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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-12-11 · Heft 50 (11.12.1908) · page 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 50 (11.12.1908)
Date
1908-12-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. berlm, II. Verember lM. Begründet von Rabbiner Dr- Ludwig Khilippson. VeilgU-LrpeMoil: Berlin, Jerusalemer Sfr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/49, zu richten. Verlag non Rudolf Alosse, Berlin» Diese' Zeitung erscheint ' wöchentlich. Abonnements-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere Verrriebsstkllen) bezogen vierteljährlich 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. GsWrm Berlin, 8. Dezember, ie traurige Lage der Juden in Galizien beschäftigt seit Jahren unausgesetzt alle, die Herz und - Sinn haben für menschliches Elend. Aber viele, selbst unter den Wohlmeinenden, sind sich über die Quellen dieses Elends nicht klar geworden und die meisten glauben, daß die Unglücklichen selbst einen großen Teil der Schuld, an ihrer Lage haben. Demgegenüber enthüllt der Bericht des „Hilfsvereins für galizische Juden", der sich im Lande selbst gebildet hat, ein treues. Und wahres Bild der. augenblicklichen Situation. Wir geben, aus dem vorzüglichen Referat des Präsidenten jenes Vereins, des Herrn Dr. H. N. Landau, den einleitenden und im allgemeinen aufklärenden Teil hier wieder, indem wir uns Vorbehalten, den zweiten Teil, .der sich mit der Hilfsarbeit im einzelnen beschäftigt, von einem Fachmann besprechen zu lassen. Das Referat läutet nach einigen einleitenden Sätzen: „Wir zählen über 800 000 Juden auf galizischem Boden; .Vio der ganzen Bevölkerung sind Juden. In Westeuropa verschwinden kleine Iudenhäuflein in der kompakten Masse der Andersgläubigen. Die. Wohlfahrt bewahrt sie davor, zur Last zu fallen; das schreckliche Elend berührt bei ihnen nicht so breite Massen wie bei uns. Der Stempel der Armut zeichnet sie nicht so bitter. Hier hungern ganze Proletariatsmassen, und wenn ein Unrecht einem Juden in Biala widerfährt, fühlt es empfindlich . der jüdische Bruder in Brody. Wir leben unter Slawen! Ob wir mit ihnen leben? Das ist die Frage! Leider nicht! Auch gebildete Juden genießen keine genügende gesellschaftliche Toleranz seitens der Slawen; die Assimilation hat hier nichts geholfen; in Galizien leben wir immer noch unter und nicht mit den Slawen. Es können hier nicht einzelne jüdische- Individuen berücksichtigt werden, denen es scheint, daß sie mit den Slawen leben, die Masse trägt noch immerdas Brandmal, den Stempel des Ghetto auf der Stirne, aufgedrückt durch den Mangel an Bildung bei der ungeheuren Mehrheit der Masse des jüdischen Volkes und das Elend, viel schlimmer, als der Tod. Infolgedessen wird die Masse faktisch von den Slawen zurückgewiesen, obwohl die Gesamtheit der Juden in Galizien die Notwendigkeit gemeinsamer Arbeit für das allgemeine Wohl empfindet, denn das tägliche Leben verbindet alle; und das Zurückdrängen einer so breiten Masse, wie sie die Juden bilden, ist direkt tödlich. . Diese Unterscheidung osfenbärt sich in der ganzen Skala des ökonomischen Lebens und fast in jeder Richtung. ' Von den 800 000 Juden, welche Galizien bewohnen, verdienen „-..IHen. Wtet'hält faktisch bloß 270 000, also nur V«; der Rest, das ist , 53Ö 000 wird von diesen faktisch Erwerbenden ausgehalten. In kleinen Ziffern ausgedrückt, stellt sich dieses Verhältnis so dar, daß jeder erwerbende Jude nicht nur sich, sondern noch zwei andere Personen neben sich aushält. Diese Gegenüberstellungen an und für sich genommen würde nichts besonderes bedeuten; wir müssen uns aber gleichzeitig in Erinnerung bringen, daß auf bpg Millionen Christen, 3 700 000 erwerben, und nur 2 800 000 — also fast nur eine Million weniger — Personen von den Erwerbenden ausgehalten werden; daß demnach jeder erwerbende Christ außer sich nur eine und, mathematisch genommen, nicht ganze Person aushalten muß. Aus den eben angeführten Daten können wir uns von der in dieser Beziehung schwierigen Lage des Judentums überzeugen. Denn aus dieser Zusammenstellung ist ersichtlich, daß jeder erwerbstätige Jude fast zweimal so viel Personen den Unterhalt geben muß als ein Christ, daß er demnach zweimal so viel arbeiten muß, sich zweimal so viel anstrengen muß, um einen zweimal so großen Gewinn zu ernten, wenn er mit dem Christen Schritt halten will. Die Frage gestaltet sich für die Juden um so schlimmer, wenn wir bedenken, daß die Erwerbsverhältnisse für sie schwieriger sind, und daß sie schon deshalb größere Ausgaben haben, weil sie meistenteils in Städten wohnen. Die Hauptursache dieses gewaltigen Unterschiedes betreffs der Aushaltungslast müssen wir des ferneren in dem Umstande suchen, daß während auf 100 Juden nur 17 mit der Landwirtschaft sich beschäftigen, auf 100 Christen 86 diesem Berufe sich widmen, bei welchem alle Familienmitglieder fast seit ihrer Kindheit arbeiten, und nicht nur die Kosten ihres sehr bescheidenen Unterhaltes tragen, sondern außerdem zur Aushaltnng kleiner Kinder und arbeitsunfähiger Greise beitragen. Vor Jahren war es den Juden verboten, Grund und Boden auf dem flachen Lande zu erwerben; zwar ist dieses Verbot aufgehoben, jedoch ist einerseits Land zu erwerben sehr schwierig, weilder Slawe zu sehr an der Scholle haftet, anderseits erscheint dem bis jetzt vom Ackerbau fern gehaltenen Juden der Grundankauf in normalen Verhältnissen als ein viel zu wenig lukratives Geschäft. Alle diese Umstände trieben die Juden zum Handel. Auf 100 Christen beschäftigen sich nnr 5 mit Handel und Industrie, während auf 100 Juden sich 55 diesen Berufen widmen. Mit anderen Worten: die Mehrheit der galizischen Juden arbeitet in Handel und Industrie. . Es darf nicht außer acht gelassen werden, daß hier keine Rede sein kann von Groß-Handel und von Groß-Jndustrie, denn die Juden sind mit belanglosen Ausnahmen — Trödler, Krämer und kleine Handwerker, welche alle zusammen genommen, lediglich in engen Nahmen für den Lokalbedarf arbeiten; denn weder die in kleinen Quantitäten angekaufte Ware noch die Erzeugnisse des Hand-' Werks vertragen Transportkosten, welche übrigens für das winzige Betriebskapital unserer jüdischen Industriellen und Handelstreibenden unerschwinglich sind. Infolge dessen wird in jeder Stadt eine schrankenlose Konkurrenz gezüchtet, bei welcher einer dem anderen direkt den Bissen Brot vom Munde raubt, und. welche mit Natur-, Notwendigkeit in ihren Mitteln immer weniger wählerisch ist, 'was sich in der traurigen Tatsache kundgibt, daß verhältnismäßig dreimal so viel Juden als Christen für Verbrechen des Betruges bestraft werden.

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