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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-07-07 · Heft 27 (7.7.1893) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 27 (7.7.1893)
Date
1893-07-07
Page
[Seite] (sequence 20)
Language
German
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Miscellen --Der jüdische Handwerker. Man macht den Juden mit Unrecht den Vorwurf, daß sie sich nur selten dem Handwerk widmen. Wie viel jüdische Handwerker existiren allein in Berlin? und unter diesen gehören wieaer Viele zu den ersten ihres Faches. Unter den Mauermeistern: Cremer & Wolffenstein, Joseph Fraenkel, Lande, Hamburger, Weill, unter den Schlossern Arnheim und Fabian, unter den Malern Bodenstein, und so könnte man die Liste noch bis ins Unendliche fortführen. Wie viel Handwerker hat der Verein für Beförderung des Handwerks und des Ackerbaues unter den Juden ausgebildet? und das Erziehungshaus in Pankow, welches vor 11 Jahren für die ausgewiesenen Russen begründet wurde und das seit einigen Jahren von der jüdischen Gemeinde übernommen wurde, läßt seine Zöglinge nur Handwerker werden und hat bereits 40 -50 Gesellen eutkiffen. Bemerkenswerth ist es jedoch, daß schon im Anfang dieses Jahrhunderts edeldenkende Männer daran dachten, diejenigen Juden zu unterstützen, welche sich dem Handwerk widmen wollten. Liepmann Meyer Wulff hat in seinem Testamente für die jährliche Unterstützung eines bedürftigen Familienvaters 500 Thaler, für diejenige einer Wittwe 300 Thaler ausgesetzt. Da nun im Edckt vom 11. Marz 1812 (so heißt es im Testament), die bürgerlichen Rechte der Juden betreffend, den mosaischen Glaubensgenossen die Freiheit zum Betriebe aller bürgerlichen Gewerbe ertheilt wurde, so änderte der Testator am 19. Juni 1812 seine vorstehenden Bestimmungen dahin, daß die Summe von 800 Thalern namentlich an jüdische Handwerker vertheilt werden solle. Seine Motive lauten wörtlich: A. ist es in der Natur der Sache und durch vielfältige Erfahrungen hinlänglich begründet, daß diejenigen, welche ein gemeinnütziges Gewerbe treiben, bei Weitem leichter tm Stande sind, ihren Erwerb durch eine mäßige Unterstützung sehr wesentlich zu verbessern, als dies bei Handeltreibenden der Fall ist, wonach also bei Jenen die Erreichung des Zweckes des Stifters um so zuversichtlicher zu erwarten steht. ß. können dadurch mehrere zur Unterstützung geeignete Subjekte an der Wohlthat der Stiftung Theil nehmen, wodurch der heilsame Zweck der Stiftung bei Weitem umfassender und wirksamer werden dürfte, und endlich: C. ist diese Maßregel zugleich ein wirksames Mittel, die mosaischen Glaubensgenossen vorn Kleinhandel, auf den sie früher beschränkt waren, abzuführen und sie zur gemeinnützigen Thätigkeit aufzunmntern, wodurch dieselben sich den erlangten bürgerlichen Rechten um so würdiger macherl tonnen. Mögen diese vor 80 Jahren niedergesehriebenen Worte auch in der Gegellwart Beriicksiehtigung finden. — D e r jüngste Lieutenant. Von dem kürzlich verstorbenen Baron Edelsheim-Gnulai, der bekanntlich Höchstkommandirender von Ullgarn gewesen, erzählt der „Pester Lloyd" die folgende Geschichte, welche für das Gerechtigkeitsgefühl des Verstorbenen bezeichnend ist: „Es war im Oktober 1874, als der Kommandirende in Budapest, Freiherr von Edelsheim-Gyulai, den Besuch der Frau v. P. erhielt. Der General empfing die Dame, welche in den höheren Gesellschaftskreisen der ungarischen Hauptstadt eine sehr angesehene Stellung einahm, mit jener Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit, welche er schönen Frauen gegenüber jederzeit bethätigte. Frau v. P. war gekomnien, um vom Kommandirenden Gerechtigkeit für ihren vom Offizierseorps des nten Husaren-Regiments gekränkten und zurückgesetzten Sohn zu erbitten Derselbe hatte bei jenem Regiment sein Einjährig-Frciwilligen-Jahr abgedient und sollte nun als Kadet-Offiziers- Srellvertreter, nicht aber als Lieutenant in die Reserve übersetzt werden. Die Dame behauptete, ihr Sohn habe während seines Freiwilligenjuhres vollkommen entsprochen, und sei nur deshalb vom Offizierscorps abgelehnt worden, lveil er — Jude ist. Der General lächelte und meinte: Gnädige Frau, eine Mutter sieht die Angelegenheiten ihres Sohnes mit anderen klugen an und urtheilt anders als militärische Vorgesetzte. Eine Taine von Geist, wie Sie, gnädige Frau, wird das begreifen. Ich kenne natürlich den Fall ihres Sohnes nicht. Ich weiß um so weniger etwas! davon, als das Regiment nicht hier liegt, sondern in di. Aber ich werde * sofort die ^ache untersuchen, und wenn sie wirklich so ist, wie Sie mir! dieselbe darstellen, dann — darauf verlassen