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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-06-30 · Heft 26 (30.6.1893) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 26 (30.6.1893)
Date
1893-06-30
Page
[Seite] (sequence 20)
Language
German
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Misoetlen. * Die jüdische ©emetnbe in Amsterdam wurde vor nunmehr 300 Jahren am 22. April 1593 gegründet. Jakob Tirada, ein Marrane vorgerückten Alters, war der Erste, der von Portugal 1592 auswanderte. Er stellte sich an die Spitze mehrerer „heimlicher Juden", welche zum Judenthum zurückkehren wollten. Sie entflohen dem Laude der Scheiterhaufen, um alsbald in andere Gefahren zu laufen. Ihre Flagge wurde unterwegs von einem englischen Schiffe gekapert. Der Kapitän des Schiffes, ein englischer Herzog, war von der außerordentlichen Schönheit eines Mädchens namens Marie Nunes, welches von ihren Eltern den! Marannen anvertraut war, so sehr bezaubert, daß er es zur Frau nehmen wollte. Marie schlug die Partie mit dem Bemerken aus, daß sie nur, um das ihren Eltern aufgedruugene Christenthum zu verlassen, diese Reise uuternounnen habe und wollte von nun an frei, nur als Jüdin leben. , In London machte dieser Fall Aufsehen, auch die Königin Elisabeth ließ! sich die gefangene Marranin vorsühren, um sie zu sehen. Die Königin fand Wohlgefallen an diesem Mädchen, welches aus religiöser Ueberzeugung den Heirathsantrag eines Herzogs zurückwies, so daß sie mit Marie Nunes in offenem Wagen durch die Straßen der englischen Hauptstadt fuhr und ihr nebst ihren Gefährten ihre Reise fortzusetzen gestattete. Nach einer gefahrvollen Fahrt landeten sie in dem Hafen von Emden. Jakob Tirado war hocherfreut, als er zufällig in das Haus des gelehrten Moses Ury Halewy einkehrte. In Emden konnten die Marranen noch nicht den jüdischen Glauben öffentlich annehmen, weil dies bei den Christen Aergerniß hervorgerufen hätte; sie begaben sich daher nach Amsterdam. Moses Ury und sein Sohn Aron folgten ihnen und vollzogen den Uebertritt zinn Judenthum, auch richteten sie zugleich ein Bethaus ein, das vorläufig noch Geheimniß blieb. Erst 1598 wurde die erste öffentliche Synagoge „Beth-Jakob" eingeweiht. ¥ Aus dem Leben. Bertha von Suttner erzählt in ihrem offenen Briefe an den Verfasser von „Wehrt Euch! Ein Mahnwort an die > Juden," (Berlin, S. Fischer 1893) folgende Szene: „Wir wohnten j einst bei einem jüdischen Ehepaar. Der Gatte war in einem Bankhaus! beschäftigt, aber das knappe Gehalt genügte nicht zum Auskommen, daher vermietheten Herr und Frau Meyer einen Theil ihrer Wohnung. Sie hatten einen einzigen Knaben. Ein wunderhübsches, talentirtes, liebevolles Kind. Ich hatte oft Gelegenheit, das Familienleben dieser Leute zu beobachten; es war ein musterhaftes. Der kleine Leopold war der Stolz und das Glück der sonst in sehr beschränkten und zurückgegangenen Verhältnissen lebenden Eltern. Ich war oft anwesend, wenn der Kleine aus der Schule heimkam; selig war das Kind, wenn es wieder gute Zeugnisse bringen konnte. „Ach, ich bin so glücklich, so glücklich!" rief er einmal „Warum?" fragten wir. „Daß ich auf der Welt bin, es ist so schön auf der Welt, und weil ich's weit bringen werde, ich bin wieder der Erste gewesen heute." Eines anderen Tages kam er ganz gedrückt nach Hause; nicht daß er ein schlechtes Zeugniß hatte. „Was ist Dir denn geschehen. Junge, Du siehst ja ganz verstört aus?" Da schluchzte er auf . . . Genug, ich schreibe hier kein Novelle. Was das Kind erzählte, man kann siästs ja denken. Es kommt wohl alle Tage vor: Der Sohn eines strammen Antisemiten, selber faul und rauflustig, höhnte und hänselte den fleißigen Kameraden: „Judenbub, zu was plagst Dich? Wirst doch Dein Leben lang nichts erreichen, bist ja nur Einer von der Semitenbande!" Das Weh, das in des kleinen Erzählers Stimme zitterte, das staunende Weh darüber, daß es ihm nichts nützen soll, wenn er brav und fleißig war, das herzzerreißende Weh der Ellern — sie tauschten nur einen Blick, — das Alles werde ich nicht vergessen; zum wenigsten den eigenen Schmerz, der mir bei dieser Szene durch die Seele schnitt." — Ein jüdischer Soldat. Von einem jüdischen Freiwilligen erzählte der Abg. v. Beckerath im „Vereinigten Landtag" vom Jahre 1847 (S. 1751 des stenogr. Berichts) Folgendes, was wir den Antisemiten zur Kenntnißnahme empfehlen: „Eine jüdische Mutter in der