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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-08-04 · Heft 31 (4.8.1893) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 31 (4.8.1893)
Date
1893-08-04
Page
[Seite] (sequence 20)
Language
German
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Misoellen. — Als Felix Mendelssohn - Bartholdy einst an einem Septemberabend über den Brühl in Leipzig schritt, stieß er im auf- und abwogenden Gewühl der charakteristischen Gruppen, welche zur Meßzeit diese verkehrsreiche Gegend bevölkern, auf die patriarchalische Gestalt eines greisen Inden, der eben segnend seine Hände auf das niedergebeugte Haupt eines vor ihm stehenden Knaben legte. Derartige Genrebilder aus dem jüdischen Familienleben gehören während der Messe auf dem Leipziger Brühl nicht zu den Seltenheiten. Für den gemüthreichen Tondichter aber hatte die Scene etwas so Feier- , liches und Ergreifendes, das; er überrascht stehen blieb. Dem Greise! war der theilnahmsvoll auf ihm ruhende Blick des Fremdeil nicht ent-! gangen. Er griff verlegen an seinen breitkrämpigen Hut und sagte: j „Mein Herr, wir beginnen heut Abend eines unserer hohen Feste, wo es Brauch ist, unseren Ständern und Enkeln den Segen zu ertheilen. Aber wir sind hier fremd und nur ans enge Schlafstätten angewiesen. Darum ' müssen wir häufig von unseren Gebräuchen auf der Straße verrichten, j was sonst in der eigenen Behausung geschieht." Der Komponist sprach dem Greise seine Theilnahme aus und fügte dann, als er erfuhr, daß der .Knabe seiner Tochter Sohn sei und aus Rußland stamme, fort: „Das Kind sieht schivächlich aus. Warum haben Sie es so weit her mit sich gebracht':" „Damit er ein Mensch werden soll, lieber Herr, was! bei uns zu Hause, im Innern Rußlands, schwer möglich ist." Felix Mendelssohn suchte die Bewegung zu verbergen, welche ihn bei der in ihm austauchenden Erinnerung an seinen Großvater überkam, der auch als j schwächlicher Knabe nach Berlin gekommen und nach überstandeuer j Kümmernis; ein Licht in seinem Volke geworden war. Er hörte mit! Theilnahme zu, wie der vor ihm stehende Greis ihm berichtete, daß er seine letzten Groschen zusaunnengerafst habe, um seinem Enkel eine gute j Schulbildung zu ermöglichen. Einer Berliner Dame, welcher Mendelsi sohn später den ganzen Vorgang erzählte, legte er das Geständniß ab, daß an jenem "Abend, auf den Straßen Leipzigs zum ersten Male eine Regung edlen Ahnenstolzes durch seine Seele gezogen sei, daß er ein Gefühl wehmüthiger Erhebung empfunden bei dem Gedanken nicht an den jetzigen Glau; und Einfluß seines Hauses, sondern an seinen inneren Zu-! sann neu hang mit jener geistigen und sittlichen Kraft, welche in dem ver-! folgten jüdischen Stamme Jahrhunderte hindurch dem Hasse einer Welt getrotzt, bis sie endlich in denr stillen Dunkel eines armen dessauischen , Judenhauses zu einem hell und warm in die Herzen und Geister leuchtenden j Strahl sich angesammelt hatte Wer ermißt das geheimnißvolle Walten des Volks- und Familieugeistes, die innere Erbschaft der Geschlechter? Wer kann sagen, was von den Gefühlen längst entschwundener jüdischer Dulder in j Stunden schaffender Begeisterung durch des Meisters Harfe gerauscht, in seine j eigene Seele das klingen nach Hohem und Edlem gehaucht, in seinen Liedern, Psalmen und Oratorien den herzbezwingenden Ausdruck gefunden hat? Die an einem geheimen Seelenpuukte mit dem Tondichter verknüpften Fremdlinge folgten Mendelssohn auf sein Geheiß durch eine Seitenstraße, bis sie in eine stille Gegend des schönen Stadtparkes kamen. Hier unter! den hohen Bäumen blieb Mendelssohn stehen und fragte: „Sie haben! von Moses Mendelssohn gehört?"! „Nicht blos gehört von ihm, lieber Herr, schon in früher Jugend! habe ich alle seine Schriften gelesen, die hebräischen und die deutschen.! Man liest bei uns noch heute die hebräischen Schriften Mendelssohns und seine Bibelübersetzung, und noch läßt sich nicht absehen, was die zahlreichen Schüler, die er unter den russischen Juden gesunden, in der gesummten Welt des Ostens bewirken werden." Der Schriftsteller A. F., dem vorstehende Geschichte von einer Dame, der sie Mendelssohn erzählt hatte, mitgetheilt worden ist, berichtet, daß! Felix Mendelssohn-Bartholdy sich des Knaben, der den Anlaß zu dieser! Unterredung gegeben, warm annahm. Dieser Knabe ist freilich kein Rej formator der russischen Inden, sondern ein hochgebildeter, durch seine | aufopfernde Menschenfreundlichkeit sowohl, als durch geistvolle schristi stellerische Leistungen ausgezeichneter Arzt geworden.! d! — Der Tempel zu Jerusalem. Die Wiener Allgemeine Bau- | Zeitung hat in ihren Heften l - IV von 1893 eine Abhandlung über! den „Tempel zu Jerusalem" von Heinrich Becker, dem Frankfurter j geographischen Schriftsteller, publizirt. Die Schrift enthält 4 Kapitel: | 1. Der Tempel des Salomo. 