Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1891)
- Date
- 1891-10-02
- Page
- Seite 476 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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476 mm den an spanische Verhältnisse Gewöhnten, sich hineinzufinden in die so kontrastirende neue Heimath. Es war daher ein Gebot der Selbsterhaltung, einander näher zu treten nach Landsmannschaften, und es gab da kleine Gemeinden, welche wie heute aus den Auswanderern einer Stadt sich zusammensetzten. Die spanischen Juden unterschieden sich von den portugiesischen und diese von den Franken und so fort. Mit der Zeit verfiel dieses partikularistische Streben und verdichtete sich zu größeren Gemeinden mit gemeinschaftlichen Wohlthütigkeitsanstalten, Lehr- und Bethäusern. Was die jüdisch-spanischen Emigranten einte und konsolidirte, war die spanische — richtiger die spagnolische Sprache. Diese bildete das Erkennungs- und Trennungszeichen zwischen Juden und Juden. Diesem Jargon überantworteten sie die Herrschaft über ihre Gefühle, über leibliche und geistige Regungen. Selbst der Gott Israels mußte es hinnehmen, daß seine Söhne, die kaum dem heilig-christlichen Autodafe entronnen, in Gebeten ihn spanisch ansprachen. Die Jsolirung und Konzentrirung an bestimmten Orten (der Ghettos) der Mahala gab ihnen eine gewisse Ruhe nach der Tagesarbeit. Es war dieses eine Oase in dem wüsten Galuth, dort durfte der Hausvater, selbst der ärmste, als Signor patre unumschränkt herrschen. Solchermaßen ersetzten sich die. Spagnolen. den Verlust ihrer schönen spanischen Heimath. Was aber ursprünglich blos ein Rothbehelf gewesen sein mag, sehen wir nach einer Reihe von Jahren zu einer gewissen Auszeichnung vorrücken. Die zur Ruhe und Sicherheit gelangten spanischen Juden vergaßen ihre ausgestandene Pein wie die Peiniger, nur nicht den Stolz auf das ehemalige schöne und berühmte Vaterland. Der Sephardi dachte sich noch immer als civis hispanicus im Lande der Osmanen und konnte es nicht über sich bringen, sich als „Jude", Hebräer oder türkischer Unterthan zu bezeichnen; stets will er als Spagnole gelten. Diese Verdichtung eines unsinnigen Phantoms hat die chinesische Mauer aufgerichtet, welche zwischen Brüdern eines Stammes so bitter empfunden wird. Es gewinnt den Anschein, als wollten sie das Spagnolenthum als eine Art Adel auffassen für jenen Bruchtheil Juden, welche das Glück genossen, von Torquemada und seinen Helfershelfern und nicht etwa wie die Juden in Polen von der Hand slavischer Henker, wie Jan Chmelnicki, nicht gemordet worden zu sein. Allein dieses leere Grandezzathum könnte man ihnen von Herzen gönnen, wenn es sich nicht als ein Schisma im Judenthum manifestiren würde, und das edle Bruderherz, das im Busen der sphardischen Granden schlägt, verhärtet hätte, und hierdurch manches edle Wollen erstickt, wenn es gilt, letzteres einem gewöhnlichen teäeseo gegenüber zu bethätigen. Wer aber die Schuld dieser Entfremdung nur in der Zufälligkeit der Judenaustreibung aus Spanien sucht, täuscht sich arg. Das Haupt- und Schwergewicht liegt weit, weit in der Zeit der Diaspora zurück, und die Quelle der Feindschaft, die sich selbst unter den europäischen Juden zeigt, liegt in der uralten Assimilation, welche dem gesammten Volke seine nationale hebräische Sprache geraubt. Im Sprachenbabel der Diaspora versteht ein Bruder den andern nicht, können die Herzen nicht zusammenschlagen, da die „Zungen" auseinander gehen. Vielleicht wird die Zeit nicht mehr fern sein, wo dieses Grundübel erkannt und eine Schulung unseres Volkes in seiner heiligen Sprache im Interesse seiner Geschichte