Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 55 (1891)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1891)
- Date
- 1891-04-17
- Page
- Seite 187 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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187 Mer Jude als Romanfigux. Von Dr. Karl Pinn. . Welch' tiefer ethischer Gehalt in der Figur Nathan des Weisen steckt, darauf ist erst vor Kurzem in dieser Zeitschrift durch eine so maßgebende Autorität, wie Professor Steinthal, hingewiesen worden. Lessings „Nathan der Weise" und Shakespeares „Shylock" — welch' diametrale Gegensätze! Hier der milde Weltweise, dort der blutdürstige Wucherer. Bekanntlich hat ja Lessing bei der Charakteristik Nathans die Figur seines Freundes, des Philosophen Moses Mendelssohn, als Vorbild vorgeschwebt, während Shakespeare in seinem „Kaufmann von Venedig" nicht nur nicht nach der Natur zeichnete, sondern im Gegentheil, wie die neuere Forschung nachgewiesen hat, der Vorfall, um den sich das ganze Drama dreht, die Geschichte mit dem Pfund Fleisch, das einem venetianischen Edelmann für eine verfallene Schuld auf Verlangen eines Juden aus dem Körper geschnitten werden soll, sich in Bezug auf die Religion des Gläubigers und Schuldners gerade umgekehrt zugetragen hat. Doch nicht die Rolle, welche unsere Glaubensgenossen im modernen Drama spielen, soll uns hier beschäftigen, da wir es hier nur mit vereinzelten und auch mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten'zu thun haben, sondern die weit zahlreicheren und daher in der Gesammtheit auch weniger bekannten jüdischen Romanfiguren. Selbstverständlich sehen wir hierbei von der Darstellung jüdischer Romanschriftsteller, wie Kompert, K. E. Franzos, Steinitz, Bernstein, Kohn u. s. w., völlig ab, da diese gewissermaßen nur Richter in eigener Sache find. Nur wie die jüdischen Charaktere sich im Geiste christlicher Autoren wiederspiegeln, das kann uns hier interessiren. Hierbei ist der eine durchgreifende Erfolg nicht zu verkennen, daß der Jude in der Zeit der Juden-Emanzipation höchstens als episodenhafte und meistens auch als komische Figur Verwendung findet. So lange die Juden keine Staatsbürgerrechte hatten, als Parias behandelt wurden, konnten sie in vereinzelten Fällen wohl ein beträchtliches Vermögen erwerben. Immerhin aber blieb ihre Lage eine äußerst gedrückte, auch ihr Bildungsniveau war ein recht geringes, und nur vereinzelt hoben sich aufgeklärte und mit der ganzen Bildung der modernen Zeit getränkte Männer von dem Gros ihrer in Unwissenheit und Finsterniß dahinlebenden Glaubensgenoffen ab. Solch' eine leuchtende Figur ist Abraham in Franz Zieglers noch lange, nicht genügend bekanntem lind nach seiner Bedeutung gewürdigtem Roman „Nondum". Der verstorbene fortschrittliche Abgeordnete und Breslauer Oberbürgermeister schildert in der Hauptfigur des Werkes einen Mann, deffen Jugend in die Zeit der französischen Revolution fällt, von deren welterlösenden Ideen er sich fortreißen läßt; bald aber, von den Greueln, die sie im Gefolge führte, nngewidert, reist er durch Italien, England und andere Kulturländer Europas, studirt überall die Sitten lind Gebräuche, um schließlich, nachdem er die verschiedensten Schicksalsschläge erlitten hat und im Auslande kurze Zeit mit einer Christin verheirathetgewesen ist,,sich in seiner Heimath, einem kleinen Städtchen der Altmark, niederzuloffen. Hier bringt er cs in verhältnißmäßig kurzer Zeit als Holzhändler zu einem gewiffen Wohlstand und macht als Offizier der neubegründeten Landwehr, was damals selbst für Juden nichts Außergewöhnliches war, die Befreiungskriege mit, sieht sich jedoch nach dem Kriege gleich so vielen guten Patrioten in den Erwartungen hinsichtlich der Rechte, die nun dem Volke für die vielen von ihm-gebrachten Opfer eingeräumt werden würden, getäuscht. Um nun wenigstens in bescheidenem Rahmen zu wirken, da jede irgendwie politische Thätigkeit höchst bedenklich ist, — es ist die Zeit der