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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-03-16 · Heft 11 (16.3.1894) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 11 (16.3.1894)
Date
1894-03-16
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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58. Jahrgang. Ar. 11. Berlin, 16. Mär; 1894. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöch e n 1 l i ch. Abonnements'Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3M. Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner D^> Ludwig Philippson-Bonn Verlags-CrpeLition: iöerün, Äerufalemerkr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung deS Judenthums". Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Leitartikel r Von der Grenze. — Die Woche. — Gesetz oder Willkür? Von Jnstizraih M. Levv. — Lesefrüchte. Von Karl Emil Franzos. — Das Problem vom fehlenden Gottesnamen im Bucke Esther. Von Dr. Ludwig Pick. — Rahel und die Juden. — Feuilleton: Die Jüdin. Erzählung von John Pa ulsen. (Fortsetzung.) — Der erste Purim. Von Gustav Jakobsohn.— Sprechsaal. ™ .. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und - Nachrichten: Berlin. Prenzlau. Braunschweig. Hannover. Hagen. Münster. Köln. München. Fürth> Karlsruhe. Wien. Prag, Budapest. Jnsbruck. Gothenbnrg. Kiew. — Bon Nah und Fern. — Geschäftliche Notizen. Non der Grenze. Berlin, 14. März. er Artikel 1 des deutsch-russischen Handelsvertrages hat in der Reichstogskommift'ion und im Reichstag selbst eine längere Debatte über das bekannte Thema einer verlneintlichen Masseneinwcipdermig russischer Juden an unserer Ostgrenze hervorgernfen, mtb es ist in diesem Zusammenhänge über die Kulturstufe, auf der die hier in Frage kommenden Elemente der russischen Juden stehen, von einigen Gegnern, des Handelsvertrages mit einem solchen Mangel all Sachkenntnis; gesprochen worden, daß eine aberlnalige Erörterung dieser Allgelegenheit dringend llothwendig geworden ist. Der Artikel 1, welcher bei den Antisemiten das Gruseln vor einer vermeintlichen jüdischen Masseneinwanderungl) über unsere Ostgrenze hervorruft, räumt ben Angehörigen der beiden Kontrahellten die Niederlassnlig und den Handels- und Gewerbebetrieb in den gegenseitigen Gebieten ein mit den den Inländern zustehellden Rechten. In der Berathung ist festgestellt worden, daß die administrativen Maßregeln zum Schutz der einheimischen Industrie gegen eine importirle Konkurrenz völlig ausreichen, unb der (grundlegende) Artikel 1 wurde gegen die Stimmen der Konservativen uub Antisemiten angenommen. An unserer Ostgrenze hat dieses Ergebniß große Befriedigung hervorgerufen, und man schreibt uns von dort über diese wichtige Angelegenheit Folgendes: Allerdings herrscht selbst unter den deutschen Juden, wie auch Graf Mirbach zur Bekämpfung des Regierungsstandpunktes in dieser Frage hervorhob, eine weitgehende Unkenntniß der jüdisch-russischen Grenzbevölkerung. Man kennt und beurtheilt ste nur nach den wenigen sogenannten „Schnorrern", welche aus diesen Gegenden kommen. Wenn Jemand in einer parlamentarischen Berathung einen Stein auf die Italiener werfen wollte, — was ja auch schon vorgekommen ist, — und sich dabei auf die „Figuri" verkaufenden oder drehorgelspielenden Auswanderer berufen wollte, so wäre das ein gleiches Maß von Sachenntniß, wie es diejenigen Herren entwickelt haben, welche die russischen *) Vgl. die Schrift von Dr. S. Neumann: „Die Fabel von der jüdischen Masseneinwanderung", deren statistische Tabellen u. A. selbst von dem Prof