Mark Brandenburg hatte im Jahre 1813 einen einzigen 19 jährigen Sohn; dieser Jüngling wurde von der begeisternden Liebe zum Vaterlande ergriffen und es drängte ihn, an dem Kampfe zu seiner Rettung theilzunehmen. Die Mutter entließ ihn mit ihrem Segen; sie brachte zugleich einen Theil ihrer Habe, ihr Silbergeschirr, als Gabe dar zur Ausrüstung der unbemittelten freiwilligen Vaterlandsvertheidiger, und es wurde ihr dafür, die Urkunden liegen mir vor, es wurde ihr für dies Geschenk, das sie, luie es darin heißt, „in fronnnem Glauben brachte, die Berechtigung ertheilt, sich zu den Mitgliedern des Frauenvereins für jetzt und für die Nachwelt zu zählen." In den ersten Monaten erhielt sie Nachrichten von ihrem Sohne, dann blieben sie aus. Lange harrte sie vergeblich. Endlich wendete sie sich vol banger Ahnung an den Kommandeur des Regiments, in welchem ihr Sohn diente, und die Antwort, die sie erhielt, war folgende: „Auf Ihr Schreiber: an den Herrn Oberst v. Alvensleben, in Betreff ihres Sohnes, übersend' ich Ihnen den beiliegenden Schein des Lieutenants Behm, welcher damals Feldwebel in der Kompagnie war, worunter Ihr Sohn gestanden. SU werden daraus ersehen, daß Ihr Sohn bei Groß-Görschen für die heilig und große Sache gefallen ist. Trösten und beruhigen Sie sich, Madame, mit der Ueberzeugung, daß Sie Ihren Sohn dem Könige und dem Vater lande geopfert haben." * 11 nt Irrt hum zu v ermeiden! Bei der kürzlich stattgehabter Verhandlung eines Civilprozesses „Cohn contra Cohn" vor den Kammergericht, wobei die beiden Prozeßführenden einen Eid zu leisten hatten, sah sich der eine der Mandatare, um eventuellem naheliegender Jrrthum bei der Eidesabnahme vorzubeugen, veranlaßt, ausdrücklich darau hinzuweisen, daß beide Herren Gegner evangelisch seien. 8i non e vero $ Die Nr. 27 der „Mittheilungen aus dem Verein zu. Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstraße 13. Zeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Der Antisemitismus um* die Wahlen. —• Eine antisemitische Fraktion. — Der Antisemitismus-- im Königreich Sachsen. — Zum Kapitel „Ritualmorde". — Vermischtes. — Briefkasten. ßci der Redaktion ringegaugene Küchcr. lEiu näheres Eingehen auf einzelne Werke bleibt Vorbehalten.^ Joel Müller. Fest- und Gedenkreden. Berlin 1893. Ferd. Dümmlen. Nahida Remy. Kulturstudien über das Judenthum. Berlin 1893 Carl Duncker. Ad. Jellinek. Die Apologetik des Judenthums. Wien 1893. Verlag der „Oesterr. Wochenschrift". M. Hirsch. Kulturdefizit am Ende des 19. Jahrhunderts. Frank furt a. M. 1893. I. Kauffmann. H. Berkowitz. The PuJpit Message. Diseourses. Philadelphia 1893 V. Nußbaum. Nr. 5-8. H. Brody. Beiträge zu Salomo Da-Pieras Leben und Wirken, nebst Auszügen aus seinem Divan. Berlin 1893. H. Jtzkowski. L. Landau. Israels Leiden. Pforzheim 1893. Selbstverlag. O. Weddigen. Ein einiges Christenthum und eine einige christlichdeutsche Kirche. Berlin. 1893. M. Rüger. K. Faulmann. Im Reiche des Geistes. Jllustrirte Geschichte dev Wissenschaften. Lieferung 2—4. Wien 1893. A. Hartleben. Bulletin de l’Alliance Israelite Universelle. Deuxieme Serk. Nr. 17. Paris 1893. Selbstverlag. $ Geschäftliche Notizen. * Deutsche Militairdienst-Versicherung sanstalt in Hannover. Der jüngste Geschäftsbericht weist folgende Resultate auf: Ir: Jahre 1892 wurden abgeschlossen: 22,342 Versicherungen über Ml. 25,342,268 — Kapital, Bestand Ende 1892:162,728 Versicherungen übe; Mk. 189,973,979. — Kapital, der reine Zuwachs pro 1892 beträgt. 14,985 Versicherungen über Mk. 17,469,684. — Kapital. Es betrugen: 1892 1891 1. die Prämien.Mk. 8,786,413.01 Mk. 8,093,654.33 2. die Prämien-Reserve ..... „ 44,322.687.14 „ 37,262,080.8! > 3. die Hypotheken . „ 42,576,750.- „ 34,699,650.- 4. die Effekten. „ 1,706,395.- „ 1,287,145.- 5. die Zinseneinnahme__ „ 1,650.331.70 „ 1,385,022.5- 6. der Sicherheitsfonds. „ 586,773,43 ' „ 506,396.4!* 7. der Jnvalidenfonds. „ 233,238.80 „ 201,088.03 8. der Dividendenfonds. „ 1,084,904 46 „ 946,684 9* 9. der Ueberschuß. „ 321,507.77 „ 286,514.4* Der Zweck der Anstalt ist die wesentliche Verminderung der Kosten des Militairdienstes, Unterstützung von Berufssoldaten, Versorgung von Invaliden. Nur Knaben unter 12 Jahren finden Aufnahme. Versicherung in den ersten Lebensjahren am vortheilhaftesten. — Prospekte versenden kostenfrei die Direktion und die Vertreter.

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