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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-05-15 · Heft 20 (15.5.1891) · p. Seite 238

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 20 (15.5.1891)
Date
1891-05-15
Page
Seite 238 (sequence 10)
Language
German
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238 Lebensordnung zu begründen. Dieselbe Eigenschaft endlich hat uns Deutsche aus langein Siechthum genesen und erstarken lassen zu gebietenden Führern. Weil ihr Juden auch jetzt noch diese Eigenschaft in hohem Grade mit uns theilt, ist euch nirgends wohler als unter uns. Auf ihr beruht eine für eine leiblich von uns beträchtlich der-" schiedene Raste geradezu staunenswertste Schmiegsamkeit, mit unserer Sprache auch unsere Empfindungslind Denkweise derart in Saft und Blut, daß Juden, wie Moses Mendelssohn, Berthold Auerbach nild Heinrich Heine, zu den deutschesten unserer Denker und Dichter zählen. Ich meine die im Alterthum außer den Römern nur noch den Inden eigene Hochachtung der Frauenwürde und die mit ihr unvergängliche, ohne sie unrettbar verdorrende Wurzel des Familienlebens. Denii die Tapferkeit der Männer kann Schlachten gewinnen, Gefahren für den Augenblick, aber ninimer den Untergang abwenden, wenn die natürliche Tapferkeit der Weiber hingeschwunden ist. Die Familie wird immerdar der Menschheit Allerheiligstes bleiben." Dieselben Ideen werden in einem vor Kurzem erschienenen französischen Roman „Familie Monach" von Robert de Borniöre s veranschaulicht. Die Verhältnisse der Familie Monach, wie sie hier in recht charakteristischer Weise vom Alitor geschildert werden, sind gewissermaßen typisch für die jüdische Finanzaristokratie. Wir sehen, wie Baron Monach, nachdem ihn das Glück in Bezug auf materielle Güter außerordentlich begünstigt hat, trotzdem er im Innern Jude geblieben ist, vom Hochmuthsteufel geplagt, durchaus mit einer feudalaristokratischen Familie des Fanbourg St. Germain in nähere Beziehungen treten will. Es gelingt ihm dies auch, aber keineswegs zu seinem eigenen Heil und zum Segen seiner Familie. Ein Schmarotzer, der sich an seiner Tafel mästet, ein herabgekommener Marquis, Courtalon mit Namen, sucht die gesellschaftliche Stellung des jüdischen Barons auf jede mögliche Weise zu untergraben. Zu diesem Zweck bringt er immer und immer wieder das Gespräch auf die Juden. Sie bereicherten sich durch alle möglichen kaufmännischen Berechnungen und Kunstgriffe, hätten keinen Begriff von wirklicher Arbeit, und kennten die Vaterlandsliebe kaum dem Namen nach. Solch' eine Tirade schloß der Marquis gewöhnlich mit der gewagten Behauptung, die Juden seien durchaus ungesund, krummbeinig und skrophulös. Der General Saint-Martin, ein Edelmann von echtem Schrot und Korn, läßt zwar den adligen Schmarotzer gehörig abfallen; denn er, den derartige Gehäffigkeiten stets aufbringen, erwiedert: „Ich kenne ebenso viele skrophulöse, krummbeinige und verwachsene Christen wie Juden", worauf der Marquis nicht umhin kann, verlegen zu schweigen, um bei nächster Gelegenheit eine neue Bosheit auszukramen und dankbare Zuhörer zu finden; sind doch nicht alle Aristokraten so vorurtheilslos gegen ihren neuen Standesgenossen, wie der eben erwähnte General. Für den Baron wird die Schwierigkeit seiner gesellschaftlichen Zwitterstellung noch durch das Berhältniß zu seiner Mutter erhöht, an der er mit inniger Zärtlichkeit hängt. ' So sieht er sich genöthigt, ihr zu Liebe ein seit lange geplantes Sommerfest, wovon ganz Paris spricht, um einige Wochen hinauszuschieben, weil die alte Frau streng darauf hält, daß im Monat Tamus, in welchem der Fall Jerusalems erfolgte, keine Festlichkeit in ihrer Familie stattfinde. Auf ihre Veranlassung hat er auch in seinem prächtigen Palast eine Synagoge eingerichtet, in der der frühere Religionslehrer