Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1893)
- Date
- 1893-05-26
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 zu verfolgen, um es wie er zur Volksthümlichkeit zu bringen. Für den Augenblick hat er in Hamadan einen würdigen Jünger, Seyid Abdull- Majd, ein fanatischer Geistlicher, der gegen die armen Juden den bittersten Haß hegt. Er ist ein Mann der That imb verlangt, daß diese letzteren sich imverkürzt den barbarischen Bedingungen unterwerfen. Seine zahlreichen Parteigänger durcheilen die Straßen uub fügen den armen Juden, die ihnen in die Hände fallen, allerlei Aergernisse und Mißhandlungen zu. Der Eine wird mit Grausamkeit geprügelt, unter dem Vorwand, daß er bei der Begegnung mit einem Muselmann nicht schnell genug bei Seite gegangen, der Andere wird wie ein wildes Thier gejagt, weil er das entwürdigende rothe Zeichen seiner Kaste nicht angelegt. Was besonders ernst und schmerzlich ist, daß uurn es wagt, Frauen und Rabbiner anzugreifen, welche bisher, die Einen wegen ihrer Schwäche, die Andern wegen ihres religiösen Charakters, respektirt worden waren. Wehe der israelitischen Frau, die ein wichtiges Geschäft auf die Straße zu gehen zwingt. Alsbald stürzen herzlose Männer über sie her, reißen ihr den Schleier in Stücke, der nach orientalischer Sitte die gesitteten Frauen von den liederlichen Mädchen unterscheidet Man will sie zwingen, sich auf öffentlicher Straße unverschleiert zu zeigen und sie dadurch auf die Stufe der unsittlichen Frauen herabziehen; man sucht sie den Beschimpfungen einer cynisch frechen Menge auszusetzen. Ihr Schicksal ist, wie man sieht, unerträglich. Ich werde mich nicht damit aufhalten. Ihnen hier Namen und Zahl der vielen Opfer dieses neuen Inquisitors aufzuzähleu, denn dieser wilde Priester hat sich auch in den Kopf gesetzt, daß er durch Gewalt die Juden dazu bringen würde, den muselmännischen Glauben anzunehmen. Weitere Unruhen werden ans dem Süden Persiens gemeldet. In Aezd und Ehiraz vornehmlich sollen mehrere Juden infolge eines Volksaufstandes, über den man sich nicht ganz klar ist, umgebracht worden sein. Wiederum hat sich das (5entral-Komitee an den französischen Minister in Teheran gewendet, um seine Verwendung zu Gunsten der Juden in Hamadan nachzusuchen. Er hat auch eine 'Abschrift der obenstehenden Mittheilungen an den Minister des Aenßern in Paris abgehen lassen mit der Bitte, dem Vertreter Frankreichs in Persien das Gesuch der „Alliance" zu Gunsten der unglücklichen Israeliten zu Hamadan ans Herz zu legen. Ämrrilrn. * (Chicago, IT). Mai. Ueber die Betheiligung der Juden an dem Religionsparla ment der Weltausstellung berichtet die „Deborah": 1. Jedes Glaubensbekenntniß hat eine Kongreßwoche für sich in einem bestimmten Lokal und verhandelt daselbst nach Belieben ihre eigenen Angelegenheiten. 2. Vom 11. September an tagt das allgemeine Parlament in einer Halle. Jedem Glaubensbekenntniß oder vielmehr den Vertretern desselben ist eine Zeit bestimmt, ihr eigenes Glaubensbekenntniß und was etwa dazu gehört, in Gegenwart aller anderen in kurzen Reden ohne Polemik und ohne Berührung anderer Religionen vorzutragen. Fürs Judenthum sind im Parlament im Ganzen fünf Stunden bestimmt mit Ausnahme der Kongreßwoche. Die Eentral-Konferenz der amerikanischen Rabbiner hat die Vorbereitung und Leitung des Ganzen übernounnen und gedenkt folgendermaßen zu verfahren: Am 23 August versammelt sich die Eentral-Konferenz in Chicago und tagt von Mittwoch bis Freitag Abend. In diesen Sitzungen werden die der Konferenz allein obliegenden Fragen verhandelt und die vorbereitenden Schritte für den jüdischen Kongreß bestimmt. Montag den 28. August wird der Kongreß eröffnet unter der Aegide der Konferenz. Die Vorlagen über die längst ausgegebenen Themata werden gelesen, nach jeder solchen 'Arbeit steht den Mitgliedern die Debatte frei. Tie Zeit für die Debatte ist festgesetzt, Nachdem diese Arbeiten verlesen und debattirt sind, konunen die voluntüren Arbeiten und Anträge an die Reihe, die in derselben parlamentarischen Weise zur Erledigung gelangen. Zum Kongresse sind alle jüdischen Gelehrten u. s. w. vom Generalkonütee eingeladen und Jeder kann zum Wort sich melden. Das letzte Geschäft des Kongresses ist, die Redner für's Parlament zu bestimmen und ihnen die Zeit anzuzeigen, wann unb wie lange jeder im Parlament sprechen müsse. Die Leitung des Ganzen hat die Union der amerikanischen jüdischen Gemeinden übernommen und ist durch ein Komitee von zehn vertreten und betheiligt. Tie vorbereiteten Themata erstrecken sich über das ganze Judenthum und dessen Geschichte, wie zürn