und seiner Zukunft als dringend sich erweisen wird. U Aus Moses Mendelssohns Fruhzeit. Von Professor Dr. David Kaufmann. Abraham b. Josef, der Enkel des aus Litthauen in Berlin eingewanderten gelehrten R. Ahron, geboren zu Berlin am 22. Kislew 5482 und in Ermangelung eines Familiennamens nach der Sitte der Zeit Abraham BRI BRA zubenannt, beschloß als Sechziger 1782, seine Jugendgeschichte aufzuzeichnen, in der trotz ihres von allen Musen verlassenen Hebräisch und ihrer verzweifelten Rechtschreibung so mancher nutzbare und aufschlußreiche Zug für das Bild seiner Zeit und Umgebung sich erhalten hat. Aber vor Allem wird sie uns dadurch werthvoll, daß sie nicht unerhebliche Beiträge zur Erziehungsgeschichte der Gemeinde Berlin liefert und den Kreis beleuchtet, in dem Moses Mendelssohn seine Kindheit verlebt hat. Arm und früh verwaist, einem rauhen Stiefvater preisgegeben, Namens David Cohen, der selber auf das Almosen seiner Tante Schöndel und ihres Gatten, des bekannten Berliner Vorstehers Samuel Halberstadt'), angewiesen war, genoß unser Abraham seinen ersten Unterricht verstohlen, auch geistig nur von den Brosamen erhalten, die vom Tische der Reichen fielen. Es war die Zeit, da auch noch in Berlin das Cheder blühte. Einige Reiche pflegten sich da zusammenzuthun, um für ihre Kinder je einen Lehrer zu halten. Der hatte strengen Auftrag, ja nicht mehr Kinder als die bestimmte Anzahl zu den Schulstunden zuzulassen, aber da gab es imnrer einige eingeschmuggelte Ueberzählige, die angewiesen waren, sofort unter den Tisch sich zu verkriechen, sobald der Vater eines der reichen Kinder die Thür öffnete, um den Unterricht zu überwachen. Im Alter von 10 Jahren genoß Abraham bereits den Jugendunterricht des Lehrers Jsak Samter. Damals stand an der Spitze des Berliner Rabbinates der aus Lissa gebürtige R. Mardochai Tockels. Seiner bei seinem Amtsantritte übernommenen Verpflichtung, das Thorastudium in der Gemeinde zu pflegen und zu heben, war er durch mehrere segensreiche Einrichtungen gewiffenhaft nachgekommen. Den zahlreichen Lehrern machte er es zur Pflicht, den Kindern die Kenntniß der heiligen Schrift mit allem Eifer beizubringen. Er bestimmte den talmudischen Traktat, der in jedem Semester von allen Talmudlehrern ohne Ausnahme vorzutragen war. Er selbst ertheilte den höheren Talmudunterricht, indem er in jeder Woche ein talmudisches Thema nach seiner selbstständigen Ariffasiung diskutirte und zu einem neuen mit überraschenden Fragen und Lösungen ausgestatteten Lehrgebäude (Chilluk) emporgestaltete. Beim Verhören, das allwöchentlich stattfand, überzeugte er sich von den Fortschritten der Schüler in der Kenntniß der heiligen Schrift, indem er den deutschen Wortlaut angab und die fließende Beantwortung im hebräischen Urtexte forderte. Bei der Prüfung aus dem Talmud war das Verständniß der Materie und der beim Vortrage produzirten neuen Ermittelungen Bedingung. Bei solch einem Verhören geschah es, es war gerade der Traktat Beza für den Unterricht ausgewählt worden, daß R. Mardochai den kleinen Abraham, den der Lehrer Jsak Samter ihm bereits gerühmt hatte, öffentlich umarmte und küßte und zu gleichen! weiteren Fortschreiten auf das Leutseligste ermunterte. Auch ein anderer Gelehrter Berlins, Liepman Samter, wohl derselbe Elieser Liepman Samter-), der auf dem Rabbinatsdiplome R. Jakob Josuas, des Rn« Jehoschua, das ihn zum Rabbiner von Berlin erhob, als Sechster unterschrieben war, ermnthigte den Knaben zu fortgesetztem Studium, als sein Stiefvater ihn einst zu den Raschivorlesungen mitbrachte, die R. Liep- -) Landshuth 2VN nMK wfcin P- 28, 37. 2) Landshuth p. 30.