Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1893)
- Date
- 1893-01-20
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Mrsoellen. * Der soeben veröffentlichte letzte Band des im Manuskript mehr als 2000 Bände umfassenden Bücherkataloges des „British Museum", das Verzeichniß der vollständigen Bibelausgaben, deren das Museum' über 300 besitzt, liefert einen werthvollen Beitrag zur biblischen Bibliographie. Der Katalog der Einzelausgaben des alten oder des neuen Testamentes oder einzelner Bücher derselben ist noch nicht im Druck ererschienen. Das „British Museum" muß die Ehre, die vollständigste Bibelsammlung der Welt 51t besitzen, der königlichen Bibliothek in Stuttgart überlassen. Die älteste Polyglottenbibel des „British Museum" ist die 1514—17 durch die Munifizenz des Kardinals Ximenes in Spanien gedruckte "Ausgabe mit hebräischent, griechischem und lateinischem Text. Das Exemplar der von Platin in Antwerpen 1569 - 73 hergestellten Polyglottenbibel ist besonders interessant, da es ein Geschenk des Königs Philipp 11. von Spanien an den Herzog von Alba in Anerkennung seiner Verdienste in den Niederlanden war. Von beit 75 lateinischen Bibelansgaben des 15. Jahrhunderts ist die sogenannte „Mazarin-Bibel", itin das Jahr 1452 von Guttenberg gedruckt, selbstverständlich als erstes Erzeugnis; der Buchdruckerkunst, die älteste. Das Museum besitzt zwei Exemplare derselben. Die älteste englische Bibel wurde 1535 vom Bischof Miles Cloverdale herausgegebeu, aber auf dem Kontinent gedruckt. Der Druck einer englischen Ausgabe des neuen Testaments ist bereits 1525 in Köln von Tyndale begonnen worden, mußte aber wegen Verfolgungen durch die Katholiken nach Vollendung des zehnten Bogens wieder aufgegeben werden. Das Museum hat diese fragmentarischen Ausgaben zusammen mit zwei Proklamationen Heinrichs Vlll., des „ilelensor lUlei“, öffentlich ausgestellt. Ter erste, 1530 datirte Erlaß verbietet unter Androhung schwerer Strafen die Uebersehung der Bibel in das Englische, der zweite, 1541 ausgestellt, befiehlt, daß in jeder Kirche in England eine Bibel in der Landessprache aufbewahrt werden müsse. Die Gesammtzahl derenglischen Bibelausgaben übersteigt 1100. Die erste deutsche Bibel wurde 1466 von Johann Mentelin in Straßburg gedruckt. Das Museum besitzt 10 deutsche'Ausgaben, die vor der Reformation erschienen sind, ohne das; ihre Sammlung in dieser Beziehung Anspruch auf Vollständigkeit erheben könnte. Ein Exemplar der deutschen Bibel von 1541 enthält Luthers schriftliche Anmerkungen, ein zweites 1558 gedrucktes Exemplar gehörte dem Kurfürsten August von Sachsen. Außerdem zählt der Katalog vollständige Bibelausgaben in mehr als 90 verschiedenen Sprachen und Dialekten auf. Merkwürdiger Weise ist noch keine Gesammtausgabe der Heiligen Schrift in japanischer Sprache erschienen. d * Nahida Remy. Die Kölnische Zeitung schreibt: .Köln, 3. Jan. Wohl die eigenartigste Erscheinung, welche in der Bewegung, die sich seit einem Jahrzehnt für und wider das Judenthum erhoben hat, bildet die Schriftstellerin Frau Nahida Renn) aus Berlin, welche dieser Tage im hiesigen Verein für jüdische Geschichte und Literatur vor 'Astern dichtgedrängten Publikum einen Vortrag über die Nächstenliebe in; Alten Testament hielt. Die Dame, welche aus ureigenstem Antrieb als Apostel der sittlichen Ideen des reinen Judenthums auftritt, um die Kenntnisse jener erhabenen Lehren unter Juden und Christen zu verbreiten, entstammt einer strenggläubigen christlichen Familie. Eure merkwürdige Frau, die christliche Schriftstellerin, welche durch ihr edles Herz, ihr Mitleid mit den Bedrohten dazu bewogen wird, in das hebräische Schriftthnm einzudringen und sich mit dem Studium der dickleibigen Talmudbände zu befassen! Seit Jahren als Schriftstellerin außerordentlich thätig, Verfasserin mehrerer dramatischer Arbeiten, die in Wien und Berlin mit Erfolg öfters aufgeführt worden, gab sie im Jahre 1890 einen kultur- und kirchenhistorischen Roman „Geheime Gewalten" heraus, der von den bekannten Historikern, den Professoren Maurenbrecher und Niepolt, sympathisch gewürdigt wurde. In