Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 76 (1912)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1912)
- Date
- 1912-02-02
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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.60 er- Jahren ist/ die zum allergeringsten Teile Judenwaren. Hier wird derHansabund als einerein jüdische Gründung bezeichnet, eine dreiste Erfindung, wie jeder zugeben wird, der die maßgebenden Persönlichkeiten und die Tendenzen des Bundes kennt; hier wird der Kampf gegen Geistesrichtüngen als ein Streit des Judentums gegen christliche Weltanschauung erklärt. Ein Satz wie der folgende ist eine Verleumdung ohnegleichen. Er lautet: Der Jude-hat alles das nicht nötig; sein Ideal war immer nur, daß er handle und reich werde, und die anderen Völker fresse; die zahlreichen Deutschen aber, welche nicht auf dem Boden einer der beiden kirchlichen Bekenntnisse stehenmüssen zur Erkenntnis kommen, daß, für wie unvollkommen sie die Einrichtungen der Kirchen auch halten mögen, diese von ihrem Standpunkte aus doch noch unendlich viel besser sein müssen als die Welt des jüdischen Materialismus. Jede Schwächung der Kirchen kommt in Deutschland heute dem Judentum zugute. Gerade der verflossene Wahlkampf gibt Anlaß zu dieser Betrachtung. Ebenso haben die mehr oder minder antisemitischen Schichten in Deutschland, die für außerhalb des Parteilebens stehend gelten möchten, nur für das Judentum, .und seine Ziele gearbeitet, wenn sie Erbanfallsteuer, Finanzresorm, „blau-schwarzen Block" usw. zu Fabeln ihrer „Entrüstung" gegen die rechten Parteien machten. Denn es ist eine grobe Unwahrheit, daß das Judentum, diese Verkündung der reinen und höchsten Ethik, den Materialismus lehre, daß sein Ideal darin bestehe, „die anderen Völker zu fressen". Nicht minder empörend ist die in demselben Artikel erhobene Anklage, daß die. jüdische Tätigkeit sich gegen die monarchische Gewalt richte. Die Juden haben im Gegenteil zu allen Zeiten die monarchische Gewalt zu ehren und zu lieben gewußt, ganz anders als die Herren von der Rechten, von den brandenburgischen Adligen des 15. Jahrhunderts an bis zu den Junkern des 20. Jahrhunderts, die ihren monarchischen Standpunkt nur solange wahrten, solange das Königtum das tat, was jene wollten. Wir haben immer in dem Königtum gesehen und ehren noch in ihm den Schutz des Rechts und der Freiheit. $ Gegen die antisemitischen Angriffe, die gerade in neuester Zeit wieder besonders lebhaft geworden sind, hat eine jüdische Versammlung Stellung genommen. Ich gebe darüber zunächst einen Bericht des „Berliner Börsencourier" Um die aufreizenden Angriffe gegen die Ehre der deutschen Juden, welche von antisemitischer Seite in letzter Zeit ausgingen, zu parieren, veranstaltete die Berliner „Ortsgruppe der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" am gestrigen Abend im „Rheingold" eine gut besuchte öffentliche Versammlung. Als erster Redner des Abends erörterte Verlagsbuchhändler Moritz A. Loeb die staatsbürgerliche Stellung der deutschen Juden. In knappen Zügen gab er ein Bild der Entwicklung der antisemitischen Bewegung, die bereits zehn Jahre nach der 1869 erfolgten Emanzipation der Juden einsetzte und ihren Höhepunkt 1887 in dem ersten und zugleich letzten antisemitischen Kongreß in Dresden fand. In den Reichstag kam 1887 der erste antisemitische Abgeordnete, später wurden es drei. Aber da diese Zahl nicht genügte, um irgendwelche Anträge einzubringen, kam man über die Formulierung eines Programms nicht hinaus. Die programmatischen Forderungen zielten in der Hauptsache darauf ab,, die Juden von allen Staatsämtern und dem Heeresdienst auszuschließen. .Neuerdings, im Jahre 1904, wurde bereits Wasser in den antisemitischen Wein gegossen. Aber die Forderung nach Ausschluß der Juden aus den gesetzgebenden Körperschaften, der Rechtsprechung usw. usw. blieb dennoch bestehen. Ein Simson, der erste Präsident des ersten deutschen Reichstags, ferner Laster, Bamberger haben mit unvergänglichem Ruhm und Erfolg an der Gesetzgebung mitgewirkt. Der letztere als der eigentliche- Schöpfer unserer Goldwährung, der Deutschland nicht zum geringsten-Teil seinen Aufschwung zu