Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1904)
- Date
- 1904-04-08
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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der heutigen Sch öffengerichtsfißuug kamen drei von dem "Bezirksrabbiner Dr. M. erhobene Privatklagen wegen Beleidigung zur Verhandlung, und zwar richtet sich die eine gegen den israelitischen Lehrer B. hier, die andere gegen den Fruchthändler D. M. hier, und die dritte gegen den Fruchthändler L. B. hier. Lehrer B. wurde zu 50 Mark Geldstrafe verurteilt, D. M. freigesprochen und die dritte Privatklage. vom Rabbiner zurückgezogen. Ist denn noch immer nicht genug des Chillul Haschem? n. Hagenau, 27. März. Dem KreisuUd Anstaltsarzt Sanitäts - rat,Dr. Alexander Levy ist der Charakter als Geheimer Medizinalrat verliehen worden. Geheimrat Levy ' gehört unserer Stadt nun bald, hg Jahrhundert an. Nach Beendigung seiner Studien in Berlin, seiner Heimat, in Prag und Wien-ließ.er sichstn Trier nieder, von wo er Mitte 1871 als Arzt an, die Strafanstaltnach Hagenau kam. Sein bedeutsamstes Werk in dieser Amtstätigkeit war der Plan zur Einrichtung, der hiesigen Erziehuugs- und. Besserungsanstalt für Knaben, welchen er in Gemeinschaft mit dem verstorbenen Direktor Hennig nach einer ausgedehnten Studienreise in Belgien, Holland und Norddeutschland ausarbeitete. Diese Organisation ist seitdem für eine größere.Anzahl von Anstalten vorbildlich geworden. Auch für die bauliche Entwicklung Hagenaus war die Gründung der großen Anstalt mit ihren vielen.Dependenzien-. die. ein Richtungsobjekt für die neuen, im . Süden der Stadt entstehenden Straßenzüge wurde,; von großer. Bedeutung. Die Regierung, erkannte, bie Verdienste des Anstaltsarztes an, indem sie ihm, als dein, ersten in. Elsaß-Lothringen, den Titel als Sanitätsrat schon im Jahre 1888 verlieh. Anfangs des vorigen Jahres übernahm er die Geschäfte des Kreisarztes provisorisch,! am 1. November definitiv. Weitbekannt sind wohl auch die literarischen und künstlerischen Leistungen des neuen Geheimrats. Wir er- . innern nur an sein Elsaß-Lied, seinen Kaisergruß, an die zahlreichen Gedichte und Prologe bei festlichen Gelegenheiten, die in der Hagenauer Zeitung und in andern Tagesblätteru erschienen. Das hiesige Zivilkasino hat zur Ehrung des 70. Geburtstages seines Vizepräsidenten > vor kurzem eine schöne Feier veranstaltet, die in herrlichster Weise verlief. Geheimrat Levh ist Vorsitzender des Aerztevereins „Hagenau" (Weißenburg-Zabern) seit dessen Gründung sowie Redakteur der Straßburger Medizinischen Zeitung. Er ist der. Bruder des vor einigen Jahren durch einen jähen Tod seinem ausgezeichneten juristischen Wirken entrissenen Iustizrat M. Lev y, welcher in der Ehrenreihe des Friedhofs in Weißensee ruht. Oesterreich-Mngam. l^j Wien, 4. April. Der Zwist im christlich sozialen Lager nimmt seinen fröhlichen Fortgang. Interessant ist die Rede, die Dr. Lueger jüngst am Neubau gehalten hat. Er sagte: „Ich will bei; ’ dem Antisemitenbunde nicht nahetreten. Es waren ein paar unzufriedene Elemente, die geglaubt haben, sie sind die Extraantisemiten,., denen man immer zuwenig Juden frißt. Wenn man ein bißchen kratzt, kommt schon ein bißchen etwas anderes auch zum Vorschein bei diesen Patentantisemiten. (Zustimmung.) DiePatentantisemiten sollen sehr ruhig sein; ich sage es ihnen hier öffentlich, denn wenn! mir einmal die Geduld reißt, dann reiße ich diesen Patentantisemiten die Larve vom Angesichte." Hoffentlich erleben wir das noch! — Eine interessante Nachricht bringen tschechische Blätter: „Die letzte Bischofskonferenz in Wien beschäftigte sich unter anderen Dingen auch mit der Frage der Judentaufen, mit der sogenannten „Los zu Rom"-Bewegung der Juden. Allgemein, wurde der Standpunkt eingenommen, daß der größte Teil der .jüdischen Uebertretenden deshalb die Taufe annehme, iveil er dadurch zu Aemtern gelange. Die Taufe verhilft den Juden zu solchen Stellen, welche sie als Inden kaum erlangen würden, doch müsse gegen diese Bewegung irgendetwas geschehen. Es wurde als Mittel hierzu empfohlen, daß den Juden der Zutritt zu den Aenrtern in demselben Zahlenverhältnisse gestattet j werde, in. welchem das Judentum zum Christentum steht." — Das „Deutsche Volksblatt" meldet: „Der Demokrat Dr. Mandl, der.seinerzeit in Wien eine prononzierte politische Rolle spielte, hat