seiner Tochter als Prediger wirkt. Als dieser sich eines Tages bitter über den Verfall des Judenthums beklagt, da nur wenige von der jungen Generation im Stande seien, hebräisch zu lesen, und dem Baron gegenüber hervorhebt, er könne stolz auf seine Lea sein, die in dieser Beziehung eine rühmliche Ausnahme mache, so zuckt Jener nur die Achsel und meint wegwerfend: „Wenn sie nichts Besseres kann." Aus diesem inneren Widerspruch kommt eben Baron Monach nicht heraus. Er ist Jude und möchte es andererseits wiederum nicht sein, weil er sich der vornehmen Clique gegenüber, mit der er verkehrt, dessen schämt. Doch schließlich erkennt er den wahren Kern des Judenthums und die tiefe ethische Bedeutung eines echt jüdischen Familienlebens, nachdem der Boden in der adligen Gesellschaft, in der er festen Fuß gefaßt hatte, ihm wieder und zwar durch die Jntriguen jenes oben erwähnten Marquis Courtalon entschwunden ist. (Schluß folgt.) U FEUILLETON h*- Gott ist die Liede. Novelle von O. Bach. (Fortsetzung.) Die ganze Matur athmete Liebe; ein leises Flüstern ging durch die Blätter der Bäume; in den, vom Mondlicht übergossenen Gebüschen schwärmten die Glühwürmchen umher; von Zeit zu Zeit flog ein Vögelchen, durch ihre Schritte aufgeschreckt, scheu an ihnen vorüber; die vom Sturm herabgewehten Blätter raschelten leise unter den Füßen des jungen Mannes, während Rosas zierliche Füßchen federleicht über den glatten Waldboden hinglitten. „Liebst Du mich, mein Röschen?" flüsterte Conrad, indem er sein schönes Gesicht mit den strahlenden blauen Augen so tief herabsenkte, daß sein heißer Athem die niedergesenkte Stirn des jungen Mädchens berührte. „Liebst Du mich so, wie ich Dich liebe, dann giebt es keine Trennung für uns. Ich werde jedes Hindernis; besiegen, sobald ich weiß, daß Du die Meine, sein willst; fassest Du es, was cs heißt, ganz die Meine?" „Ich darf, ich kann cs nicht faffen, Conrad," entgegnete sie bebend und ihre Hand umklammerte dabei seinen Armen fester, als bedürfe sie einer Stütze. „Du vergißt, was uns trennt und trennen muß. Niemals wird mein Vater mir erlauben, einem Christen anzugehören, o, und auch Deine Eltern würden sich eines Bündniffes mit mir schämen. Zürne mir nicht, Conrad, — aber bisher haben die Juden wenig Beweise von der christlichen Liebe und Duldsamkeit bekommen." „Weil Ihr Euch dagegen verschließt, weil Ihr Euch systematisch absondert von uns und nicht rütteln laßt an den alten Gebräuchen, welche eine Assimilirung mit Nichtjuden unmöglich machen. Die Liebe, Kind, ist aber mächtiger als Alles, Alles! Rosa, mein Lieb', — kannst Du denn den Gedanken ertragen, ohne mich zu leben, — mir zu entsagen, mir, der Dich mehr liebt als sein Leben, dem für Dich kein Opfer zu groß ist? Sieh mich an, Kind," fuhr er leidenschaftlich, zärtlich fort, indem er die nur leise Widerstrebende näher an sich zog und ihr Köpfchen zu sich emporhob, „sieh mich an und dann sprich mir von kindlichem Gehorsam und religiösen Verpflichtungen. Gott ist die Liebe, und er, welcher die heilige Flamme in unfern Herzen entzündet hat, er will es nicht, daß sie verlöschen soll, noch ehe sie uns erwärmt und beglückt hat; er will nicht, daß die kalte, klügelnde Vernunft den Sieg trägt über die gebieterisch nach Gluck und Seligkeit verlangende Stimme des Herzens." Er hatte, noch ehe Rosa eine Entgegnung gefunden hatte, noch ehe sie wußte, wie ihr geschah, einen raschen Kuß auf ihre Lippen gepreßt; cs war der erste, den er gewagt, ihr zu rauben. Zitternd, wie ein schönes Vögelchen, entzog sie sich seinen, sie sanft umschlingenden Armen, sie war todtenbleich geworden, ihre Stimme bebte, als sie leise sagte: „Conrad, das darf nicht sein! Schone mich, laste Dir genügen an dem Bewußtsein meiner grenzenlosen Liebe." ———^■.

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