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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-09-15 · Heft 37 (15.9.1893) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 37 (15.9.1893)
Date
1893-09-15
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Misoellen. --- Ferdinand Lassalle als Aegypthologe. Der bekannte Aegypthologe Heinrich Brugsch-Pascha berichtet in seinen Lebenserinnerungen in der „Voss. Ztg." über Ferdinand Lassalle Folgendes: .... Die zweite Persönlichkeit, mit der ich im Jahre 1858 in nähere Berührung trat, war Tr. Ferd. Lassalle, dessen Namen ich nur zu nennen brauche, um eine der merkwürdigsten Persönlichkeiten in das Gedächtniß zurückzurufen. Zu meiner Neberraschung erschien er eines Tages in nieiner Wohnung, um mir fein eben vollendetes Werk „Die Philosophie Herakteitos des Dunkeln von Ephesos" als Angebinde seiner Hochachtung zu überreichen und daran die Bitte zu knüpfen, ihn in Zukunft als meinen Schüler betrachten zu wollen. Er sei entschlossen, seine Zeit aus eine Reihe von Jahren ausschließlich wissenschaftlichen Untersuchungen zu widmen, nachdem auf Böekhs, des berühmten Hellenisten, und A. v. Humboldts Empfehlung und Vermittelung seine bereits beschlossene polizeiliebe Ausweisung ans Berlin rückgängig gemacht worden sei. Er wolle sich alles Ernstes mit altägyptischen Studien beschäftigen und ersuche mich inständigst, ihn als Schüler nicht zurückzuweisen. Er sei zu alt, um mitten unter junger» Studenten im Kolleg zu meinen Füßen zu sitzen, und zöge deshalb die Form eines regelrechten Privatissimums vor. Auf rneine Frage, welchen besonderen Zweck er mit seinen zu erwerbenden ägyptischen Kenntnissen verbinden wolle, erwiederte er mir, er habe es sich in den Kopf gesetzt, das altägyptische „Todtenbuch" von Anfang bis zu Ende zu übertragen unb zu erklären. Lächelnd bemerkte ich ihm, daß dies eine Aufgabe sei, die kaum in hundert Jahren gelöst werden tönne: aber sein Entschluß stand einmal fest, und er entgegnete rnir einfach: „Was ich will, das kann ich, ich werde die Aufgabe lösen, denn gerade die Schwierigkeiten sind es, die einen besonderen Reiz auf mich ausüben." Lassalle war damals 83 Jahre alt. Er führte ein Dasein im vornehmen Stile und nur in seinen Unterhaltungen entwickelte er sozialdemokratische Ideen, die im vollsten Gegensätze zu seinem wirklichen Leben standen. Es ist bekannt, daß die Gesellschaften, die sich auf besondere Einladungen in seinem Hause vereinigten, zu den gewähltesten gehörten, sei es mit Rücksicht auf die Stellung und den Alainen der eingeladeneu Gäste, sei es mit Bezug auf ihre geistigen Vorzüge. Fürst Pückler-Muskau, General von Pfuel, Hans von Bülow, um nur einige Namen zu nennen, folgten gern den Einladungen des geiüreichen und gelehrten Wirthes, wobei die Gräfin von Hatzfeldt so gütig war, die Honneurs des Hauses zu machen. Die Bewirtbung ließ an Auswahl und Feinheit der aufgetragenen Gerichte und der kredenzten Weine nichts zu wünschen übrig, und Lassalle schien seelenvergnügt zu sein, wenn das Lob seiner Tafel am:- dem Munde der Gäste erschallte. Die Unterhaltung bewegte sich natürlich in den gewähltesten Formen; sie war stets anregend geistvoll, und jeder der Theilnehmer konnte behaupten, einen Gewinn für sich aus ihr davongetragen zu haben. Unsere Bekanntschaft, durch meine späteren Reisen nach Persien und Aegypten jeweilig unterbrochen, dauerte bis zu seinem Tode. Meine Vorstellung, daß Lassalle auf dein altägyptischen Gebiete nichts Besonderes leisten würde, hat sich vollauf bestätigt, denn es ist die Eigenthümlichkeit dieser Studien, daß sie die ganze Zeit und Arbeitskraft eines Mannes verlangen und somit keine Gelegenheit bieten, sich mit andern Dingen eingehend beschäftigen zu können. Daß Lassalle ein ebenso gescheuter als hochgebildeter und wissenschaftlich unterrichteter Mann war, steht unzweifelhaft fest. Sein Scharfsinn schreckte vor keinen Schwierigkeiten zurück, aber dem Aegyptischen gegenüber fehlte es ihm, wie ich vorher bemerkt hatte, all der nöthigen Zeit und Ruhe, um die Räthsel der Vorzeit zu lösen und seinen Namen durch seine Leistungen auch auf diesem Felde zur Berühmtheit zu - bringen. Immerhin gedenke ich der Berührungen mit Lassalle nicht ohne einiges Vergnügen und rufe mir häufig die angenehmen Stunden in das Gedächtniß zurück, die ich in seiner Häuslichkeit verbracht hatte. d Ein reizendes Stückchen patriarchalischer Fürsorge wird aus