verdanken hat. Und Juden waren es, 7 die der deutschen Sprache festere Grundlage und Richtung gaben — ein Moses Mendelssohn und der Meister , der deutschen Grammatik Daniel Sanders. Auch die Angriffe, auf. die 'Juden' in der Anwaltschaft und — in der Medizin-nicht zu vergessen — haben das Vertrauen des Volks in die Tüchtigkeitjüdischer Aorzte und Juristen nicht zu erschüttern vermocht. Und jetzt? Die Möglichkeit einer Beschränkung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden, so wie sie Stöcker erstrebte, ist durch die neuesten Wahlen völlig geschwunden. Alsdann nimmt der .Fabrikbesitzer Lichtenstein zur Abwehr das Wort. Er enlrollt an der Hand des Buchs von Professor Sombart ein wirtschaftliches Kulturbild der Juden. Erst im 16. Jahrhundert griffen die Juden in das Wirtschaftsleben der Völker ein. Dem Streben nach materiellem Gewinn, das als unchristlich galt, gaben die Juden eine zeitgemäßere Deutung. Gegen Sombarts Wort von der allgemeinen jüdischen Geschäftsmoral wendet sich der Redner mit ziemlicher Schärfe. Zum Schluß seiner Ausführungen, die nicht immer klar und verständlich sind, exemplifizierte der Vortragende auf Spanien, das nach Vertreibung der Juden wirtschaftlich ein Töbacle erlebte, während das kleine Holland durch die Juden zu höchster Blüte gelangte. Erst in der zwölften Stunde gelangte Rabbiner Dr. Munk dazu, über die jüdische Ethik im Vergleich zur christlichen zu sprechen und die neuesten Angriffe des antisemitischen Hammerbundes gebührend zurückzuweisen. , Die „Kreuzzeitung" widmet dieser Versammlung einen spaltenlangen Artikel, der nach der Charakteristik der eben erwähnten Reden natürlich von dem Standpunkt des genannten Blattes aus noch folgendes mitzuteilen weiß: Trotz der vorgerückten Stunde fand noch eine „Diskussion" ftatt, die freilich diesen Namen nicht verdient, da lediglich neue Dinge vorgetragen wurden. Rechtsanwalt Klee rief in kampfesfroher Stimmung, der „Bloßabwehrgedanke" sei des jüdischen Volkes unwürdig. Selbstverteidigung sei keine Tugend. Selbst der Wurm krümme sich, wenn er getreten werde. Deshalb verlange er statt des früheren Schutzjudentums nunmehr ein Trutzjudentum. Er endete unter stürmischem Beifall - mit den Worten, die höchste, herrlichste Tugendsei die Liebe zum jüdischen Volke, die Liebe zum Judentum. Eine Steigerung schien kaum noch möglich und doch gelang sie. Ein neues Mitglied der jüdischen Gemeinde, Rechtsanwalt Loeb. betrat den Rednerplatz. Mit wohlklingender Stimme erklärte er, das Ziel der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" müßte weiter gesteckt werden. Wir lebten in einem christlichen Staate, und das wäre mit den Interessen des, Judentums unvereinbar. Man nenne die Juden „emanzipiert". Diesen Ausdruck verbäte sich das Judentum. Sie seien aus keiner maneipia entlassen, . wie Sklaven, die nachher libertini geworden seien, sie seien freie Männer und verlangten für die jüdische „Kirche" die Rechte der christlichen Kirchen. Ter christliche Staat müsse beseitigt werden. Auch diese Forderung, deren staatsrechtliche Unmöglichkeit nicht in die Erörterung gezogen wurde, fand rauschenden Beifall." Ich vermeide es einstweilen, Stellung zünden hier getanenen Aeußerungen zu nehmen, bevor nicht ein authentischer Wortlaut vorliegt, behalte mir aber vor, darauf zurückzukommen. Nur möchte ich bescheidentlich meinen, daß ein derartiger Kampf gegen Antisemitismus weder die Sache der Liberalen noch der Orthodoxen sei, sondern daß es wohl Sache des Verbandes der deutschen Juden und des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens genannt werden muß, hier das Wort zu ergreifen. Gewiß werden die beiden trefflichen Organisationen es auch nicht an sich -fehlen lassen. Ueber die jüdische Bevölkerung von Elsaß-Lothringen berichtet ein elsäsfisches Blatt folgendes: Die Bevölkerungszahl des Reichslandes vermindert sich beständig. Im Jahre 1871 zählte man noch 40 812, im Jahre 1910 nur . 30 183 Juden. Die Verminderung beträgt im Ober-Elsaß 36,7 Prozent, im Nieder-Elsaß 22,3 Prozent, in Lothringen 19,9 Prozent. Im . Elsaß gab es 1905 24 543, Judenjetzt 23 5Q0. Bedenkt man, daß 1784 bereits 19 624 Juden im Elsaß gelebt haben, so. ist