Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1891)
- Date
- 1891-11-27
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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bte Stimrnfühnr dcr beiden Parteien bemühten an den Tag zu legem wurde doch der Brand von einzelnen Unwissenden ans llebcreifer angefacht. Da war es Simon Bacher rniD^ 'ftb# 1 b rplST der diesen Brand löschte. Den Erisapfel bildeten zwei Fragen, die heute selbst von den streng Orthodoxen als überwunden betrachtet werden, die Bimah- und Chuppafrage stand auf der Tagesordnung, und als der Kampf am heftigsten loderte, da wandte sich der kaum zwanzigjährige junge Mann, der damals aus der weltberühmten Jeschibay des Rabb. Moses Perls s. A. in Boryhod nach Hause kam, an den Gaon Rapoport in Prag, der den jungen Bacher mit einer ausführlichen Antwort auszeichnete. Die Konservativen beugten sich vor dem Urtheile der großen Lehrer in Israel und der Friede war wieder hergestellt. Die Kulturbestrebungen, die der junge Bacher förderte und ins Leben rief, finden sich ausführlich in den ersten Jahrgängen dieser geschätzten Zeitung regiftrirt. Regen Antheil an feiner Ausbildung aus diesem Gebiete nahmen feine beiden Oheime Adolf Bacher und Adolf Janovitz s. A., die westeuropäische Kultur nach Miklos ver-- pflanzten. Simon Bacher entsproß der Familie des Rabbi Chain: Jair Bachrach in Worms (starb 1702) bekannt unter dem Namen min Seine erste Arbeit erschien in der jüdischen Zeitschrift: prtSP did der selige Stern in Wien redigirte unter dem Namen pöJJfin (die Glocke von Schiller) im Jahre 1842. Als der selige Rabbiner Leop. Löw in Szegedin die theologische Zeitschrift „Ben Chananja" ins Leben rief, da blieb auch Bacher mit seinen wissenschaftlichen Beiträgen nicht aus. Inden jüdischen Zeitschriften: nntPH IBDöP! nnPH TJfcH finden sich viele treffliche Beiträge, die über unsere Kulturzustände dem künftigen Geschichtsschreiber vielen Aufschluß bieten werden, außerdem finden sich daselbst viele selbständige Arbeiten, die uns Einblick in sein echt jüdisches Gemüth gewähren, das er bis zu seinem Lebensende treu bewahrte. Außerdem erschienen von Bacher im Jahre 1860 (Jojachim, Trauerspiel von Dr. L. Philippson s. A.), im Jahre 1870 O2NN JJTI3 (Nathan der Weise von Lessing). 1876 eine Sammlung hebr. Gedichte, deren Reinerträgniß unserer Vaterstadt Miklos, die damals bei einem Brande hart mitgenommen wurde, gewidmet wurde. Im Jahre 1881 erschien der eine Sammlung religiöser Gedichte, die sänuntlich in der Fach-Preffe der allgemeinen Anerkennung sich erfreuter:. Mit dieser: hier angeführter: Arbeiter: sind durchaus nicht alle Arbeiten des Verblichenen angeführt, dem: bei jedem wichtiger: Ereignis welches die Judenheit betraf, wußte der schöpferische Geist Bachers unsere Gefühle meisterhaft zum Ausdruck zr: bringen. So übertrug er die letzte Derascha des seliger: Meisel ir: meisterhafter hebräischer Sprache. Seine Verdienste um die jüdische Litteratur soller: später gewürdigt werden. Um der: Verblichener: trauerr: seine treue Lebensgefährtin Frau Dorothea Bacher geb. Tedesko, ferner fünf Söhr:e, deren ältester Professor Dr. Wilhelm Bacher, und drei Töchter. An: 12. d. M. fand unter großer Theilnahme die Beerdigung des Verblichenen statt. Auf Wunsch des Verblichenen hielt sein treuer Freund Dr. M. Kayserling die Leichenrede, kein Auge blieb trocken, als dieser gewandte Redner den Verlust schilderte, der mit dem Hinscheiden Bachers das ungarische Judenthum wie auch die Glaubensgenossen in: Allgemeinen getroffen. Nachdem Dr. Kayserling seinen nSDÜ endete, setzte sich der Zug in Bewegung und wir übergaben der Muttererde das, was an Simon Bacher sterblich war; feilt Wirken und Schaffen, sein Musterbild der wahren jüdischen Bescheidenheit wird in unserer Mitte, so lange Juden die Sprache der Väter pflegen und die Produkte eines jeden Zeitalters zu berücksichtigen verstehen, werden fortleben. .n"2"2"3"?