Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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Beerdigungswesen könnten würdiger ausgestattet werden. Heute herrscht nun einmal oft geradezu ein Notstand, der in der exorbitanten Höhe der jüdischen Gemeindesteuern zum ergreifenden Ausdruck kommt. Der Staat darf nicht mit verschränkten Armen dem Anwachsen dieser Steuerbelastung zuschauen und sie, wenn die Steuerbeschlüsse nur formell korrekt zustandegekommen sind, genehmigen, sondern hat selbst auf eine Ermäßigung der Last hinzuwirken. Werden doch auch nicht-jüdischen Leichen gegenüber die Kommunen zur Uebernahme der Armenbestattung angehalten. Daß , unter einer solchen Regelung die Beobachtung der Zeremonialgesetze nicht leiden darf, ist selbstverständlich. Die jüdischen Gemeinden oder von ihnen anerkannten frommen Brüderschaften mögen und sollen auch künftighin das Bestattungswesen durchführen. Die Rechnung soll aber da, wo es nottut, natürlich auf Grund vorgängiger Vereinbarung, der Kommune präsentiert werden, müssen. Die Forderung der Kostenerstattung bei Armenleichen läßt sich überall erfüllen, mögen die Friedhöfe im Eigentum der Gemeinde stehen oder nicht. Der Staat — und ebenso die Kommune — könnten und sollten ferner den jüdischen Gemeinen, die einen Friedhof zu erwerben wünschen, im Hinblick auf das zweifellos in hervorragendem Maße vorliegende öffentliche Interesse auch hierbei größtmögliche Erleichterung gewähren. Läßt sich eine Eigentumsübertragung nicht erreichen,. so wäre am empfehlenswertesten, die Uebertragung eines Friedhofsgeländes in Erbpacht. Denn die jüdischen Gemeinden werden gern auf Spekulationsgewinne verzichten, die sich bei Veräußerung einer in ihrem Eigentum stehenden Begräbnisstätte dereinst ergeben könnten. Daneben haben Staat und Kommunen dem Gebührenwesen ihre wohlwollende Aufmerksamkeit zuzuwenden. Insbesondere wäre dem Gedanken eines Staatszuschusses für Regelung des Beerdigungswesens, der. sich aus der obersten Kirchenhoheit des Staates ergibt, näherzutreten. Mit der Einrichtung interkonfessioneller Friedhöfe wäre der Gewissensfreiheit, die die Angehörigen aller Konfessionen vom Staate zu fordern berechtigt sind, nicht gedient. Lin chriMichkr Zeitgenosse über floles Mendklslohn. Von Dr. S. Posner in Cottbus. ^^^er Karlsruher Hof- und Stadtvikarius Christoph Friedrich .Rinck unternahm im Aufträge des Markgrafen Karl Friedrich von Baden im Jahre 1783/84 eine Studienreise. Er erhielt vom Markgrafen den Auftrag, die berühmtesten Männer der Schweiz und Deutschlands aufzusuchen, in erster Linie die Theologen, und durch persönlichen Verkehr mit denselben, besonders durch Anhören von Predigten, sich weiter auszubilden. Seine Beobachtungen und Erfahrungen schrieb er in ein Tagebuch, welches aus Veranlassung noch lebender Verwandten vor einigen Jahren von Geyer (Christoph Friedrich Rinck, Hof-und Stadtvikarius zu > Karlsruhe, Studienreise 1783/84) herausgegeben wurde. Rinck interviewte nun auch Mendelssohn. Vorher berichtete er über einen Besuch bei Wieland in Weimar.: „Er fragte mich von meiner Reise — in Berlin empfahl er mir besonders den Mendelssohn und Ramler. Ich fragte ihn nach dem Charakter des ersteren, er hält ihn für ganz gut. Daß er immer noch ein Jude bleibt, ist ihm wohl zu verzeihen, denn die Christen sind ja nicht, was sie sein sollten — sie teilen sich ja in Sekten; zu welcher sollte er nun übergehen!" „Die Bibel," sagt Wieland hierbei noch, „enthält fast lauter orientalische Bilder, nichts ist nun absurder, als wenn man aus diesen Bildern Lehrgebäude aufführt und dann einen