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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1891-02-26 · Heft 9 (26.2.1891) · p. Seite 106

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
55 (1891)
Issue
Heft 9 (26.2.1891)
Date
1891-02-26
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
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106 Gin ungedruckter Srief Frsmet Mendelssohns. Von Dr. M. Kayserling. Von Fromet Mendelssohn, der trefflichen Gattin Moses Mendelssohns, deren Porträt nach dem einzigen von ihr existirenden Miniaturbild der zweiten Auflage meiner Mendelssohn-Biographie beigegeben ist, sind nur sehr wenige Briefe auf uns gekommen; der von mir') mitgetheilte ist bis seht der einzige, welcher veröffentlicht wurde. Das nachfolgende bisher ungedruckte Schreiben Fromets gewahrt uns einen Einblick in ihr Seelenleben nach dem Tode -ihres Gatten. Der „höchst schmerzhafte Verlust", den sie erlitten, hatte sie tief gebeugt; sie war ohne Vermögen zurückgeblieben und nicht ohne Sorgen für die Zukunft. In ihrer mißlichen pekuniären Lage suchte sie die noch vorhandenen Exemplare der Pentateuch-Uebersetzung, an der Mendelssohn bekanntlich eine für seine Verhältnisse nicht unbedeutende Summe eingebüßt hatte, zu veräußern, und noch drei Jahre nach den: Tode ihres Gatten, im März 1789, annoncirte sie in dem „Sammler", dein einzigen damals erscheinenden jüdischen Journale, daß sich „unter den noch übrigen Vorräthen des „Nessiboth Haschalom", eine Partie einzelner Theile, nämlich das 8., 4. und 5. B. Moses, in allen Sorten befinde", und daß, „falls Jemand mehrere Exemplare vom 1. und 2. B. Moses besitze, er sich mit ihr über den Preis beziehungsweise den Austausch besprechen könne." -’) Fromet hörte auch in ihrer sorgenvollen Lage nicht auf, wohlthätig zu sein; der einfache Satz: „Gott gebe mir nur, ich will es gerne mit euch theilen," ist bezeichnend für ihre Herzensgüte. Wie aus dem Briefe hervorgeht, war bald nach dem Tode Moses Mendelssohns in Hamburg ein Kupferstich von ihm erschienen, von dem sich Fromet neun Stück kommen ließ. Es ist das, wie wir vermuthen, der Kupferstich, der in der Möllerischen Buchhandlung, „wohnhaft auf der Neuenburg" in 8" erschien und 4 Gr. kostete. In derselben Buchhandlung erschien auch unter dem Titel: „Leben und Meinungen Moses Mendelssohn (sie), nebst dem Geiste seiner Schriften in einem kurzen Abriffe dargestellt", die erste Biographie des Philosophen von einem gewissen Schmidt, der sich aber als Verfasser nicht nannte, und zwar auf Subskription. Unter den Pränumeranten finden sich mehrere ans dem Freundeskreise Mendelssohns: Assur Joseph Getting, deffen Mutter Mendelssohn als Bräutigam in Hamburg kennen lernte, S. Marcus, der als Anhänger Mendelssohns von dem Hamburger Oberrabbiner mit dem großen Banne bedroht wurde, Moses Weffely, Madame Reimarus, auch andere bekannte Namen: Elkan Löwe in Berlin, Gebr. Hertz, Gebr. Schlesinger in Hamburg, Wallich in Kopenhagen, u. a. m. Der Brief, in jüdischer Kurrentschrift geschrieben und mit einem schwarzen Siegel versehen, ist an Joseph Meyer, einen Verwandten Fromets, gerichtet und adressirt an Herrn Meyer Michel David, den hannöverschen Hof- und Kammeragenten, der damals in Hamburg ein Bankgeschäft hatte und später in Hannover die noch heute bestehende Meyer Michel David'sche Freischule stiftete. Der Brief, vom 2. Nissan (31. März) 1786 datirt, lautet: „Werthester Freund R. Joseph! Ich habe Ihr werthes Schreiben erhalten und danke Ihnen