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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1893-02-10 · Heft 6 (10.2.1893) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
57 (1893)
Issue
Heft 6 (10.2.1893)
Date
1893-02-10
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Mrseellen. * Von dem in Königsberg i. Pr., der Stadt der reinen Ver-^. nunft, seit nun über zwei Jahren bestehenden „Hebräischen Litteratur- Verein", der sein Auge vornehmlich auf Pflege hebräischen Wissens richtet, hat diese Zeitung zuletzt in Nummer 52 vor. Js. berichtet. Zur Vervollständigung mag hier zunächst eine gedrängte Uebersicht der Vorträge u. s. w. folgen, welche im laufenden Vereinsjahr' 1892,93 bisher gehalten wurden. Am 8. November v. I. sprach Herr Max Feinstein über „Gabriel Rießer"; am 15. Herr Kantor Birnbaum. „Das aramäisch-chaldäische Idiom Targum"; am 23. Herr Rabbiner Dr. Bamberger: „Zeitungen und Zeitschriften im Judenthum"; am 29. Herr P. L. Jakowlew: „Jehuda Leb Gordon und die Renaissance der hebräischen Litteratur"; am 6. Dezember Herr Moses Kaplan: „Das Erhabene der mosaischen Eingottidee", und am 13. Dezember Herr S. M. Rabiuowitz: „Der Talmud". Am 20. Dezember ward Chanukahfeier abgehalten. Darauf am 3. Januar hielt der Direktor des hiesigen israelitischen Waisenhauses, Herr Peritz, eine Rede über „Luther und die Juden". Der als Dichter von „S'miroth Israel" (hebräische Lieder) bekannte Herr Iso ak Rabiuowitz aus Rußland, der in unfern Mauern weilt, überraschte am 10. d. eine zahlreiche Zuhörermenge mit einer in klassischem Hebräisch fließend und fesselnd geführten einstündigen Ansprache: „Haam Wehalaschon" (Das jüdische Volk und seine Liebe zur hebräischen Sprache). Zuletzt, am Dienstag den 24. d. machte uns unser Vorsitzender Herr Max Minkowski mit „F. Macaularsts Eintreten für die Emanzipation der Juden in England" bekannt. Lediglich der Diskussion von Tagessragen allgemein jüdischen Interesses gewidmet waren die Abende vom 27. Dezember und vorn vorletzten Dienstag. Zu lebhaften, anregenden Debatten führte auch die Wißbegierde des Fragekastens. ¥ * Familientragödie. Der jüdische Branntweinschänker Adolf Groß in Bacs-Földvar hat eine schöne 17jährige Tochter, in welche sich der Polizei-Postenführer Emerich Kosztics verliebte. Er hielt bei den Eltern ilm die Hand des Mädchens an, dieselben wollten jedoch ihm als Christen ihre Tochter nicht geben. Als am Mittwoch Abend Groß sich im Tempel befand, entführte Kosztics das Mädchen. Zu Haus angelangr, ahnte der Vater nichts Gutes und fand bald das Versteck der beiden Liebenden. Er brach die Thür ein und bat, ihm seine Tochter wiederzugeben. Koszticz zog seinen Säbel und stieß ihn dem unglücklichen Vater so heftig in die Brust, daß derselbe blutüberströmt zusammenstürzte. Koszticz wurde von der Gendarmerie verhaftet. * Eine Millio neu-Erbschaft. Zu den katholischen Kirchenfürsten, welche dem Judenthum entstammten, gehörte auch der Erzbischof Färber. Derselbe war ein gebürtiger Oesterreicher; in Boskowitz (Mähren) hatte er gegen Ende des vorigen Jahrhunderts als Sohn, nach damaligen Begriffen wohlhabender, jüdischer Eltern das Licht der Welt erblickt. Unter Kaiser Joses wurden den mährischen Juden gewisse „Privilegien" gewährt: eines derselben bestand darin, daß sie sich in Ortschaften, wo sie in größerer Anzahl beisanunen wohnten, zur Schlichtung von Streitigkeiten unter einander eigene Richter, „Judenrichter" genannt, wählen durften. Ein Mitglied der Familie Färber war ein solcher „Judenrichter" durch lauge Jahre. Er hieß Salomon und war auch bei Christen allgemein beliebt. Nur sein junger Bruder Zallel konnte sich mit ihm nicht vertragen. Die häuslichen Zwistigkeiten gediehen so weit, daß Zallel Färber, obwohl er kaum das 15. Lebensjahr vollendet hatte, zu den: Entschluß gelangte, die Heimath zu verlassen und auszuwandern. Der unternehmende Junge wandte sich nach Holland. In Rotterdam fand er ein gutes Unterkommen und einflußreiche Gönner. Dort trat er auch in der Folge zur katholischen Kirche über und widmete sich den theologischen Studien. Wenig über zwanzig Jahre alt, wurde er zum Priester geweiht und erklomm in: Laufe der Zeiten die höchsten hierarchischen Stufen, bis er schließlich zum Erzbischof ernannt wurde. Im Jahre 1865 starb er mit Hinterlassung eines großen Vermögens, welches sammt den Zinsen bis jetzt die Höhe von achtundzwanzig Millionen holländische Gulden betragen