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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-05-26 · Heft 21 (26.5.1893) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 21 (26.5.1893)
Date
1893-05-26
Page
[Seite] (sequence 20)
Language
German
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Mrs pellen. — Die Ackerbauschule zu Jaffa. Man wird mit Interesse die Berichte lesen, welche das Central-Komitee der Alliance Israelite Universelle über die in “bsTM!}' während des Dezembers 1892 ausgeführten Feldarbeiten empfangen hat. Die hauptsächlichsten im Dezember ausgeführten Arbeiten bestanden einerseits in Umgrabungen und Vorbereitungsarbeiten für Anflanzungen von Weinbergen, Waldbäumen für Gehölze und Hecken, andererseits in" Ausgrabungen von Pflanzen der Baumschule, welche dazu bestimmt waren, an einen anderen Ort verpflanzt oder verkauft zu werden. Die jüngsten Schüler sind fortgesetzt bei dem Umgraben der Weinberge bei der zweiten Bestellung und dem Jäten der Gemüse thätig gewesen. Die Handwerksschüler haben gepflügt, Bäume gepflanzt, die neuen Weinberge bezeichnet, Steckkreise vorbereitet, die amerikanischen Weinstöcke umgepflanzt, die Weinstöcke beschnitten und die zahlreichen und wichtigen Weinbestellungen vorbereitet. Das Wetter ist diesen verschiedenen Arbeiten größtentheils günstig gewesen. Hin und wieder hatten wir einige Platzregen, welche von heftigen Winden begleitet waren, die aber den von Wasser durchtränkten Boden sehr schnell wieder austrocknen. Erst gegen Ende des Monats sielen unausgesetzte Regengüsse, welche noch immer nicht Nachlassen. Der Weinberg Cremieuz, welcher im vorigen Jahre auf dem Nordabhange des Berges Sarah angelegt wurde, ist nach Osten zu erweitert worden. Die Pflanzung nimmt schon eine Fläche von 75 Ares ein. Im Thale Ruth ist der Weinberg Veneziani gleichfalls bis zu den Feigenbaumpflanzungen ausgedehnt worden, welche die Grenze des Gebietes im Westen bilden. Endlich ist noch im Osten des Weinberges des Oelbergs, gegenüber den Weinbergen Hirsch's und Goldschmidts, mit dem Pfluge Bernette ein Gebiet von 1,98 Hektar umgegraben und angelegt worden. Andererseits setzt man auf dem Versuchsgebiete, das im Osten der Citronenbänme gelegell ist, die Urbarmachung mit der Hand fort. Jerusalem ist gegenwärtig die hauptsächlichste Absatzquelle für die Bäume und Pflanzen unserer Baumschule; in weniger als drei Wochen wurden aus dieser Stadt Bäume im Werthe von 600 Frcs. bestellt. Auch empfangen wir ziemlich lohnende Bestellungen aus verschiedenen israelitischen und protestantischen Ansiedelungen Palästinas xtnb endlich vonverschiedenen Gartenbesitzern in Jaffa. Zu der täglich zunehmenden Bedeutung des Weinverkaufes können wir uns gleichfalls Glück wünschen. Wir haben wöchentlich Expeditionen nach Aegypten und nach Jerusalem auszurüsten. Die Konsuln, die Beamten der Regierullg und fast alle Europäer versorgen sich in „Mikweh Jisrael". Verschiedene französische Reisende, welche jüngst unsere Weinkeller besilchten i:nd unfern Wein gekostet, haben uns bestätigt, daß unser Weil! sich mit dem Alter noch verbessern wird, und vielleicht an Feinheit und Blume den Bordeauxweinen, selbst den Burgogner gleich kommen dürfte. Die Weine, welche aus der Gährung rrnserer Trauben mittelst besonderer Gährungsstoffe hervorgehen, sind schon jetzt durch ihre Zartheit imb ihr Aroma hervorragend. Die Weine und Spirituosen, welche im Dezember aus unserem Weinkeller gekommen, betragen 3,318.45 Frcs. Berthold Auerbach erzählt im zweiten Bande seiner unter dem Titel „Zur Guten Stunde" gesammelten Volkserzählungen folgendes Geschichtchen.- „Es ist doch schrecklich", — sagte ein jüdischer Kaufmann zu einem Glaubensgenossen, „es ist doch schrecklich.' Ich lasse meine beiden Töchter, um keine Trennung und kein Aufsehen zu erregen, in der Schule, die sie besuchen, auch den christlichen Religionsunterricht mit anhören, und da brach mm in der letzten Stunde der Geistliche mit einem so bittern Haß gegen die Juden los, die Christum gekreuzigt haben sollen, daß meine Kinder ganz verzweifelt heimkamen und vor Weinen fast vergehen wollten." „Das ist niederträchtig". „Nicht wahr. Sie finden es auch niederträchtig?" „Ja wohl, aber zunächst von Ihnen. Der Geistliche mag es vor seinem Gewissen verantworten, daß er Zwietracht in die jungen Herzen pflanzt; von Ihnen aber ist es einfach niederträchtig, aus Furcht und Zaghaftigkeit oder gar aus Lässigkeit Ihre Kinder nicht daran zu gewöhnen, offen Ihren Glauben zu bekennen und sie darum theilnahmslos oder mit Widerspruch in der Seele in eine Unterrichtsstunde zu versetzen, die ihnen fremd bleiben soll." Der Angeredete ließ ben Klagenden