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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-05-19 · Heft 20 (19.5.1893) · p. Seite 238

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 20 (19.5.1893)
Date
1893-05-19
Page
Seite 238 (sequence 10)
Language
German
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238 Türke» bei Wie» mit dem flüchtige» Heere durch Ungarn ziehen mußte und nach der türkischen Festang Belgrad geschleppt wurde. Die ehemals selber unglückliche Kriegsgefangene ausgelöst hatten, waren jetzt in die Lage gekommen, wo man für ihre eigene Auslösung die öffentliche Wohlthätigkeit ihrer Glaubensgenossen anrufen mußte. Während Sender Tausk seine greise Mutter, seinen Bruder und seine Hausleute als Geisel in den Händen des Feindes laffen mitfjte1), um die Summe, die er ihm für die Auslösung von 270 Gefangene» und 35 Thorarollen zugesagt hatte, in Oesterreich, Deutschland und Holland zusammenzubetteln, thaten die italienische» Gemeinden sich zusammen, um ihrerseits für die Auslösung der Unglücklichen eine Summe zusammenzubringen. Eine handschriftliche Sammlung von Briefen aus den Jahren 1594—1724 in meinem Besitz hat uns den Brief der Gemeinde Ferrara an die Schwestergcmeiudc von Verona anfbewahrt, die von der Theilnahme und Thätigkcit der norditalieuischen Gemeinden, allen voran der Gemeinde von Venedig, bereits im Dezember des Unglücksjahrcs 1086 ein rühmliches Zeugnis; ablegt. d Gin östlicher Nachfolger Moses Mendelssohns. Von M. Friedeberg.! In einem Zeitabschnitt wie dem gegenwärtigen, in dem die „Menschenmäkelei" gar arg betrieben und selbst der anerkannte Humanismus vom Standpunkt der „Raffe" noch einmal unter die kritische Lupe genommen wird, ist ein Hinweis auf das allmälige sieghafte Fortschreiten der Aufklärung, selbst in den noch halb barbarischen Ländern des Ostens, doppelt tröstlich. In einer Peßachbetrachtung dieser Blätter wurde kürzlich hervorgehoben, daß den russischen Juden erst noch ein Man» wie Moses Mendelssohn erstehen müffe, der die Massen, welche noch unter dem doppelten Truck der Beschränkung von außen und der Beschränktheit in ihrer Mitte schmachten, der Aufklärung zuführe. Männer, die es sich zur Aufgabe gestellt, das Mendclssohnsche Werk der inneren Emanzipation Israels fortzusetzen, hat auch das russische Judenthum aufzuweiseu, und die Gerechtigkeit gebietet, hier eine Ehrentafel zu errichten namentlich für I. B. Levinsohn, de» man nicht mit Unrecht den „russischen Mendelssohn" genannt hat. Nur wenige Werke Levinsohns sind bisher ins Deutsche übersetzt. A. Katz hat kürzlich unsere apologetische Litteratur durch eine jetzt bereits in zweiter Auflage vorliegende Ucbcrsetzung der Lcvinsohn'schcn Schrift über die Blutbeschuldigring „Efess Damim" bereichert. Es heißt da von unserem, in der philosophischen Zucht der Aufklärungs- Periode aufgewachscneu Autor: „Mit jüdischem Wissen reich ausgerüstet, in der klassischen Litteratur vorzüglich bewandert, der deutschen, russischen und polnischen Sprache mächtig, sehen wir ihn, nachdem er kaum das neunzehnte Lebensjahr zurückgelegt, als wäre er von einer höheren Vorsehung für diese Mission auserkoren, an der Spitze der russischen Judeuheit, sie der Bildung und Civilisation zuführend." In seinem 1828 erschienenen Werke „Teudali ]»'.)isiael", „Die Aufgabe Israels", forderte er seine in der Nacht der Unwissenheit und des Aberglaubens schmachtenden Glaubensgenossen auf, sich der zeitsi Vgl. Braim in Frankel-Grätz Mtschr. 1881, p. 546. Der opfermuthige Mann hat wohl in Folge seiner Leiden und Anstrengungen jung sein Leben eingebüßt; er starb nach S. Hocks Aufzeichnungen bereits am 22. Nisan, d. i. am 20. April 1702. genössischen Bildung z» nähern, dabei aber der Sprache Und Litteratur ihrer Väter treu zu bleiben. Der 1. Abschnitt ist ganz den Betrachtungen über die hebräische Sprache gewidmet, im 2. Abschnitt wird der Werth der Vaterlandsliebe behandelt, die Helden der spanischen Epoche des Judenthums werden als Beispiele für die Ver einbarkeit jüdische» Wiffens mit der allgemeinen Bildung der Zeit angeführt. Im 3. und 4. Abschnitt wird dargethan, daß das Ver ständniß des tieferen Gehalts der Poesie und der Bibel durch dir Kenntniß fremder Litteraturcn nur gewinnen könne. Es wird aus die bedeutende Naturanschauung der Psalmen und selbst auf den i» den Propheten zu Tage tretenden allgemeinen Wiffensschatz hingewiesen, um in den unter dem Druck des Chassidismus verwilderten volhynischeu Glaubensgenossen des Verfassers die Neigung zu naturwiffcnschaftlicheu Kenntnissen anzuregen. Abbildungen hebräischer Alterthümer und eine erstaunliche Menge von Citaten zeigen uns hier den in der Welttitteratur bewanderten Polyhistor. Namentlich werthvoll ist der 5. Thcil, der die russischen Juden ermahnt, Handwerk und Ackerbau zu betreiben und die durch Druck und Verfolgung überkommenen falschen Anschauungen über Welt und Menschen in das Meer der Vergessenheit zu werfen. Hier wird auch auf die Gefahren des unsinnigen kabbalistischen Studiums und der falschen Aufklärung hingewiesen, welche vielfach bei unseren Glaubensgenossen im Osten nur Renegaten (heute werden sie mit Recht — Nihilisten genannt) erziehe. Das Buch Lcvinsohns erregte in Rußland ungeheures Aufsehen, die Chassidim haben es mehrfach verbrannt. Trotz aller Verketzerungen und Wuthausbrüche seitens der Finsterlinge sind etwa 10 Ausgaben erschienen, was einen zahlreicheren Leserkreis bedeutet, als man bei uns anzunehmen geneigt ist, da jedes Exemplar eines hebräischen Buches in den Gemeinden des Ostens bis zur Abgegriffcnheit von Hunderten, oft Tausenden gelesen und studirt wird. Der Erfolg des „Teudali li’Jisrael" war derartig, daß der damalige Minister der Volksaufklärung General Bludoff, diese Gelegenheit benutzte, um den Kaiser Nikolaus auf das segensreiche Wirken des „Krcmenetzer Einsiedlers" aufmerksam zu machen. In Kremenetz im Gouvernement Volhynien wohnte I. L. Levinsohu, der am 2. September 1788 daselbst geboren war, seit seiner frühesten Jugend in einfachen Verhältnissen, nur seinen Büchern und der Aufklärung seiner Glaubensgcnoffen lebend. Die russische Regierung unterstützte ihn durch eine Subvention von 1000 Rubeln, die Levinsohn benutzte, um an die Verwirklichung seines Plaues zu gehen, eine volksthümliche Geschichte des Judenthums zu schreiben. Hierzu war die Bildung des Verfassers des „Teudali 10 Jisrael“ wohl nach unseren Begriffen nicht ganz zulänglich. Das Talent Levinsohns für die populäre philosophische Aufklärung in Form des Dialogs bethütigte sich glänzender in seiner 1837 erschienene Widerlegung der Blutbeschuldigung, „Etess Damim“. Diese und ähnliche Aufgaben wurden Levinsohn, der fortgesetzt an seiner Ausbildung arbeitete und auch viele nationalökonomische Abhandlungen in deutscher Sprache studirte, durch die Zeitereignisse gestellt. 1839 erschien sein „Detli Jehuda“. Wie das „Seier liasikhronoth“ (Warschau 1878) erwähnt, feierte Abraham Geiger in Breslau dieses Werk auf der Kanzel, Jost, Rappaport, Krochmal, Erter und Finn munterten den Verfasser zu weiterem litterarischen Schaffen auf. Levinsohn wurde von Kaiser Nikolaus, der leider die Aufkärung seiner Unterthnne» oft durch drastische aus einem anderen Gebiet geholte Mittel forciren wollte, in Audienz empfangen, und es gelang ihm, den mächtigen Selbstherrscher für den Plan zu gewinnen, im Gouvernement Cherson jüdische Ackerbaukolonien zu gründen. Auch die Stiftung der Rabbinerschulen in Szitomir (Volhynien) und Wilna

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