Warschau berichtet. Dort hat sich die Thatsache herausgestellt, daß unter der armen jüdischen Bevölkerung Erkrankungen an akuten Verdauungsstörungen häufiger vorgekommen sind. Das Medizinalamt stellte fest, daß diese namentlich auf den Samstag Nachmittag oder auf die Nacht zum Sonntag fielen und nach Anwendung entsprechender Mittel bis zum nächsten Tag verschwanden. Der Schluß also war, daß sich die Juden diese Erkrankungen durch Ueberschreitungen der Diät zugezogen hätten. „In Anbetracht dieser Umstände und um für die Zukunft dergleichen Erkrankungen vorzubeugen", weist deshalb das Medizinalamt die Bewohner, aber namentlich die armen Juden aufs Genaueste an, wie sie ihre Diät . am Sabbath einzurichten haben. Ein förmlicher polizeilicher Speisezettel wird für die Juden entworfen. Sie haben sich insbesondere des Genusses von „unfrischem Fleisch und Fischen" sorgfältig zu enthalten. Ferner heißt es: „Bein: Sabbathessen find Fische und Kugel mäßig und flüssige Speisen nur warm zu genießen. Auch foHen die Juden ihren Durst bei und nach dem Essen nur mit Thee oder abgekochtem Wasser, keinesfalls l mit rohem Brunnenwasser löschen. Endlich wird ihnen aufgetragen,! ‘ „den Schlaf sogleich nach dem Essen zu unterlassen". Und nun sage i nran noch, daß es die Juden in Rußland schlecht haben, j j | * Stilproben aus antisemitischen Blättern. Das Organ! des Abg. Werner (19. Aug.) beschimpft Emin Pascha als den „jüdischen Räuberhauptmann" und durchgebrannten Reichskommissar, und die „Antisem. Korr." vom 3. August schreibt: „Ist es uns schon zu viel, daß man in den Blättern so viel Aufhebens von dem jüdischen Afrika- Bummler Schnitzler macht, so sollte es doch anständigen Blättern gegen den Geschmack gehen, das Fallkind dieses nomadisirenden Abenteurers zu! einer Berühmtheit zu erheben. Irgend welchen nationalen Werth haben j doch die Herumtreibereien dieses zur Lebensweise seiner Urväter zurückgekehrten Wüsterrbeduinen nicht, und der deutsche Leser von Geschmack sollte sich endlich die übelduftige Juden-Reklame, die mit diesem Welten- Vummler getrieben wird, ernstlich verbitten!" — Es genügt, die Leistungen niedriger zu hängen als Beispiele der Rohheit, wie sie in der antisemitischen Presse gang und gäbe ist. Wir würden glauben, den Forscher, der den deutschen Namen in: dunklen Erdtheil zu Ehren gebracht hat, zu beleidigen, wollten wir uns mit den gegen ihn gerichteten Verunglimpfungen des Näheren befassen. * Christas ein — Germane. Der excentrische Schriftsteller Max Bewer einen Band „Gedanken" erscheinen lassen. Das Interessanteste j in diesem, zum mindesten neu, ist der Beweisversuch, daß Jesus Christus! ein Deutscher, d. h. ein Mischling jüdischen und germanischen Blutes ge-! wesen sei! Bewer begründet diese sonderbare Ansicht mit der Tradition, j daß Christus blond gewesen sei, und sagt ferner, seit der Cimbern Tage! habe eine nicht unbedeutende Einwanderung von Germanen in den Orient j stattgehabt. | — Tie Nr. 37 der „Mittheilungen aus dem Verein zur! Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstraße 13,! Zeitungsliste 4l73) hat folgenden Inhalt: An unsere Leser. — Die ' Antisemiten und die medizinische Wissenschaft. — Arisch-adlige Geschäftsj Praxis. — „Auf der Suche nach Wahrheit." — Zur Abwehr. — Aus! dem antisemitischen Lager. — Vermischtes. — Der Antisemitismus, j Von Enrico Ferri. — Briefkasten. — Zur Agitation.! * Briefkasten der Redaktion. Fr. in H. Die beiden Herren sind Juden. Es giebt außerdem noch i eine ganze Anzahl jüdischer Oberlehrer in Preußen. — Die Broschüre! kostet 60 Pf Geschäftliche Notizen. * Deutsche Militaird ienst - Versicherungs - Anstalt in Hannover. — Im Monat August waren zu erledigen 1982 Anträge über Mk. 2,177,000.-. Das Vermögen erhöhte sich von Mk. 49,492,000.— auf Mk. 49,969,000.—. * Eine große Sorge für unsere Hausfrauen find die mit Leihung des Waschhauses und Trockenbodens verbundenen Unannehmlichkeiten. Um diesen aus dem Wege zu gehen, empfehlen wir den geschätzten Hausfrauen die komfortabel eingerichtete Dampf-Waschanstalt von G. Pittack, hier, Köpenickerstr. 33a, welche nicht nur die Reinigung der übergebenen Wäsche sauber und billig übernimmt, sondern auch kostenlose Abholung und Wiederzustellung derselben durch eigenes Fuhrwerk zusichert. Preis-Courant steht gratis-und franko zur Verfügung. Ein Versuch würde zweifellos zufriedenstellend ausfallen.

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