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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-07-01 · Heft 26 (1.7.1910) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 26 (1.7.1910)
Date
1910-07-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 30. Juni 1910 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch. Handel oder die Post (in Berlin und vor. orten durch unsere Verkriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philipps»«. Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger. Verlags ■ Expedition: Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49. Alle Zusendungen fftr Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Strasse HK/4Z, zu richten. Verlag von Rudolf LNosse, Berlin. Ferien. Von Dr. Hochseldt. — Die Woche. — Die Ausl-NriüN. schußsitzung des Landesvereins für israelitische Kultusgemeinden in Bayern. — Henryk Glicenstein. — Aus Ungarn. — Schule, Lehrer und Judentum. Von B. Rosenthal, Mannheim. — Die Juden von Marokko. Von Dr. Sch.Ochser-Kuttenplan. — Feuilleton: Die Klageweiber. Novelle.von Joachim Friedenthal. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums*): Berlin, Königsberg i. Pr., Dortmund, Bonn a. Rh., München, St. Pölten, Madrid. — Von.Nah und Fern. Jenen. ur noch eine kurze Spanne Zeit trennt uns von den Ferien, und dann erleben wir wie in jedem Jahr die große Auswanderung aus den Städten. Wenigstens ergießen sich von Berlin aus ungeheure Massen erholungsbedürftiger Menschen nach allen Richtungen der Windrose. Die einen wollen in den Fluten des Meeres ihren Leib stählen und verjüngen, die anderen suchen für ihre Glieder gesunde Bewegung in den Wäldern und Bergen unseres an Naturschönheiten so reichen Vaterlandes. Diesen drängt es noch weiter und höher hinauf, er will sein Ange berauschen an der Pracht des Hochgebirges und von ragenden Gipfeln hinabschauen auf Gletscher und Firne, jener sucht weltabgeschiedene Stille, um . für den nervenzerrüttenden Kampf des Lebens neue Kräfte zu sammeln. Wie kommt uns doch auch in dieser schon zur festen Gewohnheit gewordenen Ferienreise der Wandel der Zeiten so recht zum Bewußtsein! Wer hat vor zwei Menschenaltern an regelmäßige Ferienreisen gedacht? Wer krank oder leidend war, gebrauchte eine Badekur, die Kinder wurden vielleicht zu nahen Verwandten aufs Land geschickt, aber das Gros der Bürger blieb hübsch zu Hause oder leistete sich gelegentlich einen Kremserausflug in die Umgegend. Heute ist die Sommerreise beinahe zur Modekrankheit geworden: wer nicht reist, zählt kaum mehr mit, jedenfalls beginnt seine Kreditwürdigkeit ernstlich zu leiden, und der Volkswitz berichtet schon von Familien, die ihre Reise durch heruntergelassene Jalousien und verschlossene Türen wenigstens Vortäuschen. Wir wollen uns trotz alledem darüber freuen, daß der körper- und geistbildende Wert des Reifens in immer weitere Kreise gedrungen ist. In unseren Tagen, wo intensiver als je in allen Berufen gearbeitet wird, ist eine Ausspannung auch nur von wenigen Wochen eine gesundheitliche Notwendigkeit. Für die Kinder, die in der Großstadt der freien Spielplätze, wo sie sich regelmäßig tummeln könnten, meistens entbehren müssen, ist die zeitweilige Ungebundenheit, der ständige Aufenthalt in frischer Luft ein nicht mehr zu umgehendes Mittel körperlicher Kräftigung. Gar nicht zu reden von der Fülle seelischer Anregungen, die eine mit offenen Augen und Ohren unternommene und durchgeführte Wanderfahrt dem empfänglichen Gemüt der Jugend wie der Erwachsenen beschert. Der gesamte Anschauungskreis wird erweitert, hunderterlei Neues erschaut und liebgewonnen, der innige Zusammenhang mit der Natur wiederhergestellt, der Verkehr mit Menschen von andersartiger Kultur ermöglicht. Dankbar wollen wir auch der edlen Spender gedenken, die vielen Tausenden armer Kinder den Genuß dieser Wohltaten in jedem Jahr verschaffen. In dem Kranze der humanitären Einrichtungen, die unser sozial empfindendes Zeitalter zieren, find die Ferienkolonien sicherlich die anmutigsten und freundlichsten Blumen. In diese frohe Stimmung, mit der wir die Ferien für uns und andere begrüßen, spielt ein Mißklang hinein, der geeignet ist, unser Behagen erheblich herabzumindern und uns die heitere Laune gründlich zu verderben: die Scheidung der Konfessionen auch draußen in der Fremde. Diese Scheidung ist im Lause der Zeit zum schweren Aergernis geworden und hat harmlose und friedfertige Leute schon in die unangenehmsten Situationen gebracht. Ich rede nicht von der zur Genüge bekannten und in jedem Jahr auss neue der Oeffentlichkeit unterbreiteten Liste der Sommerfrischen, die ihren Stolz darin setzen, judeNrein zu sein; der Jude, der noch einen Funken Selbstachtung in sich spürt, wird sie meiden und hat, wenn er sie trotzdem aussncht, alle Weiterungen sich selbst zuzuschreiben. Aber auch in, sagen wir einmal: interkonfessionellen Badeorten hat sich die Trennung schon so weit entwickelt, daß Juden und Christen wie auf Verabredung ein; ander ausweichen und gleichsam in zwei feindliche Heerlager sich zusammenballen. Beispielsweise benennt der Volksmund die streng geschiedenen Teile des Strandes von Norderney nach der Eigenartseiner ständigen Gäste: „Jüt(d)land", „Christiania", „Borkum". Diese Scheidung ist um so bedauerlicher, als gerade auf, der Reise der Mensch sonst so leicht alles Trennende, alles Konventionelle des heimatlichen Lebens vergißt und der Geselligkeit wie dem Gedankenaustausch in höherem Maße zugänglich erscheint. Das Natürliche wäre also, daß die Ferien uns Gelegenheit böten, in ungezwungenem Zusammensein für die Beseitigung von Vorurteilen, für gegenseitige Annäherung und gerechtere Beurteilung tätig zu sein. Die Wahrheitsliebe gebietet uns nun, den Finger auf eine Wunde zu legen, von deren Heilung wir uns manches für die Zukunft versprechen. Ich berühre die Frage, wieweit wir Juden an dieser Entfremdung und Gegnerschaft gerade auf Reisen die Schuld tragen. Ich glaube, durch Berus und Lebensführung vor dem Vorwurf geschützt zu sein, leichtfertig antisemitische Beleidigungen und Verleumdungen auszunehmen

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