Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1911)
- Date
- 1911-03-10
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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an Arbeitskräften ausschließlich ans unseren Bewerbern decken. Herr Emil Cohn, der Schatzmeister des Vereins, erstattetedaraufhin den Kassenbericht, indem er unter anderem ausführte, daß der Verein ernsten Zeiten entgegen geht, da das nächste Etatsjahr vorauss chtlich mit einem Fehlbeträge von 4100 Mark abschließen wird. Auf Antrag der Revisionskommission wurde dem Schatzmeister einstimmig Decharge erteilt. In der anschließenden Diskussion wurde eine Anzahl das interne Vereinsleben betreffender Punkte erörtert und dann schließlich durch Herrn Julius Cohn, Vertreter der jüdischen Gemeinde, die Wiederwahl des bisherigen Vorstandes durch Akklamation I eoutragt. die von der Versammlung einstimmig vollzogen wurde. *.* Berlin, 7. März. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach am 2. b. M. Herr Dozent Tr. A. S. Aahuda über „Das Volk von Samaria und Sichem einst und jetzt". Ueber den Ursprung dieser Samaritaner-Lelte liegt, wie der Redner ausführte, ein biblischer Bericht in II. Könige 17, 24 bis 41 vor, der durch assyrisch-babylonische Inschriften bestätigt und ergänzt wird. Danach ist das Volk der Samaritaner aus einem Konglomerat von verschiedenen Völkerschaften aus Mesopotamien und Nordsyrien erwachsen, die nach der Zerstörung des israelitischen Zehnstaminereichs durch Schalmäncsser IV. und Sargon (um 726 bis 722 v. Chr.), von den Assyrerkönigen Sargon um 722 v. Chr., Assar.hadon zwischen 681 und 668 v. Chr. und Assurbanipal um 667 v. Chr. in die Städte der nach Babylonien und Medien deportierten Israeliten angesiedelt worden sind. Sie wurden von israelitischen Priestern in der Lehre Gottes unterrichtet, sie lernten dem Gott Israels zu dienen, verehrten aber gleichzeitig die Götter der Völker, aus deren Dritte sie fortgeführt worden waren. Dieser Zustand dauerte bis über Esras Zeit hinaus fum 440 v. Chr.), weshalb die Samaritaner von den aus Babylonien nach Jerusalem zurückgekehrten jüdisch n Exulanten nicht zum Tempelbau zugelassen werden konnten. Die Samaritaner nahmen eine sehr feindliche Haltung gegen die Juden an. erklärten bald ihren Abfall von den Juden und konstituierten sich unter dem Statthalter Samariens, Sanballat dem Choroniten, und dessen Schwiegersohn, einem rechtmäßigen Deszendenten des Hohenpriesters JehojahK zu einer besonderen Religionsgemeinschaft und schlossen sich zu einO nationalen Einheit zusammen Von da ab gerierteN sie sich als die wirklichen, von'den Patriarchen abstammenden Israeliten, denen allein alle Segnungen' der Väter galten und denen Gott die Thora offenbarte; die Juden aber brandmarkten sie als Fälscher der Thora und als Mischlinge, die die Samaritaner g-waltsam vom Erbe ihrer Väter verdrängt hatten. Die Samaritaner haben sich wiederholt; namentlich zur Zeit der Makkabäer und des Herodes des Großen, politisch sehr. stark hervorgetan, aber fast immer direkt oder indirekt gegen die Juden. In ihrem religiösen Leben konservieren sie noch bis auf den heutigen Tag Anschauungen und Bräuche, die weit hinter dem ritualistischen Judentum zurückgeblieben sind; ihr inneres und'äußeres Leben ist seit zweiundeinhalb Jahrtausenden vollkommen stabil geblieben, und selbst die alten kultischen Reinheitsgesetze werden noch heute von ihnen aufs peinlichste beobachtet. Im zweiten Teil feines Vortrags hat Redner eine Reihe von Lichtbildern vorgeführt, zunächst von den Ruinen des alten Samaria, wo die Samaritaner bis zur Zeit Herodes des Großen ihren Häuptsitz hatten, von Sichem, dem jetzigen Wohnort der Samaritaner, vom Allerheiligsten Berge Gerizim, auf dem der samaritanische Tempel gestanden hat und ans dem der kommende Messias erscheinen soll. Es folgte dann eine ausführliche Darstellung der Zeremonien und Bräuche beim Opfern des Passahlammes auf dem Eerizim-Berg am Rüsttag des Passah festes. Redner sprach dann über die Gewohnheiten und Sitten der Samaritaner an Wochen-, Sabbat- und Feiertagen; über ihr Leben in der Familie und der Synagoge; über ihre Gebete und Thorarollen; über die Stellung des Hohenpriesters iw der'Gemeinde, seine religiösen' und richterlichen Funktionen — alles das durch Lichtbilder veranschaulicht und erläutert. Am Schlüsse; machte der Redner auf die große Verschiedenheit aufmerksam, die bei Priestern und Laien hervortritt: Während, 'die Priester einen echt semitisch, jüdischen Typus aufweisen, zeigen die Laien ein' sremd--^ artiges, in Palästina und