Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1893)
- Date
- 1893-07-21
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Mrscellen. Emin Pascha. Die „N. Fr. Pr." hat folgende Zuschrift erhalten: Geehrter Herr Redakteur! In Nr. 10376 der „Neuen Freien Presse" (Morgenblatt vom Donnerstag den 13. Juli 1893) veröffentlicht Gerhard Rohlfs auf Grundlage eines neuen Buches über Emin einen Artikel, in dessen Eingang es wörtlich wie folgt heißt: Einen deutschen Gordon kann man mit Recht Eduard Schnitzer nennen, der am 28. März 1840 zu Oppeln in Schlesien geboren wurde. Sein Vater war Kaufmann und wie seine Mutter, eine geborene Schweizerin, evangelischer Konfession, was wir hier betonen wollen, da vielfach behauptet worden ist, obgleich ihn das in unseren Augen nicht herabgesetzt hätte, daß der junge Schnitzer Jude gewesen sei. Diese bestimmte Aeußerung aus der Feder eines so namhaften Forschers machte mich stutzig, da seit Jahren in jüdischen Fachjournalen Emin für die Juden reklamirt und in antisemitischen denselben zugeschoben wurde. Um über diesen Punkt authentische Gewißheit zu erlangen, die, wie ich mir dachte, doch ohne Schwierigkeit zu ermitteln sein müsse, da wir ja nicht, wie Emin, im „dunkeln Welttheil" uns befinden, wendete ich mich an den Rabbiner Dr. A. Wiener in Oppeln. Dieser ehrwürdige, mehr als achtzig Jahre alte, übrigens mir nicht persönlich bekannte Gelehrte schreibt mir nun unter dem 16. d. M. die nachstehenden, Emin betreffenden Notizen, welche in Anbetracht der Bedeutung des Letzteren der Veröffentlichung werth erscheinen, wobei es mir jedoch lediglich darum zu thun ist, einen Jrrthum Rohlfs zu berichtigen und Einiges zur Biographie Emins beizutragen. Die Mittheilung des Herrn Dr. Wiener lautet wörtlich: Es sind noch lebende Zeitgenossen hier in Oppeln, die in alle Verhältnisse des Hauses und der Familie Schnitzer eingeweiht sind. Ich selbst gehe fast täglich vor dem Hause vorbei, wo Emin Pascha das Licht der Welt erblickt hat. Schon vor vierzig Jahren, als ich noch Rabbiner in Kosten (Posen) war, wo ich mit einem nahen Verwandten des Emin Pascha in einem Hause lebte, erfuhr ich viel über die Familie Schnitzer in Oppeln, freilich nicht über den damals noch sehr jugendlichen Eduard. — In der von hiesiger Gemeinde geführten Geburtsliste findet sich (Seitenzahl verlöscht) für das Jahr 1840 folgender Vermerk: „N. O.L. Schnitzer, Kaufmann, den 29. März (folgt Hebräisch, was ich Deutsch wiedergebe): Der Knabe Isaak, Sohn des Herrn Löb Schnitzer, geboren Sonntag den 24. Adar II des Jahres 5640." Dieser Löb, alias Louis Schnitzer (Vater), ebenfalls hier geboren, war der Sohn des Joseph Schnitzer, eines Gelehrten, der hier unentgeltlich die rabbinischen Funktionen versah. Er war hier eingewandert aus der Stadt Krzepitz im Königreiche Polen und heirathete die Tochter des Simon Oppler, eines rabbinisch gelehrten Mannes, Bruders des durch seine hebräischen Dichtungen berühmt gewordenen, in Breslau verstorbenen Salomon Pappenheim. Ein Bruder des Louis Schnitzer war der Hofrath Dr. Schnitzer in Berlin, der, wie ich glaube, als Jude in Berlin gestorben ist. Eduard Schnitzer (Emin) war ungefähr fünf Jahre alt, als sein Vater starb; seine Mutter, eine geborene Schweitzer (also keine Schweizerin, wie Rohlfs schreibt) aus Neisse, kehrte nach dem Tode ihres Gatten nach ihrer Vaterstadt zurück, ließ sich und selbstverständlich auch Eduard, jetzigen Emin Pascha, taufen und heirathete nunmehr einen Christen. Hochachtungsvoll Baden, 16. Juli 1893. Dr. M. Güdemann, Ober-Rabbiner. Prinz Georg von Preußen bewahrt unter dem Siegel strengster Diskretion eine hochinteressante Briefsammlung der großen Tragödin, Rachel Felix, die selbst den steifen, gespreizten Alexandriner mit einem Hauch antiker Schönheit zu umgeben wußte. Sie war es auch, die den fürstlichen Autor darauf hinlenkte, sich als dramatischen Dichter zu versuchen. Eine andere Autorität der Vergangenheit, welcher der Prinz huldigt, ist Rahel Levin. Prinz Georg hat ein liebevolles Gedächtniß für viele Aussprüche dieses großen Frauengeistes, dessen Eigenart von der schnelllebigen Gegenwart fast schon vergessen worden ist — er hat sie häufig als Wahlsprüche auf seinen Werken verzeichnet. — Althebräisches Brod. Zu dem altgriechischen Brode bildet das althebräische Brod ein beachtenswerthes Analogon. Nach den ältesten heiligen Urkunden der Hebräer scheint die Zubereitung des Brodes auf dem Schauplatze der alttestamentlichen