Beispiel die Theologie des Judenthums, die Ethik in drei Abschnitten, die Ideale, die Geschichte, die Ethnologie, die Entwickelung nach Moses Mendelssohn, die Entwickelung speziell in Amerika u. s. w. Kon Nah und Fern. Amtsgerichtsrath Dr. Bruck in Brandenburg a. d. Havel ist in gleicher Eigenschaft an das Amtsgericht I in Berlin versetzt worden. - Der Kommerzienrath Ludwig Max Goldberger ist zum Geheimen Kommerzienrath, der Kommissionsrath Hausmann zum Geheinien Kommissionsrath ernannt worden. — Die Antisemiten haben bereit- 80 Kandidaturen für die nächsten Wahlen aufgestellt, allerdings bis aus 5 oder 0 meist nur Zählkandidaturen. — Polizeilich beschlagnahmt worden ist der „politische Bilderbogen Nr 8 Juden - A - B - C", wo er sich zum Zwecke der Verbreitung vorfand. Die Polizei hat an verschiedenes! Stellen solche Bogen ermittelt, ebenso der „Stoßseufzer einer christlichen Seele in St. Blasien", ein antisemitisches Gedicht. -■ Dr. Ernst Fraenkel, Privatdozent für Frauenheilkunde an der Universität Breslau, ist zum Professor ernannt worden. — Zu schweren Exzessen kam es in einer antisemitischen Versammlung zu Eppinghofen bei Mülheim a. d. Ruhr, in welcher der Anrisemü Dr. Koenig aus Witten die Wahlrede hielt. 150 Sozialdemokraten störten die Versammlung, warfen mit Biergläsern und schlugen mit Stühlen zu. Nach kurzer Zeit wurden die Störenfriede hiuausbefördert. Mehrere Personen wurden schwer verletzt; an ihrem Aufkommen wird gezweifelt. Vier mußten in ein Krankenhaus gebracht werden. - Der Jahresbericht über die Religions schule der Svgagogen-Gemeind^ zu Hannover, welchem eine Abhandlung über „Der jüdische Religions unterricht und die Vaterlandsliebe" vorangebt, weist für das Schn! jahr 1892 93 eine Schülerzahl von 159 Schülern, und zwar 80 Knaben und 79 Mädchen auf; außerdem besuchten 4 Knaben und 2 Mädchen bi? Seleeta. — Am 14. Mai wurde in Frankfurt a. M. das Grab denkmal des sel. Rabbiners Dr. Neh emia s Brüll auf dein israelitischen Friedhofe Hierselbst in feierlicher Weise der Familie übergeben. Reden hielten aus diesem Anlasse am Grabe die Herren Dr. jnr. Blau, Mm Wertheimer und Dr. Adolf Brüll. — Um die beiden Rabbinatsstellen in Stuttgart sind 38 Bewerber ausgetreten; die Besetzung dürfte noch längere Zeit auf sich warten lassen. — In Wien ist Anton Bing am 12. Mai im 83. Lebensjahre verschieden. Er war einige Jahre Mitglied des Kultus-Vorstandes, Präses des Talmud-Thora-Bereines, sehr geachtet in der Gemeinde und verband seine konservative religiöse Richtung mit der Toleranz des wahrhaft frommen Israeliten. Da- Leichenbegängniß fand am 14. Mai unter großer Betheiligung statt. - Im ungarischen Abgeordnetenhause brachte der Kultusminister unter lebhaften Ovationen des ganzen Hauses den Gesetz-Entwurf über die freio R eligionsübung ein. Die Hauptbestimmungen sind: jede Religion darf frei bekannt und geübt werden innerhalb der durch die Sittengesetz? gezogenen Schranken Zu religiösen Handlungen darf Niemand ge zwungen werden. Die Beschränkungen in der Amtsbefähigung durch di? Religion werden abgeschasft. Kirchliche Strafen dürfen wegen Befolgung gesetzlicher Bestimmungen nicht verhängt werden. Jede Konfession kann unter Einreichung detaillirter Vorschriften um ihre gesetzliche Rezipirung einkommen, worauf sie mit den andern Religionen gleichberechtigt ist. - Aus Rußland kommen immer neue drakonische Maßregeln. Der „Odessü Listok" veröffentlicht die folgende Notiz: Auf Befehl der höhern Behörden haben die jüdischen Advokaten nicht mehr das Recht, in den Civilum Kriminal-Prozessen vor unseren Gerichten erster Instanz zu plaibtreii Dieser Beschluß hat einige zwanzig jüdische Advokaten in das größt? Elend versetzt, und werden sie nun die Zahl der jüdischen Proletarier ohne Existenzmittel vermehren. — Dagegen wird aus Petersburg be richtet, daß die seit einer Reihe von Jahren im Bau begriffene groß? Synagoge, von der es eine Zeit lang hieß, die Fortführung des Bauersei behördlich untersagt worden, nunmehr doch fertig geworden und noch im Laufe dieses Monats feierlich eröffnet werdet; soll. — Ein britischer Konsularbeamter schreibt von Jerusalem, daß die der Einwanderung von Juden in Palästina in den Weg gelegten Hindernisse andauern. Im Uebrigen seien die Schätzungen der in Palästina lebenden Juden stark übertrieben. In Jerusalem lebten nicht mehr als 25—30,000 Juden und in ganz Palästina nicht mehr als wie 43,000, während bisher die Zahl irrthümlich mit 100—150,000 ange nommen wurde. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Bertm Verantwortlich für dre Redaktion- Mar Bauchwitz in Berlin.