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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-03-27 · Heft 13 (27.3.1891) · p. Seite 150

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 13 (27.3.1891)
Date
1891-03-27
Page
Seite 150 (sequence 6)
Language
German
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150 gestoßenen wieder anzunähern." Bewährt hat er sich bei dem Ansehen, das er schon in Jerusalem als hervorragender Gelehrter genoß, dessen schneidiges Auftreten gegen die Sadducäer seine Abneigung gegen jede Sektirerei bekundet, dadurch, daß er den Zusammenhang mit der Vergangenheit festzuhalten und zugleich die neue Zeitlage ins Auge zu fassen verstand. Zum Belag dafür will ich einige von seinen Anordnungen, deren neun angegeben werden, anführen. Er bestimmte, daß die Posaune, die bis dahin, wenn Neujahr auf einen Sabbath fiel, nur im Tempel zu Jerusalem ertönte, in solchem Falle auch in Jabne, das er zum Sitze des Synhedrions gemacht hatte, zur Anwendung kommen sollte. Er wollte dadurch das Synhedrion in Jabne sanktioniren und die neubelebende Auffassung zur Geltung bringen, daß die religiöse Weihe nicht an Jerusalem gebunden sei, und daß das Judenthum, auch losgelöst von heimathlichem Boden und nationaler Selbständigkeit, fort existiren könne. Noch mehr tritt diese Absicht bei seiner Bestimmung über den Feststrauß hervor, dessen Gebrauch er. für alle sieben Tage des Hüttenfestes, in sämmtlichen Synagogen einführte, während dieses früher nur im Tempel Vorschrift war, in den Synagogen aber auf den ersten Tag beschränkt blieb. Andererseits verbot er, von neuein Getreide am zweiten Passahtage, an welchem die Gerste zur Omer- Hebe geschnitten wurde, zu gebrauchen. Er begründet diese Anordnung damit, daß Gott an diesem Tage in feiner Gnade das Heiligthum in Jerusalem wieder erstehen lassen könne, inan würde sich dann der Gelegenheit, dieses Erstlingsopfer darzubringen, berauben. Jochanan war nicht der Mann, zu glauben, ein solches Ereigniß könne urplötzlich, über Nacht, durch eine wunderbare Veranstaltung eintreten. Aber in dem Volke sollte die Hoffnung genährt werden, daß jeden Augenblick ein günstiger Umschwung eintreten könne, und seine Ideale sich wieder neubeleben werden. Die Priester, ordnete er an, sollen bei der Ertheilung des Segens keine Sandalen tragen, gewiß auch im Rückblick auf den Tenipelbrauch. Von irgend welchem Privilegium für seine Person sah er gänzlich ab, vielmehr erweiterte er die Machtbefugniß des Kollegiums", an dessen Spitze er stand. So sollten die Zeugenaussagen über das Erscheinen des Neumondes, wonach die Festtage angesetzt wurden, nicht mehr, wie bisher, lediglich vom Oberhaupt des Synhedriums, sondern von dieser Behörde, wo sie ihren Sitz habe, entgegengenommen werden, ganz unabhängig von der Anwesenheit des Präsidenten. Er wollte gewissermaßen die neue Generation flügge machen. Dieser einsichtsvolle Mann verstand es selbst ebenfalls, wie wir es von seinem Schüler erfahren haben, liebreich zu beschwichtigen und das niedergeschlagene Volk aufzurichten. Nicht leicht wurde der Verlust der Opfersühne verschmerzt, er aber wies darauf hin, daß Liebe und Milde an deren Stelle getreten. Schon das Prophetenwort (Hosea, 6, 6) laute: „Denn Liebe verlange ich und nicht Opfer." Für ihn hatten die Opfer mit der Zerstörung Jerusalems den Abschluß erreicht, deshalb hörte auch unter ihm die Geldspende eines Proselyten für das zu beschaffende Opfer auf. Schon von den Essäern sagt Philo: „Sie setzten den Werth der Frömmigkeit in heilige Gesinnung, nicht in blutige Opfer." Es thut noch heute gut, daran zu erinnern. Seine Friedensliebe haben wir bereits aus seiner Parteistelluug während des Krieges kennen gelernt. Sie spricht sich