Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1893)
- Date
- 1893-05-12
- Page
- Seite 224 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227986-3228006--49783-3271365- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
224 zu zeigen, wie auf dem alten Gebäude sich sehr wohl noch manches neue monumentale Stockwerk aufbauen ließe, ja eigentlich sich um so sicherer aufbauen läßt. Daraus aber erwüchse zugleich für die jüdische Litteratur selbst ein doppelter Nutzen, der sich zunächst in größerer Originalität bemerklich machen würde, einer Originalität des Denkens, welche die jüdische Litteratur gegenwärtig nicht zu besitzen sich eingestehen muß, und für welchen Mangel das geschilderte Anschwellen der jüdischen Büchereien wohl nicht als gleichwerthiger Ersatz gelten kann. Dann aber wäre damit auch noch das gewonnen, daß die jüdische Litteratur des Fluches des „Exotischen" endlich einmal ledig würde, der sich ja genügsam darin niauifeftirt, daß es noch immer keinen akademischen Lehrstuhl für jüdische, wohl aber für zigeunerische und botokudische Litteratur giebt. Es würde sich, wäre einmal dem Uebel abgeholfen, zeigen müssen, welche dieser Litteraturen und Kulturen einen nachhaltigeren und segensreicheren Einfluß auf die Menschheit zu erringen im Stande sein würde. Möchten doch die im Obigen gegebenen Anregungen, der Ausfluß der ehrlichen Ueberzeugung eines unmaßgeblichen Beobachters, nicht völlig ungehört im Winde verhallen. 9 Gin ungedruckter Brief Moses Mendelssohns und seiner Frau. Von Dr. M. Kayserling. In diesem hier zllm ersten Male veröffentlichten Briefe, der an den mehrfach erwähnten Joseph Mayer in Hamburg, einen Verwandten der Frau Abraham Gugenheim, der Schwiegermutter Moses Mendelssohn, gerichtet ist, erscheint der liebenswürdige Mann! als der zärtlichste Gatte und liebevollste Vater. Joseph Mayer hatte seinem Freunde zum Peßachfeste einen Elblachs geschickt, wie denn seine Verwandten ihn zuweilen mit Lachs überraschten, obgleich er ihn nicht vertragen konnte. Auch sein Vetter Naphtali in Dessau verehrte ihm im September 1769 einen LachsI1) Berlin, Freitag, den 20. April 1770. Mein lieber R. Jospe! Meine Freunde müssen Abrede genommen haben, mich diesen Peßach mit Delikatessen zu versehen. In der That haben wir den vergangenen SIE DV gelebt wie die Prinzen, und dazu hat Ihr niedlicher Elblachs nicht wenig beigetragen. Wenn ich Ihnen doch hiesigen Orts wieder etwas Delikates zu schicken wüßte! Ich wünschte, daß Sie sich einmal einfallen ließen, uns zu besuchen; ich bin versichert, es würde Ihnen unter uns gefallen, ob wir gleich weder gutes Kalbfleisch noch Elblachs haben. Unsere lieben Kinder können alles dieses ersetzen. Sie sitzen soeben neben mir und verhindern mich am Schreiben, besonders die kleine Reikel, die sich von ihrem Vetter R. Jospe keinen andern Begriff machen kann, als daß er dort aufgemalt ist und am Peßach Lachs schickt. Indessen will sie sich doch bei ihm bedanken und das will ich auch. Ich schließe heute wegen vieler Beschäftigung und wünsche Ihnen beständiges Wohlergehen. Mein lieber R. Jospe! Geben Sie mir doch Gelegenheit, Ihnen meine aufrichtige Freundschaft werkthätig zeigen zu können. Ihr Freund Moses Dessau. Ich lasse hier Platz für meine l. Frau, welche heute ihre natürliche Faulheit überwinden und gleichfalls schreiben will. Ich grüße Sie und meine l. Schwieger (mutter) tausend Mal und melde Ihnen nur, daß sich meine lieben Kinder Wohlbefinden und ihre Großmama grüßen. Sodann folgt der Brief der Frau Fromet Mendelssohn, der, wie alle ihre Briefe, in jüdischer Kurrentschrift geschrieben