demselben befaßte sie sich zuerst mit der Darstellung jüdischer Charaktere. Dre seit ihrer frühesten Jugend ausgesprochene Begeisterung für die Bibel erweckte in ihr das Interesse für das jüdische Volksthum, die immer höher gehenden Wogen der antisemitischen Ausschreitungen empörten ihr Gerechtigkeitsgefühl und brachten in ihr den Entschluß zur Reife, behufs Aufklärung des rechtlich denkenden Theiles der jüdischen und christlichen Bevölkerung ein Bild des Wirkens jüdischer Frauen zu geben. Ihr vor nicht langer Zeit erschienenes Werk „Das jüdische Weib" verschaffte ihr in weiteren Kreisen Beachtung. Angeregt durch diesen Erfolg, trat sie in Berlin zum ersten Mal als Rednerin auf für die Ideen, die sie begeisterten. Ihre Vorträge, die den Zweck verfolgten, unter Christen und Juden Belehrungen über das Wesen des Judenthums zu verbreiten, eingewurzelte Vorurtheile, die durch Entartungserscheinungen immer wieder neu belebt werden, auszurotten, sammelten einen stets wachsenden Kreis von Zuhörern um sie. Die seine, - unwiderstehliche, von weiblicher Anmuth durchwehte Art und Weise ihres Vortrages wirkt in höchstem Maße fesselnd. Durch ihren Vortrag in unserer Stadt hat Frau Remy ihren Ruf als bedeutende Rednerin in vollem Maße bestätigt. Die Rednerin wußte durch ihre einfache und doch zu Herzen gehende Vortragsweise die Zuhörer sofort in hohem Grade zu fesseln. Sie begann mit einem Hinweis darauf, daß bereits im Alten Testament die Haupt- und Grundlehren der Nächstenliebe in klaren, nicht mißzuverstehenden Worten enthalten seien. An der Hand der patriarchalischen Familien-Ereignisse, an Beispielen vieler Spezialgesetze wies sie nach, daß das Gebot „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst" (III. B. M. 19, 18) überall zum klarsten "Ausdrucke gelangte, ebenso widerlegte die Rednerin den allgemein verbreiteten Jrrthum, daß der Gott, den die Bibel lehrt, ein Gott der Rache sei, während im Gegentheil aus derselben Stelle (11. B. M. 20, 5, 6) hervorgehe, daß hie Gnade Gottes sich bis ins tausendste Geschlecht erstrecke. Rednerin schloß mit dem Ausdruck j des Bedauerns, daß die Kürze der ihr eingeräumten Zeit es nicht gestatte, die ewig schönen, sittlichen Ideen, welche sich in den historischen, apokry- I phischen und prophetischen Schriften des Alten Testaments finden, in! einigen Beispielen vorzutragen. Rauschender Beifall lohnte sie und bewies, daß ihre Worte einen tiefen Eindruck auf die Zuhörer, unter I denen sich auch viel christliche Freunde des Vereins befanden, gemacht hatten. j * Aus Schneidemühl. Unter diesem Titel bringt der „Ulk" j folgendes Gedicht auf die Herren Primaner in Schneidemühl, die eine Adresse an Ahlwardt abgeschickt haben:! Schneidig ist in Schneidemühl! Selbst der Herr Primaner,! Den politischen Größen fühlt i Kritisch auf den Zahn er. > Plato sind und Tacitus! Ihm versumpfte Schmöker, j Aber hoch am Hinunel glänzt j Ahlwardt, Böckel, Stöcker.! Goethes Stumpfsinn, Schillers Dunst — Die Primanerklasse Lacht darob, doch glücklich schwärmt Sie im Rassenhasse. Und der Primus im C. C. Spricht: „Gedankenblässe Schwächt nicht unfern Muth. Wohlan, Eine Dankadresse Schicken wir dem großen Mann, Ahlwardt, dem Befreier, Der uns gleicht an Jugendkraft Und an Jugendfeuer. So geschah es; schwarz auf weiß Ging und wohlgelungen Ab das Schreiben, aber grün Blieben, grün die Jungen. Des Scherzes halber sei eine Miltheilung des „Matin" verzeichnet, nach welcher die bulgarische Verfassung geändert sei, um dem Fürsten Ferdinand die Ehe mit Fräulein v. Bleichröder zu gestatten, die als Jüdin den bulgarischen Thron besteigen wolle. Eine ernste Würdigung ist der ganze Blödsinn nicht werth. ----- Die Nr. 2 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (ExpeditionMagdeburgerstraße 13, Postzeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Abgeordneter v. Kardorff über die antisemitische Bewegung. — Die anthropologische Stellung der Juden I. — Zur Abwehr. — Die Parteien und der Antisemitismus. — Aus Frankreich. — Wucher in Rußland. — Vom Büchertisch. — Kleine Mittheilungen und Korrespondenzen. — Briefkasten.