helldenkenden Kopf, wie z. B. Mendelssohn, in das Lehrgebäude einpressen will — es ist wie jenes griechische Ungeheuer, das alle in einen Trog legte, von den zu großen weghieb und die kleinen solange streckte, bis sie ihn aussüllten." Beim Abschied erhält Rinck von Wieland als Geschenk die soeben erschienene Schrift Mendelssohns, „Jerusalem, oder über religiöse Macht und Judentum. Mit allergnädigsten Freiheiten Berlin 1783." (Leider hat der Herausgeber Rincks Bemerkungen über den Inhalt und Wert des Buches nicht mit veröffentlicht.) In Berlin selbst nimmt der Reisende in einer Gesellschaft bei Nicolai Gelegenheit, um mit Ramler über Mendelssohn zu sprechen; dieser verspricht, ihn zu Mendelssohn zu führen. „Er (Ramler) ist ein intimer Freund von Mendelssohn, versprach, mich selbst zu diesem zu führen. Mendelssohn ist sehr religiös, auch in ganz menschlichen Satzungen der jüdischen Kirche." Nach einem Besuche Zöllners, der Pfarrer an der Marienkirche war, berichtet Rinck: Er ist ein Freund von Mendelssohn, ist aber fast in keinem Grundsatz dessen Jerusalem mit ihm einig, hat deswegen ein kleines Werk eben unter der Presse, ihn zu widerlegen." (Ueber Moses Mendelssohns Jerusalem, Berlin 1784.) Am 23. und 24. Dezember macht er seine Aufwartung bei Mendelssohn und vermerkt in seinem Tagebuch: „Ich besuchte nun .... Moses Mendelssohn. Er war nicht in seinem Hanse, aber gleich neben im Kontor. Vermutlich ist er in der Handlung mit assoziiert, es sind lauter Seidenwaren. (Mendelssohn war bekanntlich bei Isaak Bernhard zuerst Hauslehrer, dann Fabrikfaktor und nach dem Tode Bernhards Kompagnon der Witwe.) Ich kam herein, es waren mehrere da, er an einem Pult, ein Kaufmannsbuch vor sich, ich hätte ihn bald nicht erkannt. Ein kleiner unansehnlicher Mensch, schlecht gekleidet, ein sehr erhabener Rücken, ein unförmlicher Kopf, die Haare, in Unordnung, ein eingefallenes schwarzes Gesicht, die Augen weit im Kopf liegend, an seinem Kinn noch einige Löckchen, weißlicher Bart. (Mendelssohn war damals 54 Jahre alt.) Ich meldete ihm von Hofrat Wieland zu Weimar einen Gruß. (Auffallend ist, daß Rinck, der bei Lavater sich längere Zeit aufhielt und darüber sehr ausführlich berichtet, nichts über Lavaters Verhältnis zu Mendelssohn berichtet.) Es freute ihn. Uebrigens ist er nicht sehr gesprächig, etwas in sich verschlossen — aber den Weisenfindetmandoch baldanihm. UnserGespräch betraf größtenteils seine Schriften. Viel Wichtiges kam nicht vor, weil immer mehrere Leute da waren, und er auf der Post noch vieles abzufertigen hatte. Er lud mich ein, ihn etwa morgen zu besuchen." Schon um 9 Uhr morgens ist Rinck am anderen Tage auf dem Wege zu Mendelssohn „um nun auch wieder ein gesundes Wort denken und sprechen zu können." Er bittet M., ihm eine dunkle, schwer aufzulösende Stelle im Phädon aufzuklären. „Mendelssohn," so berichtet Rinck, „beweist die Jmmaterialität der Seele daraus, weil die Seele nicht denke, aber aus der Zusammensetzung nichtdenkender Wesen entstehen könne. Ich wendete ihm ein, welches er auch berührte, nur mir nicht deutlich genug, aus unharmonischen Steinen - entsteht ein harmonisches Ganzes, aus einzelnen Tönen eine vollkommene Musik. Warum nicht auch aus nichtdenkeuden Wesen ein denkendes? Allein, sagt mir Mendelssohn, worin besteht das Ebenmaß eines Hauses — die Harmonie der Musik? In einzelnen Teilen? oder im Ganzen? in der Verbindung der Teile? Ich wählte das letzte. Nun fragte er: existiert denn das Ganze? existiert die Verbindung der Teile für sich? Ich sagte - nein! es existiert nur in der Vorstellung meiner Seele. Also,