ist. ') M. s. inein „Moses Mendelssohn. Sein Leben und seine Werke." (1. Auflage) S. 490. Glaubt, mir mein lieber R. Jospe, daß ich von Natur nicht so faul bin, als 'SlD mir beimißt und noch dazu an Sie zu schreiben Wenn das nicht geschieht, hat gewiß keine Nachlässigkeit Schuld; e-o sind tausend Abhaltungen, die mich am Schreiben zu öftern verhindern, Ich will dieses Mal noch still schweigen, und was Hilst es auch? Die Männer haben doch recht, und wenn ich tausend Mal zur, Lügner machen wollte, so glaubt's mir Keiner, er hat das Recht zu sehv auf seiner Seite, aber auch nur bei Männern. Die Weiber geben nm recht, und soll mich verlangen, was Ihr sagen werdet. So viel zu meinem Rechtfertigung. Und nun danke ich recht sehr für Ihren schönen Lachs. Meine Freund? machen mich aber ganz beschämt; ich weiß es keineswegs wieder zu verschulden. Mein lieber R. Jospe! Wie befindet Ihr Euch jetzund? Bon Euren körperlichen Umständen habt Ihr uns gar nicht geschrieben, und ich möchte doch so gern ganz unterrichtet sein, wie Ihr Euch befindet, uw' ob Ihr uns diesen Sommer die Freude machen werdet und uns besuchen Wie rvär's, wenn Ihr und ‘9 rUTH^rD TlftK zusammen einen Wagen nehmen möchtet und kämet zu uns. Ich verspreche Euch auch, wenn ick einen Sohn bekomme. Euch die Gevatterschaft zu geben Nun, Her- Gevatter, was sagt ihr nun dazu? Wenn ich nicht in anderen Urn ständen wäre, so hätte ich Euch diesen Sommer besucht. Das ist wohl genug für eine faule Schreiberin. Nur noch eins mH ich Sie bitten, mein lieber R. Jospe, mich bei meiner l. Mutte: diesen Posttag zu entschuldigen, daß ich nicht geschrieben habe; es ist zi nahe zum Sabbath, und kann also weiter nicht als meinen kindlichen Grujvon mir melden. Lebet vergnügt, mein lieber Freund! Ich bin Eur ergebene Freundin 3)*riDIH TOD TO8 DDITO An meine lieben Geschwister meinen ergebensten Gruß. Die Adresse, von Moses Mendelssohns Hand lautet: Herrn Herrn Abraham Gugenheim selg. Frau Wittwe frco. in Hamburg. K Eine jüdische Zochzeitsfeier in London. Von Benas Levy. Am 1. Mai fand in der Synagoge der jüdischen Reformgemeiiit» in London (Berkeley Street) die Trauung des Herrn Ernes: G. Raphael mit Fräulein Flora Sassoon statt, und bei der großer Beliebtheit und hohe» Achtung, denen sich diese beiden reicher jüdischen Familien in allen Kreisen Englands erfreuen, gab diesee Hochzeitsfest Anlaß zu einer imposanten Betheiligung Seitens des Hofes und vieler hervorragender Rotabilitäten. In der Synagoge wohnten der Ceremonie bei Herzog von Fife, der Schwiegersohn des Prinzen von Wales, der russische Gesandte, verschiedene Grafen und Fürsten, Lord und Lady Rothschild, Bischofsheim und Montefiore und an dem darauf folgenden Dejeuner betheiligten sich auch der Prinz von Wales und der Herzog von Cambridge. — Die Synagoge war auf's Prächtigste mit Blumen und Pflanzen geschmückt und Rabbiner Profeffor Marks hielt die Traurede. Eine so glänzende Festversammlung bei einer Feier in einer jüdischen Familie ist selbst in England selten, in Deutschland ist sic undenkbar, besonders bei der jetzigen Zeitströinung. Es geht doch ein unendlich beglückender freier Zug durch Old England, und Zustände wie sie dort herrschen, sind das Höchste, was wir Juden in Deutschland nur wünschen könnten. Was wir aber vorläufig kaum zu hoffen wagen, dort ist es bereits erfüllt. Der Erbe des Throucs Euglands hat nicht nur an dem Feste in dem jüdischen Hause theilgenommen, sondern er hat auch das junge Paar reich beschenkt und huldvoll ausgezeichnet. fl mein Man», er soll leben. -) meine Mutter in Gesellschaft. fl Fromet, Frau des Moses Dessau