2. Der Umbau durch Zerubabel und Herodes 3. Der Felsen-Dom von Kaiser Konstantin. 4. Der Kunstwerth des Tempels. Der Verfasser hat sich an die Frage gewagt, die im Jahre 1875 von einem Kongreß von Architekten, Archäologen und Theologen nicht gelbs wurde. Jener Kongreß sprach die Ansicht aus, der Tempel sei zrvm von Salomo erbaut, der gewaltige Unterbau sei aber nur theilweise vo: Salonw hergestellt und später erst von Herodes d. G., sowie von da Römern vollendet worden. Dann rühre auch der heute noch stehende Felsei.= Dom weder von Konstantin, noch einem Khalifen, sondern vom K. Jnstinicn: her. Der Verfasser weist nun in geologisch und meteorologischer Begründung nach, daß der Tempelberg „Moria" aus einem Juragebirce besteht, in dem Sand- und Kalkstein-Lagen wechseln. Diese stehen in schräger Neigung zu Thal; von der Sonne werden ste ausgeglüht, dann von den Regengüssen aufgelöst und hinabgestürzt. Diese zu sicher::, mußte Salomo die riesige Mauer baueu. Sie ist heute noch 54 Meterhoch entdeckt worden, mit Blöcken von 8—10 Meter Länge und 4—:> Meter Breite. Solch' riesige Arbeit vermochten weder Herodes noch die Römer zu vollbringen; denn jener war ein „Miethling", diese aber Fremdlinge. Nur ein souveräner Herrscher von der Macht und der: Reichthum eines Salomo vermochte 80,000 Bauleute und 70,000 Lastträger aufzubieten, um das Ungeheure zu vollenden. Der Tempel wurde zwei mal zerstört durch Nebukadnezar, dann durch Titus. Keiner von diese: konnte aber die ungeheueren Mauern stürzen. Nehemja baute in 52 Tage:: , die Mauern und binnen einem Jahr den Tempel wieder auf. Es war nur das Holzwerk verbrannt und einzelne Mauer-Stücke geborsten. Trotzdem kein Krieg bis zu Herodes Tempel und Mauern zerstörte, waren i beide zerfallen, in Folge der ungeheueren Regengüsse, welche die unter den: , Tempel herzieheuden Höhlen, sowie die großen Wasser-Behälter sprengte:: und in gewaltigem Felsenbruch die Riesenmauer zu Thal stürzten. Aus; Titus hatte nicht mehr als das Holzwerk verbrannt. Ein mörderisches Klima — 8 Monde Gluthhitze, 4 Monde Negensturz — verwüstete aber die Trümmer zu einem Schutthaufen. Die fromme Kaiserin Helena, du Mutter Konstantins d. G, fand zu Bethlehem die Höhte, in der Jesus geboren sein sollte; zu Jerusalem die Stätte, wo sein Kreuz lag, und bic dritte, wo er, nach ihrer Meinung, begraben ward. Sie vermochte den großen Sohn, daß er diese Orte mit Tempeln verherrlichte. Zu Bethlehem entstand eine Basilika; zu Jerusalem an der Krenzes-Stelle eine zweite: dann Liber dem Felsen „Moria" — in dem die Kaiserin die Grabstätte wähnte — ein dem römischen Pantheon nachgebildeter Kuppel-Bau. An den Bau-Formen weist der Verfasser nach, daß diese drei Werke nur zu Konstantins Zeit entstanden sein konnten. Aus der hohen Stellung Konstantins giebt er gleichfalls den Nachweis, daß— wie nur ein souveräner König von Israel den Tempel mit seiner gewaltigen Terrasse vollführen — auch nur der universale Beherrscher vom ganzen Römer-Reich, der enthusiastische Verehrer des Christeuthumes, den zweiten Bau, den Felsen- Dom, an dessen Stelle setzen konnte. Es folgt in spannender Entwickelung die Baugeschichte, die geologischen, wie die politischen und staatswirthschaftlichen Motive, sowie die Erklärung von den Bauformen, deren planvolle Ebenmäßigkeit den Baukünstler in Staunen setzt. Tann wird die Zeitgeschichte, die Einweihung des Tempels durch Salomo, die Aufstellung der Chöre durch Esra und Nehemja, das erste Laubhüttenfest, die Erlebnisse von Jesus Christus, die Passionsgeschichte, u. s w. in die Beschreibung eingeflochten. Damit wird ein ebenso künstlerisch exaktes, wie kulturgeschichtlich fesselndes Bild von dem Bauwerk gegeben, das unter allen auf der Erde stehenden für die gebildete Menschheit von dem höchsten Interesse ist. Heinrich B rugsch schreibt gegenwärtig seine Lebenserinnerungen in der „V. Z." In dem Kapitel über seine Studienzeit findet sich der folgende interessante Passus: „Ein paar jüngere und ältere Freunde — und zu den letzteren zähle ich mit Stolz den noch jetzt lebenden Sprachphilosophen Professor Dr. Steinthal - bereiteten mir durch ihren Umgang die wohlthuendsten Stunden und trugen nicht wenig zur Bildung des Herzens und zur Erweiterung meiner Kenntnisse bei." d Lrirftrastrn der Uedalrtion. A. in N. Die Abkürzung lautet: Dell: nafsdioh zerurah bizror hadiajim; d. h.: Seine Seele sei ausgenommen in den Bund des ewigen Lebens. * Geschäftliche Notizen. * Deuts che Militairdienst - Versicherungs - Anstalt in Hannover. Im Monat Juli waren zu erledigen 1897 Anträge über Mk. 2,071,000—. Das Vermögen erhöhte sich von Mk. 48,556,000.— auf Mk. 49,492,000.-.

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