den Hebräer im Alter von 70 Jahren abgestreift und ließ sich am 29. März in der Karlskirche taufen." Dr. Mandl war der Protektor. Luegers in dessen jungen Jahren. — ' Zur Renovierung der 200-' jährigen jüdischen Synagoge im ungarischen Städtchen Peyzel hat der Veßprimer Bischof Hornig'200, der Szatmarer Bischof "Meßleny 20 Kronen gespendet. — In. Mattersdorf im Oedenbnrger Komitäte veranstalteten die dortigen kroatischen Bewohner Judenexzesse. .Die . Fenster vieler jüdischer Häuser wurden zertrümmert, einige Juden durch Messerstiche verletzt. Die Juden verbarrikadierten - sich, in ihren Wohnungen. Nur das Einschreiten der Gendarmerie verhinderte eine, allgemeine Plünderung. Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen. Von Mi und jfern. — Die Genossenschaft der ordentlichen Mitglieder der königlichen Akademie der Künste hat am 15. Januar den Maler Joses Israels im Haag zum ordentlichen Mitglieder der Akademie der Künste gewählt. Der Kultusminister hat diese Wahl jetzt bestätigt. — Der Arzt Dr. A. Oliven hat das Ehrenkreuz des Lippeffchen Hausordens erhalten. — Am 27. v. M. starb in Charlottenburg der frühere Rechtsanwalt und Notar, Justizrat Dr. Maximilian Bernhard. Er war bis zum Jahre 1879 Rechtsanwalt in Waldenburg in Schlesien und siedelte dann nach Breslau über, wo er im Mai 1888 den Charakter als Justizrat erhielt. Zu Ende des Jahres 1899 trat er in den Ruhestand. — Am 25. v. M. ist hier Herr Hermann Basch witz gestorben, der seit 20 Jahren das Amt eines Schriftführers der „Gesellschaft der Freunde" .mit seltener Hingebung und Pflichttreue versehen hat. —In Landsberg,a. W. hat sich eine neue Loge des Bne-Berith-Ordens konstituiert, die den Namen „Toleranz- Loge" führt.'— Dr. M. Worms in Dresden ist zum Hilfsprediger und Religionslehrer der Synagogengemeinde zu Stettin-gewählt worden. — Gegen die Wahl des Antisemiten Zimmermann in Zschopau-Marienburg wird Protest erhoben, da die Wahlvorsteher über 1100 Wähler zurückgewiesen hatten, weil sie ihren Wohnsitz gewechselt haben. — In Kassel fand am 7. und 8. März die Aufnahmeprüfung cm der Lehrerbildungsanstalt statt. Von 7 Prüflingen bestanden 3 die Prüfung, weitere 3 konnten nur versuchsweise ausgenommen werden. — Dr. S. Simchowitz, der Dramaturg der vereinigten Stadttheater in Köln, hat von seiten der Studien-, leitung der Kölner Handelshochschule die Aufforderung erhalten, Vorlesungen über moderne Literatur zu halten. Simchowitz wird schon im kommenden Sommersemester seine Lehrtätigkeit an der Hochschule mit einer „Einführung in die moderne Dramaturgie" eröffnen. — Sanitätsrat Dr. Neubürger in Frankfurt a. M. hat das Ritterkreuz des französischen Ordens der Ehrenlegion erhalten.— In Nürnberg ist der Magistratsrat Hellmuth gestorben. Die Beerdigung fand am 30. v. M. statt. Kränze wurden am Grabe niedergelegt durch den Bürgerineister namens der Stadtgemeinde, ferner von verschiedenen Korporationen und der freisinnigen Partei. — Die kaiserliche Landesregierung hat zum Neubau des israelitischen Knaben- Umisenhauses in Hagenau einen Zuschuß von 2500 Mark bewilligt. — Auch .der Baron Treves dei Bonfili in Mailand ist zum Senator ernannt worden, so daß Italien jetzt neun jüdische Senatoren | hat. — In der letzten Woche sind in zwei Grafschaften in der Nähe von London Juden zu High-Sheriffs ernannt worden. Die Grafschaft London wählte Herrn Benjamin Samuel F au d e l - P h i l l i p s, den Sohn des bekannten Sir George Faudel-Phillips. Er ist wie sein Vater in manchen jüdischen Wohlfahrtsaustalten in Ehrenämtern tätig, u. a. im jüdischen Kranken- und Waisenhaus und in der jüdischen Taubstummenanstalt. — Der neue High-Sheriff von Surrey ist Edward D. Stern, der ebenfalls in jüdischen Kreisen auf das vorteilhafteste bekannt ist. — Bei dem Untergange des russischen Schiffes „Jenissei" vor Port Arthur hat auch ein jüdischer Matrose, Jsraelsohn, den Tod fürs russische „Vaterland" gefunden. — Der Gouverneur von Bessarabien hat ein strenges Verbot gegen Ansammlungen in den Straßen und Versammlungen inPrivatwohnungen sowie gegen das Tragen von Waffen erlassen. — Die erste jüdische Firma, welche (1880) in der japanischen Stadt I o ko hama errichtet wurde, war „Ginsburg und Brüder". Sie beschäftigte sich mit .dem Verladen und Ausladen von Schiffen; später gründete sie auch in anderen Städten Filialen.