oberen Räumeil, wo die Zuschneiderinnen und Näherinnen sich betätigen, wurden der Frau Prinzessin durch Frau Auerbach auch die Helferinnen vorgestellt. Tie hohe Frau erkundigte sich nach den: Betrieb und freute sich ersichtlich, als Frau Auerbach berichten konnte, daß in der Woche 7000 bis 8000 Binden und 2000 Hemden, auch 1000 Paar Strümpfe hier zur Arbeit verteilt und abgeliesert werden. — Den Heldentod fürs Vaterland starb der 24 Jahre alte Königsjäger Artur Adam aus Posen auf dem Kriegsschauplätze im Osten. Ter junge Mann stammte aus Miloslaw und war die Stütze der Seinen. --- Geheimer Justizrat Wilhelm Freund, seit 1887 Stadtverordneter in Breslau, scheidet feines Alters wegen zum Jahresschluß aus dem dortigen Stadtparlament, dein er 44 Jahre angehört hat. Zu seinem Nachfolger wurde der Stadtverordnete Justizrat Heilberg, der Führer der schlesischen Fortschrittspartei, vorgeschlagen. — Aus Bernstadt in Schlesien wird uns geschrieben: Herrn H nns Pe rlber g. Vizefeldwebet der Landwehr im Landwehrkorps, Inhaber der Firma M. Holländer, ist vorn Kaiser Franz Josef das silberne Verdienstkreuz mit der Krone am Baude der Tapserkeitsmedaille verliehen worden. — Der Direktor der Jacobfouschnle zu Seesen a. H a r z ersucht -die Angehörigen der int Felde stehenden ehem.nli-are 11 J-acobson'schü-ler mit Angabe von deren Feldadressen mtfo um sonstige Mitteilungen über ihr Ergehen (Verwundungen, Tod, Auszeichnungen). — Man schreibt uns aus Monns: Wut 22. November beging Herr Julius Rofenthal sein 25jähriges Ehejubiläum und seine 25jährige Wirksamkeit als Kantor der hiesigen Gemeinde. Alle Redner stierten die Gewissenhaftigkeit und die Tüchtigkeit des Jubilars. Die ganze Gemeinde wetteiferte in der Anerkennung seiner Verdienste und ehrte ihn durch prächtige Geschenke. Möge Herr Roscnthal auch seine goldene Hochzeit feiern können und noch lange seines Amtes walten! — Es ist sicherlich ein seltener Fall, daß ein itn Felde Stehender in kurzer Zeit dreirnal ausgezeichnet wurde. Ein solcher Fall, der einen Wiener betrifft, wird jetzt mitgeteilt. Der Beamte des Wiener Bankvereins Herr- Leopold Kolben, der Sohn des bekannten Installateurs für Gas- und Wasserleitungen Alois Kolben, 1. Bez., Nabensteig Nr. 1, der als Fähnrich in der Reserve einrückte, wurde in diesem Feldzuge dreimal ausgezeichnet. Das erstemal erhielt er die silberne Tapserkeitsmedaille zweiter Klasse, später für neuerliche Leistungen die silberne Tapferkeitsmedaille erster Klasse, und sodann wurde er anßertourlich auf dem nördlichen Kriegsschauplatz zum Leutnant befördert. — Unter der Ueberschrist „Wohltun trägt Zinsen" bringt das „Prager Tagblatt" folgende rührende Mitteilung: Die Wahrheit dieses alten Spruches hat sich neuerdings in folgendem Vorfall bewährt: Bald nach Ausbruch des Krieges mit Rußland wurde ein Jufanterist eines deutschböhmischen Regiments in der Nähe eines galizischen Dorfes schwer verwundet und blieb hilflos im Schützengraben liegen. Eine jüdische Familie nahm sich seiner hilfreich an und pflegte ihn tagelang, bis ihn eine Sanitätsabteilung mitnahm. Der Soldat lag einige Wochen im Spital und ist nun als Rekonvaleszem in seine Heimat, ein Torf bei Saaz, beurlaubt worden. Als er dieser Tage nach Saaz ging, wollte er kaum seinen Augen trauen, als er am Ringplatz jene jüdische Familie traf, die ihn nach seiner Verwundung so aufopfernd gepflegt hatte und jetzt durch die Kämpfe in Galizien ihre Heimat verlassen mußte. Der brave Soldat nahm die Leute mit hinaus aufs Dorf zu jeinen Eltern, wo sie gastliche Ausnahme und Unterkunft fanden. — Im neuen italienischen Ministerium ist Baron Sonuiuo der Minister des Aenheren. Wir dürfen wohl daran erinnern, daß Scnnino, der am 11. März 1847 in Florenz geboren ist, der Sohn eines reichen Israeliten ist, der sich mit einer Engländerin verheiratete. — Die türkische Regierung beschloß, die Schulen der Pariser Alliance I s r a 6 l i t e Universelle in der Türkei nicht zu schließen, sondern als Schulen lokaler Art zu behandeln, da sie seit jeher unter türkischer Aussicht standen. — Aus New-Uork wird gemeldet: Bei den letzten Kongreßwahlen vom 3. November wurde itn Ghetto von New- Pork der jüdische Sozialist Mayer London zum Repräsentanten (Mitglied des Unterhauses im Kongresse von Washington) gewählt. Dieses Mandat lvar seit dem Jahre 1891 in Händen des jüdischen Demokraten Henry Goldfogle. Mayer London wird im Kongresse der Bereinigten Staaten der einzige sozialistische Abgeordnete sein. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin - Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Fahrnländer, Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin.