Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 34 (26.8.1910)
- Date
- 1910-08-26
- Page
- Seite 402 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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402 einen solchen Repräsentanten zu haben; wir aber freuen uns, diesen glänzenden Vertreter siegkräftiger Wahrheit unter uns gehabt zu haben und mit ihm einig zu sein in Fühlen, Denken und Hoffen. - Ludwig Geiger. . Nbrshsm Geiger, der Laumeilter des modernen Judentums. Festrede, geholten zur Geiger-Zentenarfeier im Hebrew Union College von Rektor Dr. K. hohler. I. ahrlich, Gott der Herr tut nichts, ohne daß er sein Geheimnis seinen Dienern, den Propheten, offenbaret." (Amos 3, 7). Oftmals begegnet uns die Frage: Erzeugt das Zeitalter den Mann, der ihm den Stempel seines Geistes aufdrückt oder der Mann das Zeitalter mit feinem eigentümlichen Gepräge von Ideen und.Idealen? Tatsache ist, daß die Vorsehung die Gesamt- und Einzelnkräfte so zusammensügt, daß sie miteinander ihre erhabenen Pläne in Ausführung bringen; auf solche Weise offenbart sich das Geheimnis der Gottheit. In Abraham Geiger erstieg das Judentum eine neue Stufe seines Daseins. Er brach den Zauber der Jahrhunderte und sprach das befreiende Wort, das dasselbe mit neuer Lebenskraft,^ mit neuem Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen erfüllte. Er war der Prophet, dem Gott das Geheimnis des Jahrhunderts für das moderne Israel offenbarte. Er war sein Genius der Wiederverjüngung, und er wurde der geistige Neuschöpfer des Judentums und der Juden. Vor der Leuchte seiner kühnen Forschung und der Klarheit seines Seherblicks wurden die dunklen Gänge der jüdischen Geschichte aufgehellt, und in das Chaos des jüdischen Gedankens zogen Ordnung und Harmonie ein. Ihm bedeutete das Judentum Fortschritt und Entwicklung, und hierin fand er den Schlüssel, mit dem er die Geheimnisse der Vergangenheit zu erschließen vermochte, und zugleich die Zaubermacht, mit der er der scheinbar im Verfall begriffenen Lehre Israels wie seinem Glauben neues Leben verleihen konnte. Nicht bloß als der Vorkämpfer der Reform und der Führer der Resormpioniere, sondern als der schöpferische Genius, als der geschichtliche Neubildner und Baumeister des modernen Judentums beansprucht Abraham Geiger zu seinem hundertjährigen Geburtstage den Tribut unserer Verehrung und Dankbarkeit, und geziemt es besonders unserer Lehranstalt, dem Hebrew Union College, dessen Banner die Inschrift trägt: Amerikanisches Reformjudentum, diese Zentenarfeier festlich zu begehen. Allerdings hört man vielseitig heute die Meinung zum Ausdruck kommen, daß Religion eine Himmelsbotschaft der Liebe und des Wohlwollens unter den Menschen sei und nicht eine Theologie, die Streit und Zwiespalt Hervorrufe, zumal in einer Zeit, da der Jude seinen Angreifern gegenüber eine einheitliche Front zeigen soll. Die also reden oder schreiben, bedenken kaum, daß Israels Gott ein Gott der Wahrheit ist, der durch Gaben oder Werke der Wohltätigkeit nicht bestochen werden kann; daß Israels Credo Zebma disrael der Schlachtenruf von Helden ist, die für die Wahrheit, wie sie in ihrer innersten Ueberzeugung lebte, gestritten, gelitten und den Tod erlitten haben; und daß dasselbe Feuer, das in einem Elias, einem Amos und Jesaiah erglühte, sowohl die mittelalterlichen Märtyrer und Denker, die Gut und Blut für ihren Glauben eingesetzt, als die Reformer unserer Zeit zu Taten entflammte, die ihr Leben zu einem prüfungs-, gefahren- und opferreichen machten, wie nur das der alten Propheten war. Unter all jenen wackeren Kämpfern für Geistesfreiheit und Gesinnungsehrlichkeit war Abraham Geiger der erste, der den Haß, den Bannfluch und die Verfolgung seitens der Orthodoxie in vollem Maße erfuhr. Doch was ihm seine Größe verlieh, war nicht sowohl der Kriegsruf, den er gegen fromme Heuchelei und hohlen Formenglauben erhob, noch seine Kriegsleitung als Führer der Reformkämpen, noch aber auch seine Reform-Maßnahmen und Vorschläge, die hinter dem von seinen Genossen, namentlich auch in Amerika, Errungenen weit zurückblieben. Geigers wahre und dauernde Größe bestand darin, daß er, während er die wunden Stellen, die das Judentum in einem hoffnungslosen Zustand des Verfalls erscheinen ließen, bloßlegte, als guter Diagnostiker sowohl die Ursache des Nebels wie die Heilmethode angab. Er befühlte die Pulsschläge, belauschte den Herzschlag unter all den Gestaltungen und Umgestaltungen, ja selbst den Mißgestaltungen desselben und erklärte, gleich Elias, der verzweifelten Mutter: „Siehe, Dein Sohn lebt." Er war durchaus nicht etwa, wie Professor Felix Adler jüngst sagte, ein bloßer Kritiker, der es bei der Verneinung des Alten bewenden ließ. Er war entschieden positiv in seiner Behauptung, daß das Judentum, wenn es erst von seinen Schlacken gereinigt und von seinem Schutt gesäubert ist, zuversichtsvoll der Zeit entgegensehen kann, da es die Welt für seine Wahrheiten als die wahre Humanitätsreligion gewinnen wird. Sein ganzes Denken war konstruktiver Art, und gerade als Historiker von großer divinatorischer Begabung, der in die tieferwaltenden Kräfte religiösen und sozialen Lebens einzudringen und deren Ursprung und Wachstum zu verfolgen weiß, brachte er die dreifache Botschaft des Jahrhunderts für den Juden zum Ausdruck; diese heißt: Entwicklung oder Evolution, Verjüngung und historische Kontinuität. Das bedeutete weit mehr als die von Moses Mendelssohn bewirkte Emanzipation und die von Leopold Zunz herbeigeführte Renaissance. Mendelssohn war allerdings ein zweiter Moses, der das moderne Israel ans dem ägyptischen Sklavenhause herausgesührt, allein sein Land der Verheißung bot keine wahre Geistesfreiheit dar. Anhänger des kosmopolitischen Deismus, wie er war. ermangelte er des Sinns für Geschichte, -es Einblicks in die Gesetze menschlichen Fortschritts, und darum konnte er mit Maimonides an die Unwandelbarkeit des ganzen mosaischen Systems der Gesetze und Zeremonien glauben. Als jedoch sein seichter Nationalismus von der „Kritik der reinen Vernunft" Immanuel Kants, des Robespierre der geistigen Revolution, wie man ihn nannte, hinweggesegt wurde und die hereinstürzende Flut der neuen Kultur den Ghetto-Juden — verwirrt und geblendet, wie er war — hinaustrug in den Strudel einer aller Schranken und Scheidewände spottenden Humanität, da schien für das Judentum alle Hoffnung dahin zu sein, und das Losungswort der Aufgeklärten ward: Assimilation und Abfall! Das berühmte, wiewohl unhistorische Freskogemälde „Moses und die Propheten" des amerikanischen Künstlers Sargent in der Bostoner Bibliothek, stellt den israelitischen Gesetzgeber als eine majestätisch imposante Gestalt dar, doch unbeweglich wie ein Felsen. Das ist in der Tat die traditionelle Vorstellung des mosaischen Gesetzes. Der herkömmliche Glaube nahm an, daß dasselbe in seinem doppelten Charakter als schriftliche und mündliche Lehre fix und fertig, vollkommen und für alle Zeiten unveränderlich aus dem Munde Gottes au