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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-03-03 · Heft 9 (3.3.1893) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 9 (3.3.1893)
Date
1893-03-03
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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57. Jahrgang. Ar. 9. Allgemeine Berlin, 3. Mär? 1893. eitung des Audeillbums. Ern unparteiisches Organ für nlles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner 8*. fuötoitj Plhitippson-Gonn. Verlags-Crpe-ition: Gertin, Jerusalemerstr. 48/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter «Ltreifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Medacteur: Gustav Kaipeles. Alle Zusendungen für Nedaktiolt und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Ällgein. Zeitung des Judenthums". Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. InIlltÜ. Leitartikel: Professor Steinthal über den Talmud. — Von der üsZeltausstelluna in Chicago. — Tie Erziehung des jüdischen Weibes für seinen Berns. Von Regina Reiß er. — Aus dem Gebetsschatze des Jndentbums. Von 'l-egiernngsrath Dr. D. H. Mäher (Schluß). -- Ausgrabungen in Smdscbirli. Von Jrof. Dr. Dav. Heinrich Müller. — Feuilleton: Kleiustadtleben. Erzählung um Ernestine Streliskv. — Litterarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Geu'eiudebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Ans u'r Provinz Brandenburg. Breslau. Osterode. Hamburg. Karlsruhe. Trier. Wien. Budapest. Lemberg. Petersburg. Brody. New-Pork. — Bon Nah und Fern. — Miscellen. — Briefkasten. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. — Geschäftliche Notizen. Professor Steinthal über den Talmud. Berlin. 26. Februar. Wenn Professor Steinthal spricht, so lauscht seinem Worte nicht i'!o§ ein großer Hörer- oder Leserkreis. Weit darüber hinaus dringt eer Hauch seiner Rede, der Odem seines Geistes. Und so wird auch das, was er in diesen Tagen über die Erklärung der deutschen Aabbiner und über die Forderung einiger Heiner ultrademokratischer Blätter, den Talmud ganz anfzngeben, sagt, überall mit großen: .aiteresse vernommen werden. In der dieswöchcntlichen Nummer der „Mittheilungen ans dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" schreibt Profeffor Steinthat Folgendes: Die Erklärung der deutschen Rabbiner über den Talmud hat eicht den Beifall eines Theiles der freisinnigen Presse gefunden. Mir l egt über dieselbe eine Aenßerung der „Berliner Presse" vom '•>. Februar vor. Dieses Blatt meint, „auf solche Weise überzeuge .aan weder die Gegner aus dem Lager der Rohling, Stöcker, Ahlirrrdt ». s. w., noch bessere man etwas." Wer kann hoffen, jene deute zu überzeugen! Ob aber die Rabbiner niit ihrer Erklärung avas bessern? bleibe dahin gestellt. Fragen muß ich aber: was l itten sie denn thun sollen? Darauf giebt das genannte Blatt Antwort. Es fordert aber theils was Niemand wollen kann, theils was längst (und offenbar ohne „etwas zu beffern") geschehen ist. Es erklärt: „So lange der Talmud als solcher überhaupt noch testeht und gelehrt wird, wie auch beispielsweise auf der „Hochschule d's Jndenthums", wird die tendenziöse Ausnutzung seines Inhalts nicht aufhöre»." Soll darum eine Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums aufhören, ihren Zöglingen den Talmud zu interluetiren? Jnterpretirt nicht an jeder juristischen Fakultät ein Prv-! ssor das römische Recht, aus dessen Quellen der früheren und der späteren Zeit? Jnterpretirt man nicht die Religionsschriften des Arahmanismus und Buddhismus, und die jüdischen Geistlichen sollten nicht den Talmud lesen lernen? Fragt doch den Herrn Professor Ttrack, was er toohl antworten würde. Ich vermuthe, daß die „B. P." den Nachdruck auf den Talmud . als solchen" gelegt habe. Was ist denn der Talmud „als solcher"? Das müffen doch die Rabbiner am besten wissen. Nun haben sie sich darüber erklärt. Die „B. P." aber meint, „der Talmud habe für das heutige Judenthum nur noch die Bedeutung einer historischen Reliquie." Werden historische Reliquien in den Rumpelkasten geworfen? Ist Plato »nd Spinoza n. s. w. etwas anderes als eine Reliquie? Vielleicht sind diese Philosophen ehrwürdigere Reliquien als der Talnmd, aber der Talmud ist immerhin ein großes Stück der jüdischen Geschichte. Die Inden haben nicht die geringste Ursache, sich des Talmuds zu schämen, folglich habe» sie die Pflicht, den Talmud vor Beschiinpfnngen zu schützen. Die „B. P." verlangt, daß die Juden erklären, „die heutige jüdische Generation habe mit den Lehren des Talmuds nichts mehr gemein." Nichts? gar nichts? Und wenn nun im Talmud steht: „Was du nicht willst, daß man dir thue, das thne auch deinem Nächsten nicht," haben wir Juden, habt ihr Christen das mit dem Talmud nicht gemein? Und wie manche schöne Erzählung oder Parabel hat Herder, hat Kruininacher, hat Voltaire aus dem Talmud! Ihr Christen (nehmt es nicht übel) wißt aber gerade so wenig wie die allerallermeisten der heute lebenden Juden, was ihr den: Talmud zu danken habt. Darum wird der Talmud ans der „Hochschule des Judenthums" gelehrt. Also den Talmud streichen ist unmöglich. — Außer dieser negativen Forderung aber stellt die „B. P." auch eine positive. „Die jüdischen Geincinden Deutschlands sollten sich auf eine allgemeine Sittenlehre einigen, sie sollten dafür sorgen, daß diese Sittenlehre ihrem Religionsunterricht zu Grunde gelegt werde und öffenilich erklären: so unb nicht anders lauten die Grundsätze, auf denen das Judenthum basirt". Das ist aber schon seit den Zeiten EsraS, seit der Mille des 5. Jahrhunderts ante Ein-, geschehen. In den Synagogen ward zu allen Zeiten gepredigt und zwar ans Grundlage des Bibel-Textes.! Seit dem Anfänge unseres Jahrhunderts sind mehr als 160 Lehri bücher der jüdischen Religion erschienen. In jedem derselben steht! dieselbe allgemeine Sittenlehre, wie die Bibel sie bietet.! Noch mehr. Mit der Unterschrift sännntlichcr jüdischer Rabbiner und sämmtlicher Juristen jüdischer Religion Deutschlands in angesehener Stellung sind fünfzehn Grundsätze der jüdischen Ethik in einer halben Million Abdrücken oder noch darüber veröffentlicht worden; dieselbeir sind auch jüdischen Gebetbüchern, jüdischen Religionslehren beigegcben worden, und Herr Professor Gizycki hat denselben auch in seinem System der Ethik eine ehrenvolle Slellnng angewiesen. Man klagt über die Prahlerei der Inden. Was dieselben aber Gutes thun, bleibt unbekannt, und - - so stehen leider die Dinge — muß geheim gehalten werde». Denn Gutes thun heißt: Schlechtes wegschaffen. Wenn der Vorstand des „Deutsch-israelitischen Gemeindebnndes" andeutet, was er thnt, so wird das für gewisse Leute eine Quelle zur Belehrung über die Fehler der Juden, und es wird damit gewuchert. Es giebt eben Wucher der mannigfachsten Art.

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