ergebenst für den Antheil, den Sie an meinem höchst schmerzhaften Verlust nehmen. Ich habe auch den überschickten Kupferstich bekommen, er gefällt mir sehr gut und danke ich Ihnen sehr dafür. Sie würden ') Moses Mendelssohn. Sein Leben und Wirken. Zweite vermehrte und umgearbeitete Auflage. Leipzig 1888. S. 129. -) „Sammler", 6. Jahrgang. S. 192. mir eine Gefälligkeit erzeigen, wenn Sie mir in Kurzem neun Stück hiervon einschicken könnten. Ich bitte mir den Preis anzuzeigen. Wenn Sie mit Gelegenheit schicken können, so wäre es mir lieb, wo nicht, so haben Sie die Güte, es mit der Post zu schicken. Sie erhalten einliegend eine Assignation von drei Dukaten auf R. Meyer Hannover, die Sie gütigst einzukassiren belieben. Aus Schwäche habe ich nicht weiter schreiben können. Die drei Dukaten werdet Ihr Euch was dafür zu gut thun. Gott gebe mir nur, ich will es gerne mit Euch theilen. So Gott (giebt), daß ich mich nur etwas stärker befinde, werde (werde) ich wieder schreiben. Ich bin wie jeder Zeit Ihre Fromet Frau des Moses Dessau s. A. tb'TTMorr rraa twtt Bar») 9 FEUILLETON Typen ans dem alMdischen Gemerndeleden. Von Moritz Scherbel. Je weiter wir in unserem Judenthum mit der Zeit fortschreiten und je mehr wir uns von den Jahren entfernen, wo seine Bekenner in * ihrer Abgeschloffenheit nur unter sich und mit einander zu leben hatten, destomehr verblassen die Bilder, welche eine solche, in sich selbst abgeschlossene Existenz erzeugte, destomehr schwinden die Typen, die sonderbaren Charaktere, wie sie die damaligen Verhältnisse bei den Juden geboren hatten. Und es waren ganz absonderliche Gestalten, die hierbei zu Tage traten. Sie waren eigenthümlich in der Art, wie sie sowohl das Tieftraurige, als das Urkomische darlegten, wie die Leidenschaft sich bei ihnen äußerte, wie die Empfindungen bei ihnen sich kundgaben, wie die Klugheit sich ehrte und die Dummheit sich lächerlich machte, wie der Edelsinn sich offenbarte und die Bosheit intriguirte. Wenn wir heute die Stadt aufsuchen, in welcher die Personen einst lebten, von welchen wir erzählen wollen, ja theilweise noch leben, so ist kaum noch etwas von dein originellen Wesen anzutreffen, das sich in dem jüdischen Gemeindeleben früher dort offenbarte. Die fortschreitende Kultur hat auch hier einen gewissen Abschliff erzeugt und den Sitten, Manieren und Gewohnheiten einen modernen Zuschnitt gegeben. Wir haben es hier indeß nur mit der Vergangenheit zu thun, und aus ihr werden wir dem Leser Charaktere vorführen, die ebenso sehr das Drastisch-Komische zum Ausdruck bringen werden, wie es damals in dem Gemeindcleben sich kund gab, als wie sie darzuthun geeignet find, daß es dort damals Menschen gegeben hat, die neben der ästhetischen Mangelhaftigkeit, die ihnen eigen war, sich doch auch die edelste Gesinnung zu bewahren verstanden. Wir werden aus einleuchtenden Gründen die Personen, von welchen wir sprechen, nicht bei ihren wahren Namen nennen und uns auch darauf beschränken, die Gemeinde, in welcher sie lebten, mit B. zu bezeichnen, da beides für unfern Zweck ausreicht. Es lebte in B. vor ungefähr 40 Jahren ein Mann mit Namen Reb Jankel Leib. Es war damals Sitte, die Leute nur bei ihrem Vornamen zu nennen und den deutschen Stammnamen meist außer Gebrauch zu lasten. Da, wo dieses nicht ausreichte, wo ein Mißverständniß, eine Verwechselung zu befürchten war, wurde flugs der Name des Vaters oder der Mutter, des Großvaters oder der Großmutter hinzugefügt

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