stehen, der ihm staunend nachsah. $ — Fritz Reuter und die Juden. Jüngst veröffentlichte der Litterarhistoriker Dr. K. Th. Gaedertz in „Nord und Süd" ungedruckte Briefe und Dichtungen Reuters. Darunter befindet sich einer an seinen Schulfreund, den jüdischen Arzt Dr. Michel Liebermann zu Stavenhagen, du Reuter's Stellung zur Judenfrage noch klarer stellt, als sie es durch seine Werke bereits ist. In diesem Briefe, in dem 250 Thaler als Beitrag zur Errichtung eines Krankenhauses in Stavenhagen lagen, heißt es: „. . weil ich seit langen, langen Jahren Dein treues ehrenvolles Wirken W Deinem Berufe und Deine Liebe und Freundschaft für mich kenne, senoe ich diese Gabe an Dich. Dir, dem Juden, verdanke ich viel melr als manchem durch seinen Glauben aufgeputzten Christenmenschen . . . Dein alter Freund Fritz Reuter. Eisenach, den 24. März 1867." I O Ein neues Spiel. „Ja, warum essen wir denn noch nicht?" fragte ich ärgerlich meine Frau; „auf der Domuhr ist's halb zwei, ai f unserer Büffetuhr dreiviertel und in meinem Magen schon längst zw i Uhr vorbei." „Das Fritzchen ist wieder nicht zu finden." Ich setze di e sehr ernste Miene auf. „Da hört sich denn doch Alles auf! Der Knabe Fritz fängt an mir fürchterlich zu werden." Meine Frau lachte, denn wenn ni) den Citaterich habe, bin ich nie ernstlich böse, das weiß sie. „Na, dan i bekommt er eben seine Suppe kalt und. . ." „Und," fügte meine Frau eifrig hinzu, „wenn er sie wieder dem Atzorl heimlich giebt, wie neulick, i dann" . . . Ich wiederholte drohend „Dann!" und wir waren über da-z j dann in Anwendung kommende Erziehungssystem einig. Als wir beim > Spinat waren — gegen den ich übrigens eine große, noch aus der Zell; der kurzen Hosen stammende Antipathie habe — kam der Junge. Er ill j ein wirklich hübscher siebenjähriger Bengel. . . na du lieber Gott, b i solchen Eltern hat er leicht hübsch sein. Kein Verdienst, alles Vererbung . .. j „Ei, wie siehst Du denn aus. Junge?" klagte die besorgte Mutter, den i | er war in der That schmierig wie ein Buschmann, der von der Giraffen! , Jagd kommt, und die Schweißtropfen liefen in weißen Rinnen aus dem blonden Lockengebirge über die staubige, braune Stirn. Als Menst) mußte ich lachen, als Vater blieb ich ernst. „Wo steckst Du denn, Tu Strolch?" „Wir haben gespielt, Papa." Ich gewahrte einen Pack eigenthümlich zarter Papiere; ihre handlich zugeschnittene quadratische Form,! das milde Grau ihrer Farbe und meine natürliche Schlauheit ließen mick! sofort auf deu stillen und verschwiegenen Ort rathen, von dem sie ein! wendet waren. „Wie kannst Du Dir denn erlauben, draußen diese Papier! abzureißen?" Mein einziger Sohn kämpfte zwischen keimendem Mannee! stolz und tiefer Wehmuth. „Aber wir haben sie doch zum Spielen gc j braucht. Das waren ja meine Akten." „Akten? Was habt Ihr den gespielt?" „Wir haben in der Waschküche „Ahlwardt" gespielt. De j Moritz Levi und der Sali Bernstein waren die Juden, der Karl Mülle. I war der Präsident und ich war der Ahlwardt." Meine Frau hatte ih halbes Taschentuch im Mund, um nicht loszuplatzen. Auch in mir macht: der Humor Angriffe auf mein Herz und Mienenspiel, die meine Vater würde in bedenkliche Bedrängniß brachten. „Wer hat das Spiel ange geben?" „Ich, Papa. Wir haben gespielt, wie Du gestern bei Tisch der j Mama erzählt hast. Erst habe ich zu dem Sali und dem Moritz gesagt.! sie wären Inden und dann hat der Karl — der war doch der Präsiden-! — draußen die Hausschelle gezogen, und dann haben mich der Sali und j der Moritz durchgehauen." „Und das hast Du Dir gefallen lassen?'! „Aber ich war doch der Ahlwardt!" entgegnete mit leichtem Vorwur! mein von seiner historischen Rolle entzückter Sprößling. „Geh, wasch z Dich!" winkte die Mutter, die ihre Heiterkeit nicht länger verborge) > halten konnte. Unser kleiner Ahlwardt ging, sichtlich zufriedendaß deck Spiel kein Nachspiel hatte. Mir aber liefen die Thränen, die Hellei' gesunden Lachthränen über die Backen, als ich die zurückgelassenen zweifel haften Papiere meiner Frau hinhielt. „Ein tiefer Sinn . . . liegt oft... im kind'schen Spiel . . schluchzte ich; „Ahlwardt's Akten .... die ächten Akten!". Ich habe noch nie so fröhlich Spinat gegessen 9 — Die Nr. 22 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstraße 13, Zeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Zur Wahlbewegung. — Reichstagswahlkreise mit antisemitischen Kandidaturen. — Gustav Frey tag über den Antisemitismus. — Zum Prozeß Paasch. — Zur Abwehr. — Aus dem antisemitischen Lager. — Aus Rußland. — Briefkasten. — Sitzung des Reichstages vom 25. April 1893. — Stenographischer Bericht.

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