Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1911)
- Date
- 1911-02-24
- Page
- Seite 96 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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gezogen und seine beiden ineinandergesteckten Hände in den/ Rockärmeln versteckt. Der Bocher war^s: Gedalje Liweitzer. Es war ein berühmter Bocher. Man erzählte über ihn, daß er in bezug auf Wissenschaft der erste in der Jeschiwa sei. Er lernt immerfort. Nachts schläft er vielleicht nur vier Stunden lang. Das Oellämpchen im Beshamedresch löscht er um Mitternacht aus und zündet es bei Morgengrauen an. An der heiteren Laune seiner Genössen nimmt er niemals Anteil. Wenn die Jeschiwa den Rabbi erwartet, die gepeinigten Seelen befreit werden und in dem niedrigen, dämmrigen Raume lautes Gelächter erschallt, auch daun beugt sich Gedalje Liweitzer über sein' Buch. Man stört ihn auch nicht. Selbst Jojchenen Treiber wagt es nicht, ihn zu stören, und dieser hat vor niemandem Respekt. Wenn man Donnerstag nachts ins Beshamedresch geht, um bei Mitternacht die Klagen Jeremiae wegen der Verwüstung Jerusalems herzusagen, arrangiert dieser die vielen, lustigen Späße. Um Mitternacht freilich wohnt große Betrübnis in aller Herzen, doch vor Mitternacht tobt die frohe Laune. Denn diese hungernden, entbehrenden Menschen können sich auf eine Weise vergnügen, lachen, Witze machen, anderen Schabernack spielen, als ob sie vor lauter Wohlsein übermütig wären. Schläft einer ein, so ziehen sie die Bank unter ihm weg, oder sie spalten ein Schwefelzündhölzchen, setzen es ihm behutsam auf die Nase lind zünden es an. Dann gibt^s großes Gelächter, wenn der Unglücksmensch schlaftrunken zu schreien anfängt, es sei Feuer und verzweifelt nach dem auf seiner Nase brennenden Hölzchen bläst. Dann macht Jojchenen Treiber noch andere Streiche. Er stiehlt dem einen das Laken aus dem Bette und bei grimmiger Winterkälte macht er es beim Brunnen naß, so daß die dünne Eisschicht, die sich darauf.bildet, geradezu kracht, wenn er es wieder hineinschmuggelt und auf das Bett. breitet. Dann drängt er den Geführten zum Schlafengehen. Dieser, müde und abgespannt, läßt sich nicht lange bitten, streift sein dünnes Gewand ab, stülpt die gestrickte Schlafmütze über die Ohren und wirft sich auf das Bett. Freilich folgt darauf ein ohrenbetäubendes Gebrüll, welches die Bewohner der Gasse aufschreckt und worüber man lachen muß. (Fortsetzung folgt.) Mersrilchr Mitteilungen. — Das WienerGhetto, seine Häuser und seine Bewohner. '1, Das Judenviertel in der inneren Stadt bis zu seiner Aufhebung im Jahre 1421. Aach den Eintragungen der Wiener städtischen Grundbücher und anderer archivorischer Quellen. 2. Die Judenstadt im unteren Werd. 1625 bis 1670. Das Grundbuch der Judenstadt (1632). Urkundliche Nachrichten zur Geschichte der Judenhäuser. Tie aus Juden bezüglichen Eintragungen des städtischen Totenprotokolls .1648 bis 1669. Im Austrage der historischen Kommission der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, bearbeitet von Dr. Ignaz Schwarz, mit zwei Plänen und sieben Textabbildungen, Wien und Leipzig, Wilhelm Braumüller, Kaiserlicher und Königlicher Hof- und Universitätsbuchhändler, 1909. Der sehr ausführliche Titel enthebt uns der Verpflichtung den Inhalt des Werkes im einzelnen aufzuzählen. Das Werk bildet einen Band der Sanlmlung. der in dieser Zeitung ein größerer, selbständiger Artikel gewidmet wurde. Das Werk macht den Eindruck einer höchst gediegenen Arbeit. Unter den Namen der jüdischen Hausbesitzer begegnet man natürlich vielen jüdischen, manche sind -nach Städten, andere nach Häusern bezeichnet, aber auch echt deutsch'e Namen kommen vor, wie Maisterl, Merchel oder auch solche, die an andere Völker der österreichischen Monarchie gemahnen, wie Hanko. Von ganz besonderem Interesse ist das Totentpröokoll 1648 bis 1669: Eintragungenvon Aerzten über, die Krankheiten, an denen die Juden gestorben sind. Auffallend groß ist darunter die Zahl kleiner Kinder, die an