Ad. Wagner als korrekt anerkannt wurden. Juden in Bausch und Bogen jüngst als eine „Landplage" hingestellt haben. — Wie sich doch die Zeiten ändern! Im Jahre 1863 schrieb die „Kölnische Zeitung": „Der Jude an der russischen Grenze besorgt alle l Geschäfte, ist Dolmetscher, Gastwirth, Unternehmer für die Krone, Mäkler für Getreide und Holz, er ist die Lebensader des Landes." Es war kein Geringerer als Moses Mendelssohn, der durch seine 'deutsche Bibelübersetzung, welche in die russischen Chedarien Eingang fand, das deutsche Idiom bei den dortigen Juden zur Umgangssprache entwickelt hat. Ein Kulturstaat könnte etwas aus diesen Leuten machen, die in einer Zahl von 3—4 Millionen auf 7 Gubernien, einen verhältnißmäßig sehr kleinen Theil des russischen Reiches, zwangsweise zusammen- gedrängt sind. Jeder kämpft da um ein Stückchen Brod als Geschäftsmann, Handwerker oder Diener der Religion, manches erfindungsreiche industrielle Genie ist aus diesen Kreisen hervorgegangen, die mit erbarmenswerther Zähigkeit gegen die schwierigsten Lebensverhältnisse ankämpfen. In den vierziger Jahren erhielt der mit wenigen Kopeken nach Tilsit eingewanderte Benas Weinstein von dem preußischen Finanzminister Hansemann eine Staatsunterstützung, um auf Grundlage des billigen Flachsimports aus Rußland in Ostpreußen Garnspinnereien anzulegen. 8 Fabriken hat dieser „polnische Jude" in dem industriellen Ostpreußen begründet, an seinem Grabe erschien der Regierungspräsident aus Gumbinnen, und noch heute segnen Hunderte von sonst feiernden Händen den Mann, der ihnen lohnende Arbeit verschafft und die bis dahin nur in Schlesien betriebene Spinnerei auch an unsere Ostgrenze verpflanzt hat. Solche Männer, — wir können ein Dutzend Juden russischer „Provenienz" nennen, welche den preußischen Osten durch Eisenbahnunternehmungen und hervorragende industrielle Anlagen gefördert haben, — kommen aus einer Grenzgegend, deren autochthone slavische Elemente Pferdediebstahl, Straßenraub und Branntweinschmuggel allen übrigen Beschäftigungen vorziehen. „Sage mir, woher du kommst, und ich werde dir sagen, wer du bist", dieser Spruch trifft allerdings theilweise auf den slavischen Osten zu, dessen Völkerkonglomerat zum größten Theile in den Grenzstädten;; wenigstens, um die es sich hier handelt, noch auf einer halb barbarischen Stufe steht, — der kuttivirteste Bestandtheil aber in dem an unserer Nordgrenze fortwuchernden Stück „Halbasien" sind die Söhne Zions, die inmitten eines fuseltrinkenden Massenproletariats von tatarischer, Unbildung doch das „Volk des alten Bundes" geblieben sind. Unter ihnen findet man fast gar keine Analphabeten, sie sind, wie ein genauer Kenner des slavischen Ostens, v. Brüggen, sagt, die „geistige Aristokratie" dieser Distrikte, „eine alt eingebürgerte Bevölkerung, mit den anderen dort angesessenen Stämmen wirthschaftlich mannigfaltig verwachsen." Stellt man eine ganze Klaffe der Bevölkerung außerhalb des Gesetzes, wie es Rußland mit seinem „Kronne Jewreew“ („Ausgenommen die Hebräer") bei allen seinen Rechtswohlthaten thut, so darf man sich nicht wundern, daß auch fie von der allgemeinen Korruption ihren Theil \ fortbekommen, v. Brüggen ha^ ergötzlich genug geschildert, welch eine Sorte von Beamten Rußland an diese Grenze schickte, als der polnische Adel zufolge der Ereignisse von 1863 an den Bettelstab gebracht war.! In den Judenstädten Galiziens, welche K. E. Franzos den Stoff für i seine „Juden von Barnow" geliefert haben, ist wenigstens in Folge der

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