Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1891)
- Date
- 1891-06-19
- Page
- Seite 292 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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292 lichst geringes Maß herabzudrücken, sondern sich selbst stark genug zu machen, um sie ohne Beschwerde zu tragen. Wir werden sie erinnern, daß es überall und zu allen Zeiten in Israel Sitte war, daß die begabtesten Söhne der angesehensten Eltern sich der Erforschung der göttlichen Lehre befleißigten und daß, wenn dies eine Zeitlang in Deutschland aufgehört haben sollte, die Gründe daran nur vorübergehende gewesen sein können." Statt dieser erwarteten Antwort habe ich sehr vielerlei zu lesen bekommen, was darauf hindeutete, daß die Verfasser meine Frage als einen Vorwurf für die Rabbiner aufgefaßt hatten, während sie doch höchstens ein Vorwurf für die Nichtrabbiner war. Am interessantesten war für das, was mir am Herzen lag, eine in dieser Zeitung abgedruckte Bemerkung, welche ungefähr folgenden Gedankengang enthielt: Die sozialen Unterschiede der Juden lägen fast nur auf dem materiellen Gebiet. (Will sagen im Geldbeutel.) Entweder der Vater oder Großvater habe sich erst aus sehr niedrigem Stande emporgeschwungen. Dagegen gebe /es aber Familien, die sich ihres „Jichus" rühmen, in denen vornehme Gesinnung gepflegt werde; und aus solchen Familien entstammen zumeist die Rabbiner. Man kann sich mit diesem Gedankenweg völlig einverstanden erklären und trotzdem meinem oben wiederholten Wunsche aufrichtig beipflichten. Es ist eben ein Unterschied, ob man von der Synagoge in die Welt hinaus oder von der Welt in die Synagoge hineinschaut. Mit den Ghettos ist auch jene alte Ghetto-Aristokratie, die auf Jichus gab, verschwunden oder wenigstens im Verschwinden begriffen. Wer weiß heute von irgend Jemand, ob sein Großvater oder Urgroßvater ein großer Rabbiner oder Talmudist ist? Dagegen weiß man unter Christen und Juden sehr wohl und schätzt es sehr hoch, wenn Einer den Namen einer guten Banquierfirma trägt oder sich als Sohn des Justizraths Cohn oder des Sanitätsraths Levy ausweist. Man "kennt angesehene Juristen, Aerzte, Kaufleute, Litteraten, die Rabbinerssöhne sind; daß aber der Sohn eines angesehenen Juristen, Kalifmannes u. s. w. Rabbiner geworden ist, ist vorläufig etwas Unerhörtes. Ja selbst Rabbinersföhne werden in Deutschland fast nie Rabbiner. Und dennoch wird auch hierfür die Zeit wieder kommen. In der Heranwachsenden Jugend tritt der Wunsch, sich dem Rabbinerstande zu widmen, gerade bei den bestsituirten Familien hervor. Die jungen Männer fühlen instinktiv, welch' ein herrliches Arbeitsfeld sich einem auch äußerlich unabhängigen und auf der Höhe des Lebens stehenden jüdischen Theologen darbieten würde. Sollten sich auch nur einige solcher jugendlichen Wünsche zu Thatsachen verdichten, so würden viele Differenzen ausgeglichen werden. Der alte Jichus ist im Absterben, die moderne Vornehmheit bei denJuden hat zu kurze Wurzeln; nur durch eine Verknüpfung beider kann beiden geholfen werden. U Israels Gemeinschaftsleben mit Andersgläubigen. Von Dr. Tobias Cohn^ Rabbiner in Potsdam. (Fortsetzung.) In den Elementen der mosaischen Lehre formte sich auch der Unsterblichkeitsglaube der Propheten. Ueberall unterließen diese voll der Unsterblichkeit und der durch sie gespendeten Seligkeit, sei es auch nur in Bild und Gleichniß, zu reden';) denn der Glaube daran ist zu sehr mit dem im Mosaismus gelehrten Gottglauben verbunden, auf dessen *) Jad. Chasakah H. Th'schuwoh V1JI. 8 6 zu Ende und 8 7; Moreh Nebuch ll 27. Wahrung und Vertiefung alle Reden der Propheten gerichtet sind, als daß es bei ihnen einer besonderen