Blattern,-Schwind- und Lungensucht zugrunde gehen; merkwürdige Krankheitemwerden genannt, zu deren Erklärung etwas Genaueres hätte mitgeteilt werden sollen, z. B. „Dampfst Dör (auch Thör) Durchpruch, schwarze Petetschen. Von anderen Todesursachen werden häufiger Kindbettfieber, Wassersucht, Schwindsucht, Katarrh, Schlaganfälle (einmal auch bei einem vierzehnjährigen Kinde) angegeben. Einmal wird ein dreizehnjähriger Knabe genannt, der beim Baden ertrunken ist. Besonders hohe Lebensjahre werden verhältnismäßig selten verzeichnet: je einmal ein 88 jähriger Mann und eine 90jährige Frau. Als Sterbeort wird meist die eigene Wohnung genannt, seltener das Spital oder das „Kontumacihaus". Die Namen sind oft furchtbar korrumpiert: Aberamb für Abraham Khcyum für Chajim; andere Namen wie Hemh sind kaum zu identifizieren. Bei dem Verzeichnis der Häuser aus dem 14. Jahrhundert sind die Kaufpreise, die Aufzählung der Zimmer von außerordentlichem kulturhistorischen Wert. Das Ganze ist ein ungemein wichtiger Beitrag, der mit rühmenswerter Kenntnis und großer Sorgfalt ediert ist. L. G. * Step by step. A story oflhe early days of Moses Mendelssohn by Abram 8. Isaaks. Philadelphia. The Jewish Publication Society of America 1910. Das beste an diesem Luche ist ein farbiges Bild von Moses Mendelssohn nach einem bisher unveröffentlichten Bilde aus den: Jahre 1784. dessen Original sich im Besitze des Herrn Mayer Sulzberger in Philadelphia befindet. Sonst kann ich das Buch nichtsehr loben. Es erzählt die Jngendbildung vor der Berliner Zeit in sehr ausführlicher, novellistischer Weise, bei der die Phantasie eine weit größere Nolle spielt als die geschichtliche lleberlieferung. Die Unterhaltungen, welche die Eltern mit dem Knaben führen, entstammen ganz ausschließlich der lebhaften Einbildungskraft des Erzählers. Die wenigen historischen Notizen, die sich in dem nur in einem Privatdrucke veröffentlichten Briefe Mendelssohns an seine Frau über den Vater befinden, sind nicht benutzt. Auch in der Darstellung, der Berliner Lehrer: Israel Szamosch, Dr. Kisch und Tr. Gumpertz wird Beglaubigtes mit Unbeglanbigtem in unliebsamer Weise gemischt. Da es sich hier im wesentlichen um die Jugendgeschichte des Weltweiseu handelt, so wird das eigentlich Wichtige kaum erwähnt. Auch von Lessing ist infolgedessen nur kurz die Rede. Was dann in einem Schlußabschnitt über das Lebenswerk des bedeutenden Mannes gegeben wird, ist herzlich unbedeutend. Eine historische Darstellung kann meines Erachtens nur von einem wirklich großen Dichter, der zugleich historisch geschult ist, gegeben werden. Diese beiden Eigenschaften jedoch treten in unserem Werke nicht so stark hervor, wie man sie wünschen möchte. L. G. v Modern Ortliodoxy. In the light of orthodox Authorities. By Gotthard Deutsch. Ph. D. Professor, fieprintes from The Reform Advocate. Chicago. Dieser Sonderabdruck aus einer tüchtigen amerikanischen Wochenschrift, aus der Feder unseres bewährten Mitarbeiters G. Deutsch sei auch unseren Lesern wärmstens empfohlen. Die Schrift richtet sich gegen einen Artikel des Herrn H. T. Mendes. Sie will beweisen, daß die moderne Orthodoxie der alten nicht entspricht und daß eine wirkliche Orthodoxie in unserem modernen Leben unmöglich ist. Dies erhärtet sie durch die folgenden sieben Thesen: 1. Weil es keine Autorität gibt, die bestimmen kann, was orthodox ist oder nicht; 2. weil unsere Codices niemals als offizielle und authentische Erklärungen des Judentums anerkannt werden; 3. weil sie abergläubische Ansichten enthalten, die unhaltbar sind; 4. weil sie voraussetzen, daß die Fundamentalsätze der Wissenschaft falsch sind; 5. weil ihre rituellen Uebungen in unseren Tagen unausführbar sind; 6. weil sie in vielen Fällen unsere Gefühle durch Betrug irreführen; 7. weil dogmatische Anschauungen wie alle menschliche Kenntnis durch erweiterte Erfahrung einer Revision bedürfen. L. G. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. , . BerantworUich für aie Redaktion? Max Bauchwih in Berlar.