Urgeschichte in folgender Weise stattgefundeu zu haben. Die Getreidekörner wurden zerrieben, und zwar entweder in einem Mörser zerstoßen oder in einer Handmühle zermahlen; diese zerriebenen Körner (Mehl) wurden mit Wasser oder Oel eingerührt, zu einem Teige geknetet, der, zu einem dünnen Fladen breit geschlagen, auf einem Roste über Feuer oder glühenden Kohlen erhitzt wurde. Das Brod wurde also eigentlich nicht gebacken, sondern geröstet. Zur Herstellung eines solchen ohne Gährung und Sauerteig bereiteten Brodes (panis acymus) war — wie etwa in unserer Zeit zur Bereitung einer Omelette — nur kurze Zeit erforderlich. Aus diesem Umstande ist der Zusatz erklärlich, der bei der Schilderung von Mahlzeiten in den ältesten biblischen Schriften mit Vorliebe wiederzukehren pflegt, daß der Gastgeber eilends frisches Brod bereiten läßt, um es seinem Gaste vorzusetzen. Es ist eben das leicht herstellbare, ungesäuerte Brod, das dem Gastfreunde gereicht wird. Als in späterer Zeit die kunstgerechte Methode des Brodbackens mittelst Gährung und Sauerteiges in Vorderasien allgemein bekannt wurde, behielten doch die Hebräer bei den Opfergaben für den Altar, sowie bei sonstigen religiösen Veranlassungen die alterthümliche Zubereitung des Brodes bei. — Auf der Skandalwart. In den „Deutschen Wespen" wird das verhetzende Treiben der Antisemiten sehr glücklich folgendermaßen! persiflirt: Auf sozialpolitischem Gebiet ist nicht mehr viel Verleumdungsstoff übrig. Wie aber für viele echt vaterländische Unternehmungen, so findet sich auch für das Antisemitenthum ein durchaus jungfräulicher Boden in unseren ostafrikanischen Kolonien. Nur weil Meister Ahlwardt anderweitig festgehalten ist, konnte es seinem Scharfsinn bisher entgehen, daß die traurigen Epi-Soden in Ostafrika von der Berliner! Judenschaft verschuldet wurden. Alljährlich gehen nämlich ganze Schaaren j dieser Vaterlandsfeinde zur Erholung nach dem Suahelilande und werden! dort mit den Schwarzen sehr schnell vertraut, da ihre hebräische Mutterj spräche von dem Suahelischen bekanntlich nur in wenigen Ausdrücken > abweicht. Diese Sprachverwandtschaft benutzen unsere Berliner Kolonialj gäste zur Aufstachelung der zahmen Wilden und verschaffen sich so auf j billige Weise eine angenehme Zerstreuung in der ostafrikanischen Sommerfrische. Daß das Ansehen des Deutschen Reiches darunter leidet, kümmert natürlich die vaterlandslose Sippe nicht im Geringsten! Wir empfehlen, alsdann die patriotische Hetze ans ein anderes Gebiet hinüberzuspielen. Warum hat noch kein Stöcker auf den Zusammenhang der jüdischen Goldkalbumtanzung mit den dadurch hervorgerufenen Windi strömungen hingewiesen? Es wird für die eidgewandte Dialektik des i Herrn Exhofpredigers eine dankenswerthe Aufgabe sein, den Judengiftj bäum mit all' seinen Verzweigungen für die ungünstigen Witterungs-! Verhältnisse in Deutschland verantwortlich zu machen. In welcher Weise ' j das geschehen soll, unterlassen wir hieranzudeuten, weil wir dem braven!! Volksfreund nicht vorgreisen wollen.! j Merkwürdig ist es, daß der Antisemitismus in der medizinischen! j Welt noch gar keine hervorragenden Vertreter hat. Die mit der Judeni! Partei identischen Freisinnigen haben sich Virchow gesichert. Wie j vorteilhaft wäre es, wenn ein Gegenvirchow die Entstehung und! Weiterverbreitung der Bazillen und anderer Jnfektionsmittel auf Grund ' eingehender antisemitisch-wissenschaftlicher Untersuchung den Semiten zu-! j schreiben könnte! j Man sieht, wie mit einigem guten Willen alles Erdenübel den Juden j | zur Last gelegt werden kann, und das läßt sich vielleicht so weit aus- >! dehnen, daß man zu dem Ergebniß kommen wird: Auch an der unglaub-! lichen Bornirtheit der Antisemiten find allein — die Juden schuld.! - * — Die Nr. 30 der „Mittheilungen aus dem Verein zur j Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstraße 13, Zeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Jüdische Geschichtslehrer. — Stöcker und die „unanständigen" Antisemiten. — Bei der Nachwahl in Neustettin. — Aus dem antisemitischen Lager. — Vermischtes. — Alphonse der Candolle über die Judenfrage. — Briefkasten. d! Kriefkasten der Nrdaktion.! I. D. B. in K. In der Korrespondenz aus Bern vom 7. Juli; wurde irrig statt „die etlichen (mehreren) 80,000 Stimmen" die „üblichen" gejetzt. Diese Fassung ist fehlerhaft. Man könnte glauben, zur Stellung des Jnitiativbegehrens in der Schweiz seien 80,000 Stimmen nöthig, während das Gesetz 50,000 verlangt.