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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-08 · Heft 6 (8.2.1895) · p. Seite 63

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 6 (8.2.1895)
Date
1895-02-08
Page
Seite 63 (sequence 3)
Language
German
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63 Vorsicht bürgen aber die Personen, in deren Hand die Leitung der Einzelvereine seit langer Zeit liegt. Zu dem bereits begründeten „Reichsverband jüdischer Religionslehrer" übergehend, unterzog Dr. Brann die von diesem angestrebten Ziele einer durchaus sachlichen Erörterung. Die Projekte auf dem Gebiete des Gemeinde- und Schullebens und die Wohlthätigkeits-Einrichtungen, welche der Reichsverband anstrebe, fordern selbst den Unbefangensten zu ernstem Nachdenken auf; die Frage! könne und dürfe nicht umgangen werden, aus welchen Mitteln die vielen, gleichzeitig kundgegebenen Projekte auch nur in ferner Zeit ihrer Verwirklichung entgegengeführt werden sollen. Sodann dränge sich allen denen, die seit langer Zeit im Vereinsleben thätig sind, die dringende Erwägung auf, welchen Einfluß die nur einseitig erfolgte Gründung des Reichsverbandes auf das in schönster Entwicklung stehende jüdische Lehrervereinswesen haben müsse Am Schluß seiner Ausführungen legte Dr. Brann der Versammlung eine Resolution zur Berathung vor, welche er zu einstimmiger Annahme empfahl. Auch die nun folgende Debatte, an welcher sich die Kollegen sowohl, wie Rabbiner Dr. Kopfstein-Beutheu betheiligten, bewahrte die strengste Sachlichkeit und nöthige Mäßigung. Unverkennbar standen alle Theilnehmer der Versammlung in Uebereinstimmung mit den von Dr. Brann- Breslau geäußerten Anschauungen, und so gelangte die vorgelegte Resolution mit geringen Abänderungen in nachstehendem Wortlaut zu einstimmiger Annahme: „Die achte Versammlung der Freien Vereinigung jüdischer Lehrer Oberschlesiens erklärt sich bereit, die Bestrebungen, einen Einheitsverband der jüdischen Lehrerschaft des Deutschen Reiches herbeizuführen, mit allen Kräften zu unterstützen, aber nur einen solchen Verband, der sich auf den bestehenden lokalen Vereinigungen aufbaut. Die anderweitigen Bestrebungen, die darauf ausgehen, die bestehenden Organisationen zu zersetzen, weist sie als einen unberechtigten Eingriff in die langjährige, stetige und gesunde Entwicklung des jüdischen Lehrervereinswesens mit Entschiedenheit zurück." Nach Erledigung dieses wichtigen Gegenstandes der Tagesordnung hielt Kollege Abraham seinen Vortrag über das Thema: „Anregende Gedanken für den Unterricht in jüdischer Geschichte in der Volksschule." Da die interessante, durchdachte Arbeit auf Wunsch der Versammlung durch Veröffentlichung in den Fachblättern von dem Referenten auch weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden wird, geben wir nachstehend nur einen kurzen Abriß des Gedankenganges: „Die Klagen über Gleichgiltigkeit, Kälte und Lauheit vieler Beketmer des Judenthums wollen seit La.lgem nicht verstummen. Jene Erscheinungen sind zu einem großen Theil mit begründet in einem Mangel jüdischer Geschichtskenntniß. Darum haben unsere geistigen Führer in jüngster Zeit in vielen größeren Gemeinden „Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur" ins Leben gerufen. Doch auch schon der Jugend müssen jüdische i Geschichtskenntnisse vermittelt werden. Deshalb ist auf der Oberstufe mehrklassiger Schulen eine Stunde für jüdische Geschichte anzusetzen, entsprechend der Kirchengeschichte im christlichen Religionsunterricht. In einklassigen Schulen sind hervorragende Männer oder Ereignisse in den übrigen Unterricht, besonders in die Geographie und Weltbez. vaterländische Geschichte einzuflechten. So kann Moses Mendelssohn bei Friedrich dem Großen zur Sprache gebracht werden. Bei der Durchnahme von Spanien im erdkundlichen Unterricht läßt sich die Vertreibung der Juden aus diesem Lande anführen Was die Art und Weise der Behandlung der jüdischen Geschichte anbetrifft, so deckt sich diese mit der vaterländischen. Als geeignetes Hilfsmittel zu einem fruchtbringenden Unterricht zu der in Rede stehenden Disziplin ist u. A. zu empfehlen: „Geschichte der Juden und ihrer Litteratur" von Dr. M. Brann- Breslau bei W. Jaeobsohn. Dasselbe enthält auch einige Proben des jüdischen Schriftthums. Im Unterricht sind etwaige Proben litterarischer Erzeugnisse, besonders dem Siddur, Machsor, Lelichoth und Kinnoth zu entnehmen." An den mit allseitigem Beifall