Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1893)
- Date
- 1893-05-19
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Misoetlen Zw ei Theater im Ghetto von New-Aork. Unter diesem Titel schreibt Ernst v. Hesse-Wartegg in der Fr. Ztg: Eines Samstags.. Nachmittags durch die Bowery dem Hafen zuschreitend/sah ich vor dem Hause Nr. 104 zahlreiche Menschen versammelt, die Einlaß begehrten:? nicht Leute, wie man sie in der neuen Welt zu sehen gewohnt ist — •. sondern wie sie die Straßen von Lemberg, Brody, Warschau, Wilna, Brest-Litowski bevölkern. Männer mit dichtem schwarzen Kopfhaar und langen Bärten; manche trugen schwarze fadenscheinige Taläre und eigenthümliche russisch-polnische Mützen, unter denen an den Seiten lange Locken hervorquollen Weiber mit hübschen Gesichtern, umrahmt von flachgekämmtem glänzenden Haar, bunte Tücher um die Schultern ge-! worfen; zahlreiche Kinder, Knaben und Mädchen, die sich lärmend und j schreiend zwischen den Erwachsenen umherdrängten und in einem Kauderwälsch fremdartiger Sprachen, vielfach vermischt mit deutschen -Wörtern, schwatzten. Auf großen Tafeln neben der Eingangspforte befanden sich Anzeigen, die ich leider nicht lesen konnte, denn sie waren in — hebräischen Lettern. Ich frage einen der Umstehenden in englischer Sprache nach dem Inhalt dieser Anzeigen. Er zuckte die Achseln, als verstünde er mich nicht. Ich wiederholte nun die Frage in deutscher Sprache. In einem Gemenge von Deutsch und Polnisch antwortete er mir nun, die Vorstellung im Roumania Opera House würde gleich beginnen, und die Leute warteten auf die Kasseneröffnung. Was denn gespielt würde? „Sulamita", eine sehr schöne Oper, komponirt von Herrn Goldfaden — eine lange Oper von fünf Akten und dauerte über vier Stunden. Die Goldstein, die berühmte Sängerin Goldstein, würde die Sulamita und der Herr Schöngold würde den Abschalom singen. Die Handlung sei sehr spannend, denn der Herr Lateiner, der schon so viele Stücke verfaßt, hätte sie geschrieben. Der Leser wird bereits errathen haben, daß ich mich vor einem jüdischen Theater befand. Ich bezahlte meinen Dollar und trat ein. Die Anwesenden waren sämnitlich Israeliten der ärmeren Klaffen, hauptsächlich aus dem großen Ghetto von New-Iork, das sich westlich von dem East Niver bis an die Bowery hinzieht und mehrere Dutzend Straßengevierte umfaßt. Zwischen 30- und 40,000 Israeliten, zumeist aus Polen, Rußland und Rumänien stammend, wohnendort, eineStadt für sich bildend, in ärmlichen Verhältnissen. Bonden zahlreichen israelitischen Bewohnern New-Uorks, welche den besseren Ständen angehörten, sah ich keinen einzigen, ja, wie ich später erfuhr, haben Viele von ihnen von der Existenz dieses jüdischen Opernhauses keine Ahnung. Die Klänge der Ouvertüre, welche von einem Orchester von etwa zwanzig Musiken: gespielt wurde, vermochten das Geschrei und das Geschwätz im ganzen Hause, das wohl an tausend Zuschauer fassen mochte, nicht zu unterbrechen. Erst als der Vorhang emporging, trat allmählich Stille ein. Die Szene stellte eine Straße in Jerusalem dar, und die ausgesprochenen orientalischen Gesichtszüge der Sänger wie des recht zahlreichen Chors, die vortrefflichen orientalischen Gewänder, in welche die Darsteller gehüllt waren, und die seltsamen Mollklänge der Musik paßten in stimmungsvoller Weise zu einander. Leider konnte ich dem Gang der Handlung nicht folgen, denn die Sprache der Darsteller war ein jüdisch-deutscher Jargon, ein Gemenge von hebräischen, deutschen, polnischen und russischen Wörtern, die von den Sängern auch noch undeutlich ausgesprochen wurden. Dafür gewann die Handlung indessen eine „eouleur locale", wie man sie getreuer auf keinem ersten Theater der neuen Welt hätte finden können. Wer weiß, ob „Monnach, ein Bürger aus Bethlehem" (wie er auf dem Theaterzettel bezeichnet war), ob Sulamita, seine Tochter, Joab Gidoni, ihr Anbeter, Nathan, der Hohepriester u. s. w. nicht von direkten Nachkommen dieser historischen Persönlichkeiten dargestellt wurden? Geberden, Mienenspiel, Bewegungen und Trachten mochten bei den Darstellern dieser Persönlichkeiten genau dieselben sein, wie bei den Letzteren selbst, und die Musik war jene ihrer Vorväter, wie sie sich in den Synagogen Zeitalter hindurch erhalten hat und heilte noch gesungen wird; manche Melodien waren orchestrirt und als Arien in die Oper ausgenommen worden, andere wurden für Märsche, Chöre oder Orchestral-Jnterluden umgeschrieben, aber sie sind für Jeden, der den Orient bereist hat, leicht erkennbar. Ist es da zu wundern, wenn die bärtigen alten Männer im Publikum ernst und andächtig diesen Klängen lauschten, wenn in den Augen so mancher alten Frau Thränen erglänzten, wenn sie die Gesänge der früheren Heimath, die sie