Demagogenverfolgungen — bemüht er sich um die Aufklärung seiner Glaubensgenossen, stößt indeß hier ans allseitiges Mißtrauen gegenüber seinen Reformplänen. Ist er denselben doch ohnedies, weil ihm am Judenthum der Kern mehr gilt als die Schale, die bloßen äußeren Ceremonien, in innerster Seele unsympathisch. Sein eigener Sohn wiederum, ein seichter Genußmensch, versteht ihn erst recht nicht. Er kann es in seinem oberflächlichen Sinn nicht begreifen, weshalb sein Vater ein dem Gtos seiner Glaubensgenossen so überlegener Mann, noch immer am Judenthum festhält. Er selbst wendet sich von dem Glauben seiner Väter ab, sucht die vornehme Gesellschaft von Offizieren und adligen Kavalieren auf, macht Spielschulden, läßt sich zu Gesetzübertretungen Hinreißen und zieht seinen eigenen Vater-mit in das Verderben hinein. Von Gram gebeugt stirbt dieser mit dem an das Goethe'sche „Mehr Licht" erinnernden Worte „nondum" auf den Lippen. Noch ist-die Zeit nicht gekommen, wo Jemand dem altüberlieferten Glauben anhängen kann, ohne seinen christlichen Mitbürgern, mit denen er dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten, an Geistes¬ und gesellschaftlicher Bildung irgendwie nachzustehen. Allein prophetischen Auges sieht er in seiner Todesstunde bereits die Morgenröthe einer derartigen Zeit herandämmern, und in diesem beseligenden Bewußtsein entschlummert er ins Jenseits. Was Abraham erhoffte, das ging ja theilweise durch den Frühlingshauch des „tollen Jahres" 1848, jenen Völkerfrühling, dem nur leider allzu schnell rauhe Winterstürme folgten, in Erfüllung. Nachdem wir eine jüdische Romansigur kurz skizzirt haben, dürfte vielleicht die Erörterung der Frage von Jntereffe sein, in wiefern der Jude überhaupt Objekt der modernen Poesie sein kann. Freiwillig oder unfreiwillig muß der Jude jetzt so oft den Malern, deren Farbe die Druckerschwärze ist, zum Portraitiren und Kopiren sitzen, daß es sich ein Mal der Mühe verlohnt, näher hinzusehen, in welcher Beleuchtung: und Gruppirung der Sohn Judas in ein wesentliches Gemälde passe. Denn hier kann man, wenn man gerecht sein will, den Juden nicht einmal in gewohnter Weise der Zudringlichkeit beschuldigen, da er genommen und entführt wird, ohne befragt zu werden, oft sogar wider seine Absicht. Der Jude als solcher kann nun in dreifacher Gestalt ein wesentlicher Gegenstand der Dichtkunst sein, nämlich aus der Zeit des Unterganges der jüdischen Nation und Selbstständigkeit, wie z. B. die Juden als babylonische Gefangene im „Jerusalem" von Uechtritz, oder streitend gegen die unterdrückenden Gewalten von außen her um seine Existenz als Mensch und Jude, wie „die Marannen" von Philippson, oder schließlich kämpfend uni einen höheren Standpunkt in der Gesellschaft. Zu letzter Kategorie rechnen wir Balzacs „Der Jude", auf den wir später noch eingehender zurückkömmen, „Ein Jude" von Goldschmidt, das Schicksal eines dänischen, jungen jüdischen Arztes behandelnd, dem es durch seine Geistesgaben.und körperlichen,Vorzüge gelingt, Zugangzu den feinsten christlichen Familien zu finden, der bald aber, nachdem er sich mit der Tochter eines christlichen Großkaufmanns verlobt hat, von seiner Braut und deren Angehörigen derartig mit Bekehrungsversuchen gepeinigt wird, daß er zum menschenscheuen Sonderling und schließlich sogar zum hartgesottensten Wucherer wird. Auch der „Alroy" von Beaconsfield, „Familie- Darmer" von Fanny Lewald, sofern die Schicksale der emanzipationslüsternen Königsberger jüdischen Patrizierfamilie hineingeflochten sind, und eine. Menge anderer litterarischer Erscheinungen, die mehr oderminder eingehende Behandlung finden sollen, gehören hierher. In den ersten beiden Situationen wird das moralische Bewußtsein des Juden in den schärfsten Grenzen seiner Subjektivität verweilen, in der letzteren wird es sich zum allgemein moralischen Bewußtsein erhöhen und seine Subjektivität sich in Weltschmerz oder Weltjubel auflösen, je nachdem der Dichter einen Untergang oder einen Sieg