Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 53 (30.12.1892)
- Date
- 1892-12-30
- Page
- Seite 636 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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I 1 I I L 630 Sp rrchsaal. 3n der Ictjtcn ^htnnncv der „Ztg. des Judeuthums" hat Herr I. Wiener die jüngste Wahlbewegung einer Erörterung unterzogen, r;nd ich kann ihm für diese Anregung nur dankbar sein, da sie mir nicht allein Gelegenheit giebt, einen recht bedauerlichen Jrrthum zu berichtigen, sondern and) nach bcr Wahl das Interesse für die Gemeinde-Verwaltung zu beleben. Herr Wiener har sich namentlich mit dem „Eentralvereiu für die Interessen der jüdischen Gemeinde in Berlin" beschäftigt, den er mit begründet und dessen neutrales Programm er richtig skizzirt hat. Das letzteres nicht verlassen wurde, beweist nicht allein das von Herrn Wiener genehmigte Wahl-Programm, sondern auch die nicht zu bestreitende That'ache, das; die Kandidatenliste, des „Eentralvereius" Mitglieder aller Dichtungen enthielt Herr Wiener weiß, das; ich beauftragt war, mit noch zwei Mitgliedern der Reformgemeinde zu unterhandeln, diese aber ablehnten; der Eine aus Mangel an Zeit, der Andere, weil er sich für ein Programm nicht verpflichten konnte Auch Herrn Wiener selbst wurde ein Mandat, leider vergebens, angeboten. Hiernach muß der Vorwurf, der Verein hätte sein Programm geändert, unberechtigt erscheinen. 'Auch der Umstand, das; ein Vorstandsmitglied sich mit deni Gottesdienst in der Synagoge der Lindenstraße nicht einverstanden erklärte, kann um so weniger maßgebend sein, als sofort von dem Vorsitzenden der betr. Versammlung erklärt wurde, daß d!es nur die persönliche Empfindung des Redners sein könne Bei der Gründung des Vereins wurde Gewicht darauf gelegt, Mitglieder aller Richtungen in demselben zu vereinigen, und ich habe es! wahrlich an Mühe hierzu nicht fehlen lassen. Ich muß gestehen, es ist mir dies nicht in erwünschter Weise gelungen, und zwar weil ich hierin zu wenig von Herrn Wiener itnb anderen gleichgesinnten Kollegen unterj stützt wurde. Auch ich hatte mir die Frage vorgelegt, ob meine Thätigkeit - im Eentralvorstande noch eine ersprießliche sein könne, nachdem durch! die beiden letzten Repräsentanten-Wahlen in diesem Kollegium eine Majorität für die Errichtung von Synagogen und Religionsschulen geschaffen ist. Tie Gründe, die Herrn Wiener 511m Austritt veranlaßt haben, mußten mich zum Verbleiben zwingen. Der Wunsch, alle Rich-! taugen zu gemeinsamer Thätigkeit zu vereinigen, der die Begründer des! Vereins geleitet hat, muß noch kräftiger erstrebt uud damit eine dauernde j Spaltung in zwei Heerlager vermieden werden. , Die bisherigen Gegner des „Eentralvereius" haben in ihrem letzten! Wahlflugblatt eine Reihe Forderungen aufgestellt, die, früher erhoben,! den „Eentralvereiu" überflüssig gemacht hätten. Mit diesen Forderungen i ist aber der Boden zur gemeinsamen Thätigkeit geschaffen. Das; diese j erforderlich ist, wird wohl jetzt nicht bestritten werden, und daß die rege j Theilnahine der Gemeindemitglieder an den großen Aufgaben, die der j Verwaltung harren, um so segensreicher wirken kann, wenn sie auf! gemeinschaftlichem Boden in friedlicher Weise bethätigt wird, kann ebenfalls j keinem Zweifel unterliegen. Es kann nicht erwünscht sein, das; der Jndisferentismus in diese große und so rapide wachsende Gemeinde wieder einziehe und in früherer Weise die Kandidaten zur Repräsentanten-Versammlung von einigen wenigen Personen bestimmt werden 'Auch der Verwaltung muß es wünschenswerth sein, Anregungen von den Gemeinde-Mitgliedern zu erhalten, in Verbindung mit den Wählern zu bleiben und deren Wünsche und Bedürfnisse kennen zu lernen. Für diese Thätigkeit des Vereins einzutreten, hat derselbe alle Gemeinde-Mitglieder eingeladen. Jede Richtung soll hier vertreten sein und ihre Wünsche zum 'Ausdruck bringen. Allen gemeinsam soll aber das Ziel sein, die Blüthe und das Gedeihen der Gemeinde-Institutionen herbeizuführen Wenn Herr Wiener hierzu beiträgt, wenn er seinen Einfluß für eiue gemeinsame friedliche Thätigkeit, für einen Ausgleich der Gegensätze geltend macht, wird er sich gewiß den Dank vieler Gemeinde-Mitglieder erwerben. Berlin, 23. Dezember. I. Weinberg. d Geehrter Herr Redakteur! Es ist gewiß eine Ironie der Weltgeschichte, das; die 'Angriffe, welche die antisemitischen