Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1893)
- Date
- 1893-04-14
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
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Misoetlen. * Im Verein für Geschichte und Alterthumskunde zu Frankfurt a. M.; hielt Dr. H. v. Nathusius-Neinstedt einen längeren Vortrag: „Ueber das älteste Juden viertel in Frankfurt" — historische und topo-! graphische Mittheilungen, eine Zusammenstellung der lückenhaften Nach-! richten, die sich darüber bei den Lokalhistorikern Frankfurts finden. Die Existenz jüdischer Einwohner am Main datirt bis ins >13. Jahrhundert zurück. Ihre erste Erwähnung ist zugleich die Erinnerung an die Juden- Verfolgung von 1241, in der ein Drittel der jüdischen Einwohner (etwa , 200) ermordet und das Judenviertel abgebrannt wurde. Diesem ersten! „Judenbrand" folgte 1349 der zweite, als die Flagellanten nach Frank-! furt kamen und hier es so trieben wie am Rhein und anderwärts. Hier sank das ganze Judenquartrer in Asche, das nachher aus der Gegend zwischen dem Dom, Römer, Saalhof und der Fahrgasse in die Oertlich-! keit östlich vsm Fischerfeld verlegt ward. Ueber diese ältere Judenstadt gab der Vortrag eine Reihe neuer Aufschlüsse. Das alte Viertel mußte geräumt werden auf Befehl des Kaisers um die Mitte des 15. Jahrhunderts wegen der Nähe des Domes, auf dessen Friedhof die Umwohner des Judenviertels den Einblick hatten. Die Geistlichkeit duldete diese Nähe nicht! Seit dem 14. Jahrhundert hat die Lage der Juden in Frankfurt sich geändert. Bis zur Mitte desselben konnten sie noch die Eintragung in das Bürgerbuch erlangen. Nachher wurden sie „Schutzjuden" des Kaisers und von diesem an den Erzbischof von Mainz und später an den 'Rath der Stadt Frankfurt verpfändet. Das „Schutzgeld" wurde nach Analogie einer Einkommensteuer erhoben. Sie trieben meist Bankgeschäfte, auch Frauen, z'und erhielten durch ihre geschäftlichen Beziehungen zum Rath einen gewissen Einfluß auf die städtischen Angelegenheiten, waren aber auch eben dieser einträglichen Geschäfte halber dem Neide des Volkes und vielfachen Chikanen ausgesetzt. Franz Liszts Stellung zu den Antisemiten. Unmittelbar nach dem Erscheinen der zweiten Auflage des Lisztschen Werkes über „Die Zigeuner ünd ihre Musik" hatten sich einige übereifrige Anhänger der beginnenden Judenhetze bemüßigt gefunden, einige Stellen aus dem betreffenden Buche aufzustöbern, sie aus dem Zusammenhänge zu reißen und den Antisemiten als leckere Bissen für ihren Heißhunger aufzutischen. Da in dem - Buche des großen Künstlers, dessen Edelsinn seinem Genie gleichkam, da stand es wörtlich zu lesen, daß er zu den Antisemiten hielt, daß er die Juden nach Palästina verpflanzt wissen möchte, und was dergleichen Zeugs sonst noch sein mochte. Die Sache machte begreiflicher Weise viel Lärm. Jedermann fragte sich ganz unwillkürlich, wie kommt ein Mensch von dieser unerschöpflichen Herzensgüte in die unsaubere Gesellschaft der berufsmäßigen Judenhetzer V Airs diese Frage hat Liszt an einzelne seiner Freunde Antworten gelangen lassen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Diese Antworten sind vor langer Zeit in wenig verbreiteten Zeitschriften veröffentlicht worden und deswegen unbeachtet geblieben. Und so haftete denn an dem Andenken des großen Künstlers und des großen Menschen der Makel, daß er ein Gesinnungsgenosse der Judenhetzer gewesen sei. Da ist es denn gerade an der Zeit, auf diese betreffenden Briefe hinzuweisen, welche in dein zweiten Bande der soeben bei Breitkopf u. Härtel in Leipzig erschienenen Briefe Franz Liszts' äbge- VUrckt sind.'" Der mre Nrief Dstrn französischer Sprache abgefaßt an den Herausgeber der „Gazette de Hongrie“ gerichtet und heißt in wortgetreuer Verdeutschung: „Werther Herr! Nur mit Bedauern richte ich diese Zeilen an Sie, indessen da sich hier in Pest das Gerücht von meiner angeblichen Feindseligkeit (hostilite) gegen die Israeliten verbreitet hat. \ so muß ich den Jrrthum dieses falschen Gerüchtes berichtigen. Männer von anerkannter Bedeutung in der musikalischen Welt,. an ihrer Spitze I Meyerbeer, Haben mich ihrer Achtung und Freundschaft gewürdigt; nicht > minder solche hervorragende Männer aus der litterarischen Welt, wie j Heine und Andere. Es scheint mir überflüssig, die vielen Proben meiner j thatkräftigen wohlwollenden Gesinnung (active loyaute) anzuführen,! welche ich während fünfzig Jahren den talentvollen und empfänglichen j Israeliten bekundet habe, ebenso enthalte