möglicherweise als Kind verlassen hatte, wieder vernahm? Aber auch Gesang und Spiel waren dabei so ausgezeichnet, daß ich die ganzen fünf Akte zu Ende hörte und mit Interesse dem Wechsel der Szenen, welche bald Jerusalem, bald Bethlehem, bald die Landschaften Palästinas darstellten, folgte. Bei jeder Vorstellung ist das Theater gefüllt und die Gesellschaft macht vorzügliche Geschäfte bald mit Opern, bald mit Dramen, welche gewöhnlich Ereignisse aus der jüdischen Geschichte zum Gegenstände haben. Der Dramaturg dieses merkwürdigen Theaters ist Professor Horowitz- Halevy, und seine beliebtesten Stücke sind die Oper „König Salomon", das Drama „Jehuda und Israel" und ein Volksstück „Die Verschwörung von Tisza-Eslar", dessen Gegenstand dem Titel nach wohl jedem Leser noch erinnerlich sein dürfte. Die hauptsächlichsten Mitglieder der Gesellschaft stammen aus Bukarest, wo sie in früheren Jahren auch auf Gastvorstellungen nach ungarischen, rumänischen und polnischen Städten reisten. Gelegentlich eines Gastspiels in Jassy erhielten sie von einem zufällig anwesenden amerikanischen Unternehmer eine Einladung nach New-Iork, und sie befinden sich hier so wohl, daß sie kaum wieder nach ihrer Heimath zurückkehren werden. Die beliebtesten Darsteller der Truppe sind Sigmund Feinmann und Israel Weinblatt; dann Miß Ernestine Finkelsteiu, Miß Pauline Edelstein und Madanre Feuerstein — ein mineralogisches Kleeblatt. Die Matinee im Roumania Opera Rouse hatte mich so interesflrt, daß ich beschloß, an einem der folgenden Abende auch das zweite Ghettotheater zu besuchen. Nicht weit von dem ersten, in dem belebtesten und am dichtesten bevölkerten Theil der Bowery erhebt sich zwischen anderen Theatern, Schaubuden, Kuriosttätenläden und Bierkneipen ein schmaler zweistöckiger Bau. Kaum von den umstehenden Wohnhäusern verschieden, nur daß über der enger: niedrigen Eingangspforte die Worte „Oriental Theatre“ stehen. Auch hier werden abwechselnd Dramen und Opern gegeben, durchweg jüdischen Inhalts, und die einzigen klassischen Stücke des gegenwärtigen Repertoires sind Gutzkow's „Uriel Acosta" und Halevy's „Jüdin". Der Dramaturg des Oriental Theaters ist Herr Josef Lateiner, der Moliere und Shakespeare des Ghettos von Newyork, ein sehr talentvoller „Adapteur", der, wie man nur sagte, nur in dem Redakteur der „Newyorker Jüdischen Zeitung", Herrn Goldfaden, einen ebenbürtigen Nebenbuhler besitzt. Die beliebtesten Repertoirestücke der letzten Zeit waren „Esther und Haman", „Der Rechtsspruch König Salomons", „Das Kind von Israel", „Das Mündel von Sir Moses Montefiore", endlich „Joseph und seine Brüder." Diese Oper stand heute auf dem Theaterzettel und das in allen Theilen dicht gefüllte Haus sprach für ihre Popularität. Im ersten Akt stellte die Bühne eine orientalische Landschaft dar, mit Bananen und Palmen, zwischen denen Josephs Brüder eben im Begriffe waren, einen bengalischen Tiger zu erschlagen. Der kleine Joseph, welcher nun aus die Bühne trat, wurde von seinen baumlangen, urkräftigen Brüdern nicht viel besser behandelt, denn sie rissen ihm seine prächtigen seidenen Kleider vom Leibe, schmähten ihn und warfen ihn in eine Grube. Die Aegypter, welche jetzt kamen, um Joseph zu kaufen, wurden in charakteristischer Weise durch Mädchen dargestellt, um ihre Schwäche und Verweichlichung zu zeigen Der zweite Akt zeigte das Haus Jakobs, mit diesem ehrwürdigen Stammvater der Juden auf einer Art Thron, umgeben von seinen hübschen Töchtern. Seine eintretenden Söhne beugten die Knie vor ihm und begrüßten ihn mit einem: „Wie geht es Euch, mein Vater?" Jakob erfährt nun, daß sein jüngster Sohn in Verlust gerathen sei, und ruft schmerzlich aus: „Wehe, wehe, wo ist mein lieber Sobn Joseph? Sucht mein Kind — oh sucht mein Kind!" Die nächste Szene zeigte die hübsche Sängerin Fräulein Silbermann als Selicha, Potiphar's Weib, in dem berückendsten Negligee auf einem orientalischen Divan hingegossen, und in eifrigstem Flirten mit dem keuschen Joseph. Als er sie endlich verlassen wollte, hauchte sie ein so verführerisches „Oh, oh! Joseph!" hin, daß er sich umwandte und sie fragte: „Was ist's, Madame?" — „Oh, oh, Joseph!" war abermals ihre Antwort, und dabei war sie so berückend, so hinreißend schön und so freigebig mit ihren Reizen, daß Joseph ihr zurief: „Schämen Sie sich, Madame, ich bin nur Ihr Sklave und Sie sind meines Herrn Weib!" Aber Frau Potiphar hatte sich's in den Kopf gesetzt, Joseph zu bethören, und so flüsterte sie ihm unbekümmert um seinen Widerstand Liebesworte zu, fiel auf ihre Knie vor ihm und klammerte sich an sein Gewand. Nach allen Gesetzen der Menschlichkeit hätte nun Joseph seinen Widerstand aufgeben und ihr ein: „Ich liebe Sie, Madame, ich bin der Ihrige!" begeistert zurufen