Betrachtung der Unsterblichkeit bedurfte. Andererseits empfanden sie Scheu und Ehrfurcht, durch irgend welche Aussprache das sinnlich darzustellen, was nur jenseits des irdischen Daseins und von allem irdischen Anhauche losgelöst in der reinsten und höchsten Sphäre sich zu vollziehen bestimmt ist. Aus dieser Zurückhaltung tritt das Schriftthum der Kethuwim heraus, indem es die Unsterblichkeit, welche es, dem Mosaismus getreu, nur geistig auffaßt, thatsächlich nur als Fortdauer der Seeles bezeichnet. In der Litteratur der Apokryphen jedoch zeigt sich — ein Zeichen gesteigerter Individualität gegen früher — eine entschiedene Unsicherheit in der Auffassung des Unsterblichkeitsglaubens. Während die Einen") zur geistigen Fortdauer der Seele sich bekennen, scheinen Andere") diese gänzlich zu verleugnen, und wiederum Anderes treten mit großem Nachdruck für dieleibliche Auferstehung ein, wie für eine bekannte Glaubenssache. In letzterer Hinsicht darf nun zwar nicht übersehen werden, daß im mosaischen wie im biblischen Zeitalter überhaupt der Glaube an eine körperliche Fortdauer des Menschen im Volke verbreitet war, und sicher steht damit das Verbot der Todtenbeschwörung"), die Unterredung Sauls mit dem Schatten Samuels") und Anderes in Verbindung. Allein an einer auch nur entfernt dogmatischen Bedeutung hat es demselben in allen diesen Jahrhunderten vollständig gefehlt. Jesaias') und Hesekiel,^ die ihn allerdings in Betracht ziehen, sprechen davon nur in bildlichem Sinn, um auf die Erneuerung nationaler Macht und Größe, auf die Wiederkehr eines gehobenen Staatslebens hinzuweisen?) Da ruft am Ende der Perserzeit, als schon das Banner der Makkabäer gegen den syrischen Feind getragen wurde, Daniel, wie im Nachhall der längst erstorbenen prophetischen Begeisterung, das Wort von der Auferstehung nach dem Tode in die Reihen Israels: „Und viele von denen, welche schlafen im Erdenstaube, werden erwachen, diese zum ewigen Leben, und Jene zur Schande, zu ewigem Abscheu"l0). Ferner: „Du aber gehe hin bis zum Ende, und du wirst ruhen und wirst auferstehen zu deinem Loose am Ende der Tage""). Seitdem vollzieht sich in dieser Richtung eine Umwandlung, eine allmählich fortschreitende Entwickelung, und anstatt der geistigen Fortdauer der Seele tritt immer deutlicher die körperliche Auferstehung in den Gesichtskreis der Gläubigen. Nach Daniel wandeln die Apokryphen zumeist dieselbe Bahn in der Geschichte der Sekten schreiben die Pharisäer den Glauben an die Auferstehung in ihren BekenntnißgrundI2). Mischnah") und Talmud ") erklären: „Wer. die Auferstehung nicht als eine Verheißung der Gotteslehre anerkennt, geht des Antheils am jenseitigen Leben verlustig", und zaubern zugleich eine Welt unbeschreiblicher Seligkeit und Verdammniß, — Gan Eden und Gehinnom, Paradies und Hölle — in das Jenseits des Frommen und des Sünders, ") und alle folgenden Jahrhunderte verbinden mit dem Anferstehungsglauben dogmatischen Werth. Erst seit Moses Mendelssohn ist der Unsterblichlichkeitsglaube, wie er rein und ursprünglich in der Gotteslehre strömt, wieder durchgedrungen und bedeutet die geistige Fortdauer der Seele nach dem Tode. ') Ps. 16, 10; 17. 15; 49, 16; Hiob 19, 25-27; Koheleth 12. 7 Weisheit Salomo's 11,22—23; III, 1-4. ') Sirach 17,25. •*) 2. B Makkab. 7, 14; 12, 43-45. ») 3. B. M. 19, 31; 20, 8. °) 1. Samuel 28, 12. ') Kap. 26, 14—19. H) Kap. 37. «> Sanhedr. 92d. 10. Da». 12, 2. ") Das. 12,13. I2) Sanhedr. 90b. ") Mischnah Sanhedr. X 1: mimp- DT^rrrvTin sx -iaixn arr'yb pbn an“? pstr t^i 14) Sanhedr. 90b: mim p 71",171^ fiO», "> Mischnah, Ukzin III, 12; Thaanith 31a; Megill. 15b; Petz. 119b; Ketnb. 104a; Erub. 19a; Chagig. 15b.