aufgenommenen Vortrag des Kollegen Abraham schloß sich eine kurze Besprechung, welche hauptsächlich die Frage betraf, ob der Unterricht in jüdischer Geschichte auch in niederen Volksschulen in streng chronologischer Reihenfolge zu ertheilen sei Die Versammlung entschied sich dahin, daß der Unterricht überall eine chronologische Reihenfolge inne zu halten habe, wo er als ein für sich getrennter Lehrgegenstand behandelt werde. Nach Erledigung dieser wichtigsten Punkte der Tagesordnung vereinigten sich sämmtliche Theilnehmer der Versammlung zu einem gemeinschaftlichen Mahl in Beuthner's Hotel und wohnten sodann dem Abendgottesdienst in der Synagoge bei. Nach Wiedereröffnung der Verhandlungen brachte der Vorsitzende ein Begrüßungstelegramm des Oberkantors Finkelstein in Leipzig zur Verlesung, welcher im vorigen Jahr mit regem Interesse den Verhandlungen der Vereinigung beigewohnt hatte und damals die Seele des gemüthlichen Theiles gewesen war. Hierauf kam der letzte Punkt der Tagesordnung zur Erledigung: „Geschäftliche Anträge und Anregung wichtiger pädagogischer Fragen." Wir heben aus diesem Theil nachstehende wichtige Punkte hervor: Als Ort der nächsten Versammlung, welche wiederum am 26 Dezember 1895 stattfinden soll, wird Königshütte bestimmt. Der Vorstand wird außerdem ermächtigt, eine außerordentliche Versammlung nach Beuthen einzuberufen, wenn besonders wichtige Angelegenheiten dies erfordern sollten. In den Vorstand der Freien Vereinigung werden Bernhard-Tarnowitz und Rosenbaum I.-Beuthen wieder-, Kollege Böhm-Königshütte neu gewählt. Aus der von dem Ausschuß des deutsch-israelitischen Gemeindebundes gewährten Beihilfe wurden den Theilnehmern an der Versammlung die ihnen entstandenen baaren Auslagen voll erstattet; nach Erledigung der für die Vorbereitung nothwendig gewordenen Unkosten konnte noch ein kleiner Bestand in das neue Vereinsjahr übernommen werden. In Folge eines aus der Versammlung gestellten Antrages wird der Vorstand beauftragt, für die Tagesordnung der nächstjährigen Versammlung rechtzeitig Sorge zu tragen. In gleicher Weise wird dem Vorsitzenden anheim gestellt, sich mit denjenigen Mitgliedern der Vereinigung, welche der heutigen Versammlung nicht beigewohnt haben, persönlich in Verbindung zu setzen, um eine noch stärkere, möglichst allseitige Betheiligung an den Versammlungen herbeizuführen. Die Veröffentlichung eines Berichts in den politischen Tagesblättern wird nicht gewünscht, dagegen soll ein umfassender Bericht den jüdischen Fachblättern zugestellt werden, welche sich zur Aufnahme bereit erklären und diesen Bericht den Mitgliedern zu Gebote stellen. Der Vorsitzende, welcher die Abfassung des Berichts übernimmt, wird mit den betreffenden Blättern in Verbindung zu treten ermächtigt. Schluß der Versammlung 612 Uhr. Es folgte ein gemüthliches, kollegiales Beisammensein, welchem alle Teilnehmer der Versammlung beiwohnten. Die Worte eines Kollegen beim Auseinandergehen: „Das war war eine schöne Chanukafeier und ein herrlicher Feiertag" sind wohl das beste Zeugniß dafür, daß die Freie Vereinigung auch in diesem Jahr für das jüdische Lehrervereinswesen, für die Fortbildung ihrer Mitglieder und für die Kollegialität ihre Schuldigkeit gethan hat. Und t nun auf Wiedersehen im kommenden Jahre in Königshütte, so Gott will! Der Vorsitzende der Freien Vereinigung jüdischer Lehrer Oberschlesiens: Bernhard. Briefe aus Paris. H. Paris, 1. Februar. a im vorigen Briefe die Affaire Dreyfus besprochen wurde, könnte es vielleicht die Leser der „Allgemeinen Zeitung des Jndenthnms" interessiren, einige Einzelheiten über den jetzigen Aufenthalt des ehemaligen Stabshauptmanns auf der Insel Rö zu erfahren. Diese Insel ist dicht an der Westküste Frankreichs gelegen, gehört zuin Departement Niedercharente. Die 18,000 Seelen starke Bevölkerung besteht meistens aus Schiffern und Winzern. Von den beide» Städten, Ars und St. Martin, ist letztere ein bedeutender Handelshafen, woselbst der berühmte Bauban unter Ludwig XIV. eine Festung baute, die heut zu Tage zum einstweiligem Kerker für diejenigen Sträflinge dient, welche zur Deportation verurtheilt sind. Manchen Sträflingen, wahrscheinlich auch Dreyfus, wird erlaubt, von de» übrigen wüsten Verbrechern, meistens Mördern, abgesondert zu leben. Der so Abgesonderte wird in eine Zelle eingesperrt, die spärlich durch ein vergittertes Dachfensterchen beleuchtet und mit zwei

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