Syrien ungewöhnliches Aussehen. Die" Zähl der Samaritaner, die vor 2000 Jahren eine Höhe von 130 000 bis 150 000 Seelen erreicht haben dürfte, ist nunmehr auf etwa 170 bis 190 Seelen zusammengeschrumpft. Vor 40 Jahren war ihre Zahl noch geringer; sie vermehrten sich aber.in den.lletzten Jahren von neuem. Sie halten noch alle fest an ihrem alten Glauben, und noch ist die Hoffnung aus ihrem Herzen nicht geschwunden,. .dereinst das Volk der Völker zu werden, dem sich die ganze Welt unterwerfen wird. — Die zahlreich erschienenen Mitglieder spendeten dem Redner für seine lehrreichen, hochinteressanten Ausführungen lebhaften Beifall. . . - 8eb. Berlin, 3. Marz. Gestern hielt der Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde unter zahlreicher Beteiligung seine Generalversammlung ab. Der Vorsitzende, Herr Justizrät Plo nsker, erstattete den Geschäftsbericht und Herr Siegfried Sachs den Kassenbericht. Im Anschluß an ein Referat des Herrn Rechtsanwalt Tr. Abraham wurde über den Ausbau und die Tätigkeit des Vereins für die Zukunft beraten. In einer Reihe von Versammlungen sollen Referate über die einzelnen VerwaltungSzweige der jüdischen Gemeinde gehalten werden und Diskussionen stattfinden. Für sämtliche Vorträge sind bereits Referenten aus der Vertretung der Gemeinde gewonnen worden. Der; Verein weist ein recht erfreuliches Wachstum auf, die Zahl seiner Mitglieder ist in steter Zunahme begriffen. •' H. Berlin, 5. März. Am Montag vergangener Woche hielt in der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" der Dozent und Archivar Dr. Eugen Täubler einen sehr interessanten Vortrag über „Die weltpolitische Stellung des jüdischen Staates in der hellenistischen und römischen Zeit". In der Einleitung erklärte der Redner die geographische Lage Palästinas, denn aus dev geographischen Lage allein fließt die weltpolitische Funktion eines Landes heraus, während das Volk wenig Einfluß hat. Palästina nun ist ein Glied der Läudereinheit des vorderen Orients, der sich von den asiatischen Hochgebirgen bis ins Aegypterland erstreckt. In längeren Ausführungen legte der Redner dar, daß bis zum Makkabäer-Aufstande Judäa aus der Weltpolitik ganz ausgeschaltet war, da zu jener Zeit in Babylonien die kapitalistische Entwicklung einsetzte, und daß eine Handelsperiode eiutrat, von der Palästina keinen Nutzen hatte, da die großen Handelsstraßen nicht durch das Land, sondern an ihm vorbei führten. Später jedoch war es — zu seinem Glück — von den Spannungen zwischen Syrien und Aegypten betroffen. Denn Judäa war sowohl für Syrien als auch für das Nilland die einzige Angriffsbasis. Nntiochus aber hat nicht'religiöse Mission treiben wollen, sondern lediglich aus territorialpolitischen Gründen so handeln müssen. Zuletzt siegten die Makkabäer, aber nur als Truppen, tatsächlich hatte die hellenistische Kultur einen vollständigen Sieg davongetragen-l?) Dann erscheint Rom auf dem Schauplatz der Weltgeschichte. Und jetzt zeigt es sich noch deutlicher, die Juden konnten zwar für ihr Vaterland sterben, aber nicht leben. So mußte das jüdische Volk zuerst, seinen Staat, dann auch sein Land aufgeben. „Weltpolitische Spannungenhatten die Wurzel des Staates erfaßt und in die Höhe getrieben. Sie haben ihm die Richtlinien gegeben und verlangten ihr Recht, aber' die Juden verstanden es nicht." So zogen die Juden in die Diaspora; Palästina, das Land, in dem unsere Ahnen ihr Leben ließen, wurde uns ein heiliges Land. — Das zahlreich erschienene Publikum spendete dem Redner lebhaften Beifall. H. Berlin, 7. März. Bei der. jüngst stattgehabten Preisverteilung an der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" erhielt den Preis aus der Moses Mendelssohn- Stiftung Herr Albert Spanier aus Magdeburg, der schon mehrere Male Preisäufgaben erfolgreich gelöst hat. Das Thema der diesmaligen Arbeit lautete: „Die Zusätze in der griechischen Uebersetzung des Buches Daniel". Den Preis der Lazarus-Stiftung erhielten die Herren Joseph Sch lump ec und Martin Koppenheim für eine gemeinsam verfertigte tälmudische Arbeit. Fleißpreise erhielten, ferner Nathan Hurewitsch, Siegbert Neufeld, Abraham Braunstein. — Thorn, 3. März. Den Bemühungen des Herrn Rabbiner D'r. Rosenberg ist es gelungen, bei der hiesigen Kommandantur zu erwirken, daß die hier garnisonievenden jüdischen Mannschaften jede vier Wochen, aiu Sabbat der Neumondsverkündigung, während des Gottesdienstes vom Dienste befreit werden, und daß ihnen der Besuch des Gotteshauses ermöglicht wird. Am vergangenen Sabbat nahm' bereits eine größere Anzahl Soldaten am Gottesdienste teil.