sinnig aus (Mechiltha zu Exod. 20, 22) in der Erklärung der Bibelstelle: „Denn dein Schwert hast du darüber geschwungen, so hast du den Altar entweiht." Das Eisen, sagt er, ist das Werkzeug der Zerstörung, der Altar die Stätte der Sühne, des Friedens; ein dem religiösen Dienst ^geweihtes Volk eignet sich schlecht für das Kriegshandwerk. Keines- ' Wegs dürfen wir aber bei ihm, wie sein freimüthiges Verfahren mit „herkömmlichen Bestimmungen das schon gelehrt hat, eine knechtische - Gesinnung erwarten. Dein hebräischen Knechte, der im siebenten Jahre nicht frei «usgehen will, .soll das Ohr gebohrt werden von seinem Herrn, befiehlt die Schrift. Er werde zum Hörigen gestempelt, erläutert Jochanan, weil er den Dienst Gottes verschmäht nnd unter den Menschen sich einen Herrn erkauft. Wie hoch ihm andererseits die Menschenwürde galt, sieht man aus seiner Erklärung der Bestiminung, daß wer ein Schaf stiehlt viermal, ein Rind fünfmal dasselbe zu ersetzen hat. Das Schaf, meint er, muß der Dieb tragen, will er schnell vom Fleck kommen, das Rind aber kann er vor sich her treiben. Als Gegenstück führe ' ich noch seine Begründung an, weshalb der Räuber vom Gesetze milder angesehen wird, als der Dieb. Der Dieb, sagt er, fürchtet ' nur die Menschen, nicht Gott. Er stiehlt bei Nacht. Der Räuber aber macht keinen Unterschied, er fürchtet beide nicht. Derartige agadische Auslassungen waren in Zeiten der Medergeschlagenheit sehr am Platze, sie interessirten breitere Schichten und belebten den gesunkenen Volksgeist. War R. Jochanan auch hierauf bedacht, so können wir uns um so mehr vorstellen, in welch gemüthvoller Weise er mit seinen Schülern verkehrte. Von inniger, persönlicher Beziehung allerdings zu den Hervorragendsten, von denen wir zwei kennen gelernt haben, berichten die Sprüche der Väter (II, 10—13). Wir sehen ihn bestrebt, auf ihren Charakter einzuwirken. Dem entsprechend, wird (Bab. bath. 10) berichtet, daß er sich von seinen Jüngern den schwierigen Vers Prov. 14, 34, erklären ließ. Da deren Deutung sich gegen die Heiden ungünstig erwies, sprach er sich über den Sinn dahin aus: „Wie Israel das Sündopfer, so sühnt die Heiden ihre Tugend." Als seine Schüler uni sein Sterbebett geschaart waren, wunderten sie sich, ihn zaghaft zu sehen. „Werde ich vor einen irdischen König gerufen," bedeutete er sie, „ist mir da nicht bang? Jetzt aber werde ich vor den ewigen, unbestechlichen Richter gefordert!" Sie baten um seinen Segen. Er ertheilte ihnen denselben, mit der Mahnung: „Möge Gottesfurcht über Euch herrschen, wie Furcht vor Menschen." „Nicht mehr?" fragten sie verwundert; er aber antwortete: „Wenn Jemand im Begriff ist, einen Fehltritt zu begehen, ist sein erster Gedanke: Wenn es nur kein Mensch sieht!" So verband er Lehre und Leben mit einander, und aus dem Leben schöpfte er seine Lehren. Sein Wahlspruch (Spr. d. V. H. 9.) war: „Wenn du viel Thora gelernt hast, thue dir nichts zu Gute darauf, denn dazu bist du geschaffen." Sehr passend für einen Mann, der durch die Lehre die Religion erhalten hat. Lernen ist das Losungswort, das überhaupt das Judenthum erhalten hat. Das Wort hat für uns einen neuen Reiz gewonnen, seitdem sich Moses Mendelssohn, bei seinem Eintritt in Berlin, am Rosenthaler Thor damit legitimirt hat. Es liegt darin die Gewähr, daß das Judenthum die aufstrebende Kultur nicht zu fürchten hat, wie es ihm immer wohl erging, wo die Wissenschaft blühte und ein reges Geistesleben sich entfaltete. Auch heute steht es da in frischer Kraft. Aus den vielen Angriffen, die das Judenthum gegenwärtig erfährt und die zum großen Theil beweisen, daß dasselbe eine „gefürchtete Macht" geworden ist, wird es neu verjüngt hervorgehen. U

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