ich mich, von meinen freiwilligen Beiträgen zu den Wohlthätigkeitseinrichtungen des Judenthums in den verschiedenen Ländern zu reden. Die Devise meines Schutzpatrons, des heiligen Franziskus von Paula, heißt „Barmherzigkeit!" Ihr werde ich mein Leben lang treu bleiben! Sucht man auf Grund einiger, aus meinem Buche über die Zigeuner aus dem Zusammenhänge gerissener Stellen Händel mit mir, und wenn man daraus Etwas, was man im Französischen eine „querelle d’Allemand“ nennt, findet, so kann ich mit gutem Gewissen bekennen, daß ich mich keines anderen Vergehens schuldig gemacht habe, als schüchtern die These von dem neuen KönigreichlFeLusalem zu wiederholen, welche schon vorher von Disraeli, von der George Elliot lMis Lewes) und von Cremieux, also von drei Israeliten von hohem Ansehen, erörtert worden war." Der zweite deutsch geschriebene Brief ist an Herrn Otto Leßmann gerichtet. war, wie er selbst einmal an einer andern Stelle ausgesprochen, „die schwarze Unthat des Antisemitismus" in der Seele zuwider. Der Brief an Leßmann aber enthält folgende charakteristische Stelle: „Herzlichen Dank, verehrter Freund, für Ihre zutreffende, wahrheitsgemäße Berichtigung meiner keineswegs anzuzweifelnden noch furchtsamen Stellung zu der Semitenfrage. Losung und Lösung derselben ist Sache der Beharrlichkeit der Israeliten und der allwaltenden göttlichen Vorsehung." Ja und Amen formte man darauf nur antworten Nur so, wie er hier gethan, konnte sich ein Mensch wie Franz Liszt ausdrücken. Die Antisemiten, welche sich an die langen Schöße des Lisztschen Abberockes anzuhängen versuchten, hat er in seiner weltmännischen Feinheit, aber dabei entschieden genug, von sich abgeschüttelt. $ k. Der Blutaberglaube in China. Unter dieser Ueberschrift bringt der Globus (Bd. LXII, Nr. 15 Seite 238) Aufklärung über die jüngste Christenverfolgung in China, die auch für uns nicht ohne Interesse ist. Herr Dr. Repsold schreibt: „Die jüngsten Verfolgungen der Weißen, die Ermordungen der Missionare und die Zerstörungen christlicher Kapellen und Kirchen in China war namentlich auf die Antriebe eines hohen chinesischen Beamten, Tschon Han, zurückzuführen, welcher inTschangscha, der Hauptstadt Hunnans, residirte. Auf die Vorstellung des europäischen Gesandten in Peking hin wurde eine Untersuchung gegen Tschou Han eröffnet, die aber so gut wie ergebnißlos verlaufen ist. Aus der amtlichen Pekinger Zeitung, welche jetzt die in dieser Sache unternommenen Schritte aktenmäßig veröffentlicht, geht hervor: Tschou Han ist verrückt geworden und nicht auszufinden. — Es erhellt aber aus jenen Aktenstücken, daß Millionen von Flugblättern, Pamphleten, Plakaten, Spottliedern unter der abergläubigen Menge verbreitet wurden und ihre Wirkung erzielten. Besonders wurden in geradezu unflätiger Sprache die Missionare beschuldigt, „daß sie die Frauen behexten, indem sie .ihnen geheime Mittel eingäben, dann sie an verborgene Plätze lockten und sie daselbst tödteten, um ihnen die Herzen und Augen auszureißen." Dr. Repsold schließt diesen Theil seiner Schilderung mit den Worten: „Mit geringen Aenderungen ist das also die nämliche blödsinnige Beschuldigung, die man in Europa den Juden bezüglich des zur Passahfeier nöthigen Christenblutes seit Jahrhunderten vorwirft." — Antisemitiseher Briefkasten. Der „Kladderadatsch" perfiflirt die Briefkasten Weisheit eines antisemitischen Blattes in folgender ergötzlichen Weise: Dr. A. in Weimar: Ihre Entdeckung, daß Mephistopheles ein Jude ist, hat uns mehr erbaut als überrascht. Schon die Endung des Namens ist uns von jeher verdächtig gewesen. (Vgl. Tinkeles, Schmeicheles, Jeiteles, Beigeles; auch der Gleichklang von „Nathan" und „Satan" ist gewiß kein zufälliger.) Entscheidend für uns aber ist die Art, wie Mephistopheles mit Faust seinen Handel abschließt: Um Lebens oder Sterbens willen Bitt' ich mir ein paar Zeilen aus. Also ein Wechselchen! Und hiebei die Worte: Dazu hast du noch eine lange Frist» Das ist echt jüdisch. — Jronieus in Ch.: Wir sind Ihnen sehr dankbar, daß Sie uns auf einen sogenannten „Dichter" Lessing aufmerksam gemacht haben, der heutzutage noch philosemitische Dramen zu schreiben wagt; dieser Nathan ist ja ein wahrer Schandfleck der neuesten Litteratur. Wir werden aber ein scharfes Auge auf den sauberen Patron behalten. Vielleicht ist der Name „Lessing" auch nur ein Pseudonym für den berüchtigten Panama - Gründer und Judengenossen Lesseps — von dem bezeichnenden Vornamen „Ephraim" gar nicht zu reden.