>. Rußland. * Moskau, 19. November. Der Wiener „Neuzeit" wird von hier gemeldet: Wie man aus Petersburg schreibt, sollen die Emigrations- Komitees Baron Hirschs mit Genehmigung der hohen Regierung binnen Kurzem gegründet werden. In der Residenz soll eine Oberverwaltung und in den größeren Centren Rußlands und Polens sollen Filialen errichtet werden. Die Entstehung dieser Institutionen ist zweifellos ein epochemachendes Ereigniß im Leben der russisch-polnischen Juden, das die besondere Aufmerksamkeit aller derjenigen, denen die Sache unserer Glaubensgenossen am Herzen liegt, auf sich lenken muß. Indessen hängt das Gelingen dieses bewunderungswürdigen Unternehmens von der Wahl der entsprechenden Exekutiv-Kräfte ab. Von Nah und Fern. ----- Die Inhaber der Firma W. Collin, Herr Georg und Gustav Collin, sind von der Frau Prinzessin von Wales, zu deren Hofbuchbindern ernannt worden. — Einer unserer bekanntesten Mitbürger, der Begründer der hiesigen Konfektionsfirma D. Levin, der Königliche Komme r z i e n r a t h Herr D a v i d L e v: n, ist am gestrigen Sonntag, Abends 8 Uhr gestorben. Der Heimgegangene war ein seif made man im besten Sinne des Wortes, der durch seine Umsicht, seine Thatkraft und unermüdlichen Fleiß aus kleinen Anfängen das von ihm begründete Konfektionsgeschäft im Laufe der Jahre zu einem Etablissement enrporbrächte, das in erster Linie der Branche steht und eines - Weltrufes sich zu erfreuen hat. — Am Montag, den 30. d. Mts., Vormittag 11 Uhr, findet die Eröffnung der israelitischen Volksspeiseanstalt in Berlin, Klosterstraße 99, statt. Zur Feier des Tages sollen mehrere Hundert Portionen Essen umsonst vertheilt werden. — Nachdem die Deutschsozialen den ehemaligen österreichischen Abg. Schönerer zu einigen Vorträgen engagirt haben, wollen die Böckelianer nicht nachstehen. Sie haben sich einen anderen österreichischen Antisemitenführer, Ernst Vergani, den Todfeind Schönerers, kommen lassen. Derselbe sollte am 23. und 25. November in Berlin, einige Tage später in Potsdam auftreten. — Wie uns aus Rogasen gemeldet wird, beabsichtigt Hr. Rabbiner Ludwig A. Rosenthal die auf ihn gefallene Wahl der Gemeinde Allenstein nicht anzunehmen, sondern in seinem jetzigen Wirkungsorte zu bleiben. — Herr B. Lieb mann in Köln wurde bei den Stadtrathswahlen der zweiten Klasse sowohl von der liberalen als auch Centrumspartei mit großer Mehrheit wiedergewählt. — Baron Dr. Mundy, der Schriftführer der Wiener freiwilligen Rettungsgesellschaft, hat in seinem letzten Vorträge über das Jahrhundert der Menschlichkeit folgende Aeußerrmg gethan: „Eines muß ich offen sagen, gerade unter dem nichtchristlichen Theile der reichen und wohlhabenden Bevölkerung ist der Wohlthätigkeitssinn ein größerer." — Einer althergebrachten Sitte gemäß wurden in Wien am Martinitag (dem 11. November) die von der israelitischen Kultusgemeinde in Preßburg für den Hof bestimmten Martinigänse in der Hofburg abgeliefert. Um halb 12 Uhr Vormittags fuhren zwei Vorstandsmitglieder der Gemeinde beim Reichstrakte der Hofburg mit den in feines weißes Linnen verpackten Gänsen vor, wahren Prachtexemplaren, deren jede das respektable Gewicht von mehr als acht Kilogramnr wog, und trugen dieselben in die kaiserliche Kammer. Ein Leibkammerdiener übernahnr hier die Gänse und legte sie auf eine große Silbertasse. Die Gänse waren mit Bändern in den ungarischen Farben reich geschmückt. — Hr. Dr. Springer ist zun: Chef des Laboratoriums der pathologischen Physiologie im Charite-Krankenhause in Paris ernannt worden. — In Florenz starb Signor Sabbato Montefiore, ein glühender Patriot. Als Italien in Gefahr war, hat er tapfer für dessen Befreiung mitgekämpft. Eine große Anzahl seiner ehemaligen Kampfgenossen gab ihm das letzte Geleite. Graf Arriobene, Vize-Präsident der Gesellschaft der Veteranen, sprach eine ehrende Grabrede. — Die am Sonntag, den 2. d. M. in London stattgehabte zweite Delegirtenversammlung der englischen „Chowawe Aon"-Gesellschaften, zu welcher sich 21 Delegirte eingefunden hatten, und welche unter Vorsitz des Herrn Elim H. D'Avigdor tagte, faßte unter Anderem einen Beschluß über die Aussetzung eines Preises von 15 Pfd. Sterl. auf das beste englisch-hebräische Konversationsbuch, und wegen Ueberreichung einer Massenpetition an das Londoner „russisch-jüdische Komitee" um Verwendung eines Theiles der von demselben gesanwrelten Gelder zu Gunsten der hilfsbedürftigen Juden in Palästina. — In Newy ork ist, durch die Zeitumstände hervorgerufen, eine eigenartige Broschüre erschienen. Das kleine Büchlein, welches für den geringen Preis von 20 Pfennigen verkauft wird, ist zur Belehrung für die russisch-jüdischen Einwohner bestimmt und enthält den Text der Verfassung der Vereinigten Staaten mit Erklärungen in englischer und hebräischer Sprache, sowie im jüdisch-deutschen Idiom. Druck und Verlag von Rudolf Messe in Berlin. Verantwortlich für d:e Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin. mJk