Organe gegen den Talmud, insbesondere gegen den ethischen Gehalt desselben gleichsam als Spezialität leisten, mit dem 400jährigen Jubiläum jenes Streites zusammenfallen, der zwischen den Kölner Dominikanern und den Humanisten ausgefochten. und durch den die Reformation in wirksamster Weise vorbereitet wurde. Die Dominikaner, die amtlich bestellten Ketzerrichter, wollten bekanntlich alles Mögliche im Talmud entdeckt haben. Sie erneuerten die alten Fälschungen desselben, wobei ihnen der bekannte jüdische Apostat Pfefferkorn, ein wegen Diebstahls bestraftes Subjekt, Hilfe leistete. Keiu Geringerer als Reuchlin hat die Lügenhaftigkeit jener Angriffe gegen den Talmud nachgewiesen, und die Humanisten wie der gebildete Theil des Volkes jauchzte der Niederlage der Dunkelmänner und ihres 'Anhanges zu. Bestellte Ketzerrichter giebt es heut 31t Tage mm nicht mehr. Das Amt haben die Führer des Antisemitismus freiwillig übernommen Die Art und Weise des Kampfes ist aber dieselbe. Wie recht hat doch der alte Rabbi Akiba! Loebau, Westpr, im Dezember 1892. I. Rosenthal. In Nr. 51 Ihrer geschätzten Zeitung spricht der Einsender unter H. B. ans Schneidemühl mit allem Recht seine Bedenken aus gegen den Modus, in welchen; Jemand ein respektables Legat zu Gunsten der 'Armen ohne Unterschied der 54 0 n f e s s i 0 n vermacht hat. Zu welchen; Ende eine derartige Bestinnnung führen kann, zeigt nachstehender Fall: Vor Jahren vermachte ein Jude ein Legat zur Vertheilung von Stipendien für Studirende an einer deutschen Universität — ohne Unterschied der Konfession. Die Universitätskuratoren respektirten eine Zeit lang den letzten Willen des Erblassers in der Weise, daß das Stipendium stets jüdischen und christlichen Studirend.n zugesprochen wurde. Da kam ein „judenfreundlicher" Professor ins Kuratorium, der nun in seiner Weisheit herausspintisirte, daß die jüdischen Studirenden gar nicht dazu gehörten, denn Konfessionen gäbe es nur beiden Ehristen, die Juden hätten eiue Religion und keinerlei Konfession Im engeren Sinne mag wohl der Herr Professor nicht ganz im Unrecht gewesen sein. Um also keinerlei Zweideutigkeit hervorzurufen, wäre die f Bezeichnung Religion richtiger als Konfession.! Schwerseuz, 20. Dezember. M. Grünfeld. j Geehrter H err! Unter dem Titel „'Aus S. I. Hatberstams Handschriften" ließ Herr Rabb. Dr. Ziuunels in Nr. 46 der „Allg. Zeit. d. Judth." eine Reihe galizischer Gelehrten, die sich um die Förderung der jüdischen Litteratur und Wissenschaft Verdienste erworben, Revue passiven. Schreiber dieses möchte sich nun erlauben, jene glanzvolle aus der Feder des befreundeten Autors geflossene Liste durch Namhaftmachung mehrerer verdienstvoller Männer zu vervollständigen, jedoch hoffentlich nicht zu erschöpfen: Der Kritiker und Geschichtsforscher Samson Bloch; die Schriftsteller und Dichter: Jakob Samuel Byk, Nachmann, Fischmann und Abrahan; Goldberg, Oer gleich seinem Vater Nachinan von philosophischer Natur angelegte Ab.aham Krochmal: die Schriftstellerin und sprachgewandte Frau Jetty Wohllerner und endlich die Schriftsteller und .Herausgeberhebräischer Zeitschriften 'Abraham Ai endet Mohr, Josef Kohn-Zedek, Baruch Werber und Weißmann-Chajes. In die westgalizrsche Gruppe gehören ferner: der gründliche Tal-! mudist und Hebrüist Michael Schüttgut s. A. (ein persönlicher Freund! S. I. Halberstams), sowie der Geschichtskenner und Schriftsteller Fabius! Goldstoff. —! Dagegen wäre Jsak Satanow, der Freund Mendelssohns, aus den; j Verbände der galizischen Gelehrten auszuscheiden, zmual derselbe ein Kind! des russischen Nachbarstaates und dort resp in Berlin seine Ausbildung! genoß. — j Zu den hervorragenden .Koryphäen aus dem Gebiete des talmudisch- . rabbinischen Wiffens zählen noch: Der berühmte Talmudgelehrte, Kompeudist von Beruf Bankier Efraim Salamon Margulies und der über die Grenzen Europas weitbekannte Verfasser von nahezu 3(0 talmudisch-rabbi- « nischcr Werke Salamon Kluger, Beide zu Brody. £ In den westgalizischen Theil dieser .Kategorie fallen noch: Der Talmudist und Schöngeist s. A. Berisch Meisels, Oberrabiner zu Krakau, i und der gründliche Talmudkenner Isaak Halberstam, Vater des Schrift-1 gelehrten S. I. Halbersta;;;. . | Lemberg, im Dezember. Perlberg, j Druck und Verlag von Rudolf Mo Ne in BerUn. 1 Verantwortlich für d;e Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin. j