soll. Vor seinem Tode hatte er seine österreichischen Verwandten testamentarisch zu Universalerben eingesetzt. Von diesen Verwandten leben jetzt noch einige Neffen und des Erzbischofs, unter ihnen der sechzigzährige Jakob Färber in Boskowitz und dessen Schwester, verehelichte Ultmann in Wien. Die Familie Färber ist aber seit lange verarmt, und keiner von den Erbberechtigten vermochte die erforderlichen Kosten zur Geltendmachung bezw. Nachweisung des Erbrechtes aufzubringen. Nun traf es sich, daß Frau Ultmann vor einiger Zeit das große Loos gewann. Von da an wurden die bezüglichen Schritte gemacht, und die Erbschaftsfrage soll ihrer baldigen Lösung entgegengehen. Bereits in den nächsten Tagen begeben sich die Erbberechtigten mit einem Rechtsanwalt nach Rotterdam, und sie sind voll der besten Hoffnung, endlich das ihnen rechtmäßig zukommende reiche Erbe in Besitz nehmen zu können. * Die Antisemiten im Theater. Bei der am Freitag stattgehabten ersten Aufführung des Schauspiels „Moderne Teutonen" im Alexanderplatz-Theater kam es zu wilden Szenen, die durch gewisse, den Antisemiten unangenehme Stellen des Stückes hervorgerufen wurden, Inzwischen waren die Ahlwardtianer nicht müßig. Im Verlause des gestrigen Tages wurde folgende Karte versandt: Gesinnungsgenossen! Heute Abend wird im Alexanderplatz-Theater (auf dem Alexanderplatz) ein Schauspiel, betitelt: „Die modernen Teutonen" und handelnd von der Verwerflichkeit des Antisemitismus, zur zweiter. Aufführung gelangen. Wir haben nun beschlossen, heute Abend Mann für Manu dort anzutreten und an diesem jüdischen Machwerk unsere Kriti: zu üben; deshalb, Gesinnungsgenossen, tretet Alle an und bringe: Eure Freunde mit! Man bittet, darauf zu achten, daß mindestens vier Genossen ihre Plätze bei einander haben. Die antisemitische Vereinigung. Darunter standen noch in vorsichtiger, aber wie man sieht, doch ver geblicher Weise die Worte: „Man wolle diese Karte nur an bewährte Gesinnungsgenossen befördern." So kurz die saubere Aufforderung ist so enthält sie doch eine Lüge; wie nämlich die Direktion des Theater■> versichert, ist Herr Balis, der Verfasser des Schauspiels, christliche Konfession. Die Vorstellung selbst nahm wieder einen sehr aufgeregte- Verlauf. Fortwährend wurde die Darstellung durch anzügliche und witzi> sein sollende Bemerkungen gestört, die hauptsächlich aus den hinterer, ziemlich dicht besetzten Bänken erschollen und stets einen wahren Höllen lärm entfesselten. Ans dem Schlußakt wurde die Szene, welche de . Sturm des Pöbels auf das Haus eines Juden zum Gegenstände ha:, fortgelaffen. Man gab nur die letzte Szene des vierten Aktes, aber auch über diese senkte sich vorzeitig der eiserne Vorhang. Die Gemüther hatte. sich aufs Höchste erhitzt. Ein mitten in das Spiel hinein ausgebrachüs Hoch auf Ahlwardt fand ein kreischendes Echo und das schöne Lüs „Deutschland, Deutschland über Alles" wurde wieder einmal von ein paar Dutzenden Schreiern mißbraucht, um den Schluß der Vorstellung — gegen '^10 Uhr — zu erzwingen. Die Direktion wird, wie wir hören, das Stück nicht mehr zur Aufführung bringen. Das ist auch das Verständigste, was sie thun kann. * Go tt und die Wucherer. Der Midrasch erzählt: Alles v.: der Schöpfung ist Harmonie, Alles ist ein Austausch gegenseitiger Dien' leistungen. Der Tag leiht von der Nacht, die Nacht vom Tag, der Morr von den Sternen, die Sterne vom Mond, di? Sonne vom Licht, dac Licht von der Sonne, die Vernunft von der Wissenschaft, die Wissenscha l von der Vernunft, die Wohlthätigkeit von der Gerechtigkeit, die Gerechtigkeit von der Wohlthätigkeit. Alle diese Geschöpfe Gottes leihen ein's vom andern, sind Freunde und wohnen friedlich neben einander. — Auch unter den Menschen herrscht ein reger Austausch gegenseitiger Dientleistungen; aber es giebt Menschen, die ihren Nächsten Geld leihen unv sie gleichzeitig durch Betrug zu Grunde richten: das sind die Wucherer, diese Wucherer sagen gleichsam zu Gott: Warum nimmst Du von M Menschen für Deine Darlehen an sie keinen Zins? Du bewässerst die Erde, befruchtest die Gärten und Felder, erleuchtest den menschlichen Sinn, hauchst den Lebensodem ein, erhältst und erweisest Güte: warum lässtsl Du Dich nicht bezahlen? Gott aber erwiedert: Sehet, wie viele Sachen ich den Geschöpfen leihe und nehme keinen Zins! Denket an mich unv handelt wie ich! Wehe dem, der Zins nimmt, er wird nicht leben!

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