Sie sich, gnädige Frau! — : - wird gewiß geholfen werden " Am nächsten Tage kam der telegraphisch nach Budapest berufene Regimentskommandant in Parade in das Ge bäude des Ofener Generalkommandos. Als der Oberst bei dem Komman direnden eintrat, begann dieser: „Herr Oberst, in Ihrem Regimente hcn ein junger Mann, v. P., als Einjahrig-Freiwilliger gedient." — „Ja wohl, Excellenz!" — „Nun, und — wie hat er sich denn gemacht?" - „Excellenz — gut." — „Wie ist seine Führung?" — „Excellenz — gut/ „Hat er Strafen? Liegen Klagen gegen ihn vor? — „Excellenz — nein/ „Warum hat ihn dann das Regiment nicht zum Lieutenant in der Reserve vorgeschlagen." — „Excellenz — P. ist Jude und in der Offizierver sammlung sind Stimmen gegen ihn laut geworden, weil sich die Herrer denn doch nicht gut einen — jüdischen Husaren-Offizier vorsteller können." Eine unheimliche Pause trat ein. Blutroth färbte sich das ohnehin volle Gesicht Edelsheims. Zornsprühend und mit der Maß j losigkeit seines elementaren Temperaments schrie er auf, daß die Wänkn! seines Arbeitszimmers zitterten und die im Vorgemach beim Personal | Adjutanten auf Einlaß harrenden Referenten ein Grauen befiel: „Was? j Was? Herr Oberst! Jüdischer Husaren-Offizier?! Himmel Hergoti! Sakrament noch einmal! Ich kenne keine jüdischen Offiziere, ebenso i wenig als ich katholische, protestanische oder griechisch-orientalische Osfij ziere kenne: ich kenne nur kaiserliche Offiziere." Nachdem der Kommandirende nach diesem furchtbaren tobenden Ausbrauche seines Zornes | Athem geschöpft, fuhr er in ruhigerem, aber streng gebietendem Tone fort. I „Herr Oberst, Sie fahren sofort in Ihre Station zurück, versammeln die Herren des Regiments und lassen nochmals über die Würdigkeit P/s zum Ossizier abstimmeu. Sie werden den Herren klar machen, daß man im kaiserlichen Heere niemals nach der Nation oder Religion gefragt hat. Wenn der Soldat nur ist, wie man ihn verkehrt liest (ladlos), dann fragt man nicht nach seiner Nation oder Religion. Das ist ein Wahrwort, welches nach dem dreißigjährigen Kriege zu den Traditionen unserer ''Armee gehört und das wir heute und allezeit Hochhalten wollen. Das werden Sie den Herren Ihres Regiments auseinandersetzen und dann — wird die Ofsiziersversammlung Beschluß fassen. Sie werden mir das Resultat nicht im Dienstwege, sondern direkt mittheilen. Guten Morgen, Herr Oberst!" Der Oberst verbeugte sich stumm und vorschriftsmäßig und verließ das Arbeitskabinet des Kommandirenden. Vier Tage später erhielt Letzterer die Meldung des Regimentskommandos, in welcher es wörtlich hieß: „Ich melde gehorsamst, daß das Offiziercorps des Regiments es neuerdings abgelehnt hat, den Einjahrig-Freiwilligen Wachtmeister v. P. als Kameraden in seine Reihen aufzunehmen." Darauf war Edelsheim nicht gefaßt. Was sollte er gegen diesen festen Willen des Offiziercorps anfangen? Noch am selben Abend fuhr er nach Wien, um am nächsten Morgen beim Kriegsminister, General der Kavallerie Freiherrn von Koller, vorzusprechen. Das Ergebniß dieser Reise trat in einem der nächsten Armee-Verordnungsblätter sichtbar zu Tage. Der Kommandirende hatte dem Kriegsminister auseinandergesetzt, daß der Oberst des betreffenden Husaren-Regiments nicht nur eine inkorrekte Auslegung der Beförderungsvorschrift durch seine Offiziercorps geduldet, sondern auch gezeigt hat, daß er keinen Einfluß auf seine Offiziere besitzt.; Ter Oberst wurde daher in den Ruhestand übernommen und die zwei ' rangältesten Offiziere jeder Charge vom Rittmeister abwärts wurden in? andere Regimenter versetzt. Als der neue Oberst das Regiments-Kommando! antrat, ordnete er eine Ofsiziersversammlung an, um die Herren zum! dritten Male bezüglich der Würdigkeit des Einjährig-Freiwilligen Wachtj meisters v. P. zur Offiziersbefürderung zu befragen. Es erhob sich diesmal keine Stimme in der Versammlung, die mit gehorsamstem Schweigen die Erklärung des Obersten entgegennahm, „daß also in der Qualifikationsliste der Freiwillige v. P. als würdig zur Beförderung zum Lieutenant zu erkennen ist". Zwei Wochen später veröffentlichte das Verordnungsblatt die Ernennung v. P/s zum Lieutenant in der Reserve. — Die Nr. 28 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstraße 13, Zeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Ter Antisemitismus und die Wahlen. — Ausnahmegesetze gegen die Antisemiten? — Die Antisemiten im Reichstage. — Liberalismus und Antisemitismus bei den Reichstagswahlen. — Ahlwardt und die Konservativen. — Jüdische Geschworene in Lemberg. — Verschiedenes — Von Büchertisch. — Briefkasten:

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